Riesenmaschine

15.09.2006 | 13:17 | Essen und Essenzielles

Fleisch ist ein Stück Lebenskraft


Foto: 14723362@N00 / Lizenz
Nun also doch: Mit hoher Spätigkeit ist es in den öffentlichen Diskurs gesickert, dass billiges Fleisch nicht immer von allerhöchster Güte und mikrobiologischer Wunderbarheit sein kann, soll und darf. Was natürlich kein Boulevardblatt, das auf dem Titel "FLEISCHMAFIA" keucht, ernsthaft davon abhält, weiterhin auf Seite drei rot leuchtende "Kaisers"-Schnitzelanzeigen abzudrucken, in denen jäh aufgetautes Schweinefleisch zu Centbeträgen feilgeboten wird. Auch in den knallhart recherchierten TV- Politmagazinen raunt es immer häufiger düster: "Fleischkauf ist Vertrauenssache". Weil die Riesenmaschine sich dem Voranschreiten verschrieben hat und nicht der kleingeistigen Rückschau, empfiehlt sie den Fleischerinnungen Erinnerungen an ihre Blütephase der Werbetexterey: "Fleisch ist ein Stück Lebenskraft!" – So isses doch! Bringt fröhliches Fleisch unter die Menschen! Lasst Leberkäse und Puszta-Braten kichern! Bastelt einen, zwei, drei Mett-Igel! Auch mal wieder eine Wurst mit Gesicht kuttern! Zwar, so lehrt uns die engagierte Kannibalismusforschung, isst der Laien-Kannibale das Gesicht stets zuletzt, aber Übung macht den Meister. Für Notfälle gibt's ja immer noch den Arsch mit Ohren von Haribo.


15.09.2006 | 05:30 | Nachtleuchtendes | Sachen kaufen

Lichterkettenreaktion


Freut euch des Designs, solange das Lämpchen noch glüht
Lustige Lampen stehen so zahlreich in den Blogs herum, dass man damit ganze Paläste nicht nur grosszügig ausleuchten, sondern bis zur Decke anfüllen könnte. Eine davon ist die Newton's Cradle Lamp von David Curtis, und sie bezieht ihren Reiz aus der "unerwarteten Gegenüberstellung von Kontext und Material, die zugleich interaktions-er- und entmutigend wirkt". Wer der Versuchung erliegt, aus der Trägheit ausbricht und sich zur Aktion hinreissen lässt, dem geht ein Licht aus. Das ist dann zwar nicht mehr so ganz Newton, dafür aber Energieerhaltung, irgendwie.

via retrotogo

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Glühbirnenhumor

Natascha Podgornik | Dauerhafter Link


14.09.2006 | 19:53 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Leichtathletik in der Form von Sylt

Nahezu unbemerkt von der Weltöffentlichkeit fanden im August die Leichtathletikweltmeisterschaften der Junioren in Peking (China) statt. Zu Recht unbemerkt, denn bemerkenswert an dem an sich völlig uninteressanten Ereignis war eventuell gerade noch, dass, wer mochte, hier eine Weltleichtathletikordnung heraufdämmern sehen konnte. Beim abschliessenden Medaillenspiegel belegte Kenia den ersten Platz, fünfter wurde Estland, während Deutschland (zwei Jahre zuvor selber noch auf Platz 5) hinter Trinidad und Tobago elfter wurde. Nun ja, gähn.

Viel interessanter als diese Überlegungen zur Zukunft des staatlich geförderten Rennens, Rumschmeissens und Hopsens ist das offizielle Plakat zum Event, an das allerdings niemand auch nur einen Gedanken verschwendete. Aber wieso bloss springt die Frau hier wie Sylt? Und warum trägt Sylt ganz oben eine Fackel? Soll Dänemark (Schnullervergifter) angezündet werden? Das alles sind Fragen, auf die selbst wir Alleshalbwisser und Zusammenreimer keine Antwort haben.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


14.09.2006 | 12:10 | Anderswo | Alles wird schlechter

White Man's Hail


Zur falschen Zeit direkt neben dem falschen Ort
Dank Daily Show wissen seit Montag nicht nur die Fachleute, sondern die gesamte Welt von der kürzlich gegründeten World Hunting Association, die, so ein Mann namens David Farbman, ausserdem der Chef des Ganzen, schon bald Profijagen in TV-tauglicher Turnierform veranstalten will. In attraktiven Tarnfarben gekleidete Superjäger werden durch Michigans Wälder robben und echte Rehe schiessen, alles live, mit teuren Werbepausen, hyperinteressanter Webpräsenz, echten Rehen und ausserdem hot Chicks in attraktiven Tarnfarben! Seltsam: Nicht etwa die Rehe protestieren, sondern die richtigen Jäger, denn die WHA hatte tatsächlich zunächst vor, die Huftiere nur zu betäuben und nach dem Spektakel einfach wieder freizulassen. Aber warum? Das fragt sich Farbman mittlerweile auch und schlägt sich aus Mangel an Gegenargumenten auf die andere Seite.

Das neue Format: Die Rehe müssen richtig sterben! Jawohl! Denn was die Fernsehzuschauer heute sehen wollen, ist echte, unverfälschte Wirklichkeit, nicht so eine inszenierte Scheisse wie 9/11. Fraglich ist allerdings trotzdem so ein bisschen, wer sich das Gemetzel ansehen wird. Schon beim Irak-Krieg, als man auch von vornherein wusste, wie es ausgeht, waren die Einschaltquoten schliesslich miserabel. Farbman kann das alles nicht von weiterem sinnlosen Enthusiasmus abhalten; er verspricht, dass aus der WHA die "NASCAR des Jagdsports" wird. Aber, um die Pointe von Jason Jones zu übernehmen: Ist nicht die NASCAR schon die NASCAR des Jagdsports?


14.09.2006 | 03:31 | Zeichen und Wunder | Papierrascheln

Sechs Jahre Noah

Das Werden und Vergehen einer menschlichen Person über einen längeren Zeitraum hin zu beobachten und zu protokollieren ist natürlich nichts Neues. Die Wissenschaft tut es, die Kunst tut es, zum beliebigen Beispiel in der Dokumentarserie, die 1964 mit 7 Up! als Beobachtung Siebenjähriger startete, und dann im Siebenjahresrhythmus, zum bislang letzten Mal letztes Jahr in 49 Up! nachsah, wie es den Überlebenden geht. Die Idee also ist keinesfalls neu, aber allein für die stulle Disziplin, sich volle sechs Jahre lang jeden Tag selbst zu fotografieren, bekommt Noah Kalina ein Fleisssternchen von uns. Und der fünfminutenlange Film, den Kalina daraus zusammengebaut hat, begleitet von, was sonst, besinnlicher Klaviermusik, schickt den Betrachter nach der ersten Minute – in der man sich noch fragt, was das Ganze nun eigentlich soll – in eine angenehm entrückte Zone der Zeitlosigkeit. Während nämlich im Film sechs Jahre im Zeitraffer um Kalina wabern und flackern, geschieht im eigenen Leben wunderbarerweise rein gar nichts, und je länger der Film läuft, desto mehr schrumpft das Gehirn des Betrachters in sein Auge zurück. Bis dann am Ende... ach, nö. Selber gucken.


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