13.09.2005 | 15:43 | Sachen kaufen | Zeichen und Wunder
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Handelsmarken, sogenannte Private Labels, sind eine faszinierende Sache voller metaphysischer Mucken: Zum einen sind sie komplett gesichts- und geschichtslos, ausgedacht und am Reißbrett entstanden – die letzte und nachrangigste Stufe in einem Prozess des Copy & Paste, der phantasielosen Imitation und Standardisierung von Produktionsabläufen. Zum anderen zehren sie vom Nimbus und der Magie etablierter Marken, versuchen durch phonetische Allusion und mimetische Anverwandlung einen Teil jenes Fluidums, das traditionsreiche Marken mittels Qualität, Sorgfalt und immensem Marketingaufwand aufgebaut haben, abzuzweigen und in die eigenen Kanäle zu lenken. Sie stehlen die Aura, um uns zu täuschen und von der charakterlosen Handelsware zum Desiderat für Ahnungslose und Unachtsame zu werden. Sie spiegeln uns unsere irrationale Anfälligkeit für Marken als Farce zurück. Selten jedoch gelingt das in so einem Geniestreich wie bei den "Cityhemden" mit "New Kent-Kragen" in "reiner Baumwolle", die zum "Jubelpreis" von 25 Euro im aktuellen Werbeflyer der "Galeria Kaufhof" feilgeboten werden – und zwar unter dem Label "ARMADA", dessen Anmutung uns an "ARMANI", dessen Typografie jedoch an "PRADA" gemahnt und das uns in dieser ingeniösen Kombination andächtig sprachlos macht.
13.09.2005 | 05:02 | Alles wird besser | Alles wird schlechter | Sachen kaufen
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Dinge zusammenzubauen, die zusammengehören, ist prinzipiell eine gute Idee, zum Beispiel weil man so nur auf ein Gerät aufpassen muss und einem zweifach anstrengendes Einkaufen erspart bleibt. Aus diesem Grund ist man auch bereit, so einiges an Zumutungen hinzunehmen. Letzte Woche allerdings, als die Welt von der Markteinführung des Toasters zur gleichzeitigen Zubereitung von Muffin und Spiegelei erfuhr, war es vorbei mit der Geduld. Spätestens hier wird klar: Manche dieser Funktionsdopplungen teilen uns wesentlich mehr über die Perversionen Gewohnheiten unserer Mitmenschen mit, als wir zu ertragen in der Lage sind. Wenn man schon unbedingt Muffins mit Spiegelei essen muss, dann, bitte, sollte man nicht noch andere per Kaufwunsch damit belästigen. Es will auch (hoffentlich) keiner wissen, was man mit einem Bett anfängt, das gleichzeitig als Badewanne einsetzbar ist (Bild oben). Und wer bitte ist bereit, sich auszumalen, wozu man ein Kondom mit eingebautem Vibrator braucht? Vermutlich laufen Menschen, die solche Dinge bestellen, ganz normal auf der Straße herum und man begegnet ihnen tagtäglich in der Nachbarschaft. Muss das sein? Aber dann sieht man plötzlich das Zelt, das nur mit eingebautem Fahrrad funktioniert (Bild unten), reißt vor Verzückung die Augen auf, klickt auf "Kaufen, kaufen... KAUFEN!!!" und lobt und preist eine Welt, die auch für noch so abwegige Wünsche eine Lösung bereithält.
12.09.2005 | 14:08 | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt
In letzter Zeit ist ja allenthalben von sog. Blogs zu hören und zu lesen. Das ist auch den Marketingabteilungen nicht entgangen und hat dazu geführt, dass immer mehr Produkte auf den Markt geworfen werden, deren vorrangiger Einsatzzweck darin besteht, in Blogs erwähnt zu werden. Das funktioniert etwa wie bei jenen spektakulären Wahlkampfplakaten, die niemals öffentlich plakatiert werden, sondern in einer Auflage von eins vor den Parteizentralen hängen oder auf Pressekonferenzen präsentiert werden, um sich von dort aus allein über Medienberichterstattung zu multiplizieren. In Anlehnung an derlei PR-Stunts wollen wir das Verfahren mal bis auf weiteres Blog-Stunt nennen. Ein solcher Blog-Stunt dockt an die entsprechenden Synapsen des Bloggers an wie das Pheromon an die Kleidermotte.
