Riesenmaschine

24.01.2007 | 19:06 | Sachen kaufen

Man steigt nie zweimal in denselben Golf


Was wäre eine Parklücke ohne Auto?
Kinder suchen sich Aufgaben, die zu ihnen passen. Als die DDR in den 80ern 20.000 Golfs importierte, weil man das Volk bei Laune halten wollte, habe ich eine Weile versucht, auf der Strasse mitzuzählen, um zu ermitteln, ob diese Zahl der Wahrheit entsprach. Ich kam aber nur bis ca. 500, weil ich immer vergass, wie weit ich schon gezählt hatte. 20.000 Golfs, das waren immer noch 16,98 Millionen zu wenig, um uns alle zu versorgen, was als Weihnachtswunsch vielleicht unverschämt geklungen hätte, aber am Ende immer noch preiswerter gewesen wäre als die Wiedervereinigung. Jetzt gibt es die DDR nicht mehr, aber dafür schon 25 Millionen Golfs, mehr als es von uns je gab! Und wie jeder gute Vater behauptet auch VW, sich über jedes einzelne seiner Kinder zu freuen, was bei 25 Millionen Kindern auch den Gefühlshaushalt eines ausgesprochenen Familienmenschen überfordern dürfte. Aber Autos sind natürlich auch nicht so undankbar.


24.01.2007 | 12:02 | Anderswo | Alles wird schlechter | Zeichen und Wunder

So nass und so nützlich


Gleich kann es Leben retten
Es ist passiert. Nach einer Kampfabstimmung wurde das komprimierte Handtuch heute Nacht um 0:38 Pekinger Ortszeit ins Wasser geworfen. Vorher hatte eine Minderheitenfraktion ihre Einwände gegen das Experiment zu Protokoll gegeben. Es fand dann wider Erwarten keine Explosion statt, noch ass "der Teufelssamen" "uns alle" "auf" (aus dem Protokoll). Im Wasser entfaltete sich die Handtuchtablette vielmehr quälend langsam. Gegen 0:51 nahm sie die Form eines Pac Man an, etwas später wurde daraus ein zu spät abgetriebener Embryo. Schliesslich hatte der Versuchsleiter selbst Hand anzulegen. Das Endergebnis war ein 60 mal 28 Zentimeter grosses, weisses Baumwollhandtuch. Es war triefend nass, das heisst, zum Abtrocknen denkbar ungeeignet.

Damit handelt es sich beim Magischen Handtuch aber keineswegs um eine ähnlich nutzlose Erfindung wie bei der selbstleuchtenden, klebrigen Hand mit Plastikgriff, dem japanischen Heuschnupfenhut oder der CSU. Im Gegenteil. Ein nasses Handtuch braucht jeder Mensch überall und dauernd: Zum Kopfkühlen in der Wüste oder zur Abwehr von Moskitos im Regenwald, für nasse Handtuchschlachten in der Umkleidekabine oder zum Spargelaufbewahren im Kühlschrank. Als fiebersenkender Wadenwickel kann es sogar lebensrettend wirken, oder vor Mund und Nase, wenn im Haus ein Feuer ausbricht. Das sollte man allerdings etwa 15 Minuten vorher wissen, weil das Handtuch die Vorlaufzeit braucht, um seine Wunderkräfte zu entfalten.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Magic Towel Ride

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


24.01.2007 | 01:03 | Berlin | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt | In eigener Sache

Die Bunnies sind wieder da

Ein Jahr lang hatten sich das Supatop- und das Hilfscheckerbunny ins Private zurückgezogen. Haben ausgedehnte Spaziergänge gemacht, gute Bücher gelesen, Kinder bekommen, Klavier gespielt und mit Holz gearbeitet. Es war eine schöne und besinnliche Zeit, doch in den Abendnachrichten schwappte auch ihnen immer wieder unerbittlich die Realität vors Kaminfeuer. Wegen ein paar Karikaturen wurde ein argloser Problembär mit Polonium vergiftet, und Bayern München wurde schon wieder Deutscher Meister. Da können, da dürfen die Bunnies nicht länger schweigen und kehren 2007 zurück auf die Bühne. Ihr erstes bzw. 24. Thema ist natürlich "Wut & Zerstörung"! Als Gäste werden Hermann Bräuer und ein Überraschungsgast erwartet, ausserdem dabei sind der gute alte Fil, der bewährte Bunnygraph Kirk the Kirk und (neu) musikalische Untermalung von Swingin' Cäsar! Rock'n'Roll!

