Riesenmaschine

21.03.2006 | 17:08 | Anderswo | Fakten und Figuren

Die Kleinen, die Bösen und die Geburtstagskinder


Der Kleinstaat Seborga ist eigenen Angaben zufolge
nur wenige Minuten von der Autobahn Genua-Nizza entfernt
Am 24. März ist es nun auch wieder so weit, der Baron von Caux, Johannes I Corvinus hat Geburtstag, er wird schlanke 52 Jahre alt. Gratulieren wird ihm mit Sicherheit neben dem Volk von Lucastan ("We will not be undersold!") natürlich der Herrscher von Sealand Prinz Michael, aber auch die durch den unappetitlichen Hundekadaverkrieg mit den USA zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Molossen. Nicht nur, weil diese Staaten untereinander durch eine mehr oder weniger innige Bande verknüpft sind, sondern auch und gerade durch die überlebenswichtige Zweckgemeinschaft der Mikronationen und Kondominaten untereinander. Mit Sicherheit auszuschliessen ist, dass Fürst Giorgio (im Bild) von Seborga gratulieren wird, er nimmt Baron Johannes übel, mit Prinz Michael befreundet zu sein, weil Bürger dessen Staates in den Mord an Gianni Versace verwickelt waren, mit dem wiederum Giorgio glaubte befreundet zu sein. Das ist insofern schade, weil die Geburtstagsgesellschaft, wenn man z.B. in Seborga, einem auf sanften Gemüsehügeln gelegenen Staat, der durch den weltweiten Export seiner Mimosen und seines Ginsters bekannt ist, gefeiert hätte, sich den einzigartigen Nusskuchen Seborgas nicht hätte entgehen lassen müssen. Weitgehend fern von solch zänkischen Scharmützeln ist die Republik Kugelmugel und der Freistaat Flaschenhals, allerdings auch von globalen Veranstaltungen, wie sie im unten verlinkten Beitrag beschrieben werden.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die Ausgestossenen

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link


21.03.2006 | 11:16 | Zeichen und Wunder | Papierrascheln

Tippen wie die Vorväter


"Rysn Maṡyn" auf Mandäisch
Fast jeder kennt das Problem: Man möchte einen Brief auf Moabitisch schreiben, eine köktürkische Weisheit im Original zitieren oder einfach nur mal seinen Namen auf Altkretisch (Linear B) sehen. Und schon stösst Word an seine Grenzen. Die etwa 120 Schriftarten, die das neuzeitliche Textverarbeitungsprogramm vorrätig hält, tragen zwar so hochtrabende Namen wie Goudy Old Style, Herculanum oder Papyrus, aber so richtig alt und vergessen werden sie davon auch nicht. Geschweige denn, dass man sie von rechts nach links schreiben kann. Selbst mit der vielfältigen Symbole-Sammlung, die sich hinter Zapf Dingbats verbirgt, kann man keinen einzigen ganzen sinnvollen etruskischen Satz schreiben. Wie gut, dass es nun die Zeichen-Sammlung von Norbert Bartz gibt, die zwischen Altägyptisch und Zapotekisch so ziemlich alles versammelt, was Klang und Formen hat. Allein der Runen-Fan kann zwischen 17 Schriftsätzen wählen und sie sich teilweise als True Type Font auf die Festplatte packen. Griechische Alphabete gibt es gleich in 19 verschiedenen Variationen, die beliebten frühgotischen Minuskeln des 11. Jahrhunderts allerdings nur auf einer Tafel. Selbst das Internet ist leider immer noch nicht perfekt.

Jörg Meyerhoff | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


21.03.2006 | 05:42 | Anderswo | Fakten und Figuren

Cute Culture in Deutschland

Wie H5N1 darf auch Cosplay nun endgültig als in Deutschland angekommen gelten. Der ursprünglich aus Asien stammende Virus ist mutiert und befällt nun nicht mehr nur japanische Teenager, die als Manga-Characters verkleidet auf Shibuyas Strassenkreuzungen posieren, sondern deutsche Teens und Pre-Teens. Übers Internet eingeschleppt scheint er vor allem die östlichen Landstriche zu befallen, wo er als legitimer Erbe der Gothic-Kultur auftritt. Ein Vorbote war bereits Ende 2005 der frenetisch gefeierte Auftritt von Dir en Grey, die ohne grosse Marketingunterstützung und unterhalb des Radars der meisten Feuilletons bereits über eine riesige Fanbasis in Deutschland verfügen.

Visual Kei, übersetzt etwa "visuelles System", liefert als neue Musikrichtung aus Synthiepop, Dark-Wave, Glam-Rock und New Romantic zusammengepanscht so etwas wie den Soundtrack zum Cosplay. Auch der Erfolg von Tokio Hotel dürfte eher als erster Ausläufer von Visual Kei in Deutschland zu erklären sein als mit allem anderen. In einer der letzten Bravo-Ausgaben fanden sich bereits mehrere Doppelseiten über andere Visual Kei-Bands. Mit Videospielen, Mangas, Visual Kei und Cosplay liegen nun alle Zutaten auf dem Tisch, die es für eine voll ausgebildete und nachhaltige Jugendkultur braucht, die man unter dem Label "Cute Culture" zusammenfassen könnte. Sie tut das, was alle Jugendkulturen immer gemacht haben: Sie liefert Gelegenheit zum Austesten von Identitäten und sexuellen Orientierungen, stiftet Rituale und bietet Anlässe zum gemeinsamen Abhängen. Vor allem aber erfüllt sie das Kriterium völliger Unnachvollziehbarkeit für Erwachsene und eröffnet damit einen konstitutiven Schonraum. Dabei liegt das Eintrittsalter wegen der Niedlichkeit, in der auch die gesamte Düsternis verpackt wird, noch einmal deutlich niedriger als bei den Vorläufern. Die Cute Culture wird grösser sein als Techno, grösser als HipHop, sie wird alles in sich aufsaugen.

