Riesenmaschine

23.11.2006 | 12:00 | Anderswo

Das Land des Mitte

Dass Berlin das neue New York ist, weswegen viele New Yorker nach Berlin ziehen, ist lange bekannt. Seit kurzem gilt es aber auch als gesichert, dass eine weitere Weltstadt sehnsüchtig gen Deutschlands arme aber sexy Hauptstadt blickt, und zwar direkt auf deren kultigsten Kult-Stadtteil. Vor kurzem hat in Tokios Stadtteil Meguro eine Cafe-Lounge namens Mitte eröffnet, die – um alle Doppeldeutigkeiten aus dem Weg zu räumen – den Berliner Fernsehturm im Logo trägt. Wie im übrigen Tokio nimmt man es hier, zumindest, was die Preise angeht, mit der Unterscheidung zwischen Gastronomie und Astronomie nicht so genau: eine Flasche frisch eingeflogenes Beck's kostet ca. 5,80 Euro, dazu gibt es Erdnüsse und es lässt sich in älteren Ausgaben deutscher Design-Zeitschriften blättern. Alles eben richtig mittemässig, was dadurch nur verstärkt wird, dass die Bediensteten kein Deutsch sprechen, geschweige denn aus Berlin kommen.


23.11.2006 | 04:23 | Fakten und Figuren

2 sollten sich nicht zusammentun

Wenn sich zwei der allerunangenehmsten Bands der Welt zusammentun, also U2 und Green Day, und gemeinsam einen heilsbringenden Song aufnehmen, also wie es scheint, um Geld zu lukrieren für Opfer einer schon etwas länger zurückliegenden, medial perfekt organisierten und betreuten Katastrophe, mit dem leicht nachvollziehbaren Kalkül von bekannten Oberflächenreizen und Popularitätszuwachs, und gleichzeitig der Zusammenschluss der zwei grössten Banken Amerikas mit der nicht komisch gemeinten, aber sensationell harschen Interpretation eines gruseligen Songs einer dieser heilsbringenden Bands One Bank zelebriert wird, dann merkt man, dass man an irgendeiner Stelle den Faden verloren hat. Aber wenn jetzt auch noch jemand diese mammonglorifizierende Uminterpretation beginnt ironisch neuzuinterpretieren, und das ist dann auch noch ein ehrenwertes, wiewohl abgehalftertes Mitglied der "Guten", also Johnny Marr, dann, ja dann fragt man sich, wann die ostdeutsche Clownscombo Rammstein endlich gemeinsam mit der slowenischen, von ihnen haarsträubend und höchst unangenehm fehlinterpretierten Band Laibach einen Song fürs Müttergenesungsheim aufnehmen wird. Die deutsche und unerträgliche und schmierige, "gute" Band Tomte ("Schrei nicht den Namen meiner Mutter, wenn du meine Oma fickst") kann das ja noch immer irgendwann mal persiflieren, sie ist heiss drauf, man kann wetten.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (7)


22.11.2006 | 18:51 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Pain of Sale


Nicht gewollt und nicht gekonnt.
Marketing, der neue goldene Gott, die Gesellschaftsrevolution des 21. Jahrhunderts, hat viele Spielarten und eine, die viel effektiver und damit wichtiger ist, als man so von aussen mitbekommt, ist PoS-Marketing, also Werbung am Ort des Verkaufs. Ein beliebtes Konzept ist dabei der "Shop in Shop", was soviel heisst wie Shop im Shop, ein klitzekleiner Laden im Laden, also ein andersfarbiges Regal mit Logo-Aufklebern, herunter bis zum Subladen, zum Unterladen, am Ende winkt fröhlich aus der Zeitgeisterbahn ein Nanoladen. Das Problem ist aber oft, dass – soziokulturell gesprochen – hier die konzeptionelle Realitätsferne der verkrampften Marketingabteilungen auf die Bocklosigkeit der unterbezahlten Regalbefüller trifft. Ein Lehrbuchergebnis dieser Schimäre mit koksgesteuertem Gehirn und hartzenttäuschter Hand ist auf dem dafür auch niederqualitativen Foto zu sehen: Der enttäuschendste Mini-Shop im Shop, den die Welt je erblickt haben mag. Blaue Plastikrohre aus dem Baumarkt sind rund um die Ferrero-Kühlproduktpalette unmotiviert und schief ans Kühlregal gepappt; als Dreingabe kann man das Wörtchen "Rückseite" auf dem Milchschnitte-Karton lesen. Die Revolution frisst ihre Kinder®.


