20.09.2005 | 12:27 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles
 Während die Deutschen den letzten Sonntag mit sinnlosem Wählen verbrachten, feierten die Chinesen das Mittherbst- oder auch Mondfest. Dieses geht auf gleich mehrere Legenden zurück, in welchen unter anderem der weltbeste Bogenschütze, seine Frau, ein Unsterblichkeitstrank, zehn Sonnen und ein Hase, der sich selbst brät, tragende Rollen spielen. Traditionell werden anlässlich dieses Feiertages so genannte Mondkuchen verschenkt, kreisrunde süsse Küchlein aus Mürbeteig, die mit allem gefüllt werden, was dem Chinesen unterkommt: salzige Enteneier, Gehacktes, Stinkfrucht-Mus, Rote-Bohnen-Paste oder Häagen-Dasz-Eis. Für den bestechungsfreudigen Beamten hält die Mondkuchen produzierende Industrie bisweilen sogar mit echtem Gold gefülltes Gebäck bereit, im Wert von einigen Tausend Euro. Allerdings sind auch klassische Mondkuchen nicht gerade billig: Für einen der möglichst überdimensionierten Kuchenkartons wandern in der Regel zwei- bis vierstellige Eurobeträge über den Ladentisch.
Die Chinesen zahlen diese Mondpreise leichten Herzens; in den letzten Wochen sah man praktisch keinen Pekinger ohne mindestens einen Kuchenkarton auf der Strasse. Das ist insofern bemerkenswert, als dass das teure Feiertagsgebäck kaum einem Chinesen schmeckt. Eine Blitzumfrage der Riesenmaschine in der chinesischen Hauptstadt ergab, dass knappe zwanzig Prozent der einheimischen Mondkuchenempfänger diese auch tatsächlich verzehren. Der Rest entsorgt die gefürchteten Kalorienbomben nach einigen Anstandswochen diskret über den Hausmüll.
Dass dieser Kuchenkauf- und Vernichtungsrausch nicht unerheblich zum anhaltenden, gigantischen chinesischen Wirtschaftswachstum beiträgt (voraussichtlich 9,5% für 2005), wurde bisher von den Ökonomen dieser Welt nicht hinreichend berücksichtigt. Vielleicht aber behält die sich demnächst irgendwie konstituierende deutsche Bundesregierung dieses Konjunktur-Ankurbelungsrezept im Auge und führt auch in Deutschland das Mondfest ein.
12.09.2005 | 13:30 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Angefangen haben dürfte alles vor einigen Dekaden mit Guhl-Shampoo in den Sorten "Ei" oder "Bier", was seinerzeit fast noch für einen Lacher oder Partyscherz gut war, bis man aufgeklärt wurde, dass es sich dabei jeweils um alte Hausrezepte handelte. Seither haben auch die grossen Hersteller sich schnell bewegender Konsumgüter wie Nestlé und Unilever kapiert, dass die Grenze zwischen Food und Non-Food ein durchlässige ist, dass für beide Kategorien dieselben Marketing- Gesetzmässigkeiten gelten, und dass sich insbesondere Körperpflegeprodukte dann am besten verkaufen lassen, wenn sie wie Functional Food daherkommen.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Was die Menschen gern in den Körper rein tun, kann für aussen dran nicht verkehrt sein, so die implizite Annahme, die sich mittlerweile in unzähligen tiefenpsychologischen Interviews und Focusgruppensitzungen bestätigt haben dürfte. Ein Wegbereiter war hier der durchschlagende Marketingerfolg von Garniers "Fructis", der ersten Haarpflegeserie, die wie ein Limonaden-Softdrink auftrat. Mittlerweile ist die Körperpflegeabteilung im Supermarkt vom Milchregal oft nur noch an der fehlenden Kühlung oder durch Lektüre des Kleingedruckten auf den Packungen zu unterscheiden, was besonders älteren und ganz jungen Konsumenten zu schaffen macht.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Jüngster Neuzugang in der Milch und Honig-Kategorie ist die Duschgel-Serie "Joghurt" von Fa in drei Geschmacksrichtungen und mit extragrossen Fruchtstücken. Die unfreundliche Übernahme der Lebensmittel durch die Kosmetik ist in vollem Gange. Das erinnert uns an Lisa Simpsons denkwürdigen Ausspruch gegenüber Bart: "Du hast dich selbst als Rebell definiert. In Ermangelung eines repressiven Milieus wird jetzt deine ökologische Nische überbevölkert."
