20.07.2006 | 13:09 | Anderswo | Alles wird besser
 Sechs Bier bitteDass Lordi in Finnland durch seinen Sieg beim Eurovisionssongcontest einen enormen Popularitätsschub für seinen Kaugummi-Metal erfahren hat, kann man daran erkennen, dass bei einer Spontandemonstration gegen die unlautere Demaskierung des Lateinlehrers und Kiss-Fans aus Rovaniemi/Lappland durch ein Revolverblatt 15.000 Menschen eine Karaokeversion seines Siegertitels "Hard Rock Halleluja" vor der grössten Kirche Helsinkis zum Besten gaben, worauf hin sich das Blatt bei ihm entschuldigen (Anteeksi Lordi) musste. Oder auch daran, dass bereits Dreijährige Lordishirts tragen – zwar nur diese, aber sie sind ja immerhin Finnlands Zukunft.
Lordis neuer Hit heisst "Chainsaw Affair", und er thematisiert nicht, wie man vermuten könnte, die Berufsunfälle finnischer Waldarbeiter, auch nicht die Interessen der Apotemnophilen, also der Selbstverstümmler, denen das eine oder andere Gliedmass über kurz oder lang lästig geworden ist, und sie durch den dadurch entstandenen Platz mehr Lebensfreude erzielen können. Dass ein Finne wie Lordi das alles nicht im Sinn gehabt haben kann, beweisen die gliedmassenglorifiziernden Zugrestauranttüren der finnischen Eisenbahngesellschaft, denn wenn sechs Finger schon nicht ausreichen, darf man sie auch ruhig mit dem Fuss auftreten. Nicht allerdings darf man sie mit Koffer, Mantel und Hut betreten. Aber ein Hut ist ja auch kein Körperteil.
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20.07.2006 | 02:25 | Anderswo | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Die "strikte, auch räumliche (Städtebau) Trennung der Sphären von Arbeit und Freizeit ist ein Phänomen der Neuzeit", so steht es in der Wikipedia. Andere, wir zum Beispiel, setzen dem entgegen, die Wiedervereinigung von Arbeit und Freizeit sei ein noch viel neuzeitlicheres und feineres Phänomen. Ist es Hamsterarbeit oder Hamsterfreizeit, wenn Hamster Lampen, Midi-Sequencer, Autos oder Handyladegeräte betreiben? Kinderarbeit oder Kinderfreizeit, wenn Kinder durch Karussellfahren die Wasserversorgung ihrer Gemeinde sicherstellen? Letzteres, meint Karussellpumpenhersteller PlayPumps: Weil die Kinder nämlich sonst in ihrer Freizeit eh nur zum Wasserschleppen abgeordert würden. Besser hätten wir unsere Lebensentwürfe jetzt auch nicht erklären können.
19.07.2006 | 18:03 | Anderswo | Alles wird schlechter
 Menschen werden zu Fahrrädern (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Wenn man mit den gängigen Billigfluglinien an irischen Häfen strandet, so ist es schwierig, die sauteuren Werbekampagnen von science.ie zu übersehen. Auf riesigen Plakaten wird auf Progression, Maturität, Rationalität und was weiss ich noch alles hingewiesen, was zusammen mit dem anhaltenden Boomboom Dublins dafür verantwortlich ist, dass man mittlerweile eine Stunde von der Stadt entfernt wohnen muss, um nicht einen Lottogewinn pro Monat an Miete zu bezahlen – ein konsistent gezeichnetes Bild vom freiheitlich fortschrittlichen Irland.
Wie sich durch die alte Kulturtechnik des Nachforschens herausstellt, gilt all dies Fortschrittliche leider nur, wenn man alt genug ist, um nicht zur Schule gehen zu müssen. Die Mehrheit der irischen Kinder nämlich besucht katholische Schulen, in denen Geschlechtsverkehr immer noch Dreck ist (was natürlich stimmt) und, viel schlimmer, die Erde vor 5000 Jahren oder so entstand, was selbst intelligente Vatikanangestellte für blöden Aberglauben halten. Wie man auf dieser konterrevolutionären Basis ein modernes Land aufbauen will, weiss der Geier, von denen es natürlich in Irland überhaupt fast gar keine gibt. So bleibt Irland, was es immer war, eine Luftblase irgendwo in diesem, na, wie nennt man die grosse Ansammlung von Wasser und Fischen, genau: Meer. Mehr nicht.
