Riesenmaschine

21.07.2006 | 04:08 | Anderswo | Sachen anziehen | Vermutungen über die Welt

Hosenhöhlengleichnis

Das Verwirrspiel um das chinesische
Hosenbranding geht weiter. Zwar können wir beim neuesten Hosenfall – anders als hier – nicht nur den Markennamen aussprechen, wir kapieren sogar, weshalb man ihn gewählt hat: Luotuo Ren heisst Kamelmann, und den kannte man ja früher auch im Westen, als da das Zigarettenrauchen noch erlaubt war. Auch was der Claim "Heightening Men's Seif Confidence" soll, ist zusammenreimbar. Bei "Deducing Men's Fashion" scheitern aber bereits die Erklärungsversuche, genauso wie bei der Frage, was nun "From the cradle to the mogao" bedeuten soll. Die Mogao-Grotten in Nordwestchina sind berühmt für ihre zum Teil über 1000 Jahre alten Wandmalereien und werden mittlerweile zum Weltkulturerbe gezählt; dass dort auch die Welthosenkultur zu Hause ist, steht in keinem Reiseführer.

Das grösste Rätsel aber bleibt, wie es die chinesischen Hosenbewerber fertig bringen, auf nur zwei Tags den Namen ihres Produktes auf drei unterschiedliche Weisen zu schreiben: Camelperson Fashion, Camel Fashion und am schönsten: Camelpeng Men's Wear. Ein Übersetzungsprogramm kann nicht dahinter stecken, da ansonsten das Ergebnis jedes Mal das gleiche wäre. Also muss es Absicht sein. Aber welche? Wahrlich, die Riesenmaschine sagt Euch: Eher geht ein Kamelmann durch ein Nadelöhr, als dass uns die chinesische Hosenindustrie eine Antwort auf diese Frage gäbe.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Der Name der Hose*

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (4)


20.07.2006 | 13:09 | Anderswo | Alles wird besser

Give Six


Sechs Bier bitte
Dass Lordi in Finnland durch seinen Sieg beim Eurovisionssongcontest einen enormen Popularitätsschub für seinen Kaugummi-Metal erfahren hat, kann man daran erkennen, dass bei einer Spontandemonstration gegen die unlautere Demaskierung des Lateinlehrers und Kiss-Fans aus Rovaniemi/Lappland durch ein Revolverblatt 15.000 Menschen eine Karaokeversion seines Siegertitels "Hard Rock Halleluja" vor der grössten Kirche Helsinkis zum Besten gaben, worauf hin sich das Blatt bei ihm entschuldigen (Anteeksi Lordi) musste. Oder auch daran, dass bereits Dreijährige Lordishirts tragen – zwar nur diese, aber sie sind ja immerhin Finnlands Zukunft.

Lordis neuer Hit heisst "Chainsaw Affair", und er thematisiert nicht, wie man vermuten könnte, die Berufsunfälle finnischer Waldarbeiter, auch nicht die Interessen der Apotemnophilen, also der Selbstverstümmler, denen das eine oder andere Gliedmass über kurz oder lang lästig geworden ist, und sie durch den dadurch entstandenen Platz mehr Lebensfreude erzielen können.
Dass ein Finne wie Lordi das alles nicht im Sinn gehabt haben kann, beweisen die gliedmassenglorifiziernden Zugrestauranttüren der finnischen Eisenbahngesellschaft, denn wenn sechs Finger schon nicht ausreichen, darf man sie auch ruhig mit dem Fuss auftreten. Nicht allerdings darf man sie mit Koffer, Mantel und Hut betreten. Aber ein Hut ist ja auch kein Körperteil.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Dezimal ist auch keine Lösung

