Riesenmaschine

06.07.2006 | 10:48 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Assoziationskettenmassaker: Abgeknallte unter sich


Bahnhof "Golf Course", Yangon, Hauptstadt von Myanmar
Wer in der Zeit zwischen diesem und dem unteren Beitrag selbstständig weiter assoziiert hat, den wird General Saw Maungs recht unbuddhistisches Gebaren gewiss an jenes gemahnt haben, das der grosse Komiker W.C. Fields in dem Kurzfilm The Golf Specialist von 1930 an den Tag legte. Grossassos fühlen sich dagegen an Nicolae Ceauşescu erinnert, nicht nur wegen der Sensenmannanmutung des unten abgebildeten Mönches, sondern auch weil der ein wesentlich unpopuläreres Diktatorengehabe an den Tag legte. Der Mann, den sie Conducator nannten, hielt mehrere Weltrekorde im Bärentöten, was daher kam, dass er die Petze, die ihm von Wildhütern zugetrieben wurden, bequem aus dem Fenster einer Blockhütte heraus abzuballern pflegte. Auch war Ceauşescu der einzige in Rumänien, der Bären jagen durfte. Als er dann 1989 selbst recht fies erlegt wurde, belief sich deshalb der Bestand in den Karpaten auf über 8.000 Bären, die seitdem peu a peu dezimiert werden.

Dagegen verfügt Deutschland zurzeit nur über einen Bären, der in Freiheit lebt, den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Der hat soeben das Satireheftchen Titanic wegen irgendwas... äh, jetzt reicht es wirklich. Worauf wir eigentlich hinauswollten: Können Sie sich nicht vorstellen, eine "Rote Mauer Gegend"-Villa kaufen? Wir haben hier einen Mann am Telefon, der uns pro Vertragsabschluss zehn Prozent bietet. Nee, fünfzehn, hören wir gerade.

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Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


06.07.2006 | 08:07 | Anderswo | Fakten und Figuren | Zeichen und Wunder

Assoziationskettenmassaker: Buddha bolzt nicht

Dieses Plakat, das im Dongcheng Distrikt in Peking aushängt, wirbt nicht für ein buddhistisches Golfkloster, sondern für teure Immobilien, die in irgendeiner "Rote Mauer Villen Gegend" – so geht Branding hierzulande – ausserhalb der Stadt halbfertig vor sich hinwesen und auf irgendwelche VIP-Käufer warten. Buddhistischer Mönch + Golfschläger + coole Sonnenbrille = Eyecatcher, weil feichang qi guai, dachte man sich sicher in der Beijing East Xinhe International Advertising-Agentur, und fertig war die Kampagnenlaube.

Dabei sind Golf und Buddhismus gar nicht so weit auseinander, wie der chinesische Werber glaubt; in seinem Essay "Golf and Buddhism" hat Reverend Marvin Harada von der "Orange County Buddhist Church" dazu einiges Banales sagen können. Aber auch der birmanische Diktator General Ne Win, der 1962 im Zuge seiner Machtergreifung einen Buddhistischen Sozialismus proklamierte, war passionierter Golfer. Während seiner Ägide liess er in dem ansonsten recht unlifestyligen Land eine grosse Anzahl Golfplätze anlegen. Nach dem Sturz Ne Wins wurde Birma zwar in Myanmar unbenannt und der buddhistische Sozialismus gestrichen. Ansonsten änderte sich nicht viel: Der Klerus des weiterhin buddhistischsten Lands der Welt ist bis heute eng mit den regierenden Militärs verbandelt, die weiterhin Golfplätze bauen und auch dort ihre Entscheidungen treffen, bisweilen sogar ihre Untertanen. So wird von General Saw Maung, dem ehemaligen Vorsitzenden der Junta, die bis 1997 den ungemein dystopischen Namen SLORC trug, berichtet, er habe seine Berater mit Golfschlägern verprügelt, wenn das Einputten nicht klappte. Bitte assoziieren Sie von hier ab selbst.

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Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


02.07.2006 | 10:45 | Was fehlt

Statt eines Nachrufs auf Robert Gernhardt


Wenigstens etwas Persönliches von Robert Gernhardt
Stirbt ein Schriftsteller, Musiker oder Maler, kann man in den Tagen drauf zwei Sorten Nachrufe in den Feuilletons lesen: Die einen würdigen Werk und Person aus der Distanz, in den anderen ist mehr von persönlichen Begegnungen die Rede. Beide Nachrufformen gehen in Ordnung, auch wenn sich bei der persönlichen Form der Eindruck manchmal nicht verwischen lässt, der Nachrufer nutze den Anlass, um mehr über sich selbst zu schreiben als über den Toten.

