Riesenmaschine

20.06.2007 | 10:28 | Berlin | Alles wird besser

Meistens in den seltensten Fällen nie

Mit Logik kommt man im Marketing nicht weiter. Paradoxien wie "gleich ist das neue anders" ebnen den Weg ins Herz der Verbraucher (wir berichteten). Sony Ericsson und Nokia jedenfalls schenken sich nichts, wenn es um die Zurschaustellung ihrer offensichtlichen Ratlosigkeit in Bezug auf ihre Zielgruppen geht: "Du hast viele Seiten, welche lebst du heute?" fragt der finnische Marktführer per Plakat die unberechenbare Kundschaft. Der schwedisch-japanische Wettbewerber kontert mit Handys für "mein anderes ich".

Während man in den Marketingabteilungen also langsam einsieht, dass, wer in Zielgruppen denkt, die Kunden nie verstehen wird, ist die Berliner Sparkasse schon wieder weiter. Die Bank wirbt nämlich nun auf Plakaten mit einer Headline von stupender Logik: "In Berlin macht jeder seins, die meisten bei derselben Bank". Die meisten Kunden hat natürlich dieselbe Bank, wie sollte es – logisch betrachtet – auch anders sein?

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Universal Selling Proposition


19.06.2007 | 22:30 | Alles wird besser | Was fehlt

Mit Musik geht alles besser


Und der Mensch heisst Mensch, weil er erinnert, weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt.
Das AFT iCarta iPod Soundsystem mit integriertem iPod-Dock ist eine grosse Erfindung, vielleicht die grösste nach den Pommes frites. Sie ist ein reales Zeugnis für die Vorrangstellung des Menschen auf diesem Planeten.

Der Mensch steht an der Spitze der Nahrungskette. Er hat z.B. die Pommes frites entdeckt. Pommes frites mag jeder, es gibt keinen, der Pommes frites nicht mag. Nur Tiere mögen keine Pommes frites. Der Mensch führt aber auch die Verdauungskette an. Der Sperber und der Mull, sie kennen nicht Bidet noch Hakle Feucht – gedankenlos scheissen sie die Wälder und Grotten voll. Auch kennt die Kreatur Musik nicht. Sie ist taub für den Wohlklang, sie kann nur heiser bellen, fauchen, zirpen, gurren, röhren, keckern und grunzen.

Wohlklang und Stuhlgang zu kreuzen ist mithin eine Zivilisationsleistung ersten Ranges, dem Schritt aus dem Ozean an Land vergleichbar oder der Teilung der Urzelle.


19.06.2007 | 10:45 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Are we rudy fer the bake shah?


Plase ramabar, averyune: tines es a vary rimuntec scene thit ends en trudgady
Gerade orthodoxen David-Lynch-Fans sind zwei Aspekte im Oeuvre dieses singulären Meisters vollkommen unbekannt, einerseits, dass er ungeheuer komisch ist, eine Komik, die in allen seinen Filmen immer wieder herausblitzt (Der Cowboy in "Mulholland Drive", die Enten in der Zeichentrickserie "Dumbland"), sie scheint aber offenbar unwillkommen, man hat sich eingerichtet mit der Exegese, er sei düster, unheimlich und böse, und in dieser Schublade ist Klamauk und Klamotte nun mal kontraproduktiv. Darunter hatte schon Kafka zu leiden, der während Lesungen im privaten Kreis vor Lachen schon mal unter den Tisch gerutscht ist, während Freund und Nachlassverwalter Max Brod selber gern unter den Tisch gerutscht wäre, allerdings vor Scham.

Die andere unbekannte Tatsache Lynchs, und sie schliesst nahtlos an den ersten Aspekt an, ist eine Fernsehserie namens On the Air. Sie wurde erstmals 1992 ausgestrahlt und ist gnadenlos gefloppt, laut Lynch, weil sie im Sommer, am Samstag und in der Nacht lief, drei tödliche Komponenten, kein Mensch sitzt da vorm Fernseher, kein Mensch kennt sie demzufolge, und weiss deshalb, dass sie fraglos zu dem Lustigsten gehört, was je für den Film- und Fernsehsektor produziert wurde. Der eigentliche Grund wird aber vermutlich sein, dass OTA ganz knapp nach Twin Peaks lief, teilweise parallel zu Twin Peaks gedreht wurde, die Leute waren konditioniert auf den Grusellynch, und wollten oder konnten einen alle und alles mit Slapstick der billigen Art zerstörenden Lynch nicht akzeptieren.

Das Thema der siebenteiligen OTA-Serie ist der regelmässige Versuch 1957 sowas wie das erste Livefernsehen mit der "Lester Guy Show" zu installieren, etwas, was dann aber regelmässig gewaltig in die Hose geht. Das beste an dieser Serie ist das haarsträubend unkompatible Personal, unter diesen Bedingungen kann natürlich nichts gedeihen, ausser Chaos. Lester Guy (Ian Buchanan), bekannt aus Twin Peaks, als Lucy den Kopf verdrehender Warenhausbesitzer, ist ein abgehalfterter, eitler Schauspieler, der unter der Leitung des heillos überforderten Regisseurs Vladja Gochktch einerseits versucht, das Zentrum des Geschehens zu sein und sein Gesicht zu wahren, und andererseits, Intrigen zu spinnen. Hier weiss niemand was der andere macht bzw. vorhat, es gibt kein Zentrum, keine Orientierung, deswegen muss alles scheitern. Der einzige Kitt des Zusammenhalts ist der schreiend komische Dialekt Vladja Gochktchs (eine auffallende Analogie zu den rückwärts sprechenden Zwergen in Twin Peaks): "Sha cun wutch ot un talavosion en yir un hime" ("She can watch it on television in your own home").

