Riesenmaschine

29.04.2007 | 19:45 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Heil, Haus!


Vergangenheit, auch nicht mehr das, was es mal war (Foto: Effervescing Elephant, Lizenz)
Häuser gehen oft einfach kaputt. Man sieht es anfangs meist nicht, aber kaum wartet man mal ein paar hundert Jahre, kommt ein Krieg oder ein Tsunami und schon ist die schöne Immobilie dahin. Genaugenommen sind Häuser sogar deutlich zerbrechlicher als die meisten andere Dinge, Sterne z.B. halten klar länger und sogar die katholische Kirche ist älter als die allermeisten noch stehenden Häuser. Sehr besorgt über diese Sachlage ist man auch am NanoManufacturing Institute (NMI) in Leeds. "So kann es nicht weitergehen, wirklich nicht", haderte man dort täglich mehrere Stunden lang. Und fand die Lösung: Die Häuser sollen das Problem gefälligst selbst lösen. Ein erstes solches selbstheilendes Haus entsteht derzeit in Griechenland, einem Land voll mit leidgeprüften Ruinen. Hier die Grundidee: Zunächst stopft man das Haus voll mit Sensoren, Netzwerk und RFID-Küken, und bringt ihm bei, Selbstgespräche zu führen. "Riss, da, Ecke hinten rechts."- "Wie, Riss?" – "Weiss doch auch nicht, Erdbeben, Krieg, Schwertransporter, jedenfalls Riss." – "Ok, Riss." Hat sich das Haus auf eine Diagnose geeinigt, jammert es nicht gross rum, sondern sagt zunächst seinen Bewohnern Bescheid und füllt dann flüssige Riesenmoleküle in den klaffenden Riss, die, dort angekommen, erstarren, und die Wunde somit fachgerecht verschliessen. Anschliessend klopft sich das Haus selbstzufrieden auf den Giebel.


28.04.2007 | 10:23 | Alles wird besser | Sachen anziehen

It's Fara Day


E-Nostalgie (Foto: squelchey, Lizenz)
Gummischuhe mögen der Trend des Sommers 2007 sein, aber der Faraday-Käfig ist der Trend des 22. Jahrhunderts. Elektromagnetismus, die Geissel unserer Zeit, lässt sich nur mit Hilfe von Metallgittern bekämpfen, und solange es noch Metall auf der Erde gibt, wird man reich werden, wenn man Faraday-Käfige produziert, die, wenn richtig angewendet, die tödlichen Elektronen vom Körper abwenden. Im April 2007 wurde Sarah Dacre noch belächelt. Geplagt von WLAN-Terror und Mobile-Trubel. war sie eine der ersten staatlich geprüften Elektromagnetismus-Kranken, und ihr auf dem Kopf getragenes Faraday-Netz sah für die damalige Zeit kaum unmodischer aus als ein Moskito-Schutz. Aber schon bald danach, als Atom-U-Boote fortwährend explodierten, nuklearer Regen niederging, und zu allem Überfluss auch noch die Sonne koronale Strahlenstürme auf uns warf, wurde es unerlässlich, zuverlässige Faraday-Käfige, -Hüte, und -Decken in Massenproduktion anzubieten. Der Faraday-Käfig, "their time is NOW" – als Geschäftsidee praktisch das, was die Klimaanlage im Jahr 2007 war.


26.04.2007 | 05:04 | Alles wird schlechter | Vermutungen über die Welt

Die Krankheit der Massen


Was kommt als Nächstes, anonym über Regierungen abstimmen? (Foto: hjl, Lizenz)
Drüben in der ausländischen Blogo-Ecke reden gerade alle wild durcheinander, weil Whoissick.org ans Licht der Öffentlichkeit getreten ist. Who-Is-Sick ist eine unglaublich geistreiche Erfindung, mit der man zum Beispiel erfahren kann, dass es in Göttingen im Moment drei anonyme Menschen mit Kopfschmerz, aber nur einen mit Magenschmerzen (Klein-Lengden) gibt. Das kann sich natürlich praktisch jederzeit ändern, Magenschmerzen gehen ja manchmal ganz plötzlich vorbei, zum Beispiel auf dem Klo. Das Theater fing wohl damit an, dass Boingboing am Dienstag manisch-aufgeregt herumpostulierte, es handele sich bei der Kopfschmerz-Spielerei um ein valides wissenschaftliches Instrument zur Epidemiologie. Medgadget, seit langem das Kompetenzzentrum in Sachen Medizin in Bloggy Nation, kann das so nicht stehenlassen, und sieht Who-Is-Sick stattdessen als offene Einladung an Hypochonder, ihre einfältigen Symptome publik zu machen. Das ist wohl eine komplett richtige (obschon der Selbstdarstellung der Schnupfen-Masher widersprechende) Feststellung, die nur zwei Gegenargumente zulässt: Welcher Hypochonder möchte schon anonym bleiben? Und selbst wenn, eine Landkarte der Hypochondrie, warum nicht? And there it goes, hin und her, Kopfschmerz, Durchfall und Cholera, es ist nicht schön, wie so oft, wenn es um Krankheiten geht. Und irgendwo in den Kommentarschlünden oder auch in der kongenialen Diskussion über die Abstimmung über Verbrechen in Grossstädten schlummert hier die fundamentale, jedoch leicht zu beantwortende Frage, wie weise die usergenerierte Weisheit der Masse schon sein kann, wenn man sie zum Beispiel durch ein Google-Öhr zwängt. Oh, da, eine laufende Nase in Kassel.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


