22.06.2006 | 12:33 | Anderswo | Alles wird besser | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles
Anstatt in Regionen mit schlechter Netzabdeckung (Wüste, Weltmeere, Berliner Hinterhöfe) die Wahl seines Mobilfunknetzes zu bereuen, kann man ja auch einfach sein Handy aufessen. Am besten eins mit Lasagne-Platine. Das essbare Bauteil, aber auch (bereits in Japan erhältliche) kompostierbare Mobiltelefone und Handygehäuse mit eingebauten Sonnenblumensamen zeigt jetzt eine Schau des Londoner Science Museum. Beerdigt man sein derart präpariertes Mobiltelefon, wächst irgendwann eine Sonnenblume raus. Nickel-Metallhydrid-Komponenten zu vergraben, damit das Symbol der europäischen Grünen herauswächst – wenn das die Antwort der britischen Forscher ist, was war dann die Frage?
17.06.2006 | 16:42 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles
 Typisch Rheinländer: Immer am Baggern (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Knapp 20 Jahre hat das juristische Hickhack um das umstrittene Tiefbauvorhaben Garzweiler II gedauert: Verglichen mit der Zeit, die es braucht, bis aus Dinosauriern und Gestrüpp Braunkohle wird, ein historisch kurzer Zeitraum. Heute endlich beginnen die Bauarbeiten zum "grössten Loch Europas" (nicht zu verwechseln mit dem tiefsten oder kleinsten). Bis 2045 sollen laut Rheinbraun (was für ein schön versauter Firmenname!) auf einer Fläche von sumasummarum 48 Quadratkilometern (das entspricht nach heute gängiger Einheit ca. 6.800 Fussballfeldern) ca. 1,3 Milliarden Tonnen von dem braunen Gold, auch "Naturkaviar" genannt, aus dem Boden gelöffelt werden. Da kann sich der halsabschneiderische Araber mit seiner schwarzen Plörre getrost mal gehackt legen. Auch wenn wir die Bedenken von Umweltschutzverbänden durchaus ernst nehmen und Zwangsumsiedlungen grundsätzlich nicht für die feine bürokratische Art halten, so begrüssen wir doch das Projekt. Schon allein wegen der Bagger. Und um den Chinesen wenigstens irgendwas entgegensetzen zu können. Ausserdem: Wenn zur Mitte des Jahrhunderts die Löcher geflutet und die Bagger auf einer Insel in der Mitte zusammengezogen werden, verfügt endlich auch die bis dahin vermutlich wieder errichtete Bundesrepublik über eine so schöne Festival-Location wie die DDR sie schon längst hat. So muss man das auch mal sehen.
17.06.2006 | 03:12 | Essen und Essenzielles
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Mit dem Weinbau kennt sich der Mensch geschätzte 7.000 Jahre aus, mit dem Bierbrauen eher nur 6.000 Jahre. Trotzdem werden rund um die beiden Getränke immer noch munter Erfindungen gemacht. Beim Wein schlug zuletzt der Rüdesheimer Weinbrand im Jahr 1892 massiv ein, beim Bier gilt seit 1996 der Unterländer Bierathlon als letztes grosses Ding der Branche, und beim Weinbier führen spätestens seit den 80er Jahren die Belgier. Dabei ist es gut möglich, dass unsere Wahrnehmung 2006 neu geeicht werden muss. Denn eine noch relativ junge Anwendungsmethode für Wein und Bier rollt seit Anfang des Jahres aus der Eifel auf die Menschheit zu. Die Verwandlung von Terroir und Tanninen in Tinte bzw. das Konzentrieren von Hopfen und Malz zum Zweck des Verschreibens auf Papier. So ähnlich verspricht es zumindest die Tintenmanufaktur Jansen. Ungefähr 20 füllhaltertaugliche Rotweintinten mit Merlot-, Chianti- oder Spätburgunder-Kulör und 3 Biertinten in den Farbschattierungen Pils, Kölsch und Weizen bietet Jansen an. Jede Tinte verströmt beim Schreiben ihren eigenen Duft nach Kneipe um 6 Uhr früh und entwickelt erst auf dem Papier ihre satte Rotbraun- oder Beige-Tönung. Zur Zeit bestellen vor allem Winzer individuelle Werbegeschenke. Aus einer Flasche Roten fertigt die Manufaktur nach eigenen Angaben genau zwölf Gläschen alkoholfreie Tinte. Ein unverfänglicher Werbeslogan ist auch schon gefunden: Mit Wein schreib "Bier", das rat ich dir.
