Riesenmaschine

16.09.2007 | 16:29 | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Scheinkaufsvergnügen


"Richtig besitzt man die Güter, wenn man auf sie verzichten kann." (Ingvar Kamprad) (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wir besitzen zu viel, weil wir zu viel kaufen, jeder weiss es, alle leiden darunter, aber keiner tut etwas dagegen. Keiner, ausser das sympathische Möbelhaus aus Schweden. Nur bei IKEA ziert das abgebildete Online-Not-Shopping-Icon die Mehrheit aller Produkte, nur bei IKEA erfährt man beim Klick auf "Verfügbarkeit prüfen", dass das abgebildete, online nicht bestellbare Produkt in keiner IKEA-Filiale der Welt erhältlich ist. Das gilt insbesondere für alle Produkte in grüner Farbe, die ausschliesslich im Printkatalog existieren. Dieses schöne System resultiert aus der Einsicht, dass das eigentliche IKEA-Glück im besitzwunschlosen Durchblättern des Katalogs und Ausmalen eines neuen, weil neu möblierten Lebens liegt. Der eigentliche Besuch einer IKEA-Filiale ist, wie jeder weiss, eine vulgäre Tortur und das Leben hinterher noch das gleiche alte unaufgeräumte wie vorher, nur um eine Kilopackung Haferkekse bereichert. Das IKEA-Scheinkaufsvergnügen dagegen gewährleistet, dass der Kunde nur die positiven Seiten des IKEA-Erlebnisses geniesst, ohne seine Lebenszeit mit Schlangestehen zu vergeuden oder die wertvollen Quadratmeter seiner Wohnung mit belastenden Couch- und Beistelltischen anzufüllen. Denn das schönste Zuhause der Welt ist immer noch der eigene Kopf.


10.09.2007 | 15:14 | Anderswo | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Testchinesisch


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
In Zeiten wo das Aufmöbeln von Namen mit X längst den alten Galliern zugeschrieben wird, wo sich Discount-Ketten um imageträchtige Bio-Marken reissen und auch der angeklebte Vokal "i" an Elektrowaren nur periodisch für Innovation steht, scheint das handliche i.Beat Organix FM-MP3-Abspielgerät von TrekStor seine vielen Testsiege eher aus technischen Qualitäten zu schöpfen als aus der Mittelklassenoptik oder seiner zusammengeklebten Namensgebung (jedoch immer noch besser als der wegen Rassismus-Vorwürfen mittlerweile umbenannte i.Beat.Blaxx).

Klar, denn all das stammt von einem südhessischen Familienunternehmen aus der Engineering Region Darmstadt Rhein Main Neckar, die sich immer schon über Ingenieursleistung definierte. Die Technik stimmt also: Zwei Kopfhörer-Anschlusse für Paare mit demselben Musikgeschmack, Pitch-Control für Mobil-DJs, ein FM-Radio sowie eine wohlklingende Diktiergerät-Funktion sucht man selbst bei konkurrierenden Geräten mit vorgesetztem "i" und Touch-Ausführung vergeblich. Doch was wäre die Engineering-Region, würde man nicht noch einen draufsetzen? Ganz getreu dem Regions-Motto "Addicted to Innovation" zelebriert man bei TrekStor Hand in Hand mit dem Fertigungsland des Gerätes (China, wo man mobilen Musikgenuss offenbar noch traditioneller aufspannt) eine neuartige Customized-Globalisierung, die bislang nur von massgeschneiderten Kleidungsstücken bekannt war: Direkt in der Fabrik schenkte man jedem künftigen Besitzer des i.Beat Organix eine dreisekündige Diktiergerät-Aufnahme:



Was dieses mitgelieferte Sound-Unikat jedoch bedeutet, bleibt unklar. Jodelperformance? Aufnahmetest? Postcast? Oder doch ein Hilferuf aus der Fabrik?