25.04.2007 | 01:08 | Anderswo | Nachtleuchtendes

Leute, sie haben uns


What a bloody disgusting planet (Credit: E. De Jong and S. Suzuki, JPL, NASA)
Wie wir in diesem Moment erfahren, haben sie uns jetzt. Sie – die Bewohner von, wie sie es nennen, Planet Erde, nach unseren Studien ein Fels-Wasser-Derivat, etwa zwei Drittel so gross wie unser Planet, den sie idiotischerweise Gliese 581c nennen. Es war irgendwann auch nur noch eine Frage der Zeit. Immerhin sind sie nur 20 Lichtjahre weg und jede mittelgute Zivilisation kommt irgendwann auf die Idee, Dopplerverschiebungen von Sternen zu messen, und so Planeten zu finden. Sie waren relativ schnell, 12 Jahre nur von der ersten Planetenentdeckung 1995 (was die Leute auf 51 Peg ganz schön verwirrt hat) bis zur Entdeckung unseres "habitablen" Planeten. "Habitabel" nennen sie es, ha, wenn sie wüssten, was man alles habitabilisieren kann, wenn man nur will. Aber jetzt sind sie ganz aufgeregt, weil es bei uns genauso warm ist wie bei ihnen, und das, obwohl wir gerade unter globaler Erkältung leiden. Nach unseren Erfahrungen wird es jetzt nur noch ein paar Jahre dauern, bis sie unsere Atmosphäre finden, dann unser Meer, dann unser Radio hören und schliesslich Pläne schmieden, unsere kargen Sandvorräte zu rauben. Verdammt, ausgerechnet jetzt, wo wir kurz davor stehen, herauszufinden, wie man Diamanten in dieses preiswerte schwarze Heizmaterial umwandelt.


23.04.2007 | 19:27 | Nachtleuchtendes

Glatte Stellen am Otter


Ersatzbild (Fotograf, Lizenz). Der echte Itokawa ist nicht rechtefrei.
Anderthalb Jahre nach der grossspurigen Ankündigung ist es Zeit, einen zweiten Blick auf unseren Lieblingsasteroiden Itokawa zu werfen. Kurze Rückblende: Der wurstartige Schutthaufen namens Itokawa ist seit Herbst 2005 im Blickwinkel des japanischen High-Tech-Satelliten Hayabusa, der mit LIDAR, ONC-W, STT, FBS und noch anderen exotischen Buchstaben ausgestattet ist. Mittlerweile hat Hayabusa einiges erlebt, z.B. fiel im Herbst 2006 eine Hitzelinie aus, man riskierte das Einfrieren des Treibstoffes. Und dann fingen im Dezember 2006 auch noch die RCS-Thruster an zu backen. Nichtsdestowenigertrotz: Erfolgreich verlief die Landemission MINERVA, bei der Proben des asteroidalen Schutts zusammengekehrt wurden. Im Sommer 2006 widmete das internationale Wurstmagazin Science Itokawa eine Sonderausgabe, deren Inhalt von den Japanern auf vorbildlich anschauliche Art und Weise zusammengefasst wird. Bei Itokawa, mittlerweile wohl so etwas wie der bestfotografierte Asteroid aller Zeiten, handelt es sich, so die Erkenntnis, keinesfalls um eine Wurst, sondern um einen Otter mit Kopf, Hals und Körper. Zudem fand man in der After-Gegend des Otters einen grossen Stein namens Yoshinodai. Ansonsten scheint die Oberfläche von Itokawa vorbildlich gepflastert zu sein, besser jedenfalls als die Erde an gewissen Stellen innerhalb Berlins.

Die eigentliche Sensation aber sind Itokawas glatte Stellen, auch Meere genannt (klar, warum sollen auf einem Otter nicht auch Meere sein). Wie man gerade erfährt, sortiert Itokawa nämlich in seiner Freizeit Steine, alle grossen stapelt er sorgsam auf einer seiner Seiten, so dass andere Seiten, speziell die empfindlichen Halsstellen des Otters, nur mit feinem Staub bedeckt und ansonsten felsfrei sind. Irgendwas bewegt die Oberfläche Itokawas, oder wie Spezialist Daniel Scheeres aus Michigan es formuliert: "Things are happening on the surface. Stuff moves from one point to the other." Aber warum? Sind es Mikrobeben? Felsbomben aus dem All? Oder gar der YORP-Effekt? Der Otter schweigt dazu.

Seit Februar 2007 funktioniert der Ionenantrieb von Hayabusa unter einem neuen "attitude control scheme", und zwar offenbar sehr gut. Weiterhin ist davon auszugehen, dass Hayabusa mit Teilen von Itokawa im Bauch im Juni 2007 Kurs auf die Erde nehmen wird. Geplante Rückkehr: 2010. Stay tuned, Itokawa-Freaks.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Itokawa, die beste Wurst am Himmel


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