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


20.07.2006 | 02:25 | Anderswo | Vermutungen über die Welt

Vom Ende der Arbeitsgesellschaft

Die "strikte, auch räumliche (Städtebau) Trennung der Sphären von Arbeit und Freizeit ist ein Phänomen der Neuzeit", so steht es in der Wikipedia. Andere, wir zum Beispiel, setzen dem entgegen, die Wiedervereinigung von Arbeit und Freizeit sei ein noch viel neuzeitlicheres und feineres Phänomen. Ist es Hamsterarbeit oder Hamsterfreizeit, wenn Hamster Lampen, Midi-Sequencer, Autos oder Handyladegeräte betreiben? Kinderarbeit oder Kinderfreizeit, wenn Kinder durch Karussellfahren die Wasserversorgung ihrer Gemeinde sicherstellen? Letzteres, meint Karussellpumpenhersteller PlayPumps: Weil die Kinder nämlich sonst in ihrer Freizeit eh nur zum Wasserschleppen abgeordert würden. Besser hätten wir unsere Lebensentwürfe jetzt auch nicht erklären können.


19.07.2006 | 18:03 | Anderswo | Alles wird schlechter

Hier irrt der Ire


Menschen werden zu Fahrrädern
Wenn man mit den gängigen Billigfluglinien an irischen Häfen strandet, so ist es schwierig, die sauteuren Werbekampagnen von science.ie zu übersehen. Auf riesigen Plakaten wird auf Progression, Maturität, Rationalität und was weiss ich noch alles hingewiesen, was zusammen mit dem anhaltenden Boomboom Dublins dafür verantwortlich ist, dass man mittlerweile eine Stunde von der Stadt entfernt wohnen muss, um nicht einen Lottogewinn pro Monat an Miete zu bezahlen – ein konsistent gezeichnetes Bild vom freiheitlich fortschrittlichen Irland.

Wie sich durch die alte Kulturtechnik des Nachforschens herausstellt, gilt all dies Fortschrittliche leider nur, wenn man alt genug ist, um nicht zur Schule gehen zu müssen. Die Mehrheit der irischen Kinder nämlich besucht katholische Schulen, in denen Geschlechtsverkehr immer noch Dreck ist (was natürlich stimmt) und, viel schlimmer, die Erde vor 5000 Jahren oder so entstand, was selbst intelligente Vatikanangestellte für blöden Aberglauben halten. Wie man auf dieser konterrevolutionären Basis ein modernes Land aufbauen will, weiss der Geier, von denen es natürlich in Irland überhaupt fast gar keine gibt. So bleibt Irland, was es immer war, eine Luftblase irgendwo in diesem, na, wie nennt man die grosse Ansammlung von Wasser und Fischen, genau: Meer. Mehr nicht.


19.07.2006 | 11:36 | Berlin | Anderswo

Tourismusmarketing polarisiert

"The early bird catches the worm, but the second mouse gets the cheese." Diese Weisheit, die uns zuletzt die New Economy eindrücklich anschaulich gemacht hat, scheint sich als Schema im erbitterten Standortringen der aufstrebenden polnischen Ostseebäder wiederzufinden und erneut zu bewahrheiten. Nachdem im Mai bereits Zachodniopomorskie mutig in die Spur gestiegen ist, um sich mittels massiver Aussenwerbung den Berlinern als Destination und, ja, doch: Marke ins Bewusstsein zu drängen, legt jetzt Gdansk nach – und macht alles richtig. Wo bei Zachodniopomorskie viel Weissraum und gestische Malerei am Start ist, prangt hier ein lupenreines Postkartenidyll mit einem attraktiven jungen Pärchen. Wo Zachodniopomorskie mit der Headline "Meer der Abenteuer" das naheliegende originelle Wortspiel verschenkt, werden bei Gdansk mit "Meer der Möglichkeiten – Mehr an Möglichkeiten" alle Unzweideutigkeiten restlos ausradiert und dem Erdboden gleich gemacht. Wo Zachodniopomorskie sich halsbrecherisch selbstbewusst auf die konsonantenreiche Nachkriegsidentität stützt, schimmert bei Gdansk noch das alte "Danzig" durch, das auch altdeutschen Silver Agern noch etwas sagt. Zachodniopomorskie vs. Gdansk: das gesamte Spektrum der Möglichkeiten modernen Tourismusmarketings zwischen zwei Polen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wenn bei Zachodniopomorskie die rote Sonne ...


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