21.12.2005 | 21:33 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles
 Tee, grün, aromatisiert (Foto: Joyseph)Die Teenager-Jahre sind vor allem deswegen schlimm, weil man ständig im Kinderzimmer von angebeteten Klassenkameradinnen sitzt, Erdbeer-Sahne-Tee aus dem Leonardo-Glas schlürft und dabei Gestik und Mimik eines Geniessenden imitieren muss. Dank einer Initiative des "Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR)" gibt es nun die einmalige Chance, die tiefenpsychologischen Folgen dieser Seelenpein zu lindern. Denn eben jenes hilfreiche Institut warnt jetzt vor lauwarm aufgegossenen Tees. Nur bei ausreichender Wassertemperatur und Ziehdauer sei gewährleistet, dass die in manchen Tees vorhandenen Bakterien, Hefen oder Schimmelpilze abgetötet werden. Damit steht unzweifelhaft fest: Tee schmeckt nicht nur scheisse, es gibt auch gute Gründe dafür, nämlich offenbar Schimmelpilze, Hefen und Bakterien. Man würde ja auch kein Ei hart kochen und essen, von dem man wüsste, dass es im Rohzustand Salmonellen enthielte. Danke, BfR! Aber wofür zum Teufel ist Eure Unterabteilung 3Z ("Experimentelle Tierhaltung", Leitung Prof. Spielmann) zuständig?
16.12.2005 | 15:55 | Essen und Essenzielles | Papierrascheln
 0,75 l ausgezeichneter Bordeaux, im Eichenfass ausgebaut. (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Zugegeben, kurz stutzen machte uns dieses Angebot aus dem Leser-Shop der Berliner Zeitung schon: Der "Château Migraine – Dernier Cru" in der luxuriösen Holzbox mit Schiebedeckel für 14 Euros 95. Die näheren Umstände – dass der Wein der "Domaine Scharlatan (appellation souterraine pas controlée)" entstammt, dazu das Prädikat "Grand vin misèrable" trägt – entbergen das Wesen dieser "originellen Geschenkidee" dann doch überdeutlich, sodass es des Zusatzes "Cleverer Etikettenschwindel!" kaum noch bedurft hätte.
Der flaue Scherz gibt uns Gelegenheit, auf eine grundsätzliche Debatte einzugehen, die nicht nur die Zeitungsdiskussionen erhitzt, sondern auch zu einem Riss innerhalb der Riesenmaschine-Redaktion geführt hat: Der Wein-Krieg zwischen der EU und den USA. Nach den EU-Regelungen ist "Wein" eine geschützte Bezeichnung für ein Produkt mit streng reglementierter Herstellungsweise, die genaueren Details regelte bisher die EG-Verordnung 1493 aus dem Jahr 1999, die gleichermassen auch für importierte Weine gilt. Im Banausenland USA hingegen ist Wein ein Industrieprodukt und bald jedes Mittel und jeder Zusatz zur Herstellung recht. So gehört es zu den dortigen Usancen, Holzspäne im Teebeutel in den Wein zu hängen, um das typische Barrique-Aroma zu erzeugen. Ebenfalls dürfen dort auch Merlot, Sauvignon und Pinot Grigio in Pulverform als Basisbestandteil sogenannter "Wine making kits" verkauft werden, mittels derer sich durch Zugabe von warmen Wasser innerhalb von drei Wochen zu Hause der nämliche Tropfen herstellen lässt. In grossindustriellen Verfahren produzieren die Amis, so man den Gerüchten glauben darf, zudem aus Wasser, Alkohol und Aromastoffen schwere Rotweine, die nie einen Rebstock gesehen haben. Nun drängen sie darauf, ihre amüsanten Innovationen auch hierzulande unter Klarnamen vertreiben zu dürfen – mit Erfolg. In drei Tagen wird – wenn nichts Gravierendes dazwischen kommt – in Brüssel das Weinhandelsabkommen zwischen den USA und der EU unterschrieben, wonach ab 1. Januar 2006 auch hierzulande so ziemlich alles unter dem Label "Wein" vertrieben werden darf, was entfernt daran erinnert.
