Riesenmaschine

09.12.2006 | 22:44 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Ramenhandlung


Foto: Carstor / Lizenz
Die Küche ist gleich nach der Kirche der zweitschlechteste Ort der Welt für neue, bahnbrechende Trends. Seit Jahrhunderten werden dort Lebensmittel erst gestapelt, dann vermengt und schliesslich angerichtet, ein Grundprinzip, das so unzerstörbar zu sein scheint wie der Mond. In den letzten Wochen jedoch kommt endlich Bewegung in die verfahrene Sache. Ein erster unbeholfener Schritt zu mehr Küchenfreiheit ist der Once-a-month-cooking-Boom, der die (eigene) Küche für die meiste Zeit zur Abstellkammer degradiert. Als nächstes muss die finanzielle Vorherrschaft des Ess-Imperiums gebrochen werden, und zwar mit Gewalt. Eine zentrale Rolle kommt dabei der Ramen-Suppe zu, der wohl küchenfeindlichsten Mahlzeit der Welt. An kreativen Vorschlägen mangelt es kaum, Ramen-Fetischisten weltweit beharren darauf, dass man für eine solche Suppe weder Küche noch Tischsitten braucht, sondern allenfalls einen Motorblock, und fordern zudem die flächendeckende Aufstellung von Ramen-Automaten, eine nur logische Konsequenz. Aus dem Südpol-Umfeld stammt die Wiederentdeckung des Pemmikan, ein hochkonzentriertes, billiges Nahrungsmittel bestehend aus getrocknetem Tier, das die Zeit, die man pro Tag mit Essen und dessen Zubereitung verbringt, auf wenige Sekunden reduziert. Schliesslich demonstriert Evan Lansing, dass man nicht gleich stirbt, wenn man eine Weile nur einen Dollar pro Tag für Nahrung investiert.

Was uns das alles zeigt? Die Küche kann man nur reformieren, indem man sie abschafft. Als nächstes ist dann das Schlafzimmer dran.


07.12.2006 | 12:13 | Anderswo | Essen und Essenzielles

Altes, totes Brot


Das Brot (Foto: Christian Y. Schmidt)

Nein, das hier (hinten links) (Foto: Christian Y. Schmidt)
Tote Tiere hat China praktisch nicht aufzuweisen, da diese sofort verzehrt werden. Dafür ist man hier sehr stolz auf ein paar hundert gut erhaltene, bis zu viertausend Jahre alte, tote Menschen, vulgo Mumien, die hauptsächlich in den letzten Jahrzehnten in den Wüsten der Wunderprovinz – Überraschung – Xinjiang ausgegraben wurden. Die Mumien sind grösstenteils im Museum des Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang, Urumqi, zu besichtigen. Hier wird auch ein 2800 Jahre altes, ebenfalls sehr totes Brot ausgestellt, das 1985 auf dem Zaghinluq-Friedhof in Qiemo gefunden wurde. Das klingt verdammt alt für ein Brot, ist es aber gar nicht.

Wesentlich älteres Brot – es soll rund 5.500 Jahre alt sein – wurde 1999 in Yarnton, Oxfordshire, entdeckt. Das liegt natürlich in England, wo man gerne altes Zeugs – Stonehenge, Queen – aufbewahrt. Der älteste bekannte Kanten Brot der Welt stammt allerdings aus Montmirail in der Schweiz. Nach jahrelanger Forschungsarbeit konnte der Berner Brotforscher Max Währen den Brotrest auf 3700 vor Christus datieren, was der Schweizerische Bäcker-Konditorenmeister-Verband 1997 mit diesen Worten feierte: "Max Währen hat die Schweiz zum «Paradies» der uralten Brote gemacht. Unser Land besitzt die meisten urgeschichtlichen Brote der ganzen Welt." Forscher der ZIA konzentrieren sich jetzt auf die Suche nach der ältesten Butter dieses Planeten. Sie wird im Kühlschrank eines Bloggers im Wedding vermutet, einem Berliner Stadtteil, der Gerüchten zufolge als das "Paradies der uralten Brotaufstriche" gilt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Stavros ist tot

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


03.12.2006 | 03:05 | Anderswo | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Der goldene Rachen – kein Märchen


Und hier die Lösung
Vieles wurde vermutet, am Ende aber hatte keiner wirklich Recht. Bei dem Produkt, das wir weiter unten suchten, handelt es sich nämlich keineswegs um ein Kondom, Toupet oder Damenbinden, sondern um die nicht nur in China berühmten Jinsangzi Houpian, verenglischt Golden Throat Lozenges, also Kräuterbonbons, die Wassermelonenzucker, Luohan-Frucht, Eukalyptusöl, Mentholkristalle sowie chinesische Kräuter enthalten, und die unter anderem bei Halsschmerzen und Heiserkeit ausgezeichnet helfen. Das traurige Gesicht aber gehört Professor Wang Yaofa, einem bekannten chinesischen Biologen, der das Rachengold Chinas erfand.