22.11.2006 | 12:04 | Gekaufte bezahlte Anzeige

Verändere Deinen Typ mit DoorOne


Garantiert typverändernde Jacke
Helios Boutwell wünscht sich zu Weihnachten nichts sehnlicher, als sich in Manuel Andrack zu verwandeln: "Der Typ hat alles, was ich nicht habe. Er kennt sich im Fussball aus, er kann wandern wie Thomas Bernhard und sieht gut aus. Ausserdem hat er einen unglaublich guten Geschmack und Stil, das kann ich an den Geschmacks- und Stilbüchern erkennen, die in seinem Bücherregal stehen." Helios Boutwell hat es nicht so gut getroffen. Er arbeitet als Spam-Verschicker für ein grosses Spamversandhaus. "Mit meinem Namen hat man mich sonst nirgendwo genommen. Ich bin ein Nichts. Und wenn Du, Riesenmaschine, mich nicht bis Heiligabend zu Manuel Andrack machst, dann häng ich mich am 1. Weihnachtsfeiertag auf, darauf kannste Dich verlassen."


Typveränderndes Buch
Nun, lieber Helios, bitte nichts überstürzen, denn nichts ist leichter, als Dich in einen Andrack zu verwandeln. Erst einmal klickst Du hier einfach auf das Zauberwörtchen DoorOne. "Was suchen Sie", wird man Dich auf der nächsten Seite fragen. Du antwortest wahrheitsgemäss: Guten Geschmack und lässt Dir von den 259 guten Geschmacksprodukten ein paar Flaschen kommen. Du machst eine auf und weiter geht's. Schreibe jetzt Frank Gehry in den Suchkasten, denn das ist ein Name, der für Leute mit Geschmack ganz wichtig ist. Es werden vier Bücher auftauchen, auf denen dieser Name steht, die bestellst Du am besten alle. Dasselbe machst Du mit – Achtung: schwieriges Wort – Hieronymus Bosch. Hier reicht von den 34 Büchern eines, wo auf dem Rücken ganz dick "Bosch" drauf steht, genau dasselbe hat nämlich auch Manuel gekauft. Das wäre schon mal die halbe Miete.


Typveränderndes Design
Jetzt geht es nur noch um das Outfit. Nein, nicht geiler Pullover eingeben, das bringt Dich nicht weiter. Du schreibst Jacke, rot und wählst dann von 751 roten Jacken die von "dare2be Intent berry/nickel (Jacke rot)" für 59,95 €, das kommt zwar nicht genau, aber ungefähr hin, vergleiche hier. Jetzt suchst Du Dir unter den 24 Rollkragenpullover, blau den "rustikalen Herrenstrick von Active Wear" aus (gibt's bei Neckermann), und eine lässige Jeansjacke (die Levi's Standard-Fit-Trucker von Baur nehmen, die ist billiger als bei Schwab). Was Dir jetzt noch fehlt, ist eine Andrack-Brille und ein hübsches Gesicht, doch was Du da unter DoorOne findest, ist noch nicht ganz das Richtige. Du weisst aber jetzt, wie das mit der Suche geht, und wirst sicher bald auf etwas Andrackmässiges stossen. Willst Du aber noch ein bisschen mehr tun, schreibe schnell noch feinstes Design in das Fensterchen, und kaufe was von den 285 ausgesuchten Kostbarkeiten. Unser Tipp: Der "Eierbecher mit Salzstreuer Snoopy Pink love" ist voll Manuel.

Siehst, Du, Helios (oder sollen wir Manuel sagen?), schon bist Du ein anderer Mensch und Dein Leben ist gerettet. Und jetzt sag mal Danke, Helios. Danke, DoorOne, Du Lebensretter.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Das neue System der Dinge

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (9)


22.11.2006 | 01:53 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Gadgets für später


Wer hier keine Illustration erkennt,
sieht vielleicht nicht mehr so gut
Hin und wieder sorgen wir uns ein bisschen, was später mal werden soll: Wozu schillernde Musikanhörgeräte kaufen, wenn wir taub sind, wozu neue Spielkonsolen, wenn wir sowieso nicht mehr bis zum Display sehen können und das Steuerungsdings noch nicht über automatischen Zitterausgleich verfügt? Wird es überhaupt noch Gadgets geben, die wir zu unserem Flecktarn-Hackenporsche tragen können? Neue Hoffnung verschafft uns das Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern mit dem i-Stick (ertastet bei Medgadget): Wenn der kluge Krückstock bemerkt, dass er hingefallen ist, fordert er seinen Besitzer zunächst auf, ihn wieder aufzuheben. Kommt der Besitzer der Aufforderung nicht nach, ruft der Stock selbstständig einen Notarzt an, der dann Stock und Besitzer zurück in die Vertikale befördern kann. Dass man auf der Website des Fraunhofer IESE nicht den Schatten einer Abbildung des i-Stick finden kann, soll uns erst mal nicht weiter beunruhigen – bis wir alt genug dafür sind, dauert es ja noch ein paar Minuten.


1 2 3 4 [5] 6 7 8 9 10 ...

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Unsittliche Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- Scheckkarten im Handyformat

- Bier nach vier

- Red Bull koffeinfrei

- Brötchentaste

*  SO NICHT:

- letzte Runde

- als Boho getarnte Bauernblusen

- Sekt vor sechs

- Aufknuspertaste


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"The Big White", Mark Mylod (2005)

Plus: 21, 41, 42
Minus: 1, 78
Gesamt: 1 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV