26.01.2006 | 10:33 | Anderswo | Alles wird besser | Listen | Zeichen und Wunder
 smell you later, perpetrator (Foto: J Wynia)Es ist allgemein bekannt, dass Angehörige der U.S. Streitkräfte bisweilen umständehalber gezwungen sind, das 5. Gebot zu brechen. Weniger bekannt sind ihre umfangreichen Bemühungen, den Beruf des Soldaten in der Ausübung lebensfreundlicher zu gestalten. Und zwar mit Hilfe von Non-Lethal Weapons (NLW).
Nichttödliche Waffen sind, wie jeder Krawallprofi oder -amateur mit schmerzverzerrtem, zahnluckertem Grinsen und gebrochenem-Daumen-rauf bestätigen wird, nicht nur viel weniger tödlich als tödliche Waffen, sondern bereiten auf aktiver Seite in der Anwendung oft mehr Freude als das altmodische Zielen und Ballern mit anschliessendem Herumbluten und optionalem Gedärmesortieren. Zum Nutzen aller erdenken und entwickeln deshalb Ingenieure, Waffenhersteller, Sicherheitsspezialisten und verrückte Wissenschaftler Möglichkeiten, den Gegner mit einer unangemeldeten Schaumparty mit schnell aushärtendem Schaum zu überraschen oder ihm zuvorkommend Mikroben in den Tank zu kippen, wenn der Zucker gerade alle ist. Ihn herrlich retro wie Spiderman mittels sogenannter entangler einzuwickeln oder ihn Jackass-style mit tieffrequentem Schall zur spontanen Darmentleerung zu zwingen. Teenager, die man – so geboten es oft erscheint – nicht einfach umbringen darf, werden mit nur für sie hörbaren hochfrequenten Tönen vergrämt. Exzentriker mit Hang zum Superschurkentum lassen gegnerische Fahrzeuge durch in die Strasse eingelassene Airbags umkippen (das Fraunhofer-Institut arbeitet daran, nachdem man Airbags zur Abwehr von Asteroiden und Büroschlaf für untauglich befunden hat) oder lassen – einfach, genial und slightly offtopic – den Anführer der feindlichen Streitmacht mit einem Hologramm zu Tode erschrecken.
Das ist jedoch noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Wie das Sunshine Project enthüllt, denkt man innerhalb der Kategorie nichtletaler chemischer Kriegsführung, deren Produkte in so klangvolle Unterkategorien zerfallen wie Calmatives, Incapacitants, Irritants, Malodorants, Marking Agents, Convulsants (um nur einige zu nennen) und in Strassenhandel und Veterinärpraxis gut eingeführte Substanzen wie Ketamin umfassen auch bereits seit Jahren über pheromonbasierte Kampfstoffe nach, die den Gegner wahlweise für Ungeziefer und Nagetiere oder, in der Steigerung, für den eigenen Kameraden besonders attraktiv machen sollen (harrassing, annoying and bad guy identifying chemicals (...) one distasteful but completely non-lethal example would be strong aphrodisiacs, especially if the chemical also caused homosexual behaviour."). Man ahnt, dass (Anti-)Kriegsfilme in Zukunft nicht mehr das sein werden, was sie einmal waren.
Produkte der NLW-Forschung kommen nicht nur im Krawall- oder Kriegsfall zum Einsatz. Marking oder Tagging Agents markieren die nicht ganz so billigen Teile bei H&M genauso effektiv wie den Dieb, und Weihnachtsbaumwilderer in den USA machen Bekanntschaft mit Malodorants, im speziellen Fall mit einer Art synthetischer Fuchspisse, die erst bei Raumtemperatur ihr volles Aroma entfaltet. Mit ähnlichen Mitteln sollen in Zukunft auch Skifahrer dazu bewegt werden, die auffällig treffend und sinnfällig benannten Pistenmarkierungen zu respektieren.
Als Mutter der modernen olfaktorischen Kriegsführung gilt ein bereits 1944 in den USA entwickelter Gestank, den französische Widerstandskämpfer mittels Zerstäuber auf deutsche Offiziere auftragen sollten, um sie zu beschämen und zu demoralisieren. Die auf den Namen Who, me? getaufte Stinkbombe war militärisch ein Griff ins Klo, die Krauts offenbar immun. Die Substanz bewährt sich jedoch im zivilen Einsatz bis heute unter dem Namen "U.S. Government Bathroom Malodor" – als gültiger Standard, gegen den Raumerfrischer und Deodorants in der Testphase anstinken müssen.
Seit 1966 beschäftigt man sich vor dem Hintergrund des Misserfolgs von "Who, me?" damit, dass die Nase andernorts möglicherweise anders laufen könnte und erstellt Geruchsreaktionsprofile ethnischer Gruppen, um culturally specific malodorants zu ermitteln. Der mit nichttödlicher Sicherheit erfolgte Nichteinsatz von fried bacon bombs und left hand smell grenades im Irak deutet jedoch darauf hin, dass man in der Sache seitdem nicht wesentlich weiter gekommen ist. Dabei wäre man sicher aktuell auch hierzulande interessiert an nichttödlichen, landesspezifischen, gasförmigen Antworten auf beliebte Fragen wie Who beat the hun 5-1?.
