Riesenmaschine

25.11.2006 | 12:55 | Berlin | Alles wird schlechter | Fakten und Figuren

Barock the block


Niemals vorher war soviel Kunst so überall, echt jetzt mal (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die Gestaltung des öffentlichen Raumes ist eine strukturelle Sache der Macht und des Geldes, die bestimmenden Faktoren aufgehängt zwischen stadtentwickelnder Politik, Architektur und Kapital einerseits und Wirtschaftskommunikation und Kapital andererseits. Wenn man also der Stadt seinen Stempel aufdrücken möchte, muss man eine Verordnung erlassen, ein Haus bauen oder Werbung schalten – drei Gestaltungsmöglichkeiten, die nicht unbedingt im Alltagsinstrumentarium des Durchschnittshaushaltes im Übermass vorhanden sind. Die zahlreichen, aber eklektischer kaum sein könnenden Gegenbewegungen reichen von Graffitkünstlern über Eddingschmierer und Fensterkratzer bis hin zu ebenfalls vollkommen verschiedenen programmatisch-politischen Gestaltern wie Reclaim the Streets, Adbusters, Anonyme Architekten und vieles andere, was man im hervorragenden, internationalen Blog Wooster Collective verfolgen kann. Gemein war den weitaus meisten Privatgestaltern bisher ein verhältnismässig progressives Kunst- und Kulturverständnis; kein Wunder, wo die Form so neu ist, fällt es oft schwer, ältere Inhalte zu transportieren, wie gut sie auch sein mögen. Deshalb gibt es auch nur ein deutsches Proust-Blog, aber 34.368 gadgetorientierte.

So musste – wir haben es bereits einmal tränenreich bedauert – die Strassenkunstszene weitestgehend ohne bildungsbürgerliche Inhalte auskommen. Bis jetzt. In Berlin läuft jemand herum, der Cutouts, im Prinzip also ausgeschnittenes Papier, an Häuser anklebt, und das mit Motiven, längst werden Sie es erkannt haben, von Velasquez. Hier das berühmte Motiv des Prinzen Baltasar Carlos als Jäger von 1635/36, befindlich im Prado. Und derzeit auch als Streetart im Berliner Wrangelkiez. Aber wer macht eine so charmante Mischung von Hochkultur und grenzlegaler Umwidmung öffentlicher Flächen? Handelt es sich um eine Streetart-Offensive der FAZ-Jugend? Sind wir Zeugen eines nächtlichen Vandalismusfeldzugs maskierter Kunsthistoriker? Oder ist es am Ende doch nur Werbung für Grossformat-Farblaserdrucker mit einer Zielgruppe ab 60 Jahren?

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Stuckrad-Starre


24.11.2006 | 19:55 | Anderswo | Alles wird schlechter

Arme kranke Sofas


Infiziertes Hotelsofa in Kashgar

VIP-Sofas im Bahnhof Urumqi mit infizierter Vase

Sofas in der Softsleeperklasse mit nicht entführtem Kind
Alle tollen neuen Krankheitsinnovationen wie Vogelgrippe oder Sars kommen heutzutage aus China. Die allerneueste Seuche ist eine Abart der Elephantiasis, die bisher noch keine Menschen oder Tiere, sondern nur Möbel und hier besonders Sofas befällt. Massiv ist die neue Plage bisher in der chinesischen Provinz Xinjiang aufgetreten, wo fast alle Sofas in Hotelfoyers Elephantiasissymptome aufweisen. Einen Seuchenschwerpunkt bildet auch der neue Bahnhof von Urumqi. Hier wesen in gleich drei Wartesälen des Todes infizierte Riesensofas vor sich hin, wobei gilt, je höher die Warteklasse, desto infizierter das Möbel. Wie man sieht, hat das spielende Kind in Moment noch nichts von dem kranken Sofa zu befürchten; es wurde leider auch immer noch nicht entführt. Was allerdings morgen sein wird, weiss mal wieder keiner, aber vielleicht ist es das oder, eventuell noch infizierter, dieses.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


22.11.2006 | 18:51 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Pain of Sale


