Riesenmaschine

20.03.2009 | 04:21 | Berlin | Papierrascheln

Berlin, papperne Stadt

Pappkartons sind nicht nur die Schutzpatrone der Kleinkinder und Katzen, sondern zugleich das ultimative Allesgerät. Sie dienen wahlweise als fliegende Zeitmaschine, Duplikator oder Transmogrifier und auch die Riesenmaschine ist in Wirklichkeit ein Pappkarton (Beweisfotos vom 9to5-Festival und von der Buchmesse Leipzig).

Jim Avignon und die Gebrüder Metz haben vor kurzem sogar die ganze Welt aus 47 Pappkartons nachgebaut und sie mit Hilfe einer Webcam, zwei Wii-Controllern, einem Kassenbondrucker, einem RFID-Reader und zahlreichen Servomotoren interaktiv gemacht. Das Ergebnis, optisch eine Mischung aus dem Altar des Alltags und Risiko, bloss viel grösser, hängt seit vielen Wochen in der Galerie Sakamoto in Berlin herum. Bei der Finissage am Sonntag um 17 Uhr wird es nun stückweise versteigert, online kann auf dieser Website mitgeboten werden.

Im Sommer wird ausserdem in der Brotfabrik Cardboardia errichtet, eine ganze Stadt aus Pappkartons, initiiert vom russischen Künstler Sergej Korsakov – vorab gibt es an diesem Samstag schonmal eine Party, einen Workshop und eine Pressekonferenz. Und wo wir gerade bei Veranstaltungstipps sind: Aktuell laufen auch noch der Character Walk und die Pictoplasma-Konferenz mit angeschlossener Ausstellung, bei der ebenfalls Kartons verbaut wurden.

Aber Vorsicht: Wer Pappkartons missbraucht, bekommt es mit dem Braunen Imperium zu tun.


28.02.2009 | 14:27 | Berlin | Fakten und Figuren | Listen | Papierrascheln

Telefonbuch-SEO-Schnellkurs


Ein hoffnungsloser Fall
Search Engine Optimization im Internet ist ein ebenso komplexes wie langweiliges Tätigkeitsfeld, in dem man den ganzen Tag mit Webcrawlern, Sortieralgorithmen, Metatags und -descriptions, SERPS, Keywordphrasen, Title-Tags und vielen anderen Dingen jonglieren darf, um am Ende doch bloss von Google-Ergebnisseite 17 auf 16 aufzusteigen. Viel einfacher hingegen: Analoges SEO in, manch einer wird sich an sie erinnern, Telefonbüchern. Wichtig für alle, die noch nie etwas von diesem Internet gehört, aber gleichzeitig auch nicht das Geld für einen Platz in den Gelben Seiten haben, und deswegen versuchen müssen, im normalen Telefonbuch möglichst weit vorne zu stehen – vor allem in der Schlüsseldienstbranche ein bis heute bedeutendes Marketinginstrument. Hier muss man nämlich nur drei leicht zu merkende Regeln befolgen.

1. Mit zwei A beginnen ist okay, mit fünf A beginnen ist gut, aber mit sieben A beginnen ist noch besser. Der allererste Eintrag im aktuellen Berliner Telefonbuch ist deswegen auch der "A.A.A.A.A.A.A.Schlüsseldienst".

2. Repetition erhöht die Markenbekanntheit. Man kann auch mehrere Anschlüsse mit unterschiedlichen Durchwahlen unter dem gleichen Firmennamen melden. Daher ist der 2. bis 187. Eintrag ebenfalls "A.A.A.A.A.A.A.Schlüsseldienst". Aber auch der "A.A.A.a.A. Kaptan Schlüsseldienst", die "A.A!A ABSICHERUNG ALLER ART", der "A.A.A.K. Allgemeiner Aufschliessnotdienst" und der "*A.Aks49 Euro SCHLÜSSELDIENST" haben es verstanden.

3. Punkte sind Supertrumpf, das Leerzeichen und das kaufmännische Und sind ebenfalls immer für einen Stich gut. Man staunte nicht schlecht beim "AABBAACUS Schlüsseldienst" als man nur auf der achten Seite landete, abgeschlagen hinter der "A + H Industrieisolierung GmbH", dem "A B C Forderungsmanagement" und den "A.S.S. Transporten".

Weniger prominent, aber im Vergleich zum Berliner Telefonbuch 2005/2006 deutlich häufiger zu sehen: Der Versuch, möglichst weit hinten zu landen. Hierbei setzen nur Anfänger auf Zzzzyy-Kombinationen – denn die letzten Seiten im Telefonbuch gehören traditionell der Abteilung "0 bis 9" (und nicht der neuen Rubrik "@", die Firma "@A.S.Absicherungs- & Schlüsselnotdienst" kann sich also wieder umbenennen). Aus unerfindlichen Gründen wird von SEO-Experten dabei nur die Null genutzt, herausragend hier der "0, 0, 0, 0, 0, 0, 0, 0, 0,0,0,0,0,0,0,0,0,0,0! – ! 24 h Schlüsseldienst e. K.", der "! ! ! ! 0-0h Schlüssel, Schlüsseldienst" und der "00.00 – 24 h Schlüsseldienst Andreas Krause". Danach kommen noch diverse 1-2-3-Firmen und dann vor allem normale Einträge, bevor das Buch mit "98 8 KISS FM" schliesst. Merke: Hier ist noch Potential für Quereinsteiger gegeben.