31.08.2007 | 04:04 | Supertiere | Was fehlt | Sachen kaufen

999 – The number of the bat


CD mit 60 Fledermausrufen inklusive!
Der Partyhit für Feinsinnige! (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
In der Simpsons-Folge "Brother, Can You Spare Two Dimes" erfindet Homers Bruder ein Babyübersetzungsgerät, das ihn umgehend zum reichen Mann macht. Ähnlichen Markterfolg erhoffen sich die Entwickler der diversen praktischen Geräte zur Übersetzung von Fledermauslauten ins Hörbare. "Damit lassen sich alle heimischen Fledermausarten und auch andere Ultraschallquellen beobachten", und wenn wir irgendwas immer schon mal wollten, dann ja wohl Ultraschallquellen beobachten, wieso gibt es das noch nicht fertig ins Handy eingebaut? Man könnte mit Delfinen telefonieren und würde bei der Nierensteinzertrümmerung, Zahnsteinentfernung und Brillenreinigung nichts mehr verpassen. Man wüsste endlich, was sich die Fledermäuse so zurufen und was sie so interessiert. Noch erkennen wir's stückweise; schon bald aber werden wir sein wie die Fledermäuse und gute Insekten von schlechten unterscheiden können.


30.08.2007 | 14:35 | Sachen kaufen

Die goldene Zukunft der Behinderung


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Nur so zum Spass schenkte der Hörhilfenmulti Widex sich selbst zum Geburtstag ein vergoldetes und mit Diamanten besetztes Hörgerät, das auf dem freien Markt wohl so 25.000 Pfund kosten würde (Konjunktiv!). Aber es war ein Scherzartikel und einem geschenkten Scherzartikel schaut man nicht, usw. Natürlich stürzt sich auf so eine Hammermeldung (goldenes Hörgerät! mit Gold! bling!) sofort die gesammelte Bande der Blogger, als ob man dieses Ding wirklich kaufen könnte. Dabei war es nur ein teurer Spass, meine Güte, investigativer Gadget-Journalismus geht anders. So zum Beispiel: Was es nämlich wirklich bald geben wird, ist das unsichtbare Hörgerät. Klinische Tests, so erfahren wir bei der täglichen Lektüre des Journals Otolaryngology--Head and Neck Surgery, verliefen einigermassen erfolgreich. Die Prototypen von Octologics sind nicht nur unsichtbar, sondern auch wasserdicht, und zwar einfach, weil sie komplett inklusive Mikro und Batterie subkutan im Kopf eingebaut sind, eine neumodische innere Stimme sozusagen. Ein unsichtbares Hörgerät ist natürlich in vielerlei Hinsicht das Gegenteil eines goldenes Hörgeräts, denn man schenkt ihm, wie den meisten anderen unsichtbaren Dingen, keine Beachtung, was möglicherweise erwünscht ist. Eventuell ist so eine Behinderung doch kein Feature, sondern halt ein Bug.


22.08.2007 | 14:22 | Nachtleuchtendes | Sachen kaufen

Der Fussabstreifer des Performativen


(Foto: Yanko Design)
Die Theatertheoretikerin Erika Fischer-Lichte beschrieb den "Weg zu einer performativen Kultur". Sie bezog sich auf den Ethnologen Dwight Conquergood und seine Ansicht, die Vorstellung von der Welt als Text werde zunehmend abgelöst von der Welt als Performance.

Auf diesen Trend wird von Weckerherstellern zunehmend reagiert. Denn Clocky, der Wecker, den man zum Ausschalten einfangen muss, scheint nur eine von mehreren Innovationen zu sein. "There's been quite a few ingenious alarm clock concepts of late. They all have one thing in common – force you to physically get up to turn them off", heisst es auf der Homepage zu Yanko Design. Hier kreierten Sofie Colin und Gustav Lanberg einen Wecker in Form eines Fussabstreifers, auf den man steigen muss, um ihn auszuschalten. Die Kuku Alarm Clock hingegen beginnt langsam Eier zu legen und hört erst wieder auf zu läuten, wenn die Eier alle eingesammelt sind. Ähnlich ist die Jigsaw Puzzle Alarm Clock, bei der ein Puzzle vervollständigt werden muss, ehe der Alarm nachlässt. Ob aber die Towel Alarm Clock viele Käufer finden wird, wenn sie 2017 erscheint, bleibt offen. Da sie einen Wecker mit einem Handtuch verbindet, kann man sich abtrocknen, während man geweckt wird.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Über Wachen und Schlafen

Malte Borsdorf | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


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