Nicht gewollt und nicht gekonnt. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Marketing, der neue goldene Gott, die Gesellschaftsrevolution des 21. Jahrhunderts, hat viele Spielarten und eine, die viel effektiver und damit wichtiger ist, als man so von aussen mitbekommt, ist PoS-Marketing, also Werbung am Ort des Verkaufs. Ein beliebtes Konzept ist dabei der "Shop in Shop", was soviel heisst wie Shop im Shop, ein klitzekleiner Laden im Laden, also ein andersfarbiges Regal mit Logo-Aufklebern, herunter bis zum Subladen, zum Unterladen, am Ende winkt fröhlich aus der Zeitgeisterbahn ein Nanoladen. Das Problem ist aber oft, dass – soziokulturell gesprochen – hier die konzeptionelle Realitätsferne der verkrampften Marketingabteilungen auf die Bocklosigkeit der unterbezahlten Regalbefüller trifft. Ein Lehrbuchergebnis dieser Schimäre mit koksgesteuertem Gehirn und hartzenttäuschter Hand ist auf dem dafür auch niederqualitativen Foto zu sehen: Der enttäuschendste Mini-Shop im Shop, den die Welt je erblickt haben mag. Blaue Plastikrohre aus dem Baumarkt sind rund um die Ferrero-Kühlproduktpalette unmotiviert und schief ans Kühlregal gepappt; als Dreingabe kann man das Wörtchen "Rückseite" auf dem Milchschnitte-Karton lesen. Die Revolution frisst ihre Kinder®.


17.11.2006 | 12:43 | Anderswo | Alles wird besser | Alles wird schlechter | Papierrascheln

Live aus dem Possibility Room


Imagine all the possibilities
Die im letzten Jahr neu eröffnete National-Bibliothek von Singapur ist ein solches Wunderding, dass man nicht mehr rauswill, hat man sie erst mal betreten. Die hellen Lesesäle, so hoch wie dreistöckige Häuser, sind angenehm temperiert, von den Panoramafahrstühlen aus kann man die halbe Stadt aus einer ganz neuen Perspektive überblicken und die Bänke in den grossen, ins Hochhaus integrierten Gärten, laden zum Rauschausschlafen in tropischer Umgebung ein. Zwar war die Buch- und Mediensammlung in Englisch, Chinesisch, Malaiisch und Tamil bereits seit langem ausgezeichnet. Jetzt ist aber auch noch das ganze Recherche-, Verleih- und Medien-Equipment mehr als nur state of the art, so dass das öffentliche Bibliothekswesen Singapurs endgültig das beste der Welt sein dürfte.

In den Stockwerken drei, vier und fünf beherbergt das Haus an der Victoria Road zudem ein Drama-Centre. Auch hier wurde an jede Eventualität gedacht. So findet der Besucher neben einem Theater für über 600 Besucher auch einen "Imagination"- sowie einen "Possibility Room". Was in den beiden Räumlichkeiten passiert, das kann man im Programm der NLB nachlesen: Am kommenden Wochenende bis nächsten Mittwoch z.B. das Festival Animation Nation. Was nicht geht, das hat, wie die Financial Times am 4.10. in ihrer Printausgabe berichtete, der Singapur-Erfinder und Mentor der hiesigen Regierung Lee Kuan Yew neulich westlichen Geschäftsleuten auf einer Konferenz gesagt (Zitat auch hier): Wenn aufgrund eines "freak result" bei Wahlen die Opposition in Singapur an die Macht käme und diese mit den riesigen Währungsreserven Singapurs anders umginge als die seit 1959 regierende Quasi-Staatspartei, müsse eben das Militär einschreiten. So viel zum momentanen Stand von Possibility in Singapur.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Vive la food republique

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


15.11.2006 | 00:55 | Alles wird besser | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

Trend zum Gegenstand


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Ist es gut, dass vieles, wofür man früher einen Gegenstand kaufen musste (Wecker, Kalender, Taschenrechner, Radio, Fernseher, CD, Buch, Brettspiel, Landkarte, Notizzettel, Telefon, Briefpapier, Teleskop, Overheadfolie, Kleinstlebewesen, Fotoalbum, Spiegel), inzwischen von Software erledigt wird, die keinen Platz mehr wegnimmt und nur selten verlorengeht? Oder wäre es noch besser, wenn man stattdessen oder zusätzlich wieder ein im Weg herumstehendes Produkt hätte? Ein WLAN-Radio wie das oder das hier zum Internetradiohören, einen Ambient Orb für alles Mögliche, oder eine Ambient Clock (via Productdose), die den eigenen Google-Kalender anzeigt? Noch lebt die Ambient Clock in einem grauen Schattenreich, denn noch ist sie Software, aber schon bald soll sie Hardware werden. Bis dann müssen wir uns entschieden haben.


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"Nachbeben", Stina Werenfels (2006)

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