Riesenmaschine

17.09.2008 | 07:15 | Anderswo | Essen und Essenzielles | Papierrascheln

Fruchtig, frisch und urgesund

Man kann heute nicht mehr alles so dahinbehaupten, selbst im Fachgewerbe für gezieltes Dahinbehaupten, dem Marketing. Vor allem auf dem Feld der Gesundheitsbehauptungen schauen Verbraucherschützer in letzter Zeit ganz besonders genau hin, ein Zeichen dafür ist die seit Juli 2007 gültige EU-Verordnung zu nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben von Lebensmitteln.
Auf Herstellerseite gilt es nun, nach neuen Wegen zu suchen. So wird derzeit von einem uns nicht genauer bekannten Grosskonditor, der unter anderem das Café des Diakonie-Wohnstifts am Westerberg in Osnabrück beliefert, das Mittel der masslosen Übertreibung und Satire angetestet. Möglichen Klagen durch Verbraucherschutzverbände hofft man entgegensetzen zu können, dass die Behauptung, ein Sahneteilchen sei "urgesund", nun beim besten Willen nicht ernst gemeint sein könne. Sollte das durchkommen, ist es bis zum Musterprozess für Kunstfreiheit auf Warenetiketten dann nur noch ein kleiner Schritt.


15.09.2008 | 16:12 | Anderswo | Alles wird schlechter | Vermutungen über die Welt

No smoking in hell

Das allgemeine Rauchverbotbashing, das in Deutschland seit der Teil-Einführung des Rauchverbots in der Gastronomie betrieben wird, ist öde und überflüssig, und der Bruderschaft der Raucher, die sich über Nacht im Widerstand formierte, möchte man kein Bruder sein, auch als Raucher. Ein Rauchverbot in Gaststätten, Kneipen und an ähnlichen Örtlichkeiten ist zu begrüssen, denn es nützt nicht nur den Nichtrauchern, sondern auch den Rauchern, einfach weil sie weniger rauchen. Rauchen ist nämlich kein Spass oder gar Genuss, sondern ein üble, ungesunde Sucht; das weiss eigentlich jeder langjährige Raucher. Allerdings sind Rauchverbotsfanatiker erst recht unangenehme Menschen. Und in Hongkong treiben sie es zu weit. Nicht nur in öffentlichen Parks und an allen Stränden darf man seit einigen Jahren nicht mehr rauchen, sondern auch an öffentlichen Barbecue-Plätzen in der Natur, wie hier direkt neben dem Hap Mun-Strand auf der entlegenen und unbewohnten Kiu Tsui-Insel. Dort wo sich Schwaden glimmender Holzkohle mit denen von Kerosin und Paraffin der Grillanzünder mischen, dazu der Odeur von verkohltem Schweinebauchfleisch, können wohl selbst verqualmte Stangen amerikanischer Marlboro, chinesischer Panda oder koreanischer Esse kaum schaden. Als Nächstes darf man dann auch im Krematorium nicht mehr rauchen, auch post mortem, versteht sich. Und wohin dann mit den Leichen?

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (14)


10.09.2008 | 02:16 | Was fehlt | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Das Internet ist zum Vergessen da


Irgendwas bleibt immer zurück. (Foto / Lizenz)
Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist nicht die lustige Figur mit Schlapphut, Sonnenbrille und hochgeklappten Mantelkragen, die erscheint, wenn man ein Inkognito-Fenster öffnet, und auch nicht der Hinweis, dass trotz Inkognito-Fenster Vorsicht geboten sei bei "Überwachung durch Ermittlungsbehörden" und "Personen, die hinter Ihnen stehen". Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist das Fehlen einer vernünftigen Verwaltung der Bookmarks. Dass eine fehlt, behaupten jedenfalls die einschlägigen Medien. Nachprüfen lässt es sich nicht. Wie bitte sollte man sich auch eine vernünftige Verwaltung von Lesezeichen vorstellen?

Der kaum zu überschätzende Burkhard Müller schrieb vor einiger Zeit im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung den für alle Ewigkeiten gemachten Satz, Romane seien zum Vergessen da. "Man weilt bei ihnen zu Gast, und ein Besuch währt nicht ewig. Mitnehmen darf man den Anklang einer Atmosphäre, die Färbung eines abendlichen Gesprächs, die Erinnerung an das Lächeln der Gastgeberin. Aber das Tafelsilber einzustecken, ist roh und taktlos. Man soll nicht darauf beharren, nach zwanzig Jahren noch genau den Handlungsgang und die Namen der Hauptfiguren zu rekapitulieren. Es bleibt schon was zurück, keine Sorge, und zwar das Beste; doch lässt es sich in seinem Bestand keine Kontrollen gefallen."

Was für Romane gilt, gilt für das Internet natürlich allemal. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, sei es in Bücher oder Browser, hat die Kapitulation vor der unübersichtlichen Quasiunendlichkeit des menschlichen Wissens schon so gut wie unterschrieben. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, der kann das Lesen eigentlich gleich sein lassen. Er wird eh nie das Gefühl haben, das Richtige gelesen und sich daraus das Wichtigste gemerkt zu haben.