16.06.2006 | 17:25 | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt
 So hatten sich die Yuppies die von ihnen selbst ins Rattern gebrachte Globalisierung nicht vorgestellt (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Die Fast-Essen-Kette Nordsee bastelt als Erweiterung ihrer beliebten Fischbrötchen Sushi. Eventuell hat das damit zu tun, dass Eigentümer Heiner Kamps mit Systembäckerei gross geworden ist, bei der straffe Waren- und Arbeitslogistik zum Erfolg führte. Im Fischbereich nun ist es schwierig, Gerichte zentral vorzubereiten und dann tiefgefroren zu transportieren – bei Sushi aber eben nicht. Um jetzt den Niedergang des Sushi als Speise der Besservertilgenden auszurufen, ist es geschätzte zehn Jahre zu spät. Auch Herrn Kamps sollte man mit Respekt begegnen, denn er hat nicht nur ein Unternehmen aufgebaut, eine Gewerkschafterin hat ihm vor einigen Jahren sogar bescheinigt, die fairsten Pachtverträge für seine Filialisten angeboten zu haben. Eventuell entgeht er deshalb sogar dem wegen der Erfindung des Schoko-Wuppis sicher geglaubten Höllenaufenthalt. Ausserdem essen wir den ganzen Tag Industriefrass und bisher hat das nur 3587 Menschen in Deutschland interessiert, was soll da an Industriesushi so schlimm sein? Woher rührt jetzt aber das Unwohlsein, das der mündige Passant angesichts der Nordsee-Sushi-Werbefahne empfindet? Nicht leicht zu erklären, denn auch der Seeteufel steckt im Detail, und das ist hier auch noch kulturübergreifend, deshalb muss ich etwas ausholen.
Globalisierung ist eigentlich eine gute Sache, und sie zu verdammen, weil die herrschende Konzernkaste damit Unfug anstellt, ist so, als würde man gegen das Feuer sein, weil damit Urwald verbrannt wird. Nein, der weltweite Austausch von Waren, Werten und Wissen ist notwendig und gut. Das gilt auch für Kulturgüter, denn Kultur ist Vermischung und Bereicherung und das Geschrei, Multikulti sei gescheitert, ist dumm und unerträglich, denn die Beispiele, die dafür beweisähnlich angebracht werden, handeln in den meisten Fällen von einem Milieu, wo alles Mögliche ist ausser Kultur; aber das völlig unüberraschende Scheitern des Nulltikulti ist nicht so leicht zu instrumentalisieren. Nordsee-Sushi krankt aber an etwas ganz Profanem. Die Addition aus deutschem Fischflair und anjapanisierter Esskultur wirkt so appetithemmend künstlich wie Kaffee-Senf-Schokolade. Manchmal ist das Ganze weniger als die Summe seiner Teile.
12.06.2006 | 01:52 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Die WM bringt es mit sich, dass die Werbung, normalerweise erpicht auf Alleinstellungs- und Unterscheidungsmerkmale, zu einer einzigen gleichförmigen und ununterscheidbaren Fussball-Sauce verschmolzen ist. Kein Möbelmarkt, keine Burger-Kette, kein Autohaus, der, die, das nicht mit einem wie auch immer konstruierten Fussball-Bezug – entweder als FIFA-Sponsor oder unter bauernschlauer Umgehung der FIFA-Richtlinien – aufwartet. Wie Nielsen Media Research herausgefunden hat und die Berliner Zeitung berichtet, ist die Zahl der Werbebotschaften mit Bezug zur WM im Mai auf 868 angeschwollen, darunter 294 neue TV-Spots. Weil alle das selbe zur gleichen Zeit tun, kommt es zur Resonanzkatastrophe; Werbung mit Fussballbezug wird zur Tarnung. Ein Werbemotiv, ganzflächig im Camouflage-Muster gehalten, wäre ein echter Hingucker dagegen.
Einige Botschaften stechen qua Werbedruck, Penetranz und Eigentümlichkeit dennoch hervor. Während das Gros der Marken auf Eintracht, Frieden und Völkerverständigung setzt, baut die ehedem als Symbol des globalen US-Imperialismus und "Impi-Brause" verschriene Coca-Cola voll auf das neue Wir sind wieder wer-Gefühl und schwingt die Patriotismus-Keule. "Statistisch gesehen wird Deutschland in Deutschland immer Weltmeister" heisst eine der Headlines, die spätestens nach der Vorrunde aufs Peinlichste falsifiziert werden wird. Die zugehörigen TV- und Radiospots operieren mit einer auftrumpfend gepfiffenen Stimmungsmelodie, die an Wandervogelbewegung und Pfadfinderaufmärsche, wenn nicht Schlimmeres denken lässt und nachgerade verleitet, ein zackiges "Eukalyptusbonbon" im Kasernenhofton dazwischen zu schmettern. Wie wenig diese einseitige und anbiedernde Parteinahme zu einer – wenn nicht der – globalen Marke wie Coca-Cola passt, offenbart sich am deutlichsten im Titel der Melodie und dem verdruckst denglischen Motto der gesamten Kampagne: It's your Heimspiel! Was soll das sein? Kreidefressen angesichts der aktuellen US-Aussenpolitik? Glokalisierung? Appeasementpolitik 2.0? Oder einfach das Anknüpfen an eine fruchtbare Tradition? Wir wissen es nicht.
Dieser Beitrag ist ein Update zu: Alles, was der Ball ist
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Wiley Brooks
- Shlizzy
- Schuss und Tor
- Besinnliches
SO NICHT:
- Bubbles an den Märkten
- Everest besteigen (over)
- Thin Lizzy
- Schuss und Tod
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Hyena", Gerard Johnson (2014)
Plus: 3, 34, 42, 67, 144, 149, 151, 155, 157 Minus: 74, 155, 165, 214 doppelt Gesamt: 4 Punkte
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