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25.01.2006 | 09:11 | Anderswo | Fakten und Figuren
 Ein Stück Schweiz (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Es ist immer tragisch zu sehen, wenn mit viel Aufwand erstellte, analoge Dinge wärend der Bauphase bereits digital überholt werden. So war es mit der neuen Zürcher Börse, die nach ihrer Fertigstellung gar nicht erst in Betrieb genommen wurde, weil der klassische Börsenring durch den digitalen Aktienhandel ersetzt war und ganz ähnlich ging es dem FASIP der Schweizer Armee. Der Fahrsimulator Panzerhaubitze ist irgendwo zwischen Zinnsoldat und Counterstrike anzusiedeln, er entstand am Übergang von analoger zu digitaler Kriegssimulation, und es war bei Inbetriebnahme bereits klar, dass Computersimulationen in kürzester Zeit Besseres leisten würden. Doch da war es natürlich zu spät, die ca. 9 auf 3 Meter grosse Modellandschaft im Massstab 1:300 – angeblich einer typischen Schweizer Landschaft nachempfunden – war da schon gebaut und ein Tastschuh mit Minikamera darüber aufgehängt. Der Tastschuh übertrug die Geländeform auf eine hydraulisch bewegte Fahrerkabine, und die Kamera lieferte die Bilder dazu. Nach Zeugenaussagen war die ganze Sache unbrauchbar: die Bilder unscharf und verwackelt, ein unrealistisches Fahrverhalten, unkontrolliertes Kabinenschütteln und Seekrankheit beim Fahrer, und das bei Kosten in Millionenhöhe. Konstruktionsbedingt konnte auf dem Geländemodell immer nur ein einziger Panzer verkehren, so dass man nicht nur einen, sondern gleich zwei FASIPs baute, damit dereinst, beim Abschluss der zweiten Bauetappe des Ausbildungszentrums Ost (2001), auch sicher genügend FASIPs zur Verfügung stehen würden. 2001 allerdings lieferte längst jeder Heimrechner eine realistischere Simulation einer Panzerfahrt. Der FASIP war ausser einer interessanten Manifestierung des helvetischen Selbstverständisses – es gibt Wälder, es gibt Felder, es gibt Dörfer und einen Pass, aber Städte fehlen völlig – längst nur noch rührend, um nicht zu sagen lächerlich. Dies umso mehr, als das simulierte Gerät, die Panzerhaubitze m109 damals bereits 40 Jahre alt war und vom Vietnam über den Yom-Kippur bis hin zum Golfkrieg ganz unrührend seinen Dienst tat. Die Schweizer Armee scheint diese Gefahr erkannt zu haben und hat alle Spuren des FASIP aus dem Netz getilgt. Ausser in einem Zeitungsartikel (und hier natürlich) gibt es keine Bilder im Netz und auf den Seiten der Schweizerischen Armee nur den bescheidene Hinweis 'gewisse Ersatzteile seien nicht mehr lieferbar'.
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21.01.2006 | 16:08 | Anderswo
 Das beste Land (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Obwohl es ausserhalb Kanadas niemanden interessiert, sollte es interessieren, dass Kanada wählt, und zwar schon in zwei bis drei Tagen (je nach Zeitzone). Denn wenn ein Land, das alljährlich bei den Wahlen zum besten Land der Welt ganz weit vorne liegt, die Weichen für, naja, irgendwas verändert eben, dann muss dies gründlich hinterfragt und analysiert werden. Für Europäer stellt sich vor allem die Frage, ob Kanada nach der Wahl endlich seine wenigen Schwachstellen angehen wird, die dazu führen, dass es immer wieder hinter Australien zurückbleibt – also endlich Liberalisierung des Alkoholmarktes, Abschaffung von Manitoba, gerechtere Verteilung von Bergen. Die traurige Wahrheit ist: Keine der zur Wahl stehenden Parteien wird ernsthaft Schritte in diese vernünftige Richtung unternehmen. Es kann also, für Kanada, nur schlechter werden.
