Riesenmaschine

24.01.2009 | 23:49 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Lupus in the Sky


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Schon wieder ist ein Tag vergangen, ohne dass Nachricht von den Ausserirdischen eingetroffen wäre. Doch während beim WETI-Institut weiterhin geduldig gewartet wird, drehen andere Leute am Rad und senden Zeug ins All, was unter anderem von David Brin, Mitglied im WETI-EAC, vollkommen zu Recht gegeisselt wird. Was sollen die Aliens von uns denken oder was auch immer sie stattdessen tun? Als Erstes haben sie vermutlich vor 75 Jahren eine Rede Hitlers vom Reichsparteitag im Radio gehört. Und seit ein paar Jahrzehnten ist unsere stärkste regelmässige Botschaft die Übertragung des Super Bowl. Ok, das ist wenigstens noch wichtig.

Aber vollkommen entgeistert werden sie vor den wissenschaftlichen Nachrichten sitzen, die sie seit den 70ern immer mal wieder erreichen. Populär geworden sind die farbenfrohe Pixelgrafik der Arecibo-Message, die Cosmic-Call-Serie, in genormtem Fachchinesisch verfasst, sowie vielleicht noch die enigmatische Uri-Geller-Nachricht unklaren Inhalts. Weniger bekannt schon die Versuche der ultraaktiven Russen, mit Aliens Kontakt aufzunehmen, verantwortlich ist "Chef Scientist" Alexander Zaitsev. Zu den Highlights im Programm gehört die 500 Seiten lange Bebo-Botschaft, erstellt von der Bebo-Community, die Teen-Age-Message, geschrieben von russischen Teenagern in den drei Sprachen von Natur, Emotion und Logik, sowie eine eindimensionale Botschaft für "blinde" Aliens. Letzteres ist so zu verstehen, dass die Nachricht für so etwas wie Ohren bestimmt ist, statt nur für die Augen, wie alle ihre Vorgänger. Erstellt wird die Ohrenbotschaft mit einer Ätherwellengeige. Warum auch nicht, bzw. genau richtig vielleicht nach Hitler, Carl Sagan und Joe Montana.

Den extraterrestrischen Vogel abgeschossen haben jedoch die Astronomen Hirabayashi und Morimoto aus Tokio, die bereits 1983 zum weissen Hauptreihenstern Altair gesprochen haben. Altair ist nur 16 Lichtjahre entfernt, weswegen mit einer Antwort schon im Jahr 2015 zu rechnen ist. Das klingt super, bis man sich ansieht, was für Bilder die Japaner da zu unseren Nachbarn geschickt haben. Die zwei öffentlich zugänglichen Grafiken (eins, zwei) zeigen nicht nur eine Art Familienporno, einen Fisch, der bergauf schwimmt, und ein Kreuzworträtsel, sondern auf beunruhigende Art und Weise auch alle unsere dreckigen Vorurteile über die spastische Gestalt von Aliens. Ausserdem steht dort offenbar die chemische Formel für Alkohol, das englische Wort "TOAST" sowie der japanische Ausdruck für "Prost!". "Das werden sie vermutlich nicht verstehen", so Hirabayashi leichtfertig.

Bald schon werden sie uns bestrafen. Wir werden ersaufen in unserem eigenen Blut.


15.01.2009 | 03:51 | Was fehlt | Vermutungen über die Welt

There's probably no Zeitgeist


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Immer wieder in den Schlagzeilen: Gott. Britische Busse transportieren derzeit, wie man praktisch überall nachlesen kann, die Nachricht "There's probably no God" hinaus in die nasskalte Depression des Vereinigten Königreiches. Nun ist es prinzipiell lobenswert, endlich in der Öffentlichkeit metaphysische Debatten auszutragen, denn viel zu lange haben wir dem Primat der Physik gehuldigt. Man mag darüber streiten, ob Busse ein geeignetes Medium für den ontologischen Diskurs sind, aber warum nicht, die einschlägigen Bücher zum Thema lesen ja ohnehin nur 1-5 Personen.