21.01.2009 | 02:01 | Berlin | Zeichen und Wunder | Papierrascheln

Subliminal Killer

Sah ein Knab' ein Röslein steh'n / Röslein auf der Heide ... Eingedenk dieses Dichterwortes wollen wir einen Moment innehalten vom hektischen Treiben in der Spektakelgesellschaft und ein neues Sub-Genre der Street Art bzw. Urbanen Kalligraphie belobigen, das so subtil, subkutan, ja, subliminal daherkommt, dass es Gefahr läuft, gänzlich unbemerkt zu bleiben. Das raumgreifend Virile und Martialische, welches dem Graffiti-Urahnen noch in strenger Form zueignete, wird darin poetisch-feinfühlig ins Empfindsame transformiert. Auch begegnet man ihm gar nicht auf der Strasse, sondern im Hochregallager der Tempelhofer IKEA-Filiale, beim Zubehör für die PAX-Kleiderschränke. Dort nämlich, tief vergraben in einer Schütte mit KOMPLEMENT-Aufbewahrungsbehältern, 6er-Set, 7,99 €, hat ein gewisser AKTI3 seinen kleinen Tag-Sticker angebracht: als eine Form des homöopathischen Terrorismus im Reich der Zeichen, als konzeptuelle Miniatur über die Kunst des Verschwindens, oder aber als semiotische Flaschenpost aus dem Ghetto der Unterprivilegierten an die neobourgeois-saturierten Nestbauer, die wir sind. So geht IKEA Hacking wirklich.


07.12.2008 | 15:03 | Anderswo | Sachen kaufen | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Tempoverschärfung

Wiewohl es auch in Hongkong echte Tempo-Taschentücher der Mutterfirma
SCA Products GmbH
aus 68264 Mannheim gibt, und zwar mit einem englischen und deutschen Aufdruck ("Taschentücher, naturweich, stark, 4-lagig"), wird doch das eigentliche Signature-Zellstofftaschentuch Hongkongs von der einheimischen Drogerie-Kette Watson's sowohl produziert als auch vertrieben. Dieses Taschentuch unterscheidet sich nun von der fast achtzigjährigen deutschen Traditionsmarke nicht nur dadurch, dass es – wie alle asiatischen Papiertaschentücher – viel dünner ist, sondern auch durch eine – wie soll man sagen? – offensivere Vermarktung. Zumindest wirbt Watson's auf den Verpackungen seiner Taschentücher, sie seien nicht nur der Gesundheit und der Schönheit dienlich, man könne auch richtig Spass mit ihnen ihnen haben. Ja, Watson's fordert gerade dazu auf ("have fun")! Spass mit Tempos? Sollte damit vielleicht..., äh, nein, das führen wir hier nicht aus.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Eine kurze Werbegeschichte vom Töten

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (8)


30.11.2008 | 04:50 | Alles wird besser | Sachen kaufen | Papierrascheln | In eigener Sache

Riesenmisthaufen Riesenmaschine


Titel einscannen, damit man auch was erkennen kann? Zu mühsam, das winzige Amazon-Vorschaubild tut's doch auch.
Man kann an der Riesenmaschine vieles kritisieren: Überstrapazur sinnloser Mouseoverscherze, selbstgerechter Umgang mit Kommentatoren bis hin zum eigenmächtigen Umschreiben von Kommentaren, selbstreferenzielle Selbstreferenzialität, Vernachlässigung von Weltverbesserungsreportagen zugunsten von Werbung und albernem Tand, die groteske Recherche- und Schreibfaulheit aller Autoren, hier noch mehr Beispiele hin. Aber am unverzeihlichsten ist, dass die Riesenmaschine nur sehr wenige Texte von Lars Weisbrod enthält.

Natürlich hat ein gesunder junger Mensch Besseres zu tun, als für 3,50 pro Beitrag in den von Narrenhand programmierten, ungeheizten Hinterzimmern der Riesenmaschine wochenlang abzuwarten, bis die Redaktion sich basisdemokratisch über die Freischaltbarkeit eines Beitrags verständigt hat (nach Einbau abgestandener Nagetierscherze). Zum Beispiel Bücher schreiben. "Oh, wie schön ist Parkhaus 4" ist bereits Weisbrods zweites Buch, es enthält zweiunddreissig Reisereportagen aus Baumärkten, Aufzügen und Waschanlagen sowie ein Vorwort und keinen einzigen Nagetierscherz. Darin stehen so lustige Dinge wie: "Dass der Baumarkt ein Ort des Schöpferischen ist, mag wie die hinterletzte kulturwissenschaftliche Feuilletonthese klingen, aber man weiss ja: Was wie die hinterletzte kulturwissenschaftliche Feuilletonthese klingt, muss deshalb noch lange nicht falsch sein (auch wenn es meistens falsch ist)." Es handelt sich also um eine Art bessere Riesenmaschine in Buchform. Die schon vor mehreren Monaten erschienen ist. Nee, schon klar, dass sich bisher niemand zu einer Rezension aufraffen konnte.


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"The Darkest Hour", Chris Gorak (2011)

Plus: 1, 14, 49, 66, 79, 82, 87
Minus: 46, 51, 102, 116, 126, 147, 164, 168
Gesamt: -1 Punkte


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