Leider kann man es eben nicht im Fernsehen zuhause anschauen, es existieren weltweit nur eine Handvoll mürber Videos, DVDs überhaupt nicht, deshalb die Serie als bulgarische Filmspulen am 22. Juni, 21 Uhr in der Möbel- und Getränkehandlung Phil, Gumpendorferstrasse 10, 1060 Wien, und, um es noch verwirrender zu machen, mit japanischen Untertiteln.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


19.06.2007 | 00:56 | Supertiere | Zeichen und Wunder

Löffelstör, warum hast du so eine grosse Nase?


Da nichts eingebrockt ist, gibt es auch nichts zu löffeln.
(Quelle, Lizenz)
Wir würden seine Antwort nicht verstehen, aber sie würde wohl "Ist keine Nase, sondern ein Rostrum. (Idiot.)" lauten. Lange vermutete man, dass das Organ von der Sonderpalette der Alleinstellungsmerkmale für Tiere zur Nahrungsaufnahme dient, so wie die meisten, die vorne angebracht sind. Natürlich hatte man es sich zu einfach gemacht, genau wie mit der Theorie, dem Fortsatz die Rolle eines Stöberers im Flussboden zuzuschreiben. Im Gespräch waren ausserdem noch Funktionen als Auftriebskörper und sicher auch die üblichen Witze zu jedwedem langen Gerät oder als Abstandshalter im Getümmel.

Seit den 70ern ist zudem bekannt, dass das Rostrum auf elektromagnetische Reize reagiert. Kürzlich fügten die Löffelstörspezialisten Lon Wilkens und Michael Hoffmann in ihrer hübsch bebilderten Arbeit hinzu, dass es der Fisch tatsächlich einsetzt, um die elektromagnetischen Felder von Wasserflöhen aufzuspüren und sich überdies damit zu orientieren, die Grabwerkzeughypothese darf sich schlafen legen.

Das Schönste am Löffelstör ist allerdings, dass er, wie viele gute Tiere, die letzten paar Jahrmillionen Evolution unbeschadet überstanden hat und den Fossilien seiner Ahnen ausgesprochen ähnlich sieht. Seine Position im Stammbaum gibt besser als bei anderen Fischen Auskunft, wie sich die Hände, Tatzen und Elefantenfüsse aus Flossen entwickelt haben. Den meisten Menschen wäre wahrscheinlich ein ordentliches Rostrum lieber, um im Dunkeln überall und jederzeit was zu essen zu finden. Oder auch nur als Abstandshalter in der U-Bahn. Nasen sind dazu klar der falsche Weg.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Schleimaals Kinder


18.06.2007 | 12:02 | Anderswo | Listen

Klagenfurt-Totalisator


Wie jedes Jahr findet in Klagenfurt auch heuer wieder das Ingeborg-Bachmann-Wettlesen statt, wie jedes Jahr sind 18 Teilnehmer, 9 Juroren, ungezählte Journalisten und Verlagsmitarbeiter am Start, und wie jedes Jahr weiss die Riesenmaschine auch in diesem Jahr den Gewinner im voraus.

Das Wettlesen – für alle, die es nicht kennen – orientiert sich in groben Zügen an den Erfolgsformaten 'natürliche Auslese' und 'Deutschland sucht den Superstar', wird live auf 3sat übertragen und hat mit Literatur zu tun, jedenfalls teilweise. Drei Tage lang tragen die Kandidaten Selbstverfasstes vor, dann sagen die Juroren Wohlüberlegtes, und am Ende spielen alle zusammen Fussball gegen die Fernsehtechniker und verlieren.

Die Riesenmaschine bietet überforderten Zuschauern, Lesemuffeln und Verlagsagenten, die kieloben im Wörthersee treiben, als Serviceleistung und zum Zweck frühzeitiger Favoritenerkennung deshalb eine Aktienbörse an. An dieser Börse kann jeder teilnehmen, der eine E-Mail-Adresse hat und sich zuvor bei Inklingmarkets registriert. Dort findet sich auch eine Anleitung, Auskünfte zu den Autoren usw.

Als Startkapital erhält jeder Teilnehmer 5.000 Dollar Spielgeld, die in Aktien der 18 Kandidaten investiert werden können. Die Aktien haben einen Startwert von $5,55, und nur die Aktie des späteren Ingeborg-Bachmann-Preisträgers wird zum Börsenschluss am Sonntag mit $100 ausgezahlt. Wer dann das meiste Geld hat, gewinnt. Und zwar folgende Preise:

1. Platz: Grosses Riesenmaschine-Buchpaket der qualitativ hochwertigen, von Fachleuten zertifizierten Literatur
2.-4. Platz: Passig / Scholz: Lexikon des Unwissens (gleich nach Erscheinen, also im Juli irgendwann) oder Rubinowitz: Das staubige Tier oder Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels (Buch oder Hörbuch) oder Friebe / Lobo: Wir nennen es Arbeit nach Wahl
5.-10. Platz: ein Riesenmaschine-T-Shirt nach Wahl

Teilnehmende Frauen können zusätzlich eine Nacht mit Jochen Schmidt gewinnen. (Bildeinsendung erforderlich, ein Rechtsanspruch besteht nicht.)

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Bilder von Menschen, die vor Kameras Sachen machen


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