Wer es noch nicht glaubt, hätte sich am vergangenen Wochenende auf der Leipziger Buchmesse überzeugen können. In Halle 2, gut getarnt hinter gähnend leeren Ständen mit den pädagogisch wertvollen Kinderbüchern war das Manga-Zentrum eingerichtet, wo auch die Cosplay-Convention abgehalten wurde. Der Carlsen-Verlag, grösster Abräumer im Mangasegment, hatte eine Grossbühne aufgebaut, vor der es, als Mangas gratis unters Volk verteilt wurden, zu tumultartigen Szenen kam. Die gesamte Halle war – mehr noch als in den Jahren zuvor – angefüllt mit kostümierten Zwölf- bis Fünfzehnjährigen, die sich von ihren Manga-Vorbildern – genauso wie in den Jahren davor – durch deutlich sichtbaren Babyspeck und deutlich wahrnehmbaren, ortstypischen Akzent unterschieden, aber bereitwillig und routiniert die Fotoposen einnahmen. Autofahrer durften sich über mit Handschellen und Häschenohren ausgestattete Teenager wundern, die trampend an der Autobahnauffahrt standen. Dass Cosplay gerade im Osten so gut ankommt, kann vulgärsoziologisch mit der allgemeinen Orientierungslosigkeit ebenso erklärt werden wie mit der vorherrschenden Tristesse, der Neigung zum Kitsch und zum Rekurs auf archaische Mythen. Wie auch immer: Es ist eine neue Farbnote, die dort in Zukunft das gefühlt hegemoniale Braun empfindlich stören wird. Manga-Characters klatschen keine Ausländer. Schon allein deshalb sagen wir: Willkommen in Deutschland, Cute Culture!


20.03.2006 | 18:20 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Dauerlutscher 2.0

Schlechter Atem ist vor allem eins: Schlecht. Schlecht fürs Image, schlecht fürs Intimleben, schlechtes Zeichen für die Zahnzukunft. Ein schlechter Atem ist eine Zumutung für alle und eine Hürde für die paar, die gerne näher gekommen wären – ein schlechter Atem kommt von schlechten Dingen, bösen Sachen, die aber unter Umständen gut schmecken. Gut also, dass es ein Produkt gibt, das nach fast nichts schmeckt, aber schlechten Geruch, nun ja, killt. Es ist das vorläufige Ende einer Reihe von Geruchshemmeredelstahlstückchen, die es lange schon gibt für alles Stinkige, die Hände zum Beispiel oder die Toilette. Man möchte sich nicht vorstellen, dass der Produktentwickler ebendort die Idee für den Stahllutscher hatte, es wird aber genauso gewesen sein. Das Bild lässt zudem vermuten, dass er die Idee schon in den Achtzigern hatte und nur erst den allgemeinen Umhängtrend abwarten wollte. Ob sich die Kids nach der ersten Bierzigarettenkombi dem Lolli zuwenden oder sich den Stahl in Form des guten alten Zungenpiercings lieber gleich am Ort des Geschehens fest einbauen lassen? Hat die Firma Zilonka möglicherweise irgendwas nicht mitbekommen? Wir werden diese spannenden Fragen jetzt ein, zwei Jahre in unseren Herzen bewegen, währenddessen die Stahllutscherszene aufmerksam beobachten und immer schön die Zähne putzen, bevor wir uns von den Rechnern erheben und unter die Leute gehen. Pfefferminzdrops nicht vergessen!


20.03.2006 | 13:05 | Sachen kaufen

Zeitenwende

Es war in den 80ern, als das Kassettenabspielgerät aus den Computern verschwand und stattdessen in Kraftfahrzeuge eingebaut wurde. Ungefähr zwanzig Jahre dauerte es, bis man erkannte, dass Autos sich viel besser zum Fahren als zum Kassettenabspielen eignen. Zwanzig dunkle, trostlose Jahre, tausende Autobahnkilometer mit verrauschter Musik in klappernden Blechgestellen. Und obwohl 20 Jahre normalerweise ausreichen, um Missstände dauerhaft zu zementieren, ist es dieses Mal anders: Heute wird das Kassettendeck dem Computer zurückgegeben. Wie so oft wird die Rückkehr in die alte Heimat schwer fallen, die Leute in den anderen Slots reden eine fremde Sprache, sehen gefährlich und feindselig aus, und die mittlerweile vertrauten Fahrgeräusche sind auch weg. Und dann wird man auch noch Probleme haben, einen Job zu finden, denn die 20 Jahre alten Kassetten sind verschlissen und enthalten nur schlechte Musik. Zurück kann man auch nicht mehr, weil man im Unfrieden mit dem Auto schied, das sofort die Konkurrenz einstellte. Mitleid ist das Einzige, was das Kassettenabspielgerät noch von der Welt erwarten kann.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


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