Entsprechende Produkte sind einfach zu konzipieren: Es gilt, zwei oder mehr Themen aus der Reihe "Sex, Innovation, Stromerzeugung, Nahrung, iPod" in einem Produkt zu vereinen. Highlights der letzten Wochen waren etwa das Tofu mit Menschenfleisch-Aroma, das Vergewaltigungs-Schutzkondom mit Widerhaken und der stromerzeugende Rucksack. Eines Tages aber wird die Referenz-Killerapplikation "Essbarer Vibrator im iPod-Design als Handyladegerät" erscheinen, und sie wird wochenlang alle Blogs beherrschen, und wer zuerst über das neue Ding berichtet, hat gewonnen. Erster!
12.09.2005 | 13:30 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Angefangen haben dürfte alles vor einigen Dekaden mit Guhl-Shampoo in den Sorten "Ei" oder "Bier", was seinerzeit fast noch für einen Lacher oder Partyscherz gut war, bis man aufgeklärt wurde, dass es sich dabei jeweils um alte Hausrezepte handelte. Seither haben auch die grossen Hersteller sich schnell bewegender Konsumgüter wie Nestlé und Unilever kapiert, dass die Grenze zwischen Food und Non-Food ein durchlässige ist, dass für beide Kategorien dieselben Marketing- Gesetzmässigkeiten gelten, und dass sich insbesondere Körperpflegeprodukte dann am besten verkaufen lassen, wenn sie wie Functional Food daherkommen.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Was die Menschen gern in den Körper rein tun, kann für aussen dran nicht verkehrt sein, so die implizite Annahme, die sich mittlerweile in unzähligen tiefenpsychologischen Interviews und Focusgruppensitzungen bestätigt haben dürfte. Ein Wegbereiter war hier der durchschlagende Marketingerfolg von Garniers "Fructis", der ersten Haarpflegeserie, die wie ein Limonaden-Softdrink auftrat. Mittlerweile ist die Körperpflegeabteilung im Supermarkt vom Milchregal oft nur noch an der fehlenden Kühlung oder durch Lektüre des Kleingedruckten auf den Packungen zu unterscheiden, was besonders älteren und ganz jungen Konsumenten zu schaffen macht.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Jüngster Neuzugang in der Milch und Honig-Kategorie ist die Duschgel-Serie "Joghurt" von Fa in drei Geschmacksrichtungen und mit extragrossen Fruchtstücken. Die unfreundliche Übernahme der Lebensmittel durch die Kosmetik ist in vollem Gange. Das erinnert uns an Lisa Simpsons denkwürdigen Ausspruch gegenüber Bart: "Du hast dich selbst als Rebell definiert. In Ermangelung eines repressiven Milieus wird jetzt deine ökologische Nische überbevölkert."
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Und nun zur Frage, wie denn wohl die innovativen und – nun ja – "rebellischen" unter den Food-Herstellern auf die Überbevölkerung ihrer ökologischen Nische reagieren. Die ehemaligen Hippie-Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry's, die inzwischen längst von Unilever geschluckt wurden, sich aber eine gewisse Autonomie bewahren konnten, haben jetzt in bester Jiu-Jitsu-Manier die Flucht nach vorn, beziehungsweise das Ausweichmanöver nach schräg oben angetreten. Die neue Geschmacksrichtung "Fossil Fuel" ist ein mit Sahne und verstrudelter Schokolade verfeinertes Fressflash-Eis mit einer Oktanzahl von mindestens 98, das obendrein kleine Schokostückchen in Saurierform enthält. Wenn jetzt noch die Petrokonzerne nachzögen und an ihren Tankstellen demnächst Spezialtreibstoffe mit anionischen Pflegetensiden anböten, wäre der Kreis perfekt.
11.09.2005 | 15:07 | Alles wird besser | Sachen kaufen
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Die Bedienbarkeit von Radioweckern lässt normalerweise schon im wachen Zustand zu wünschen übrig. Dieses bei Popgadet gesichtete Gerät sieht gut aus, kostet gerade mal $60 bei Uncommon Goods und ermöglicht die Auswahl von Radiosendern durch die sicherlich haptisch enorm befriedigende Platzierung der – hoffentlich grotesk schweren – Kugel. Einziger Nachteil: Wer will schon Radiosender auswählen? Was gibt es da auszuwählen? Wir verlassen uns darauf, dass diese begehrenswerte Bedienungsmetapher über kurz oder lang auch sinnvoller eingesetzt wird. Plagiatoren, frisch ans Werk!
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Noilly Prat
- Sonderbonus bei 63 Punkten
- Elefantenfuss als Maus
- Spendierbermudahose
SO NICHT:
- Literaturpreisnachlass
- Reisswolf (destruktiv)
- Kuchenaroma schnüffeln
- Sperone und Pivolo
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Some Kind of Hate", Adam Egypt Mortimer (2015)
Plus: 3, 15 Minus: 80, 99, 102, 130 Gesamt: -2 Punkte
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