Riesenmaschine

07.04.2006 | 15:48 | Anderswo | Supertiere | Essen und Essenzielles

Made in Mexiko


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Tequila. Ein Wort wie ein Donnerhall des Kopfschmerzes. Mezcal. Ein Wort wie das pubertärste Geschenk der Welt, nämlich ein Schnaps mit Wurm (eigentlich Raupe) drin, also Yps mit Gimmick für 18jährige. Dass in manchen Mezcals eine Raupe ist, hat einen historischen Hintergrund, und zwar einen Marketinggag von 1950. Dabei stellte Herr Jacobo Lozano Páez in Mexiko fest, dass raupenbefallene Agavenblätter einen anderen Mezcalgeschmack ergeben als unbefallene. Eins kam zum anderen und schliesslich suhlten sich kichernde, angetrunkene Abiturienten im wohligen Madenekel.

Doch die Nuller Jahre forderten auch vom Ekel an sich ihren Tribut, die Raupe war irgendwann durch, been there, done that, hundertmal gesehen. Ausserdem war sie irgendwie nicht krass genug, man stellt sich dann einen Jugendlichen vor, der sonst in seiner Freizeit per Handy Videos von Hinrichtungen tauscht, da kann eine Raupe nicht viel.

Insofern ist es nur konsequent, sowohl einen Mezcal als auch einen Wodka mit einem Skorpion statt einer lächerlichen ebenso harm- wie beinlosen Kreatur auf den Markt zu bringen. Wohin das alles schlussendlich führen könnte, möchten wir an dieser Stelle nicht konkretisieren, werfen aber mal das Stichwort "Wodka Meiwes" in den Raum.


07.04.2006 | 10:23 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Freiwillige Feuerwehr löscht (vielleicht) in Shanghai

Deutsche Produkte erfreuen sich in China grösster Beliebtheit, besonders im Bereich des Bauens. Das geht so weit, dass seit Dezember 2002 in der Nähe von Shanghai eine komplette "deutsche" Vorstadt für 50.000 Bewohner errichtet wird: die "German Town Anting". Was allerdings an der Suburb spezifisch deutsch sein wird, ist fraglich. Zwar wird die Stadt von Albert Speer geplant; zumindest dem Namen nach der deutscheste aller Architekten. Doch die falschen Fachwerkfassaden, die sich die Chinesen von ihm wünschten, wird es leider nicht geben. So bleibt das einzige "echte" Deutsche an der Stadt das Goethe- und Schillerdenkmal auf dem Stadtplatz, das Antings Partnerstadt Weimar spendierte – und die deutschen Firmen, die am Bau beteiligt sind.

Anders verhält es sich mit der Firma Ou Dian (Europäische Klassik), die sich auf Englisch Order Flooring nennt. Die erzählte ihrer Kundschaft in Hochglanzbroschüren, sie sei ein Joint Venture mit "Order Germany", einem der führenden deutschen Parketthersteller. Diese Firma, bereits im Jahre 1903 gegründet, habe neben vier weiteren Produktionsstätten in Deutschland ihre 500.000 Quadratmeter grosse Zentrale im bayerischen Rosenheim, von wo aus man das mit dem "Blauen Engel" ausgezeichnete Parkett in über 80 Länder exportiere. Was so urdeutsch und umweltfreundlich ist, hat natürlich in China seinen Preis, und zwar die Kleinigkeit von 200 Euro pro Parkettquadratmeter. Vor ein paar Wochen recherchierten jedoch chinesische Journalisten in Deutschland, und fanden dabei heraus: Es gibt in De Guo (Land der Tugend; der chinesische Name für Deutschland) gar keine Firma namens "Order Germany", weder in Rosenheim noch sonst wo. Sie hätten allerdings auch einfach die Homepage von Order China aufrufen können. Klickt man hier auf die deutsche Flagge, tut sich so viel wie bei den Fahnen der anderen zehn Nationen: Gar nichts nämlich.