19.07.2006 | 11:36 | Berlin | Anderswo
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)"The early bird catches the worm, but the second mouse gets the cheese." Diese Weisheit, die uns zuletzt die New Economy eindrücklich anschaulich gemacht hat, scheint sich als Schema im erbitterten Standortringen der aufstrebenden polnischen Ostseebäder wiederzufinden und erneut zu bewahrheiten. Nachdem im Mai bereits Zachodniopomorskie mutig in die Spur gestiegen ist, um sich mittels massiver Aussenwerbung den Berlinern als Destination und, ja, doch: Marke ins Bewusstsein zu drängen, legt jetzt Gdansk nach – und macht alles richtig. Wo bei Zachodniopomorskie viel Weissraum und gestische Malerei am Start ist, prangt hier ein lupenreines Postkartenidyll mit einem attraktiven jungen Pärchen. Wo Zachodniopomorskie mit der Headline "Meer der Abenteuer" das naheliegende originelle Wortspiel verschenkt, werden bei Gdansk mit "Meer der Möglichkeiten – Mehr an Möglichkeiten" alle Unzweideutigkeiten restlos ausradiert und dem Erdboden gleich gemacht. Wo Zachodniopomorskie sich halsbrecherisch selbstbewusst auf die konsonantenreiche Nachkriegsidentität stützt, schimmert bei Gdansk noch das alte "Danzig" durch, das auch altdeutschen Silver Agern noch etwas sagt. Zachodniopomorskie vs. Gdansk: das gesamte Spektrum der Möglichkeiten modernen Tourismusmarketings zwischen zwei Polen.
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19.07.2006 | 03:58 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles
 Null & Schwarz (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Eines der grossen Probleme der Menschheit bleibt nach wie vor die massive Ungeficktheit und deren Folgen Gewalt und Zynismus. Zynismusverurteilung ist eine leichte Trockenübung, Zynismusvermeidung im Fluss des Alltags eine schwierige Sache. Denn weil der Kern des Zynismus Menschenverachtung ist, kann man auch beim Konsum durch Gedankenlosigkeit zynisch sein, zum Beispiel, indem man ohne gross nachzudenken drei, vier ukrainische Prostituierte ins Hotel bestellt. Trotzdem ist vollkommen unmöglich, über jedes Produkt so weitreichend informiert zu sein, dass man als Verbraucher stets auf der sicheren, unzynischen Seite steht. Zum Beispiel ahnt niemand, dass man mit dem Kauf von Schuhen der Marke Kialo eine Firma unterstützt, deren Mutterkonzern vermutlich auch vom Opiumanbau in Angola profitiert.
Die Wahrheit ist selten pur und immer kompliziert, insofern ist es nicht leicht, vorbehaltlos zwei neue Coke-Produkte vorzustellen, angesichts der vielschichtigen, verwirrenden Debatte um Coca Cola in Kolumbien, wo Gewalttätigkeit total en vogue ist und laut UN-Untersuchung in den letzten fünf Jahren anderthalb Millionen Menschen vor Gewalt im Zusammenhang mit Coca-Anbau geflohen sind. Wenn man von der inzwischen geächteten Chemiewaffe Cherry Coke absieht, kann man aber feststellen, dass Koksen wesentlich mehr Menschen der Gewalt aussetzt als Cola trinken. Erst recht, wenn es sich um zwei neue, hier kennengelernte Produkte handelt. Das neue Lightprodukt Coke Zero schmeckt, wie man sich Coke Light immer gewünscht hat, also minus Seife plus die kristalline Sämigkeit von Zucker, aber ohne Zucker. Coke Blak dagegen schmeckt ärgerlicherweise hervorragend. Wie hat man gehofft, dass der als allerletzter auf den dämlichen Kaffeetrend aufspringende Grosskonzern einen Bauchklatscher im Haifischbecken der Softdrinks hinlegt. Aber schade, Coke Blak ist leider das beste Kaffeegesöff seit Kaffee. Nur mit dem Namen hat man sich vollkommen vertan, blak heisst auf altisländisch "schlagen", das muss in diesen Tagen als klares Bekenntnis pro Gewalt gelten. Wie Coke aus diesem PR-Debakel wohl wieder rückwärts rausgeschlängelt kommt?
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
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AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Here Alone", Rod Blackhurst (2016)
Plus: 11, 35, 64, 80, 121, 153, 159 Minus: 1, 2, 99, 102, 137, 166, 171, 184, 209, 215, 216, 217 Gesamt: -5 Punkte
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