Riesenmaschine

22.12.2005 | 13:20 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Das kann nur einer!

Franz Beckenbauer freut sich über die Fussball-Eröffnungsgala nächstes Jahr, und er kann alle beruhigen, die Schuhplattler und Shanty Chöre, die Visitenkarten des Gastgeberlandes fürchten, denn das Fest soll europäisch und international sein – "und nicht, was sich der kleine Moritz unter Populärgeschmack vorzustellen hat", wie sein künstlerischer Direktor André Heller klarstellt. Man will es fast nicht glauben, dass er nur Maradonna, Pele, Jessye Norman, Brian Eno und Peter Gabriel auffährt, damit kann sich der Gaukler und Bonbon-Erbe doch nicht zufrieden geben. Die österreichische Filmemacherin Andrea Dusl hat zufällig Hellers Moleskine-Notizbuch gefunden, und dort erfährt man nun all das, was Heller sonst noch so für eine WM voller Zauber und Phantasie in der Wundertüte hat. Siebeneckige Mittelkreise, asymmetrische Elfmeterpunkte und poetische Spruchbänder ("Erhebet Euch, Geliebte"). Rätselhaft nur, dass ein Mann, ein Magier mit Stil wie Heller sich pikanterweise irgendwo auf seinen Reisen ein Markenpiraterienotizbuch hat andrehen lassen.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


21.12.2005 | 21:33 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Bakteerien


Tee, grün, aromatisiert (Foto: Joyseph)
Die Teenager-Jahre sind vor allem deswegen schlimm, weil man ständig im Kinderzimmer von angebeteten Klassenkameradinnen sitzt, Erdbeer-Sahne-Tee aus dem Leonardo-Glas schlürft und dabei Gestik und Mimik eines Geniessenden imitieren muss. Dank einer Initiative des "Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR)" gibt es nun die einmalige Chance, die tiefenpsychologischen Folgen dieser Seelenpein zu lindern. Denn eben jenes hilfreiche Institut warnt jetzt vor lauwarm aufgegossenen Tees. Nur bei ausreichender Wassertemperatur und Ziehdauer sei gewährleistet, dass die in manchen Tees vorhandenen Bakterien, Hefen oder Schimmelpilze abgetötet werden. Damit steht unzweifelhaft fest: Tee schmeckt nicht nur scheisse, es gibt auch gute Gründe dafür, nämlich offenbar Schimmelpilze, Hefen und Bakterien. Man würde ja auch kein Ei hart kochen und essen, von dem man wüsste, dass es im Rohzustand Salmonellen enthielte. Danke, BfR! Aber wofür zum Teufel ist Eure Unterabteilung 3Z ("Experimentelle Tierhaltung", Leitung Prof. Spielmann) zuständig?


21.12.2005 | 15:13 | Sachen kaufen

Heisse Luft revisited


Schön: Verwöhnföhn
Fragt man plakativ heterosexuelle Männer nach der für sie vorstellbaren schwulstmöglichen Handlung ausserhalb des praktizierten Verkehrs, so bekommt man je nach Tageszeit und sozialer Schicht zwei Antwort-Cluster. Der eine bezieht sich auf den Genuss von Gold-, Extra Mild- und Sun-Bieren, ein zweiter Schwerpunkt findet sich rund um das Föhnen von Körperteilen, die nicht der Kopf sind, also Füsse föhnen, Fingernägellackierung trockenföhnen oder die Nieren warmföhnen. Eine englische Firma namens Triton hat nun den logischen nächsten Schritt getan und einen Ganzkörperföhn entwickelt, der tatsächlich als Handtuchersatz, Badezimmerschnellheizung und Feuchtraumentfeuchter angepriesen wird. Mithilfe eines Wirbels heisser Luft, selbstredend per Fernbedienung in Gang gesetzt, wird der Gebläsefreund schon drei Minuten nach dem Vollbad in die Trockenheit entlassen. Zwei Stichworte noch zur Lufttrockung an sich: Zum einen ist Fön ursprünglich ein Markenname der Firma AEG. Zum anderen sind wir äusserst gespannt auf den Werdegang des Triton Body Dryer, denn seine Funktionsweise entspricht ja exakt dem durchschnittlichen Vermarktungsansatz ("Menschen mit heisser Luft einwickeln"). Die ersten PR-Agenturen sollen das Gerät bereits zu Lehrzwecken geordert haben.


