Riesenmaschine

18.01.2010 | 11:00 | Berlin | Sachen kaufen

Uhr mit Stallgeruch


Gebbisch dir korräkt 5 Jahr Garantie. Keine Thema, ichschwöre.
Tatsächlich wenig läge uns ferner, als uns über originelle orthographische oder grammatikalische Neuschöpfungen innerhalb der deutschen Sprache zu mokieren. Mögen doch senile Sprachverweser in ihren Professorenzimmern und Redaktionsstuben geifernd das BinnenInitial verteufeln und auf ihren zerfledderten Wahrig pochend wilde Flüche ausstossen gegen jeden, der es wagt, sich an ihrem heiligen Amtshochdeutsch zu versündigen. Auch würden wir schon aus schierem Lokalpatriotismus niemals Askania, der einzigen Uhrenmanufaktur in Berlin, in den Rücken fallen. Handelt es sich dabei doch um eine der wenigen hiesigen Institutionen, wo überhaupt noch mit ehrlicher Hände Arbeit Werte geschaffen werden (anstatt mittels staatlicher Transferleistungen oder sogenannter "Kreativität" ein parasitäres Dasein zu fristen). Und der tümelige Slogan, mit dem derzeit auf Citylight-Plakaten geworben wird, "Macht nicht arm, aber sexy", ist ja auch gar nicht so misslungen, selbst das Komma sitzt richtig. Aber "5 Jahr Garantie" – das ist dann doch zu viel Lokalkolorit für unsere Pidgindeutsch-geprüften Nerven. Zumal es sich bei dem beworbenen Modell um den Chronographen "Tempelhof" handelt; bei "Kreuzberg", "Neukölln" oder "Wedding" hätten wir vermutlich noch nicht einmal etwas gesagt.


13.11.2009 | 17:05 | Berlin | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Hybrid Marketing


Die Zielgruppe da abholen, wo sie eh schon ist? Oder sich in neuen Kontexten präsentieren und proaktiv das eigene Kundenpotenzial erweitern? Wie erreicht man das wachsende Marktpotenzial der hybriden Konsumenten? Welche Rolle spielt der Point of Sale? Und wie schafft man es, dass die eigene Marke bei solchen Aktionen nicht verwässert? Fragen über Fragen, auf die man in der Werbeabteilung vom Handelsblatt auch keine Antworten weiss. Aber am Ende zählt: Wer sich und seine Kunden auch mal überraschen kann, hat am Markt alle Trümpfe in der Hand.


03.10.2009 | 03:45 | Anderswo | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Zeichen und Wunder

T-Shirts zu verschenken


Please enjoy what you get.
Die in letzter Zeit hin und wieder diskutierte Frage, ob es überhaupt einen freien Willen gebe, ist unzweifelhaft von einer gewissen kommerziellen Bedeutung, aber letztlich sind die Ergebnisse des ganzen Herumwollens doch einförmig und uninteressant. Schon länger erkannt haben das die Anbieter von Sneak Previews und Überraschungsangriffen aus dem Hinterhalt, jetzt hört man auch aus Japan von neuen Lösungsansätzen: Im Ogori Café (via Hacker News) bekommt jeder Kunde das, was sein Vorgänger bestellt und bezahlt hat: "Please enjoy what you get, even if you hate it." Hacker-News-Kommentator bemmu steuert ein Ogori Google bei ("You get what the person before you was searching for."). Wir wünschen uns für die Zukunft Ogori Taxi und Ogori Krankenhausaufenthalt, bekommen aber vermutlich wieder nur Weltfrieden und bessere Instantnudelsuppen, oder was halt in irgendeinem anderen Blog vor zwei Minuten gewünscht wurde.


27.09.2009 | 17:29 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Are we crazy? Maybe!

Als dieses Jahr Billy Mays an einer seltsamen Drogenmischung starb und Vince Offer verhaftet wurde, nachdem er von einer Prostituierten in die Zunge gebissen wurde, wurde es still in der Welt des Infomercials. Keine andere Branche, vielleicht abgesehen von Profi-Golf, Buzkashi* und Kochen, hängt so stark von ihren Superstars ab. Nostalgisch sassen die Aficionados vor den Geräten und spielten die Vince-Klassiker ShamWow und SlapChop auf Endlosschleife. Niemand sprach ein Wort. In Gedanken stritt man sich abermals darüber, ob ShamWow wirklich eine billige Imitation von Mays' Zorbeez ist oder umgekehrt. "You know the Germans always make good stuff", sagten die Diehard-Fans zu sich selbst, während sie melancholisch ihren Schäferhund abtrockneten. Erneut wurden in langen Abenden die alten Vince vs. Billy Argumente durchgezogen, bei billigem Bier, das nach Reinigungsmittel schmeckte. Vince, der zu sagen scheint: Hey, ich bin ein reisserischer Scharlatan, aber das macht nichts, denn mein Produkt ist super. Und Billy, der extrem laut, aber als freundlicher Kumpel seine Lappen unters Volk bringt – mit dem Hauptargument, dass er einer von uns ist, Kokain hin oder her. Es waren wie gesagt traurige Monate.

