Riesenmaschine

30.10.2006 | 12:02 | Anderswo | Alles wird besser

Romantik regelt und rollt

Die Welt ist schlecht, das Leben schön und das hat natürlich auch einen Grund, bzw. hat es ganz viele Gründe und einer davon ist Kontrast. Kontrast ist, wenn zwei, die eigentlich nicht zusammengehören, aneinandergenagelt werden; es ergibt sich etwas Neues, auch wenn es den ungeübten Beobachter zunächst schmerzt im Nerv. Der geübte Beobachter hingegen weiss: Das Aufeinanderprallen von Unähnlichem ist der Ursprung von Leben und Kultur. Und genau so pathostriefend steil werden die Menschen gedacht haben, die die aktuelle Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in Hamburg an den Zuschauer bringen wollen.

(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Die Schau heisst nicht umsonst "Die Erfindung der Romantik", denn der Kreidefelsenmelancholiker Friedrich ist für die Deutsche Gemälderomantik, was Günter Grass für das Geständnisliteratur-Marketing ist: der stilprägendste Bartträger. Dass der romantischste Maler, hier im Bild sein "Wanderer über dem Nebelmeer", aber beworben wird mit dem unromantischsten Werbemittel neben Pissoirplakaten, dem Diesel-LKW mit unaerodynamisch angeflanschtem Konkavposter, zeugt von so lebensbejahender Liebe zum Kontrast an sich, dass man den Verantwortlichen zurufen möchte: Ja! Ihr seid auf dem richtigen Weg! Lasst Obdachlose Bank-Promotion machen! Schreibt Kettenmails gegen Spam! Und vor allem: schaltet als nächstes Motiv auf den LKW dringend eine Anzeige gegen den grossen CO2-Ausstoss der Industrieländer.


27.10.2006 | 11:37 | Anderswo | Fakten und Figuren

Über Bandenwerbung


Kanada, angeblich (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die Firma Gizmodo macht uns auf eine Entdeckung von dieser Firma aufmerksam, nämlich um das nebenstehende Bild. Bei der Satellitenbildschleuder Google Maps unter circa 50° nördlicher Länge und ungefähr 110° westlicher Breite – Kenner der Materie wissen: es kann sich nur um Alberta in Kanada handeln -findet sich ein Indianerkopf in Riesengrösse gemeisselt in den Berg. Das sowieso nicht existierende Marsgesicht kackt doppelt ab. Denn der Indianer hat deutlich einen iPod-Kopfhörer im Ohr und ist so die mit weitem Abstand grösste Massnahme des GAM, des Giant Ambient Marketing. Und möge dieser Kopf auch irgendwie hingehackt und fälscherisch eingepflegt worden sein in Google Maps, eine neue Form der Werbung über Satelliten-Bande ist in die Marketinggeschichte geschleust worden. An dieser Stelle postulieren wir Google Maps-Werbeflächen auf Dächern und Bauern, die ihr Geld nicht nur über Subventionen verdienen, sondern auch durch eine logoorientierte Art des Mähens. Und wer weiss, vielleicht hat auch Werbestratege Hitler damals die Vorahnung von Google Maps geschickt ausgenutzt.


16.10.2006 | 16:24 | Berlin | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Die pinnen, die Postler


Von Globalisierung bis Chinalokalisierung (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Das Briefmonopol ist noch etwas mehr als ein Jahr gültig und besagt grob, dass nur die Deutsche Post AG Briefe befördern darf, ausser ein Wettbewerber bietet einen tollen Zusatzservice an. Wie zum Beispiel die Firma PIN Group AG, einer Unternehmung deutscher Verlage wie Holtzbrinck, Axel Springer und WAZ-Gruppe. Und während das Tapetenunternehmen Deutsche Post das Institut zur Zukunft der Arbeit unterstützt, das Anfang des Jahres durch den Vorschlag glänzte, Arbeitslose meistbietend zu versteigern, geht man bei der privaten Konkurrenz PIN AG – hier ein Foto der Filiale an der Warschauer Strasse in Berlin – anders mit der veränderten Situation auf dem Arbeitsmarkt um. Nämlich, indem man die anfallenden Arbeiten etwas verlagert und den Chinaimbiss zum Paketschalter macht. Wir freuen uns auf die nächste Stufe der Glokalisierung, wenn es heisst: "Das Büro ist nicht besetzt, bitte geben Sie ihre Sendungen in China ab."