Rachengold im wahrsten Sinne des Wortes. Der Umsatz der Guangxi Jinsangzi Co. bzw. Guangxi Golden Throat Group, die 1994 aus Süssigkeitenfabrik Nr. 2 in der südchinesischen Stadt Liuzhou hervorging, allein mit diesen Lutschbonbons beträgt pro Jahr 50 Millionen Euro. Dieser Erfolg ist aber nicht nur der Rezeptur des ernsten Professors Wang geschuldet, sondern auch den Theorien Deng Xiaopings und den "Drei Repräsentationen" des ehemaligen Staatspräsidenten Jiang Zemins, die der Firmenvorstand konsequent auf die Produktion, die Verpackung und Werbung anwendet. Vorstandsvorsitzende ist die ehemalige Arbeiterin Jiang Peizhen. Stellvertretend für ihr Kollektiv und die wohlschmeckenden Halsbonbons wurde Frau Jiang mit unzähligen Auszeichnungen überhäuft, darunter zuletzt "Hervorragende Arbeiterin auf dem Gebiet der nationalen pharmazeutischen Industrie" (2001), "Ausgezeichnete Pionierfrau 2002" und "Nationale Rote Banner Schrittmacherin" (2004).

Inzwischen gibt es das hervorragende Produkt auch in Australien, Russland, den USA, Japan, Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu kaufen, sowie leider nicht bei DoorOne, sondern hier. Dass trotzdem nicht ein RM-Leser wusste, wer und was da zu sehen war, zeigt die anhaltende Ignoranz gegenüber überlegenen chinesischen Produkten sowie Glatzentestimonials in Deutschland. Immerhin, ganz nah dran war Leser/in everywear. Er/sie hat gewonnen, und zwar eine Packung der goldenen Halstabletten und ein Bier, im nächsten halben Jahr hier in Peking abzuholen. Der unwissende Rest möge die Seite der Goldenen Rachen-Gruppe sorgfältig studieren, den Golden Throat Spirit ("strict, diligent, creative, excellent") auf- und annehmen und mit uns am Ende die Hymne vom Goldenen Rachen anstimmen, die da auf Englisch lautet: "Show your golden throat!"

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Teures Gesicht

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


25.11.2006 | 00:53 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Glück im Beutel


Wochenration (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

Ein Kinderspiel ist es, Produktverherrlichungsbeiträge über Gadgets zu schreiben, die mit Design, USB, Solarstrom, Open Source, extrahellen LEDs und neuen, herrlichen Möglichkeiten zur Zeitverschwendung daherkommen. Schwieriger wird es schon, wenn man einem Tee huldigen will, einem hippiesk angehauchten und illustrierten Tee aus Boulder, Colorado noch dazu, den man nur im Ökoladen kaufen kann und dessen Hersteller auf seiner Website unter "Our Mission" erklärt, seine Tees seien sowohl "beautifully artistic" als auch "philosophically inspiring". Und trotzdem muss es gehen, denn "Bengal Spice" von Celestial Seasonings ist der beste Tee, der je erfunden wurde, ein Trinklebkuchen aus Zimt, Ingwer, Kardamom, Nelken, Pfeffer und Muskatnuss. Er süsst sich – eventuell durch die eingebaute Zichorie und/oder das Johannisbrot – selbst, enthält keine künstlichen Aromastoffe, wirbt nicht mit albernen Gesundheitsvorteilen und wird immer besser, je länger er gezogen hat. Ausserdem steckt er in viereckigen Teebeuteln ohne Inkompetenzdemonstrationselement aus Heftklammer, Faden und Etikett, das bei jedem nicht zwanghaft veranlagten Menschen sofort in der Kanne versinkt. Im Vergleich zu Bengal Spice sind alle anderen Tees auf dem Dachboden zusammengefegter Staub. Vielleicht verschickt man die kostenlosen Probepackungen aus guter weltverbessernder Gesinnung ja sogar bis nach Deutschland, denn das Riech- oder Schmeckinternet wird leider erst morgen erfunden. Die vermutlich mehrwöchige Wartezeit lässt sich mit dem Ausmalen der Bengal-Spice-Illustration überbrücken. Oder mit dem Zusammenfegen von Staub auf dem Dachboden.


22.11.2006 | 18:51 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Pain of Sale


Nicht gewollt und nicht gekonnt. (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Marketing, der neue goldene Gott, die Gesellschaftsrevolution des 21. Jahrhunderts, hat viele Spielarten und eine, die viel effektiver und damit wichtiger ist, als man so von aussen mitbekommt, ist PoS-Marketing, also Werbung am Ort des Verkaufs. Ein beliebtes Konzept ist dabei der "Shop in Shop", was soviel heisst wie Shop im Shop, ein klitzekleiner Laden im Laden, also ein andersfarbiges Regal mit Logo-Aufklebern, herunter bis zum Subladen, zum Unterladen, am Ende winkt fröhlich aus der Zeitgeisterbahn ein Nanoladen. Das Problem ist aber oft, dass – soziokulturell gesprochen – hier die konzeptionelle Realitätsferne der verkrampften Marketingabteilungen auf die Bocklosigkeit der unterbezahlten Regalbefüller trifft. Ein Lehrbuchergebnis dieser Schimäre mit koksgesteuertem Gehirn und hartzenttäuschter Hand ist auf dem dafür auch niederqualitativen Foto zu sehen: Der enttäuschendste Mini-Shop im Shop, den die Welt je erblickt haben mag. Blaue Plastikrohre aus dem Baumarkt sind rund um die Ferrero-Kühlproduktpalette unmotiviert und schief ans Kühlregal gepappt; als Dreingabe kann man das Wörtchen "Rückseite" auf dem Milchschnitte-Karton lesen. Die Revolution frisst ihre Kinder®.


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