Andererseits muss man sich fragen, warum die neue Welle ausgerechnet mit einer Form des Antirealismus beginnt, die einen Aspekt der Wirklichkeit einfach wegleugnet, ein pessimisistischer und miesepetriger Einstieg. Sollten wir nicht in Zukunft immer mehr Realität haben, statt weniger? Ontologisch beruht die Aussage "There is probably no God" auf einem platten szientistischen Materialismus der Prägung Dawkins, der die Buskampagne darum auch sponsort. Im Zoo der möglichen Theorien über die Natur der Wirklichkeit ist dies allerdings nur eine einzige, wissenschaftshistorisch unbedeutende Spielart.

Relevanter schon wäre die Diskussion des Positivismus ("There may be no bus and no atheism, but what the hell do we know."), beliebt z.B. in der Interpretation der Quantenmechanik, und des dialektischen Materialismus ("There's no God and, surprise, no atheism either. Go fuck yourself."), immerhin eine Weile weltpolitisch äusserst erfolgreich, und im Gegensatz zum Szientismus und Positivismus schön realistisch, dogmatisch und rein. Gefolgt vielleicht vom Konstruktivismus ("There is probably no bus, but let's put some ads on it anyway.") und vielleicht Berkeleys aufklärerischem Idealismus ("There is no atheist bus, just God's idea thereof.") Danach können wir dann zu den topaktuellen Klassikern des Aristotelismus ("There is an atheistic message only if there is a bus.") und des Platonismus ("There is atheism and theism, even if the material Universe ceases to exist.") übergehen. Beide übrigens mit klarer Option auf einen Gott, dem Busse so oder so egal sind. Wahrscheinlich.


24.10.2008 | 11:23 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Mobilität, quo vadis

Besserung ist in Sicht, denn die Visionäre von N55 haben soeben das Walking House erfunden (via Technovelgy). Eine hexagonisch geformte Wohnzelle mit sechs Beinen, die eine Fortbewegung in angenehm langsamem Tempo erlaubt. Aber dafür hat es viel Zeit, das Haus: Lässt man sich nur ein Jahr lang stetig herumlaufen, so hat man die Erde einmal umrundet; in nicht mal einem Jahrzehnt ist man bis zum Mond gelaufen – ohne ein einziges Mal vor die Tür gegangen zu sein. Und wer an dieser Stelle fragt, warum man nicht gleich Räder verwendet, der soll bitte noch mal angestrengt nachdenken. Räder, die Perversion des Sinnlosen, lachhaft.

Wir sind an einem kritischen Punkt angekommen. Einerseits erfordert das wirtschaftliche und gesellschaftliche Umfeld zunehmend ein extremes Mass an Mobilität – kaum noch jemand findet seine spezifischen Vorlieben für Job oder Sexualpartner an einem einzigen Ort befriedigt. Andererseits aber ist Mobilität immer noch dermassen unpraktisch, dass viele sich seufzend ins Kompromissdorf zurückziehen, irgendjemanden heiraten und nur noch mit dem Hund rausgehen. Das Grundproblem: Die Lebensqualität im Unterwegszustand ist unerträglich niedrig. (Wer das bestreitet, soll mal versuchen, auf Flughafensitzen zu schlafen, egal mit wem.)

Für diesen Beitrag wurde die klassische Riesenmaschinen-Struktur AB (Problemstellung – Lösung) kurzerhand umgedreht. Because we can!


07.10.2008 | 12:33 | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Saturnbau jetzt noch schneller


Saturn in modernen Farben. Credit: NASA/JPL/University of Arizona
Es mag überraschend klingen, aber wir wissen noch nicht richtig, wie Rätselplanet Saturn entstanden ist, obwohl die meisten von uns zumindest 100%ig davon überzeugt sind, dass er existiert. Die Grundidee stammt überraschenderweise aus dem 18. Jahrhundert von Leuten wie Laplace und Kant, die meinten, dass Planeten aus einem scheibenförmigen "Nebel" entstehen, der die Sonne umgab, als sie noch jung war. Das grobe Szenario muss man sich so vorstellen wie das Zusammenklumpen von Staubmäusen unter dem Bett, nur ganz anders: Winzige Staubteilchen stossen zusammen, wachsen zu grösseren Klumpen, die dann durch Kollisionen mit anderen Klumpen und durch Zusammensammeln von Gasteilchen immer mehr zu dem werden, was man Planeten nennen könnte. So weit, so gut.

