Riesenmaschine

14.02.2007 | 03:31 | Alles wird besser

Die Religion der Musik

Die Art, seine täglich Musik zusammenzustellen, ist die neue Religion und sie ist besser als die alten. Last.fm-Gläubige sind Buddhisten, die ihr Innerstes auch anderen zugänglich machen wollen. Pandora-Anhänger sind Atheisten, die Zahlen und Wissenschaft mehr vertrauen als dem Glauben an ein höheres, verbindendes Musikwesen. iTunes-Nutzer sind leicht rückschrittlich, weil sie nur bekannte Musik hören können, dafür lässt sich iTunes fast beliebig feinjustieren, wie man es gerade braucht; Christen also. Anhänger physischer Musikträger leben gefühlt im Jahr 1428, sind also Muslime. Schliesslich gibt es auch AOL-Radio, das aus technischen Gründen häufiger in der Presse ist, als es die Anzahl der Anhänger vermuten lassen würde.

Und nun gibt es eine neue neue Religion. Sie heisst Musicovery und funktioniert nur noch mit Stimmungen und Musikrichtungen. Ihre Stärke ist, dass die Feinjustierung der gespielten, neuen Musik nicht über tumbes Ja-Nein-Geschreie funktioniert, sondern über die selbst eingestellten Stimmungen, parallel dazu die äusserst notwendige Baujahreingrenzung, was soll man mit Musik aus den 90er Jahren? Da nimmt man gern in Kauf, dass eine LowFi-Version kostenlos ist und die HiFi-Version wenige Dollar im Monat kostet. Dafür ist auch alles schön bunt und noch webzweinuller als in den kühnsten Träumen jedes Venture-Capital-Vogels. Der allerbeste Vorteil ist jedoch, dass man, wie im Steuerfeld nebenan zu sehen, Reggae einfach ausschalten kann.


13.02.2007 | 22:09 | Nachtleuchtendes | Sachen kaufen

Im Dunkeln tippen


Zum Blindschreiben kann das Licht
dank 4AA-Batterien auch ausgeschaltet bleiben.
Haha, eine solarbetriebene Tastatur (via The Sietch Blog)! Als ob nachts die Sonne scheinen würde! Was kommt als Nächstes, solarbetriebene Spiegelkugeln? Generell wird das Prinzip Solar überschätzt, alle der Redaktion bekannten Solartaschenrechner rechnen auch tagsüber nur dann, wenn man sie vor den hell genug eingestellten Monitor hält. Aber vielleicht ist das ja mit der Solartastatur, die sich ohnehin gern vor dem Monitor aufhält, ganz ähnlich. Fehlt nur noch der letzte, folgerichtige Schritt, den Monitor aus der kinetischen Energie der Tastaturbetätigung mit Strom zu versorgen. Bis zur Entwicklung der Tastatur, die ihren Energiebedarf selbstständig aus hineingekrümelten Lebensmitteln deckt, wäre das schon mal eine akzeptable Übergangslösung.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Cykelbelysning


13.02.2007 | 11:06 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Eingeschränktes eingeschränktes Halteverbot


Dieses Bild ist von Luzie, die im Übrigen auch hervorragende Torten macht
Berlin – eine famose Stadt, die es als eine der wenigen versteht, ihrem eigenen Klischee hinterherzuperformen und damit die Gefühlsamplituden der Menschen auszuloten, obwohl man ihr aus Zweckgründen verbunden sein muss. Wäre Berlin Web 2.0, es hätte vier Millionen Xing-Kontakte, aber maximal anderthalb Millionen Myspace-Freunde. Deshalb ist es wichtig, Berlin nur mit Gebrauchsanweisung zu betreten, so aufgeschmissen ist man ohne KnowHow und KnowWhom sonst nur noch in der kanadisch-tschechischen Wildnis. Das weiss auch die Administration, deshalb gräbt sich tief ins Gedächtnis jedes Berliner Oberstufenschülers die im Sozialkundeunterricht gelernte Ansage, was man zu tun habe, wenn es in der U-Bahn zu Aneinandergerätlichkeiten kommt. Man ruft nicht "Hilfe, Hilfe", sondern spricht die Mitfahrenden gezielt an, nach der Art: "Sie mit dem albernen Haarschnitt und dem Schnurrbart, helfen Sie mir, ich werde überfallen!" Die direkte Ansprache weckt das Verantwortungsgefühl und erhöht die Chance auf kooperatives Verhalten dramatisch.