13.10.2006 | 13:13 | Was fehlt | Sachen kaufen

Hurra Unverhältnismässigkeit


Kein Brikett, brennt aber auch (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die Firma Samsung hat ein neues Handy auf den Markt geschmissen, das sich offenbar an flachverständige Personen richtet. Es heisst wie alle anderen Handys auch, in diesem Fall SCH-B600. Weil heute alle Geräte mindestens ein herausragendes Feature haben müssen, hat auch dieses eins, nämlich eine Fotokamera mit 10 Megapixeln. Da die dazugehörige Linse jedoch noch dem Rahmen der handtelefonüblichen Massstäbe verhaftet bleibt, ist die schöne, grosse, riesenhafte Pixelanzahl "für den Pflock", wie ein Linsenkundiger zu berichten weiss. Es sei, als würde man "einen Strohhalm bereitstellen, um das Wasser einer Staudammsprengung abzuleiten", so der Linsenkundige weiter, wenn er auch zugibt, keine besondere Begabung für Metaphern ausgebildet zu haben. Fantastisch! Wir brauchen mehr Unverhältnismässigkeit! Wider die technokratische Logik der gleichmässigen Weiterentwicklung, wir wollen Mofas mit Nuklearantrieb, wir wollen Platinzahnstocher, wir wollen drahtlose Mäuse, die bis 200 Kilometer Entfernung funktionieren. Und wir werden sie bekommen.


10.10.2006 | 18:16 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

So geht's nicht: Werbung

Frankfurt ist nicht nur Banken-, sondern auch Werbemetropole, irgendwie. Am Hauptbahnhof gibt es nun ein Riesenplakat, das scheinbar für ein Hotel wirbt. Die Wirklichkeit jedoch erkennt nur der Fachmann: Bei dem Plakat handelt es sich um das grösste "So nicht" in der deutschen Werbung. Die herstellende Agentur hat im Prinzip alle denkbaren Fehler in ein Motiv gesteckt, um den aus aller Welt ankommenden Anzeigen-Adepten zu zeigen, wo der Hase nicht im Pfeffer liegt. Wir erklären hier in alter Riesenmaschine-Tradition noch einmal das sowieso schon Klare:


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Herrlich deutlich wird bei 1), wie man Geschäftsleute plattestmöglich anspricht, indem man auf Krampf Businesstalk mit in den Text quirlt. 2) wirbt mit "stilvoll" und zeigt, wie wenig Stil man hat, wenn man überhaupt erst sagen muss, dass man Stil hat. Dagegen sind 3) und 6) in Kombination, die "Nächte" und die blonde Frau, ein Hinweis für den ungeübten Neuwerber, dass Werbung mit Sex einfach nicht funktioniert, wenn das Produkt nichts damit zu tun hat. Unterschwellig soll wohl angezeigt werden, dass das Hotel Pay-TV hat. Bemerkenswert, wie beispielhaft tief herunter man bei der Abbildung der Frau gekommen ist, die nicht nur in einer unfassbar künstlichen Prämasturbationshaltung, sondern auch extra farbig abgebildet ist, damit man sie als Blondine erkennt. Der grobe Fehler bei 4) ist natürlich das Wort günstig: auch, wenn Zimmer bis 465 Euro die Nacht kosten, für irgendeinen Scheich werden sie schon günstig sein. Günstig ist ja subjektiv. Bei Nummer 5) macht uns die Agentur die Unterirdik gleich zweier Ideen deutlich: wenn es um Schlafen geht, muss ein Bett in die Anzeige und wenn schon ein Bett, dann eins, das so gemütlich aussieht wie ein Plastiktelefon von T-Com. Noch dazu hat die Lampe zwar Stiel, aber keinen Fuss, womit sicher die Agentur zeigen wollte, wie peinlich logische Versäumnisse im Bildaufbau sind. Die 7) bringt uns den mit Nr. 2) verbundenen Fehler nahe, ein Mies van der Rohe-Möbel in den Vordergrund zu stellen, um den Eindruck von Stil zu erzeugen. 8) schliesslich stellt den Kardinalfehler überhaupt dar, nämlich sinnlose Muster über das Plakat zu verteilen, als gäbe es kein Gestern. Die Botschaft: Ornament ist Erbrechen. Danke für dieses wunderbar-grauenvolle Fanal, wie man nicht wirbt.


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