Wer hingegen darauf vertraut, dass das Beste schon zurückbleiben und dass alles Wichtige und Interessante einem so oft über den Weg laufen und winken wird, bis man darauf aufmerksam geworden ist, kann ohne grosse Angst weiterlesen. Er wird auf seinem Sterbebett vielleicht auch nicht das Wichtigste vom Richtigsten wissen, durfte dafür aber sein Leben lang bequem ohne Bleistift in der Hand lesen und konnte mit seinem Geld statt Notizzettel und Lesezeichenverwaltungssoftware der Liebsten schöne Geschenke kaufen. Irgendwann wird ihm auch ein Browser zur Seite stehen, der beherzigt, dass das Internet zum Vergessen da ist. Das Fehlen einer vernünftigen Lesezeichenverwaltung bei Chrome ist da nur ein Anfang. Bestimmt.


08.09.2008 | 02:01 | Berlin | Supertiere | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Spitznasige Zielgruppen


Foto mit freundlicher Genehmigung von hcl.
Sehr spät, aber nun doch, hat die Werbeindustrie endlich den Maulwurf als Zielgruppe entdeckt: Dank seiner geringen Lebenserwartung (4 Jahre) ist er besonders konsumfreudig, denn langfristige Geldanlagen lohnen sich sowieso nicht. Er neigt zu Impulskäufen, will sich aber von opulent gestalteter Werbung und klangvollen Namen verführen lassen – starke, traditionsreiche Marken haben hier beste Chancen. Da die Mehrheit der Maulwürfe dem sozialen Milieu der erdverbundenen Traditionalisten angehört, zeitigen Internet- und auch Fernsehwerbung zu grosse Streuverluste, um sinnvoll eingesetzt werden zu können. Das Mittel der Wahl ist daher die klassische Aussenwerbung. Im Bild eine speziell angefertigte Litfasssäule nahe des Reichspietschufers in Berlin, mit Anzeigen für Nagelreiniger, Leselampen und Staubsauger.


05.09.2008 | 12:04 | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

Playmobilienkrise


Eine Schildkröte im Computertomographen!

Selbstentfremdung deluxe: Der Sklave freut sich über sein Dasein.
Auf die Immobilienkrise folgt die Playmobilienkrise. Ein mittelmässiges Wortspiel, das sich aber angesichts der Neuheiten aus dem Playmobil-Katalog 2008/2009 kaum vermeiden lässt. Der fränkische Spielwarenhersteller setzt weiterhin auf eine verantwortungslose Schönfärberei der Welt, die selbst den dümmsten Kindern sauer aufstossen müsste wie zu viel Capri-Sonne.

Begonnen hatte die fatale Entwicklung hin zur kompletten Realitätsignoranz bekanntlich mit einem Krankenhaus voller lachender Menschen. Statt diese groteske Umdeutung der Welt im neuen Katalog mit dem Ergänzungsset "traurige Onkologie" zu korrigieren oder sich aktuellen Themen wie dem Klimawandel oder dem Kaukasuskonflikt zu stellen, lautet das Motto nun "Sprechstunde in der Tierklinik": Kühe, Esel und Ponys werden mit Pflastern und Verband versorgt, während in der echten Welt Menschen sterben. "In der Tierklinik geht's heut rund / Hier kommt ein verletzter Hund", heisst es naiv-aktionistisch in der zugehörigen Werbejingle. "Zur Behandlung kommt die Ärztin rein / Beim Röntgen sieht man sein gebrochenes Bein. / Jetzt noch schnell den Verband angelegt / Dann ist er schnell gesund gepflegt." Von den Tieren, die nicht mehr gesund werden, ist natürlich nicht die Rede.

Auch in der historischen Abteilung ist die Ausblendung aller negativen Seite der Geschichte virulent: eine Spielwelt Ägypten, schön und gut. Aber was denkt man bei Playmobil, wer die Pyramiden gebaut hat? Lachende Sklaven? Wohl kaum. Dass im Zubehörkatalog immer noch ein Set Konförderierten-Truppen angeboten wird, wirkt in diesem Zusammenhang besonders zynisch. Die echte Welt ist leider nicht so gut gelaunt und "von drei Seiten bespielbar" wie der Dachs- und Fuchsbau mit der Artikelnummer 4204, das weiss auch der kleinste Dreikäsehoch-Kunde. Playmobils Plan, ihn für dumm verkaufen zu wollen, wird nicht aufgehen.

Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf dem kommenden Lego-Katalog. Erste Bilder, die im Internet aufgetaucht sind, verheissen jedoch nichts Gutes: Auch hier scheint sich der der Trend fortzusetzen, zum Preis von 170 Euro Modelle anzubieten, die so aussehen, wie das, was Volker Jahr mit sieben aus den Resten in der Legokiste selbst zusammengebaut hat. Kinderzimmer, quo vadis?


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"Der rote Kakadu", Dominik Graf (2006)

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