21.12.2005 | 10:53 | Nachtleuchtendes | Was fehlt

Weihnachtliches Grippenspiel


HIV von seiner schönen Seite
Nur ein Vorschlag, Weihnachts-Deko-Branche: Da gibt es einerseits jedes Jahr dieselben hilflosen Vorschläge "Weihnachtsbaum mal ganz in Blau und Silber" oder "Weihnachtsbaum mal andersrum", auf der anderen Seite aber das anderswo bereits bewährte Konzept Geld verdienen mit Mikroben sowie eine unterbeschäftigte Glasbläserbranche. Müssen wir noch mehr sagen? Der Kerzenschein spiegelt sich sanft in den mundgeblasenen Schnupfenviren aus klingendem Glas am Weihnachtsbaum in der guten Stube, während draussen leise der Schnee und so weiter? Diesen Beitrag widmen wir uneigennützig unseren Lesern aus Lauscha und Ostbayern.


20.12.2005 | 18:04 | Berlin | Anderswo | Listen

Das Grosse Hässliche Ding


DGHD Berlin

DGHD Wien

DGHD Hamburg
Jede Stadt hat ein Das Grosse Hässliche Ding (DGHD): ein Gebäude, dessen Verschandelungspotential so gewaltig ist, dass ihm Landmark-Charakter zuwächst. In Berlin handelt es sich dabei um den grössten Umlauf- und Kavitationstank der Welt im Tiergarten, der dem Studiengang Nautik an der FU als Strömungssimulator und Versuchsanstalt dienen sollte, allerdings neben seinem Äusseren mit dem Makel behaftet ist, niemals in Betrieb gewesen zu sein, da zum Zeitpunkt der Fertigstellung die Computersimulation gerade so weit fortgeschritten war, dass man seiner nicht mehr bedurfte. In Wien ist es ganz eindeutig die Müllverbrennungsanlage von Hundertwasser, zu der sich jeder weitere Kommentar erübrigt. Hamburg schickt als Kandidaten den Flakbunker auf dem Heiligengeistfeld ins Rennen.
Bisher steckt die flächendeckende systematische Erfassung aller DGHDs im deutschsprachigen Einzugsgebiet allerdings noch in den Anfängen. Ganz anders in Grossbritannien, wo der Sender Channel 4 sich dankenswerterweise dieser Aufgabe angenommen hat. Für die Serie Demolition ging er sogar noch weiter, und befragte die Briten unter der steil formulierten Annahme, Grossbritannien sei "vermüllt mit Häusern, die scheusslich sind, ihre Funktion nicht erfüllen und die Gesellschaft demoralisieren", welche Gebäude sie am liebsten abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht sähen. Aus dem immensen Rücklauf, den die Sendung generierte, wurde das Dirty Dozen, die zwölf abrissreifsten Gebäude Englands, ermittelt, wozu neben mehrheitlich Nachkriegs-Verwaltungsbauten auch ein Supermarkt in Yorkshire und das neue Schottische Pararment in Edinburgh zählen.

Nun ist die Riesenmaschine bekanntlich jeder Form des Populismus abhold, der hinter der quotenträchtigen Forderung nach Plattmachen und Kaputthauen steht. (Wobei wir die archaische Faszination, die von implodierenden Häuserkomplexen ausgeht, sehr wohl nachvollziehen können.) Nichtsdestoweniger wollen wir dem Beispiel folgen und unsere Leser aufrufen, uns Vorschläge für DGHDs aus anderen Städten zu senden, auf dass eine möglichst vollständige Übersicht entstehe. Die Einsendungen, nach Möglichkeit mit kurzer Beschreibung und Begründung, werden wir in loser Folge hier veröffentlichen.


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"Cop Car", Jon Watts (2015)

Plus: 12, 21, 35, 45, 51, 119, 120, 151
Minus: 8
Gesamt: 7 Punkte


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