So ist das auch bei Robert Gernhardt, der in der Nacht zum Freitag starb; Links zu seinen Nachrufen sind auf der aktuellen Titanic-Homepage zu finden, zu seinem Werk hier. Auch die Riesenmaschine gedenkt in diesen Tagen dieses herrausragenden Dichters, Schriftstellers, Zeichners und Malers. Einige ihrer Autoren verdanken ihm viel, manche sogar mehr. Man könnte hier also auch Persönliches berichten, wobei Gernhardt sicher nichts dagegen einzuwenden hätte. Der grosse Ich-Erzähler der deutschen Literatur liess selbst kaum eine Gelegenheit aus, sich selbst zum Thema zu machen. Weil er das ironisch gebrochen tat, las und hörte man das gerne.

Dennoch: Die Gefahr ist gross, ins Peinliche abzurutschen, erzählten wir hier etwas von unseren Begegnungen mit Gernhardt. Wir weisen lieber auf die schöne Suchmaschine Find a grave hin; gewissermassen ein Grab-Google, mit dem sich weltweit die Gräber berühmter Persönlichkeiten finden lassen. In der deutschen Abteilung sind bisher 609 Persönlichkeiten aufgelistet, darunter Wilhelm Busch, Bertolt Brecht und Theodor W. Adorno. "Find a grave" liefert nicht nur den genauen Bestattungsort des Toten, sondern meist noch eine kurze Biographie, Porträtfotos und Aufnahmen des Grabsteins.

Gernhardt hätte diese Seite wahrscheinlich gut gefallen, nicht zuletzt wegen des Witzpotentials, das in dem Internetfriedhof steckt. Bischof Dyba liegt hier friedlich neben Rudi Dutschke, Roy Black neben Hitlers Köter Blondi; Gernhardt selbst wird wohl demnächst nur ein Eintrag von Goethe trennen. Auch Alois Alzheimer wird gewürdigt, der Mann, der paradoxer Weise unsterblich wurde, weil er über das Vergessen forschte, und über den Gernhardt gerne Witze machte. Zu gerne hätten wir seine – wenn auch eher scherzhaft – angekündigten Alzheimer Gedichte noch gelesen. Eine Schande, dass das nicht mehr geht.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (4)


01.07.2006 | 15:25 | Anderswo | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Chinesische WM


100 Kräfte und ein Argentinier
Ziemlich bis verdammt sicher ist sich die Riesenmaschine, dass die laufende Fussball-WM in die Geschichte eingehen wird – in die Geschichte der Stadionwerbung nämlich. Wer beim gestrigen Spiel GER vs. ARG mal nicht auf die einerseits hin und andererseits wieder her rennenden Fussballer, sondern auf die unglaublich ruhig dastehende Bandenwerbung achtete, konnte neben dem Schriftzug des offiziellen Biers der Fifa, Bud, zwei chinesische Schriftzeichen ausmachen: 百威! Auf Mandarin werden sie "Bai Wei" ausgesprochen, was übersetzt etwa so viel wie "Hundert Kräfte" bedeutet, nichts anderes als der chinesische Markenname der amerikanischen Plörre.

Zum – einfach mal daher behaupteten – ersten Mal wirbt damit eine westliche Marke bei einer in Europa stattfinden Fussball-WM auch in der kommenden Weltsprache, die in den nächsten Jahren bei global übertragenen Veranstaltungen mehr und mehr Verwendung finden dürfte. Spätestens bei der WM 2014, allerspätestens 2018, in China oder China, wird Stadionwerbung dann komplett zweitsprachig sein. Wer dann als Werber noch kein Chinesisch kann, der baut sich von seinem Gehalt kein Haus mehr.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


25.06.2006 | 11:00 | Anderswo | In eigener Sache

So sehen Sieger aus

Was regelmässige Riesenmaschinenleser bereits wissen, weiss seit gestern auch die Klagenfurter Bachmann-Preis-Jury: "Wir haben eine sehr gute deutsche Schriftstellerin entdeckt und einen Text, von dem ich restlos überzeugt bin. Ich kann beim besten Willen nicht sehen, wo dieser Fehler oder Makel hätte." (Heinrich Detering). "Ich halte den Text in seiner Konsequenz [für] fast makellos" (Ilma Rakusa) "Es ist ein faszinierender Text, bei dem ich zwischen Ärger und Verwirrung hin und her gerissen war, aber nicht losgelassen wurde." (Karl Corino) Wer wissen will, ob sich Kathrin Passig für so viel Lob auch was kaufen kann, der schalte jetzt sofort 3sat an oder klicke sich hier durch zum Livestream. Geht fast überall, leider nicht in China.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (28)


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