Riesenmaschine

25.03.2006 | 01:07 | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

Die Grenzen der Automatisierung

Die Zeit der Resignation ist vorbei! Die Wirtschaft boomt! Deutschland gründet wieder! Diese Denkweise ist verbreitet in den Niederungen der Dienstleistungsindustrie und führt dazu, dass man irgendwann glaubt, da fährt ein Zug los, auf den man irgendwie mitaufspringen muss. Da geht die Stampede einer jungen Bullenherde los, und man muss nur mit dem Schrotgewehr draufhalten – einer wird schon fallen! Von Schrot zu Schrott: Da gründen drei engagierte, junge Menschen eine Partnergesellschaft für Marktforschung und lassen sich in irgendeinem Register eintragen. Das Register wird durchforstet vom Computer einer Firma für Werbekugelschreiber, der vollautomatisiert einen Laser steuert, der wiederum den Firmennamen auf einen Kugelschreiber brennt. Soweit, so geschickt geplant, bzw. verplant verschickt:

"Sehr geehrte Damen und Herren,
Sind Sie überrascht, Ihren Firmennamen FISCHER BOCHOW KUHRCKE PARTNERGES FÜR MARKTFOR-SCHUND per Laserstrahl in diesen hochwertigen Celebrity Kugelschreiber graviert zu sehen?"


Fast hört man sie ausrufen "Ja, wir sind überrascht, liebe Firma Adler Werbegeschenke, wir sind sogar sehr überrascht." Na dann. Mission erfüllt. Die jungen Firmengründer gründlich überrascht. Mehr kann man nicht erreichen.


24.03.2006 | 15:08 | Alles wird besser | Was fehlt

Vorhautneid


Kann sich so viele Beine wachsen lassen,
wie er will: der Froschlurch
Leider ist der Mensch von der Natur nicht ganz so gut ausgestattet worden wie die Kaulquappe: Nicht nur wird er nie zum vollendeten Frosch heranwachsen, es fehlt ihm auch die Fähigkeit, abgeschnittene Körperteile einfach nachwachsen zu lassen. Zum Ausgleich hat die Natur ihm genug Geld gegeben, sich ersatzhalber die künstliche Vorhaut SenSlip zu kaufen, die nicht zuletzt durch ihr dekoratives und kostenloses Size Chart-PDF besticht.

Mittlerweile hat ein Wired-Blogger die SenSlip-Vorhaut getestet, sich dann aber – aus praktischen Erwägungen und Kostengründen – doch lieber für eine der zahlreichen dauerhaften Vorhautverlängerungsmethoden entschieden, die zwei, drei Jahre Geduld, aber dafür nur eine einmalige Investition erfordern (VacuTrac, P.U.D., Foreballs, Dile Insert) oder sich mit etwas Klebeband, Geduld und einem Hosenträger fast kostenlos selbst basteln lassen (Klickfaule sehen hier in vier leicht verständlichen Bildern, wie's funktioniert). Das letztgenannte Bastelset gibt es für den vielbeschäftigten Mann auch fertig zu kaufen. Die abgeschnittenen Nervenenden in der Vorhaut wachsen davon zwar auch nicht wieder nach, aber irgendwann hat man keine Hornhaut mehr an den Genitalien und ein neues bewegliches Element, mit dem sich in Beruf und Freizeit herumspielen lässt.

Schlechte Nachricht für alle Riesenmaschine-Leserinnen: Auch nach vielen Jahren wächst durch den Gebrauch dieser Hilfsmittel kein Schwanz, wo keiner ist. Aber das macht nichts, denn auch der Schwanz der Kaulquappe fällt irgendwann ab, und sie kommt den Rest ihres Lebens sehr gut ohne ihn zurecht.


24.03.2006 | 10:17 | Anderswo

POP3 Art


Picture Virals: Explosionsartige Verbreitung ohne die herkömmlichen Streuverluste


Für die einen sind sie Spam, für die anderen das Lustigste, was sie seit fünf Minuten gesehen haben: Weiterleitungswitzchen oder Virals. Im schlimmsten Falle sind das E-Mails mit Betreffzeilen wie "ROFLMAO!" oder "Wie GEIL!!!!!" mit abgrundtief unwitzigen, drei Wochen alten und viel zu grossen Filmchen, Bildern, Soundfiles oder buerohumor.ppt im Anhang, im besten Falle begeisternde und den Tag machende Links zu inspirierendem Content und reizenden Onlinezeittotschlägern.
Für das Londoner Institute of Contemporary Arts sind sie nun auch Kunst. Im Mai 2006 findet ebendort unter dem Namen "Outrageous And Contagious" die welterste Viral Email Exhibition statt, die als Auftaktevent für die später im Jahr stattfindende Verleihung des Viral-Oscars "Germ" dienen soll. Um den britischen Anstecknagel werden wohl in erster Linie Marketing-Guerilleros und Web-Auskoppelungen von Kreativagenturen wetteifern, möglicherweise aber auch nichtbudgetierte, webgewandte Witzbolde, und hoffentlich auch KLF, die sich jüngst per E-mail zu Pete Doherty bekannten. Die Einreichung der Wettbewerbsbeiträge erfolgt wie üblich per Mail an beliebige Empfänger.