Dieser Mechanismus wird in Neckarsulm nun einer interessanten Gegenprobe unterzogen. Wie an dieser Stelle nachzusehen, gibt es dort das nebenstehende Verkehrsschild, das sich weder nach Berliner Methode an explizite Einzelne noch nach gehabter Verkehrskommunikation an alle richtet, sondern an alle ausser explizite Einzelne, in diesem Fall Brautpaare. Die spieltheoretische Annäherung sagt, dass dort mehr Menschen häufiger heiraten werden, um seltener falsch zu parken, sehr wahrscheinlich kann so per Verkehrsschild der Rückgang der Geburtenrate bekämpft werden; entgegen der verbreiteten Ansicht wird die Welt besser durch mehr Schilder (mit Ausnahmen).

Dieser Beitrag ist ein Update zu "Präzision und Alltag" und "Verkehrssicherheit muss lustiger werden".


13.02.2007 | 01:43 | Nachtleuchtendes | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

"Zeit für Tubby Blinkidinki"


The medium is the message
Wer je einen Autozubehörkatalog in den Händen hielt, wird bestätigen können, dass der Individualisierungsdrang des autofahrenden Teils der Bevölkerung in dem Masse zunimmt, in dem das Autodesign gleichförmiger wird. In diesem Zusammenhang fast nicht mehr erwähnenswert erscheint es, dass die Pflanzmich GmbH auf blinkidinki.de ein ebenso nutzloses wie kindisch benanntes Tool vorstellt, den "Blinkidinki"; ein verblüffend hässliches Kommunikationswerkzeug für die Heckscheibe. Per Infrarotfernbedienung kann man fünf verschiedene Botschaften einstellen, die das Gefühlsspektrum des durchschnittlichen Autofahrers vollkommen abdecken: Einen lächelnden und einen traurigen Smiley, ein "Thanks", ein "Back off" und ein "Idiot". Aufgrund vorhersehbarer Komplikationen mit dem §185 StGB empfiehlt der Hersteller jedoch, die Hotkeys "Idiot" und "Lächelnder Smiley" nur sehr schnell hintereinander abzuspielen.


12.02.2007 | 17:43 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Becherchen

Vor genau 200 Jahren machte in Karlsbad, dem Mineralquelleneldorado Böhmens, ein findiger Apotheker mit Namen Becher eine Entdeckung. Statt dem angeborenen Label aufs Erstbeste zu genügen und Sprudelwasser auszuschenken, brannte Josef Becher Lebkuchenschnaps, den Karlsbader Becherbitter, und tatsächlich erfreut sich dieser als Becherovka bis heute einer gewissen Beliebtheit. Ins Ausland exportiert man ihn in jacketttaschengrossen Fläschchen mit aufgeschraubtem Trinkgefäss. Das sieht nett aus, und wer knapp bei Kasse ist, kann in Lokalen billig bestellte Softdrinks mit einer schnellen Kappe B. zum Cocktail upgraden. Diesen kleinen Getränkemogel mag ein Feldforscher der Supermarktkette Billa beobachtet haben. Nicht unfindig, beschloss er, in den eigenen Regalen diebstahlgefährdete, weil teure Spirituosen anderer Marken mit einem aufgeschraubten Becherchen als Köder auszulegen. Sollten doch die zechprellenden Becherovkatrinker zugreifen und versuchen, die Flaschen zu stehlen.

Am Ausgang gäbe es lautstark die Quittung: der Dosierbecher, gar kein Becher, sondern eine elektronische Warensicherung. Ha! Bottlekey heisst der Evil Twin des tschechischen Bechers, logisch ist das nicht, braucht doch die Billakassiererin erst recht einen Patentschlüssel, um ihn zu entfernen. Aber wo gibt es schon noch ehrliche Namen in der Welt des Konsums? Seit den sechziger Jahren steht Billa für "Billiger Laden", im Billa Corso in den Wiener Ringstrassengalerien steckt der "Mogelbecher" allerdings vornehmlich auf Weinen über 25 Euro. Nur der Becherovka heisst wie er ist: ein ehrlich bekennender Becherbitter – pappt an der Zunge und kratzt im Hals. Happy Birthday, old B.


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