Riesenmaschine

04.08.2008 | 16:25 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Einfach nur heissen


Jetzt in Ihrem "Geschäft"
Im Produktmarketing vernehmen wir parallel zum Jahrhunderttrend "Abgrenzung vom Wettbewerb durch Markenbildung" schwache, aber vernehmbare Signale einer Gegenentwicklung: Gleich ist das neue Anders. Auf Originalität folgt Identität und zwar im Sinne von: Alles identisch.

Wenn erstmal Unilever, Nestlé und Mars Foods zusammenfusioniert sind und es folglich nur noch einen Riegelhersteller geben wird, dann gibt es auch keinen Wettbewerb mehr. Niemand wird sich mehr abgrenzen müssen, Distinktion ist nicht mehr vonnöten. Produkte brauchen keine originellen Namen mehr, sondern können einfach nur noch heissen. Nestlés in Deutschland jetzt erhältlicher Waffelriegel antizipiert diesen Trend: Er heisst "Snack" (und schmeckt auch so).

Nun zeigt sich, warum Marken wie Nestlé oder Storck in den letzten Jahren die Logos von den Rück- auf die Vorderseiten ihrer Produkte geholt haben: Uns steht eine nie gesehene Foodmarken-Flurbereinigung bevor, die den Konzernen Milliarden sparen dürfte. Anstatt nämlich mühsam Marken aufzubauen und zu pflegen (Toffifee, Dickmanns, Werthers Original) gehört der Dachmarke plus deskriptiver Produktbezeichnung die Zukunft.

In Zeiten ohnehin wuchernder Biermischgetränke wird man dankbar sein für die zu erwartende Durchnummerierung der Sorten. Nach der Fusion der Bier-Konglomerate InBev (Beck's) und Anheuser-Busch (das US-Budweiser) kann es nicht mehr lange dauern bis zur Markteinführung von "Bier Nr. 5". Chanel hat das auch nicht geschadet.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Universal Selling Proposition


31.07.2008 | 16:00 | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Ein schöner Bloomstag in der Güldenkron Fruchtsaft GmbH, D-57647 Nistertal


Es geschah am 16. Juni (Foto: Holm Friebe)
Stattlich und feist erschien Buck Orgelmann am Treppenaustritt, eine Fruchtsaftschale in Händen, auf der gekreuzt ein Grapefruitlöffel und ein Trinkhalm lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt die Schale in die Höhe und intonierte: Introibo ad altare Dei. Von den apfelsinenblauen Bergen wehte mild ein stream of consciousness herüber, und Orgelmann rief aufgekratzt: "Komm rauf, Beiküfner! Komm rauf, du feiger Jesuit! Jetzt werden Claims mit Köpfen gemacht!"

Beiküfner, der seit dem Rauswurf Manskes Reinigungskolonne und Art Director in Personalunion war, liess seinen Besen sinken. Die Entwicklung der neuen Produktlinie musste vollkommen an ihm vorübergegangen sein. Hatte der Seniorchef wieder im Alleingang Südfrüchte ins Leitungswasser gezwungen? War beim Verestern der Buttersäure etwas schiefgelaufen? Jetzt hiess es Schlagfertigkeit beweisen. Beiküfner schloss die Augen, sog an dem hingehaltenen Trinkhalm und murmelte: "Erfrischend und lecker! Refresh and lecker!" Das gefiel dem Orgelmann nicht schlecht. Er befahl, fortzufahren. Beiküfner legte ein zartes "Irgendwie voll lecker!" nach. Auch okay. "Aber jetzt mal weg vom lecker! Mehr Inhalt!" mahnte Orgelmann. "Mit Vitaminen in sich drin! Vitamins added!" rief Beiküfner. "Yes! Yes!" antwortete Orgelmann.

Die Begeisterung seines Chefs übertrug sich per Spiegelneuronen sofort auf Beiküfner zurück. Er hüpfte über den waschbetonverblendeten Hinterhof der Güldenkron Fruchtsaft GmbH und wirbelte mit seinem Besen zwei Wollmäuse vor sich her: "Und mordsmässig zuckersüss! Fucking sugarsweet!" Der enthusiastische Ausdruck auf dem Gesicht des Firmenpatriarchen versteinerte. War es das Wort fuck? War es sugar? Beide erinnerten Orgelmann unwillkürlich an das Showformat, das er vor wenigen Tagen im kommerziellen Fernsehen entdeckt gehabt hatte. Streichholzdürre Frauen der Unterschicht kämpften um die Krone der Allerschönsten und verweigerten die Nahrungsaufnahme. Das schien so eine Art Trend zu sein, das hatte sogar schon einmal im Nistertaler Tagesboten gestanden. "Kein sugar!" dekretierte Orgelmann geistesgegenwärtig. "Sugar ist out." – "Dann kalorienarm im Gegenteil! Calorie-dings!" preschte Beiküfner unbeirrt voran; und wieder einmal hatte die Güldenkron Fruchtsaft GmbH ein neues Topprodukt in Rekordzeit plaziert.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ein nur für manche schöner Tag in der Werbeagentur