Natascha Podgornik | Dauerhafter Link


24.03.2006 | 02:39 | Nachtleuchtendes | Alles wird schlechter

Golfkrieg=Starwars


Teuerste Driving Range aller Zeiten
Einen neuen Trend zur Belebung der einstmaligen Publikumsattraktion "Russisch Roulette" hat sich die kanadische Firma Element 21 ausgedacht. Ein neuartiger Golfball aus dem seltenen Metall Scandium soll mit einem ebenfalls neuartigen vergoldeten Golfschläger ins All geschossen werden, und zwar von der Internationalen Raumstation ISS aus, die man sich regelmässig am Sternhimmel im heimischen Wohnzimmer ansehen kann. Man muss dazu zwei Dinge wissen: Zum einen soll der Ball zwar mehrere Milliarden Kilometer rund um die Erde fliegen, mit einem Sender ausgestattet, damit man weiss, wo er gerade ist, aber die genaue Flugbahn ist einigermassen unvorhersehbar (hängt ja auch von vielen Dingen ab, z.B. Abschlag, Schwerkraft, Mondphase). Zum anderen können schon wesentlich kleinere im All herumfliegende Metallteile die Aussenhaut der ISS penetrieren und damit, man kennt das aus schlechten Katastrophenfilmen von Flugzeugabstürzen, das gesamte grosse Ding unweigerlich zerstören. Jegliches humanoides Leben in der Raumstation wäre dauerhaft und zuverlässig vernichtet. Und weil der Plan so unsäglich bescheuert und hirnrissig klingt, hat die russische Raumfahrtbehörde, seit jeher Freund interessanter Todesursachen, schon zugestimmt, und man wartet jetzt nur noch auf die Sicherheitsanalyse der Skeptiker von der NASA. Der Mann, der über die Zukunft der ISS entscheiden wird, über Sein oder Nichtsein von 100 Milliarden Dollar, der Mann mit dem Finger am Abzug oder eher am Golfschläger, heisst Pavel Vinogradov. Vinogradov. Muss man sich einprägen.


23.03.2006 | 15:43 | Anderswo | Was fehlt

Google nun wieder


Red Rocket, bald googlebar
Google wird allmählich zu einem lästigen Zustand. Erst Zensurdebakel in China, dann Datenschutzspektakel in Amerika, und zwischendurch eine gute Idee nach der anderen, so dass es für alle anderen so langsam zur Qual wird. Wir Karteileichen in der letzten Reihe wollen schliesslich auch mal was wissen dürfen, und auf die Idee, eine generische Suchmaschine für öffentliche Nahverkehrsnetze in allen Städten weltweit anzubieten, wären wir nach ein paar Nachmittagen angestrengtem Herumliegen sicherlich auch gekommen. Aber jetzt ist es zu spät, Google Transit läuft seit Dezember 2005 in einer Testversion für Portland (Oregon), und funktioniert offenbar gut genug, um in anständige Länder zu expandieren: Kanadische Medien berichten jetzt von Verhandlungen zwischen Google und TTC ("Toronto Transit Commission"), dem wichtigsten Nahverkehrsanbieter in GTA ("Greater Toronto Area"), mit dem Ziel, in schon wenigen Tagen die Google-Routensuche für den Nahverkehr Torontos zu etablieren, Start und Ziel eingeben, suchen, fertig.

Warum allerdings diese Entwicklung nicht in Europa, sondern in Amerika stattfindet, wo die Nahverkehrssysteme so gerippeartig aussehen, dass man sie auch ganz ohne Drogen bedienen kann, und wo Strassenbahnen aus den 20er Jahren "Rocket" genannt werden dürfen, bleibt rätselhaft. Diese altbekannte Amerikafixiertheit wird Klassenstreber Google vermutlich einen Minuspunkt im Abschlusszeugnis einbringen, und unser hämisches Gelächter ist ihm gewiss. Nagut, sagt die Suchmaschine, dann biete ich halt eine Detailkarte der Marsoberfläche an, mit Canyons, Bergen und Vulkanen in schillernden Farben, was sagt ihr jetzt? Wir werden Google wohl in der grossen Pause gründlich vertrimmen müssen.


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