Der frisch und selbst ernannte Verbraucherpapst Horst Seehofer hat bereits seinen erbitterten Widerstand angedroht, und weiss dabei die deutschen Blut-und-Boden-Winzer hinter sich, die ihr "Terroir" sprich: ihre Scholle bis zum letzten Wermutstropfen verteidigen wollen. Eigentlich sollte damit ausgemacht sein, welcher Position die fortschrittsoptimistische Riesenmaschine in diesem Konflikt zuneigt, und allein die Aussicht, demnächst Wein in Pulverform ausprobieren zu können, stimmt uns frohgemut. Allerdings drehen uns in der Praxis bereits die aromaüberfrachteten kalifornischen Limo-Weinen, die unter der bestehenden Regelung ins Land durften, regelmässig der Magen um. Deshalb Vorschlag zur Güte: Der Ami-Wein darf rein, und wir bleiben trotzdem einstweilen beim Dornfelder.
12.12.2005 | 18:20 | Essen und Essenzielles
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Wer sich professionell mit Genussgiften befasst wird feststellen, dass der Umgang mit dem Drumherum der Genussgifte dem immergleichen Vier-Stufen-Muster folgt: Egalheit, Trendhinterherhechelei, Rückkehr zu den Wurzeln, völliger Klassizismus. Beispiel Rauchen und Feuer. Zuerst ist es völlig wurst, womit man sich die Zigarette anzündet, dann muss es eines dieser komischen Gasfeuerzeuge sein, die eine blau leuchtende, scharf abgegrenzte Stichflamme erzeugen, dann findet man das doof und kauft sich stolz ein Zippo, das findet man dann erst recht doof und landet folgerichtig dauerhaft bei Streichhölzern.
So ist es auch beim Trinken. Der Schädel wird zunächst unkundig mit Aspirin bekämpft, was töricht ist, wie man weiss, denn es erzeugt Mikroblutungen im Magenbereich. Dann bildet man sich und schluckt trendgemäss Paracetamol. Merkt aber irgendwann, dass das die arme Leber umso mehr ärgert. Es folgt Rückkehr zu Alka-Seltzer, das hat zwar auch Acetylsalicylsäure, hat aber basische Komponenten, und dann – dann geht es richtig zurück: Heilerde. HEILERDE! Man kann es nicht oft genug sagen. HEILERDE!!
Wer je den Genuss verspürte, das schlammfarbene Heilerde-Wasser-Gemisch nach einer langen durchsoffenen Nacht zu trinken, ist für alle Zeiten süchtig. Der Geschmack erinnert an eine brackige Pfütze, nach dem Schlucken knirscht es überall leise im Gebiss. Ein Genuss, den man erst mit der Zeit würdigen kann. Heilerde stoppt augenblicklich wie eine Pause-Taste jedwede Schmurgeley im Magen, man kann jeden Alkohol damit subito neutralisieren und anstatt des Morgens vom eigenen Sodbrennen aufzuwachen, schläft man tief und fest wie ein Säugling (Fäustchen!). Möge es die gute, gute Heilerde immer geben!