Garantiert wirklich echt deutsch aber ist dieser Feuermelder, der die Riesenmaschine auf dem Flur der 19. Etage des Courtyard by Marriot Hotels in Shanghai ansprang. Hier hat man nun die Begeisterung für deutsches Bauen ganz gewiss übertrieben. Nicht bloss, weil im Brandfall kaum jemand mit Aufforderungen wie "Knopf tief drücken" etwas anfangen kann. Sondern auch, weil man sich fragt, welche Feuerwehr da wohl kommt, sollte doch einem das Betätigen des Alarmknopfs gelingen. Bis die Freiwillige aus – sagen wir mal – Rulle im Osnabrücker Land vor Ort ist, ist das gar nicht mal so schöne Hotel jedenfalls bis auf die Grundmauern abgebrannt.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (4)


06.04.2006 | 02:46 | Anderswo | Fakten und Figuren

Rätsel für die ganze Welt


Ffffflllliiiiivvvvttt. Mist, falsch. (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Sicher ist es sehr enttäuschend für sie: Erst senden wir über diese Fernsehsender jahrzehntelang billige Science-Fiction-Serien ins All, so dass jeder, der da draussen zuhört, sicher glauben muss, dass die Erdlinge bald auftauchen werden, in hautenge Trikots gekleidet, und Sitte und Anstand in der Galaxie verbreiten. Und dann aber war es nur Spass und dauernd stürzen uns die allerkleinsten Space Shuttles ab. Damit die freundlich gesinnten Ausserirdischen nicht die Geduld verlieren und sich die Zeit vertreiben können, bis wir dann doch mal kommen, um mit dem Ferengi-Gesindel aufzuräumen, senden wir ihnen, das sollte man bitte deutlicher honorieren, seit den 70ern regelmässig komplizierte Rätsel ins All, entweder einer Raumsonde beigelegt oder aber mit riesigen Radioteleskopen gebroadcastet. Anfangs waren die Knobeleien noch recht einfach und lustig, aber trotzdem schickte niemand vor Einsendeschluss die richtige Lösung, was wohl daran gelegen haben könnte, dass der schnellste Postweg 50.000 Jahre dauert. Aber bitte! Ist das etwa ein Grund?

Zur Abwechslung, dachten wir uns vor einigen Jahren, machen wir die Rätsel doch ein bisschen schwieriger, so dass man es schon als Mensch, also als Angehöriger einer hochentwickelten Zivilisation, nur versteht, wenn man vorher 58-seitige PDF-Dokumente durcharbeitet. Sie werden also eine Weile zu kniffeln haben auf ihren Plastikplaneten, aber dafür können sie ihre Antwort praktisch persönlich vorbeibringen, denn unsere Zuhörer draussen an den Geräten wohnen diesmal nur ein paar Lichtjahre entfernt. Bei der Gelegenheit können sie auch gleich ihren Preis mitnehmen; dieses Jahr verlosen wir unter allen richtigen Antworten einen hochwertigen Liegestuhl aus Tropenholz und zehn Abonnements auf die nächsten hundert Rätsel.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


04.04.2006 | 17:24 | Anderswo

Addio Amigo


mexikanerverachtend, aber verständlich (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

nicht mögen, aber müssen (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Jeder Schweizer ist stolz auf das hohe Niveau der Gebrauchsgrafik in seinem Land. Humorlos, minimalistisch und meist unter rigoroser Anwendung eines Gestaltungsrasters bewahrt sie das Andenken an die klassische Moderne und die Schweizer vor einem allzu bunten Alltag. 'Schweizer Grafik' ist zu einem feststehenden Begriff geworden, über den schmollmundige Sachverständige ihre Magisterarbeiten schreiben.
Doch nun ist die Schweizer Grafikeridylle in Gefahr. Die Zürcher Verkehrbetriebe nämlich brachten in allen ihren Fahrzeugen Aufkleber an, die mit Piktogrammen auf das richtige Verhalten im Wagen aufmerksam zu machen versuchten. Daneben klebte ein weiterer, in seiner Widersprüchlichkeit und Verzweiflung fast schon rührender Aufkleber mit der Aufschrift: " Wir möchten nicht den ganzen Wagen mit solchen Verbotsschildern zupflastern müssen."