Das Problem dieses hervorragenden Szenarios: Es funktioniert zwar, braucht aber zu lange, um so etwas wie Saturn hinzukriegen. Junge Sterne sind in der Tat von Scheiben aus Staub und Gas umgeben, den Resten der Wolken, aus denen der Stern mal entstand; diese Scheiben leben allerdings nur maximal so 5 Millionen Jahre, was sehr lange klingt, aber Planetenentstehung dauert länger, jedenfalls im Modell. Jetzt, beziehungsweise letzten Freitag, erfährt man von einer neuen Arbeit, die es mit relativ geringen Anforderungen an das Baumaterial in der Scheibe schafft, Saturn in nur dreieinhalb Millionen Jahren zusammenzubauen. Das ist schnell genug. Die Existenz Saturns damit gerechtfertigt, sein dämlich-ewiges Herumkreisen um die Sonne akzeptiert. Als nächstes müssen wir uns um Uranus kümmern.


05.10.2008 | 15:50 | Fakten und Figuren

Gelöst: Das Rätsel des Rattenkönigs


Baumkönig (Foto, Lizenz)
Schändlich von der Fachliteratur übersehen wurde eine fundamentale Implikation der gerade mit dem Ig-Nobelpreis für Physik ausgezeichneten Publikation Spontaneous knotting of an agitated string von Dorian M. Raymer und Douglas E. Smith: Wir sind einen Schritt weiter in der theoretischen Erforschung des Rattenkönigs. Wie alle wissen, handelt es sich bei Rattenkönigen um Klumpen an den Schwänzen verknoteter Ratten, grausame Unglücksfälle, von denen weltweit so cirka 30-60 dokumentiert sind. In der diesbezüglich wegweisenden Schriftensammlung Lexikon des Unwissens (ab November als Taschenbuch erhältlich) wurde zum ersten Mal der Rattenkönig mit der weit häufiger beobachteten Erscheinung des Kabelsalats in Verbindung gebracht – dicht gedrängt lebende Ratten werden durch äussere Einflüsse in Hektik versetzt, rennen wild durcheinander, folglich Verknotung, dadurch mehr Hektik und mehr Knoten. Ein wichtiger Transfer, sind Kabelsalate doch wesentlich einfacher im Labor zu untersuchen als Rattenknoten.

"Wesentlich einfacher" bedeutet allerdings leider nicht, dass es auch wesentlich häufiger geschieht: Genauso wie die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen zum Rattenkönig liegt die der einigermassen realistischen Experimente zum Kabelsalat tief im einstelligen Bereich. In einem davon jedoch gelingt der Nachweis, dass die Dauer bis zur Knotenentstehung nahezu unabhängig von der Länge des "Kabels" ist, wenn diese 16cm überschreitet, während die benötigte Zeit zur zufälligen Entknotung rapide mit der Länge ansteigt. Daraus folgt: Sind die Schwänze der Ratten nur lang genug, sind Rattenkönige ein unausweichliches Produkt der Natur.


Rattenkönig idealisiert (Foto, Lizenz)
Weiterhin wenig verstanden sind jedoch die Faktoren, die die spontane Knotenbildung in Schnüren jeglicher Art kontrollieren. Die Nobelpreisarbeit kommt hier einen Schritt weiter: Knoten werden erzeugt (durch die traditionelle Labortechnik des Schüttelns), dann fotografiert und anschliessend mathematisch analysiert. Nur ein Beispiel für die erstaunlichen Ergebnisse: Fast alle der beobachteten 3415 Knoten sind Primknoten, die Primzahlen unter der Knoten, also solche, die topologisch unzerlegbar in andere Knoten sind, aber das nur nebenbei.

Zum ersten Mal schlagen sie ein mathematisches Modell für den Kabelsalat und damit den Rattenkönig vor, das sowohl analytisch als auch in einer numerischen Simulation die Versuchsergebnisse qualitativ reproduziert. Interessanterweise beruht ihr Modell auf der Annahme, dass sich zur Knotenbildung eines der Schnurenden in einer Wellenbewegung hin- und herbewegt, das andere aber unbewegt bleibt, eine hervorragende Beschreibung für gewöhnliches Schwanzwedeln. Es bleibt nichts anderes übrig als zu schlussfolgern, dass Rattenkönige eine topologische Idealisierung des gewöhnlichen Kabelsalats darstellen.


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