06.12.2005 | 06:17 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles
 Der legendäre Hüttenschmaus (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Eigentlich ist Amerika konsequent einen Schritt weiter, was die Versorgung mit Produkten für kompromisslose Lebensgestaltung angeht. So bietet es ein reichhaltiges Sortiment an Nahrungsmitteln, für deren Zubereitung man maximal einen Toaster braucht: Waffeln, Pizza, Muffins, Pancakes (alles z.B. bei nofrills erhältlich), mehr braucht keiner. Es ist so schön, dass man sofort eine Wohnung ohne Küche mieten würde – was es aber leider überhaupt nirgendwo gibt (falls doch: bitte sofort Bescheid geben). Und doch leistet sich der amerikanische Lebensmittelsektor eine bedenkliche Schwäche, denn die sympathischen Fertiggerichte in glänzendem Plastik sehen in den USA und Kanada irgendwie seltsam kompliziert aus (einziger Hoffnungsschimmer: Uncle Ben's Ready Rice). "Butter und Milch hinzugeben", "20 Minuten kochen", "zwei Töpfe erforderlich" liest man da und ist ernsthaft entsetzt. Wenn man zwei Töpfe, viel Zeit und Butter und Milch braucht, kann man auch gleich Gardinen aufhängen und eine Familie gründen. Man sehnt sich zurück ins Fertignahrungsparadies Europa, wo Wunderfirmen wie Knorr und Maggi uns seit Jahrzehnten mit Klassikern wie dem "Hüttenschmaus", der "Spaghetteria" und dem "Wirtshaus" verwöhnen – einfach fünf Minuten in kochendem Wasser stehen lassen, fertig. Auch dafür benötigt man übrigens keinesfalls eine Küche, sondern allenfalls eine elektrische Kochplatte (Quelle, 23 Euro) oder im Notfall auch ein winziges Metallgestell mit Esbit-Tabletten (Globetrotter, 6 Euro, alles im Selbstversuch getestet). Amerika, Du musst noch viel lernen.
05.12.2005 | 18:58 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Wir haben uns ja bereits in anderer Angelegenheit zum inversen Midas-Prinzip der Marketingabteilung von Ferrero geäussert, demgemäss alles, was der Konzern kommunikativ anfasst, zu Scheisse gerinnt. Jetzt ist dem Schokoimperium ein neuer Griff ins Klo gelungen, indem sie das vertraute Gesicht der Kinder-Schokolade ausgewechselt haben.  (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Zugegeben, das alte Konterfei, bei dem es sich entgegen anderslautenden Gerüchten nicht um den jungen Tommy Ohrner gehandelt hat, sondern um einen gewissen Günter Euringer, war bei Licht besehen auch stets eine ziemliche Zumutung. Daran konnte auch das zwischenzeitlich klandestin vollzogene Facelifting inklusive Hemdwechsel nichts ändern. Das neue Gesicht aber stellt an Arschlochhaftigkeit noch einmal alles Dagewesene in den Schatten. Dazu passt, dass der Konzern den neuen Kinder-Jungen, dessen Hobby vermutlich  (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Vulkane sind und der sicher einmal Betriebswirtschaft studieren wird, auf den Un-Namen "Kevin" getauft hat. Allerdings scheint damit endgültig die Zumutbarkeitsschwelle überschritten zu sein. 12.000 Petitionen für die Rückabwicklung von Kevin sollen bereits bei Ferrero eingegangen sein, berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung von gestern – und knüpft daran die Hoffnung, dass "die Fans bei Ferrero weiter aufräumen mögen". Ganz im Sinne der Riesenmaschine – und womöglich durch sie inspiriert – fordert die FAS in ungewohnter Drastik: Weg mit dem "Milchjieper". Weg mit dem Pseudo-Promi Howard, der neuerdings die Rocher-Kugeln bewirbt. Und vor allem weg mit den "Küsschen für gute Freunde". Wir können nicht anders, als dem erneut beizupflichten.
Dieser Beitrag ist ein Update zu: Gib dir die Kugel, Howard!
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Handapparat
- behagliche Erschlaffung
- Yo Logo
- blumig im Abspann
SO NICHT:
- etwas in der Pipeline haben
- Axolotl salzen (Darwinismus auf Speed)
- Anmerkungsapparat
- Waldbranding
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Finsterworld", Frauke Finsterwalder (2013)
Plus: 3, 24, 42, 56, 105, 137, 144, 153 Minus: 2, 38, 119, 161, 174, 191 Gesamt: 2 Punkte
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