Die Verbote nun waren dem Zürcher Fahrgast egal, denn Kriminalität ist in der Schweiz sowieso verboten. Ein Aufschrei des Entsetzens ging jedoch wegen der Gestaltung der Piktogramme durchs Land. Lediglich eines der Piktogramme war nämlich auf Anhieb verständlich, die anderen schienen das Verpacken des Kopfes des Vordermannes mit Sprechblasen (Rauchverbot), das Mitfahren mit heraushängenden Hosentaschen (Schwarzfahrverbot) oder das Zersägen von Sitzen (Zersägen-von-Sitzen-Verbot) zu verbieten. Das verständliche Piktogramm jedoch zeigte einen als Mexikaner Verkleideten beim Guitare spielen (Musizierverbot).
Die Mexikanische Botschaft intervenierte und die Mexikaner wurden überklebt.
An diesem Punkt wurde der Fall nun zum Politikum. Wer nun aber denkt, die Mexikanerfeindlichkeit der VBZ sei Gegenstand der 'Schriftlichen Anfrage', die die Zürcherische SP, vertreten durch Rolf Kuhn, an den Zürcher Stadtrat stellte, kennt den Schweizer schlecht. Es ist natürlich die 'amateurhafte Grafik' der Piktogramme, sie sich die SP nicht bieten lässt:
Inferiore Grafik sowie sprachliche Ungelenkheit legen den Schluss nahe, dass die Verbotsschilder von Amateuren (...) produziert wurden. Trifft diese Vermutung zu? Falls ja: Weshalb wurde der Auftrag nicht an Profis vergeben?


04.04.2006 | 03:41 | Anderswo | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt

Exservicewüste Deutschland


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Leere Worthülsen, unreflektiertes Gewäsch und nachgeplapperter Quatsch können die Welt verändern! Das mag sich zunächst nach einer gewagten These anhören, doch auf dem nebenstehenden Foto, entstanden am Münchener Flughafen, ist der Beweis zu erkennen. Gehen wir in der Zeit ein wenig zurück und führen uns die Beschwerde vor Augen, mit deren blumiger Ausformulierung praktisch jeder Lifestyle- und Wirtschaftsjournalist die 90er Jahre hindurch seine Miete finanziert hat: "Servicewüste Deutschland!".

Gefühlte 27 Stern-Cover tänzelten um diese Klage, und der Focus musste erst Rankings als seine natürliche Heimat entdecken, um von der ständigen Jammerei wegzukommen über die vielen Arbeitsplätze, die der Nichtservice in Deutschland gar nicht erst entstehen liess. Die meisten Artikel waren dabei ganz deutlich von zwei problematischen Besuchen beim Bäcker oder einem vierstündigen Berlintrip inspiriert und führten uns das famose amerikanische Valetparking als Kristallisationspunkt des Paradieses Dienstleistungsgesellschaft vor. Nun aber hört man schon länger nicht mehr diese Beschwerden, und es liegt nicht daran, dass Beschwerden so out wären wie Echtlinnen-Stickerei für Rütli-Schüler. Vielmehr hat die Wirtschaft reagiert und hat alles Mögliche an allen Ecken und Enden total verservict. Dieser Mülleimer etwa ist zweisprachig bedruckt und sagt dem vorbeieilenden Passanten:

"Hallo lieber Reisender, wirf nur deinen Müll ungefähr in meine Richtung, du musst auch nicht trennen, wie es zu Hause deine Frau verlangt, denn ich bin ein Convenience-Mülleimer und die gleichen Pakistanis, die tagsüber den Flughafenfrass in den Küchengewölben zusammenbrutzeln, trennen abends mit flinken Fingern den Müll, den du hier hineinwirfst. Ist das nicht toll?"

Ja, lieber Convenience-Mülleimer, das ist toll, denkt man bei sich, freut sich im gleichen Atemzug, dass das nervige Servicewüsten-Geschrei in den 90er Jahren famose Mülltrennerarbeitsplätze geschaffen hat und fragt sich, wann man endlich im Laufen urinieren kann und ein freundlicher Servicemensch es hinter einem wegwischt.


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