 Vielleicht gewinnen aber auch die Grünen (Foto: itzafineday / Lizenz)Da überrascht es auch kaum, dass die Protagonisten dieser Wahl, der Liberale Martin und der Tory Harper (oder war es umgekehrt) nicht nur gleich aussehen, sondern auch ansonsten für den Ausländer kaum unterscheidbar sind. Jack Leyton, Spitzenkandidat der NDP, die das Programm der Liberalen übernommen haben, seitdem die das der Konservativen haben, die wiederum gar keins haben, sondern eine Art unscharfe "Middle of the road"-Humptydumpty-Politik versprechen, legte sich immerhin einen Schnurrbart zu, und kann daher klar identifiziert werden. Das wird ihm nicht helfen, denn es sieht nach absoluter Mehrheit der Tories aus, was angeblich keiner will, weshalb es womöglich wieder zur Minderheitenregierung kommt, ein modernes Konzept, das von fortschrittlichen Ländern wie Norwegen, Schweden und eben Kanada oft praktiziert, aber vom Rest der Welt für Quatsch gehalten wird. Selbstverständlichkeiten wie die Schwulenehe, die Quasi-Ablehnung des Irak-Krieges und die Vorherrschaft auf der Hans-Insel stehen auf dem Spiel, vielleicht aber auch nicht. Niemand weiss, was aus Kanada wird, eine zweite USA, nur kälter, oder ein zweites Russland, nur kleiner, oder ein zweites Kanada, nur anders.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Weil sowieso niemand versteht, wer was wann und wieso wählt, und ob man Wahlzettel eigentlich aufessen darf, kann man sich stattdessen einfach fragen, was man rauchen muss, um sich sowas auszudenken, was nach einer nicht sehr langen Kette von Kausalzusammenhängen direkt zur Marijuana Party führt, die sich einzig und allein für Kanadas wichtigste Pflanze einsetzt. Der (illegale) Verkauf von Marijuana, mit einem Marktvolumen von 10 Mrd. kanadischen Euro dreimal so ertragreich wie der Handel mit Weizen, belastet ernsthaft die Beziehungen zu diesem anderen grossen Land in der Nähe, und sollte es wirklich irgendwann zur Legalisierung kommen, wird der historische Graskrieg in Nordamerika ausbrechen, ein Ereignis, bei dem man eigentlich gern zusehen würde. Auch ein Zukunftsszenario: Wir werden im Schützengraben irgendwo bei Saskatoon sitzen, mildly stoned, kaum in der Lage, zwischen Kanone und Kalumet zu unterscheiden, während rechts und links Daisy Cutter einschlagen. Aber man soll nicht zu hohe Erwartungen an die Zukunft haben.
20.01.2006 | 17:22 | Anderswo | Alles wird besser
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Stellen Sie sich vor, es würde Ihnen jemand von einem Unterwasserrobotor erzählen, der mit 8 Kameras, einem Hochfrequenzsonar, einer hydraulischen Greifzange, einer fast zwei Meter langen Kettensäge und einer Fernsteuerung per Joystick ausgestattet sei. Sie wären wahrscheinlich noch nicht sonderlich interessiert. Doch wenn Sie dann – um das zähe Gespräch in Gang zu halten – nachfragten, wozu denn dieses seltsame Gerät dienen solle, würde Ihnen geantwortet, dies sei ein Gerät für die Holzernte unter Wasser. Spätestens jetzt würden Sie sich wahrscheinlich kopfschüttelnd einen anderen Gesprächspartner suchen. Zu Unrecht! Denn hätten Sie etwas mehr Geduld gehabt, hätte Ihnen Ihr Gesprächspartner erzählen können, dass in Kanada riesige Mengen Holz unter Wasser nur darauf warten, gehoben zu werden – in von Stauseen überschwemmten Wäldern.
Für nämlichen Zweck hat die Kanadische Firma 'Triton Logging Inc.' (the underwater harvesting specialists) das oben beschriebenen Gerät, den Sawfish, entwickelt. Dieser taucht ferngesteuert bis zu 300 Meter tief, packt mit seinen hydraulischen Greifarmen einen Baum und sägt ihn ab. Bedient wird er dabei von einer Person, die mit einem Joystick auf einer schwimmenden Plattform steht.
Man kann mit gutem Gewissen behaupten, dass die Welt eine bessere wäre, gäbe es mehr Geräte dieses Kalibers: noch nie hat ein einziges Gerät soviel Wald gerettet wie der dieses, denn für jeden vom Sawfish geernteten Baum muss natürlich an Land einer weniger gefällt werden. Umweltschutz funktioniert also durch mehr Maschinen, nicht etwa durch weniger, wie oft fälschlicherweise angenommen wird.
Wären Sie noch etwas bei ihrem Gesprächspartner geblieben, hätten sie ihn auch noch fragen können, wie um Himmels willen die abgesägten Bäume denn aus 300 Metern Tiefe gehoben würden und hätten die wunderbare Antwort bekommen, dass der 'Sawfish' vor dem Absägen einen Luftballon an den Baum bindet, der diesen an die Oberfläche geleitet, wo er dann von einem Baumsammelschiff eingesammelt wird.
18.01.2006 | 20:26 | Anderswo
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Schade, eigentlich, dass wir aus logistischen Gründen nicht aus erster Hand von der derzeit laufenden Möbelmesse imm cologne in Köln berichten können, etwa über die wie von Spinnen auf Kaffee geflochten wirkenden Möbel von Konstantin Grcic für das Stylepark-Atrium. Als probate Alternative im Sinne der Teichoskopie oder, wenn man so will, Beobachtung 2. Ordnung empfehlen wir das Messeblog von Poloxygen, das quasi mit Liveberichterstattung aufwartet. Besonders gut gefällt uns übrigens dieser metaphorisch merkwürdige Sarg in Zäpfchenform von Uono.
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"New World", Park Hoon Jeong (2013)
Plus: 3, 21, 42, 48, 55, 56, 80, 132, 138, 142 Minus: 43, 93, 196 Gesamt: 7 Punkte
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