17.07.2008 | 21:56 | Berlin | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Kreuzberger Delicatessen


Das komplexe Phänomen des Kannibalismus im Film verortet sich in einem diffusen Feld zwischen dystopischer Gesellschaftskritik (Soylent Green/1973), Psychothriller (Schweigen der Lämmer et al.), Exploitation-Ästhetik (z.B. Mondo Cannibale/1972, Cannibal Holocaust/1980) und schwarzhumoriger Groteske – wobei im letztgenannten Subsubgenre Jean-Pierre Jeunets Delicatessen (1991) und die letztes Jahr in die Kinos gekommene Verfilmung der eigentlich schon viel älteren Sweeney-Todd-Story als stilprägend gelten können. Natürlich passieren derartige Geschichten – also dass Menschen mitten in Europa hinterrücks ermordet und geschlachtet werden, damit ihr Fleisch zu Speisen verarbeitet und verkauft werden kann – nicht im echten Leben. Blicken wir daher lieber in die Kreuzberger Oranienstrasse, wo beim Kreuzburger eine der wirklich bedeutenden Fragen der Menschheit beantwortet wird: Was ist eigentlich das Gegenteil von Neuland-Fleisch?


10.07.2008 | 14:23 | Alles wird besser | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Glücklicher experimentieren


13 Köstlichkeiten
Die Welt der Experimentierkästen war in den verwichenen 30 Jahren eine Welt der Langeweile. Kristalle züchten, Mittelwellenradios zusammenklötern, mit müden Chemikalien wie Kupfersulfat und Natron herumpanschen – als stark rockende Experimente konnte man das alles nicht bezeichnen. Schön, dass das Unternehmen Kuenen unter der Produktlinie "Wahnsinnswissen" nun endlich Experimentierkästen für Kinder anbietet, die Eltern das Fürchten lehren. Da gibt es z.B. das kinderzimmergefährdende Set "Explosive Experimente", die Kiste "Gewaltiger Vulkan", den "Schaurigen Augapfel" für den jungen Medicus und – was wirklich hoffen lässt – den "Kranken Magen", inklusive der ermutigenden Mottozeile: "Stelle dein eigenes Erbrochenes her". Wie täuschend echt der hiermit erstellbare regurgitierte Mageninhalt aussehen kann, wird auf der Website des Anbieters unter der selbstkritischen Rubrik Erfahrungsberichte in aller Deutlichkeit gezeigt. Das ideale Weihnachtsgeschenk.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Das Geschenk für den Jungen


07.07.2008 | 12:42 | Anderswo | Essen und Essenzielles | Papierrascheln

Frau zum Trinken

Die österreichische Frauenzeitung Woman hat ein Getränk gemischt, das man laut dieser Meldung erst ab 18 konsumieren darf. Es ist eine Art jugendgefährdende Buttermilch mit Birne-/Melissegeschmack und "Ziel ist es, mit diesem neuen Produkt im Kühlregal leserinnenaffine Zielgruppen anzusprechen". Offenbar soll suggeriert werden, dass Kühlregalbesucherinnen illetristisch sind.

Aber die Womanoffensive ist nur ein logischer Schritt, denn schon länger gleichen sich bekanntlich Pflegeprodukte den Lebensmitteln an, man rückt näher, in allen sind immer auch essbare Teile, und aus Schweden kommt der Skin Drink mit Papaya und Grünem Tee, denn auch die Poren kennen Hunger und Durst. Wenn man den Woman Beauty Drink jetzt noch dahingehend bewerben würde, dass er für einen schöneren Magen sorgt, denn auf die inneren Werte kommt es ja eben auch an, kann man mit der Produktion von Spiegelbier, Bildmilch, Fazkefir beginnen. Denn dahinter steckt immer ein kluger Körper.


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"The Hidden Face", Andrés Baiz (2011)

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