Die Rettung und Wiederbelegung des klassischen Verkaufsvideos kam schliesslich vor wenigen Tagen ausgerechnet von Canadian Celebrity Steve Nash, überraschenderweise im richtigen Leben nicht mal Scharlatan, sondern Point Guard, genaugenomen der zweitbeste der letzten Dekade, und ausserdem der bescheidenste Mensch der Welt. Nashs vollendete Konflation aus Hyper-Schtick ("like you just wanna bust out"), billigster Computergrafik, 80er-Jahre Farbverläufen, Musik von der ZDF-Hitparade und vorbildlicher Produktverarschung folgt der Vince-Logik, die Verkaufslüge nicht redundant, sondern retorsiv ("I don't know, it sells itself") anzubringen, was auch immer das jetzt genau heissen mag.

* Eine afghanische Art Polo, anstatt eines Balles verwendet man eine tote Ziege.


10.09.2009 | 17:26 | Berlin | Anderswo | Sachen kaufen

Am Ende des Regenbogens liegt Halle 26


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Sofern man nicht gerade Messetüten sammelt oder Flachbildschirmfetischist ist, gibt es eigentlich nur einen einzigen guten Grund, die IFA zu besuchen: Die "International Halls", vom Veranstalter in der abgelegenen Halle 26 im Südwesten des Messegeländes versteckt. Hier findet man keine opulente Messearchitektur, keine zierend hingestellten Formel-Eins-Autos oder Cyborg-Puppen, keine 3D-Kinosäle, keine eloquenten Presenter mit Headsetmikro, keine Gewinnspiele mit Glücksrad- oder Wii-Einsatz und nicht einmal Hostessen. Stattdessen residieren in zahllosen kleinen Boxen, die es offensichtlich beim Messebaudiscounter im Hunderterpack billiger gab, Firmen mit den tollsten Namen, die ganz nebenbei das Ausstellerverzeichnis zuspammen und elegant auf die doppelte Länge aufblasen.

Sie alle stellen direktimportierte Kostbarkeiten direkt aus dem Herzen des chinesischen Sweatshop-Kapitalkommunismus aus: Laptoptaschen, Toaster, Uhren, Ventilatoren, Haarglätter, Adapterstecker, manchmal auch bloss Kabel oder Batterien. An jedem Stand sitzen natürlich auch mindestens zwei echte Chinesen oder Chinesinnen und verteilen Visitenkarten und dicke Broschüren, mit Fotos aus den Produktionsstätten und eingescannten Urkunden von der lokalen Handelskammer. Und so kann man sich für einen Moment wie auf der grandiosen China Russian Mongolian Technology Exhibition and High-Tech Fair im nordchinesischen Manzhouli fühlen, nur dass draussen nicht die innermongolische Steppe beginnt, sondern Charlottenburg.

Besonders empfehlenswert ist ein Besuch am letzten Messetag. Dann bauen die Aussteller ihre Stände ab und Halle 26 wird zum Flohmarkt. Alles muss raus, drei Toaster für 8 Euro, kein Problem, und vereinzelt finden sich sogar an den Halterungen der Regale für die eigentlichen Ausstellungsstücke handgeschriebene For-Sale-Zettel. Findige Berliner Import-/Export-Experten rollen die Waren sackkarrenweise aus der Halle, während den Chinesen so langsam alles egal ist und einige nach Landessitte öffentlich schlafen.

Schon jetzt kann man sich den Besuch in Halle 26 wieder als Pflichttermin für 2010 in den Kalender eintragen. Und dann gibt es dort hoffentlich auch die in diesem Jahr schmerzlich vermissten wirklich interessanten Exportgüter aus China im Angebot.


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"Here Alone", Rod Blackhurst (2016)

Plus: 11, 35, 64, 80, 121, 153, 159
Minus: 1, 2, 99, 102, 137, 166, 171, 184, 209, 215, 216, 217
Gesamt: -5 Punkte


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