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Und nun zur Frage, wie denn wohl die innovativen und – nun ja – "rebellischen" unter den Food-Herstellern auf die Überbevölkerung ihrer ökologischen Nische reagieren. Die ehemaligen Hippie-Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry's, die inzwischen längst von Unilever geschluckt wurden, sich aber eine gewisse Autonomie bewahren konnten, haben jetzt in bester Jiu-Jitsu-Manier die Flucht nach vorn, beziehungsweise das Ausweichmanöver nach schräg oben angetreten. Die neue Geschmacksrichtung "Fossil Fuel" ist ein mit Sahne und verstrudelter Schokolade verfeinertes Fressflash-Eis mit einer Oktanzahl von mindestens 98, das obendrein kleine Schokostückchen in Saurierform enthält. Wenn jetzt noch die Petrokonzerne nachzögen und an ihren Tankstellen demnächst Spezialtreibstoffe mit anionischen Pflegetensiden anböten, wäre der Kreis perfekt.
01.09.2005 | 14:02 | Alles wird besser | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Wenn man einerseits Bier verkaufen, andererseits aber vermeiden möchte, dass den Käufern davon unansehnlicher Speck wächst, gibt es theoretisch verschiedene Möglichkeiten. Man kann die Flaschen bei gleichem Preis 30% kleiner gestalten, man kann das Bier mit 30% Wasser strecken, oder aber man kann, wie es Warsteiner mit seinem neuen, verwirrend rot-gelb farbkodierten Warsteiner HiLight vormacht, einen geheimnisvollen und vermutlich in unterirdischen Geheimlabors im Inneren pazifischer Geheimatolle entwickelten Kalorienfilter einsetzen. Wie wir es uns eigentlich immer schon gedacht haben, sind Kalorien also kleine, fette Tierchen, die man mit Hilfe des gewiss mikrofeinporigen und überaus raffinierten "Calorie Filtration System" ein für allemal aus dem Bier entfernen und dann gewinnbringend zu einer Art Bierkonfekt verarbeiten oder in arme Länder exportieren kann. Hallo, Kalorienfilter, adieu, Gewichtsprobleme der Menschheit.
Zwei Flaschen dieses Trendgetränks gab es übrigens beim Kauf eines Pullovers ungefragt dazu – eine Praxis, die wegen der grossen Zusammenhanglosigkeit der beiden Güter zwar strenggenommen in die Rubrik Nerving einzuordnen ist, die wir andererseits aber widerstandslos zu dulden bereit wären, sollte sie Schule machen.
01.09.2005 | 05:21 | Anderswo | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Ein angemessener Riesenmaschinenbeitrag zum Hurrikan "Katrina" wäre im Jahr 1718 erschienen, knapp vor der Gründung von New Orleans, und hätte eindringlich davor gewarnt, diese Gegend ernsthaft zu besiedeln, weil kaum 300 Jahre später ja ohnehin alles von den Naturgewalten undsoweiter. Dafür ist es jetzt, zugegeben, etwas spät; uns bleibt nur, darauf hinzuweisen, dass es im Mardi Gras Outlet den "Hurricane Cocktail Mix" zum Discount-Preis gibt, gerade mal fünf Dollar für die 36oz-Packung. Das Rezept der Pulvermischung stammt aus der legendären Bar Pat O'Brien's im French Quarter in New Orleans, aber weil man dort im Moment etwas schlecht hinkommt, ist es wirklich ratsam, auf Instant-Hurricane umzusteigen – einfach mit Wasser, Eis und Rum mischen, fertig. Die Großpackung reicht für eine ganze Gallone (gut vier Liter, 32 Longdrinks), und wenn man bedenkt, dass schon nach einem einzigen Hurricane der Mississippi angeblich rückwärts fließt, dann kann man im Moment wohl kaum etwas Sinnvolleres unternehmen. Wir warnen übrigens eindringlich vor einer Besiedlung des Saturnmondes Enceladus, viel zu riskant.
24.08.2005 | 21:35 | Anderswo | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Menschen, die Exotik pur kennen lernen wollen, die fremden Sitten und Gebräuchen ebenso wie andersklingenden Zungen etwas abgewinnen können, haben von jeher eine reichhaltige Auswahl an Reisezielen. Zum Beispiel Österreich. Unser kleiner Nachbar ist kaum je verlegen, sich von Deutschland auf's Deutlichste zu unterscheiden – ganz besonders im Sprachgebrauch. Die österreichische Supermarktkette Billa zeigt, dass die Exotik bis hinunter zum Gebäck reicht: ein Mehrkornbrötchen heisst dort "Aborigines Weckerl". Ob es an den eher untypisch beigemengten Erbsen liegt? An einem zur Schau gestellten Bündnis unter Exoten? Oder daran, dass der Ursprung der Aborigines mehr oder weniger die Antipode zu Deutschland ist?
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Kurzurläube
- Südpol, erster am
- Mit dem Kofferfisch verreisen
- Experimente mit Trinken
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- Südpol, zweiter am
- Experimente mit Essen
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"The Rebel", Charlie Nguyen (2007)
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