Berlin Bunny Lectures Vol. 24: Wut & Zerstörung
Freitag, 26.1., ab 20 Uhr im nbi, Berlin, Schönhauser Allee 36)


23.01.2007 | 19:03 | Vermutungen über die Welt

Bewusster wetten


Die Entdeckung des Geldbewusstseins durch Kleinsäugetiere. (Foto: AlexK100)
Das Bewusstsein ist ein scheues Tierchen, umgeben von drolligen Mythen. Julian Jaynes zum Beispiel vermutete seinen Ursprung im Ende der prähistorischen Herrschaft der Schizophrenie über die Erde, Sir John Eccles witterte Quantenröhren am Werk, und jeder meint zu wissen, was es ist, aber keiner kann es so recht definieren. Die einen glauben, es ist ein Computerprogramm mit Selbstreferentialität, andere halten das für chinesischen Quark, und die einzige Person, von der wir sicher wissen, dass sie ein Bewusstsein hat, bin ich. Alle anderen sind vermutlich Zombies (ausser Mutti).

Eins der grössten Probleme in der Modedisziplin Bewusstseinsforschung ist, dass objektive Experimente bislang nicht zu haben waren. Weil niemand weiss, wie so ein Bewusstsein auf der neurophysiologischen Ebene aussehen mag, kann man nicht danach suchen, und der einzige offensichtliche Ausweg, die Versuchspersonen einfach zu fragen, ob ihnen etwas bewusst ist, erinnert an die Aufforderung, nicht an einen rosa Elefanten zu denken: die blosse Frage danach, ob jemandem etwas bewusst sei, ändert dieses untersuchte Bewusstsein.

Ein ermutigender neuer Ansatz, der am Sonntag online in Nature Neuroscience veröffentlicht wurde, verspricht Abhilfe: in Experimenten, für die bewusste und unbewusste Strategien gleichermassen zum Erfolg führen können, lässt sich zwischen den beiden unterscheiden, wenn man die Versuchspersonen zusätzlich zur experimentellen Frage auch noch darum bittet, Wetten darauf abzuschliessen, wie gut sie abgeschnitten haben. Interessanterweise ist diese Wettbereitschaft weitgehend unabhängig davon, wie gut man die gestellte Aufgabe tatsächlich beherrscht, und mehr davon abhängig, ob man das bewusste Gefühl hat, zu wissen, was man tut. Das ist praktisch für die Bewusstseinsforscher, die das scheue Geschöpf jetzt vielleicht endlich messen können, ohne es beim Fressen zu stören. Und obendrein bestätigt das Ergebnis, dass die Selbstsicherheit des Menschen nicht viel mit dem zu tun hat, was er kann, aber allerhand mit dem, was er Tolles über sich selbst denken kann. Darauf hätten wir allerdings schon vorher gewettet.


23.01.2007 | 13:12 | Alles wird besser | Fakten und Figuren | Zeichen und Wunder

Von echt unecht nach unecht echt


"Züri in a Box"
(etwas klarer wird das Prinzip am grösseren Bild)
Foto: Jan Bölsche
Vor einer Million Jahren, also in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrtausends, als die Menschen – genauer: die Familienväter – noch Hobbys hatten, die es ihnen ermöglichten, soziale Kontakte auf ein erträgliches Minimum zu reduzieren, versuchten sich einige daran, die Welt jenseits der eigenen Kellerwände möglichst naturgetreu und möglichst zeitintensiv nachzubauen. Aus Platzmangel beschränkte man sich hierbei auf einige wenige Highlights der realen Welt, gern mit einer leichten Fokussierung auf den schienengebundenen Fernverkehr. Weil trotz dieser Beschränkung und der Nutzung des gesamten Souterrains der Platz für einen 1:1-Nachbau noch immer nicht reichte, sah man sich gezwungen, die Welt verkleinert darzustellen, nämlich in H0.

Damit die Peergroup auch was davon hatte und soziale Kontakte dennoch nicht unnötigt vertieft werden mussten, wurden mittels Makroobjektiv Fotos gemacht, die aussehen sollten wie Luftbilder einer realen, auf einer der Ziffer Acht nachempfundenen Gleisanlage endlose Runden durch oberbayerische Bergdörfer mit dem Bahnhof von Baden-Baden drehenden Dampflokomotive mit drei ICE-Waggons. Dass diese Bilder dennoch irgendwie unecht aussahen, lag ausschliesslich an der empörend geringen Tiefenschärfe von Makroobjektiven.

Ganz anders heute: Die überflüssigen Schritte (Vermessung des Originalgebäudes, Produktion und Vertrieb eines Faller- oder Vollmermodells, Erwerb desselben, Zusammenbasteln des Modells mit Flüssigkleber, künstliches Altern mittels Staubpinsel) werden weggelassen und stattdessen einfach ein Digitalfoto der Originalszenerie angefertigt. Die mangelhafte Tiefenschärfe kann entweder mittels Tilt-Shift-Objektivs (teuer) oder per Bildbearbeitung (aufwendiger) hergestellt werden. Die Bilder sind viel grossartiger, massstabsgetreuer, schöner und frei von Achtförmigem. Und weil das ganz ohne Modelleisenbahnlandschaft geht, ist im Keller jetzt endlich wieder genug Platz für den ungestörten Flug mit dem Modellflugzeug.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Sex in H0


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