Riesenmaschine

15.12.2005 | 15:23 | Supertiere

Der Vertraute

Wenn heute schon Zahntag ist, darf er natürlich nicht fehlen, der Hirscheber, über den 1965 Theodor Wiesengrund Adorno in einem Brief an den Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek meinte, dass er ihn vermisse, weil er zu den Vertrauten seiner Kindheit gehörte. Und auch wenn der bedeutend wichtigere Martin Schacht meint, das Schwein sei "ungelogen" das hässlichste Tier der Welt, mit "... krummen Beinen, Borsten, Hautauswüchsen, das ganze Programm, und als Krönung tückische kleine, rote Augen", nun ja, mit dem Programm kann Martin Schacht auch dienen, und gleich in sein eigenes (vermutlich meckerndes) Gelächter einfallen: "Die hässlichsten Tiere der Welt, ein tolles Konzept. Eine halbe Stunde Ablachen über die Opfer der Evolution", auch dann wollen wir vom Hirscheber lieber lernen, wenn wir uns demnächst ein Zungenpiercing, einen künstlichen Darmausgang oder eine Schädeldecke aus Silber zulegen.

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Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


15.12.2005 | 13:48 | Alles wird besser | Sachen anziehen

Unsichtbare Zahnspange


Verblüffend: Kein Unterschied zu erkennen!
Wird die Hollywood angegliederte Hässliche-Entlein-Industrie (Brillen, Pferdeschwänze, Zahnspangen) schon bald nur noch ein Schatten ihrer selbst sein? Zu diesem Schluss kommt man, wenn man die Insignien der filmischen Blitzverhässlichung unter dem Blickwinkel des kosmetischen Fortschritts betrachtet. Die Brille als zentrales Verwandlungsmodul einer 16-jährigen Playmate-Granate zur verlachten Vogelscheuche ist schon länger überflüssig. Letztlich funktioniert sie wegen der Kontaktlinsenschwemme nur noch in Verbindung mit der Zahnspange, dem Zahnzepter aller hässlichen Entlein weltweit. Und genau dieser letzte Unterscheidungspunkt, der sich bisher stählern funkelnd seiner kieferorthopädischen Alternativlosigkeit bewusst zu sein schien, fällt nun lautlos in sich zusammen. Denn – Highschools der Welt, hört her – die unsichtbare Zahnspange ist erfunden. Von der erfindenden Firma Invisalign schamhaft klageabwendend (USA!) "nahezu unsichtbar" genannt, werden in einem komplizierten computergesteuerten Verfahren transparente Folienschichten so verklebt und verhärtet, dass sie über die Zähne gestülpt ihrer korrigierenden Tätigkeit ungesehen nachgehen können. In Hollywood bleibt damit zur Unterscheidung der schönsten und der hässlichsten Schülerin auf dem Abschlussball lediglich die Haarfrisur übrig, wie im richtigen Leben auch.

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15.12.2005 | 11:42 | Supertiere | Zeichen und Wunder

Der Walzahn des Zahnwals


Der eher unbekannte Zahnersatzwal
(Foto: stinkypeter) (Lizenz)
Von ungezählten Dingen weiss man, dass man sie nicht weiss. Die Anzahl der Dinge, von denen man weiss, dass man sie nicht weiss, soll mal als verwickeltes Beispiel dienen. Das ist nicht weiter schlimm, denn wenn man weiss, dass man etwas nicht weiss, fragt man einfach Google, fertig. Schwieriger wirds, wenn man nicht weiss, was man nicht weiss. Diese Sorte Nichtwissen ist leider eine offene Tür für heftige Überraschungen. Wir zum Beispiel hatten bis vor kurzem keine Ahnung, dass wir nicht nur nicht wussten, dass der Narwal einen einseitigen, zweieinhalb Meter langen Stosszahn spazierenträgt, sondern auch, dass nicht nur wir sondern überhaupt alle Menschen völlig im Dunkeln tappen, was den Zweck dieses Zahns im Gefüge der Dinge und Geschöpfe angeht. Es schwindelt einen. Das schöne aber an solcher Metaunkenntnis ist, dass man in dem Moment, in dem man von einer Wissenslücke erfährt, sie sich auch schon wieder mit einem leisen Schmatzen schliessen fühlt. Der Narwalzahn nämlich, so fand ein Zahnmediziner mit dem lustigen Namen Nweeia jüngst heraus, ist ein Sinnesorgan. Warum der Narwal einen Fühlzahn hat, weiss dann freilich wieder keiner. Müsste man wohl mal googeln.

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15.12.2005 | 06:58 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Zahntag und Pastenwahn


Ingwerzahnpasta: Auch nicht teurer als vier normale Tuben
Der 15. Dezember gilt zu Recht als internationaler Tag des Zahns. Während dies wohl allen bekannt ist, ranken sich immer noch mittelschwere Gerüchte um die Postmoderne der Zahnpasta. Bisher geht man davon aus, dass die Zahnpastakultur keinerlei Trends folgt, sondern sich vollkommen unberechenbar und wirr entwickelt. Eine Überprüfung dieser etwas hilflosen Hypothese erfordert rigorose und vorurteilsfreie Empirie.

Als Startpunkt des Amoklaufs der Zahnpasta wird von Experten einhellig die Hysterie um die Backpulverzahnpasta eingeschätzt, die irgendwann Anfang der 90er zur Markteinführung von angeblich extra zahnweissender Colgate mit Backpulverzusatz führte. Von diesem Zeitpunkt an landeten scheinbar völlig unabhängig von anderen Gemüse- und Obsttrends immer absurdere Dinge in Zahnpastatuben. Eine Bestandsaufnahme: Productdose berichtet über Zahnpasta mit Ingwer. In Amerika kann man Designer-Toothpaste in Geschmacksrichtung Espresso bestellen. Die Japaner hingegen verfügen offenbar, wie man diversen Blogs entnehmen kann, über schwarze Pasta mit Auberginen. Elmex gibt es auch ohne Menthol (also vermutlich auch mit), was für Randgruppen wie Homöopathen und Juden (koscher) angeblich von Bedeutung ist. Schliesslich verkauft eine rundherum grossartige Firma schlichtweg alle Geschmacksrichtungen, also auch Zimt, Pumpkin Pudding, Indian Curry und Monkey Banana. Noch einen Schritt weiter geht Zahnputzfabrikant Crest, der seinen sicherlich zahlreichen Kunden Geschmack nach Wunsch anbietet. Das wiederum ist womöglich etwas überdreht, denn wenn man den Leuten die Wahl lässt, sagen sie am Ende doch nur "eine Kugel Vanille und eine Schoko", also in Zahnpasta übersetzt "Kräuter und Minze". (Die Evolution von Speiseeis ist nebenbei bemerkt auch völlig unverstanden.)

Aber Moment! Ist es Zufall, dass erst im letzten Sommer flächendeckend die Eissorten Zimt, Espresso und Ingwer eingeführt wurden? Warum gibt es sowohl Schlumpfeis als auch Schlumpfzahnpasta? Und ist Signal Plus nicht einfach nur die Inversion von Spaghettieis? Es ist zu früh, um von einer signifikanten Korrelation zu sprechen, aber zumindest eine Tendenz ist erkennbar: Womöglich kann es gelingen, zwei unverstandene Phänomene auf eines zu reduzieren. Man wird hart weiterarbeiten müssen – aber erst morgen, zur Feier des Zahntages sei heute erstmal eine Tube Blendi (mit Himbeergeschmack) gestattet.


15.12.2005 | 00:19 | Sachen kaufen | Papierrascheln

Broken Windows

In seinem Buch Broken Windows, Broken Business erklärt Michael Levine, dass kleinste Missstände in Unternehmen Kunden dauerhaft vergraulen können, die dann ihrerseits andere Kunden beeinflussen; dann bleiben alle weg, ritzfitz ist das Unternehmen pleite, und alles nur wegen eines fehlenden Kommas. Für den Kunden ist das sehr befriedigend, denn wenn er auf der Post schroff mitgeteilt bekommt, dass die ermässigte internationale Büchersendung teurer ist als ein gleich schweres normales Paket, kann er jetzt in dem sicheren Wissen nach Hause gehen, dass das Ende der Post nah ist.

Aber dergleichen ist für Besserwisser und Erbsenzähler. Wäre es nicht vielmehr unsere Aufgabe, die Hersteller missratener Produkte und Websites so zu fördern, wie wir ja auch geistig behinderte Kinder mehr und nicht etwa weniger fördern als normale? So ist es z.B. praktisch unsere Christenpflicht, den bereits erwähnten, nur in günstigen Schlafphasen weckenden Sleeptracker-Wecker als Weihnachtsgeschenk für Menschen zu erstehen, die manchmal aufstehen müssen. Die Sleeptracker-Website ist nicht nur hässlich und funktioniert miserabel, sie ist auch gespickt mit Sätzen wie Dies ist die Uhrzeit am welcher der SLEEPTRACKER® sie spätestens wecken wird, sollte er vorher keinen fast-wach Moment innerhalb Ihres Weckzeitfensters gefunden haben. Da möchte man doch weinen vor Mitleid und gleich zwei kaufen (10 Euro Rabatt!), um den laut Levine unmittelbar bevorstehenden Untergang des Unternehmens vielleicht doch noch abzuwenden. Irgendwie schade wäre es ja schon.


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