02.04.2006 | 13:11 | Anderswo | Sachen anziehen | Zeichen und Wunder | Papierrascheln
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Zugegeben, es gibt im Jahr 2006 innovativere Ideen, als über seinen Auslandsaufenthalt ausgerechnet in einem Blog zu berichten. Und zugegeben, Tokyo ist jetzt nicht gerade der Geheimtipp unter den Millionenstädten dieser Welt, über den wir in Deutschland noch so überhaupt nichts wussten, ganz anders als z.B. das aufstrebende Hyderabad. Aber man kann so ein Tokyo-Blog halt trotzdem interessant und angenehm gestalten, wie Dirk Schwieger beweist. Woche für Woche bekommmt er von Freunden und Lesern Aufgaben und Fragen, wie etwa "Besuch das Studio Ghibli Museum!" oder "Wie kleiden sich die Japaner?", zugeschickt, über die er dann in Form eines kurzen Comics berichtet. Da dies auf vier Seiten eines handelsüblichen Moleskines gezeichnet ist, nennt sich die Serie entsprechend der japanischen Behandlung von Lehnwörtern Moresukine. Auch wir haben Dirk einen Auftrag gemailt und werden nun im Juli oder so entweder etwas über die Ginza Renoir-Café-Kette, ein Treffen mit Sam & Valley oder die Suche nach einem Stein in der Form Japans erfahren – vorausgesetzt, Dirk überlebt die vorher geplante Fugu-Episode.
31.03.2006 | 17:53 | Anderswo | Sachen anziehen | Zeichen und Wunder
 "Da es in der Schweiz bezüglich dem Umgang mit Leichenasche kaum gesetzliche Bestimmungen gibt, sind der eigenen Fantasie im Umgang mit ball of life™, dem Innengefäss und seinem Inhalt kaum Grenzen gesetzt." (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Wer in Deutschland lebt, hat es ja nicht so schlecht. Er kann sich mitten in der Nacht eine Kiste Bier in einen der zahlreichen und gepflegten Parks liefern lassen und er kann ganz viele lustige Parteien wählen. Wer in Deutschland hingegen tot ist oder es werden möchte, der hat es nicht leicht. Denn will er sich nicht mit unsicheren Do-it-yourself-Methoden, sondern würdevoll und für immer aus Deutschland und dem Rest der Welt verabschieden, muss er seinen Wohnsitz in die Schweiz verlegen und sich hier melden. Später haben seine Angehörige dann noch einen Haufen Formalitäten zu erledigen, um den Toten zurück nach Deutschland zu transportieren. Zurück in Deutschland untersteht der Tote dann aber in Form des sogenannten 'Friedhofzwangs' schon der nächsten Bevormundung – er muss unter die Erde oder zumindest eingeurnt in eine dunkle Nische auf dem Friedhof. Will er seine Asche in gewohnter Umgebung aufbewahrt wissen, muss er nach Holland reisen, sich dort kremieren lassen und seine Angehörigen müssen ihn dann zurück über die Grenze schmuggeln ("Ach, das ist nur löslicher Cappuccino").
Schön ist das alles nicht. Nicht gerade Abhilfe, aber zumindest Linderung könnte nun das etoy-Projekt 'mission eternity' bringen. Der mission eternity User wird zu Lebzeiten digital erfasst; nach seinem Tod tritt seine Kapseldatei eine Reise durch das Netz an, vervielfältigt sich und versucht sich auf möglichst vielen Rechnern und Handys zu installieren und so ihre Existenz zu sichern. Sie kann von dort auch Bankgeschäfte tätigen, SMSe verschicken oder Telefonanrufe tätigen. Der Friedhofzwang hat aber auch seine guten Seiten. Er setzt der Fantasie von Leuten Grenzen, die sich the Urnpeople nennen und geschmacklose Urnen mit Namen wie 'Jembele' oder 'Ball of Love' auf den Markt bringen, denen man dann unvorbereitet im Museum oder im Wohnzimmer der Schwiegereltern begegnet.
("Friedhof: Design – Gestaltung zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit" noch bis zum 1. April 2006 im Museum Bellerive in Zürich)
30.03.2006 | 13:22 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen kaufen
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Supermärkte bieten, sofern sie geöffnet haben, weitestgehend optimale Einkaufsbedingungen: Erstens gibt es von fast allem etwas, zweitens gibt es zusätzlich von fast allem eine billige Alternative und drittens bleibt die zwischenmenschliche Kommunikation auf ein Minimum beschränkt. Bloss die Sache mit den Einkaufswagen ist nicht optimal gelöst. Die Dinger sind sperrig, stehen sich ständig im Weg rum und die passenden Münzen hat man sowieso nie dabei.
Spanien ist da einen Schritt weiter: In den Supermärkten der Mercadona-Kette gibt es praktische stapelbare Einkaufskörbe mit Rollen, die den Kunden ganz ohne Münzeinwurf zur Verfügung stehen. Der lange orangefarbene Griff ermöglicht eine leichte Handhabung auch im Stehen und zeichnet sich zusätzlich durch stufenlose Verstellbarkeit im Neigungswinkel aus, was auch Kindern eine optimale Bedienbarkeit ermöglicht. Die Hinzunahme eines zweiten Korbes ist ebenfalls kein Problem, nach wie vor bleibt eine freie Hand zum unbeschwerten Griff ins Regal. Und um Engpässe und Staus elegant zu überwinden, ist zudem ein kürzerer grüner Haltegriff angebracht. All diese Vorzüge ergeben ein nie dagewesenes Einkaufserlebnis: Das Bild unten rechts zeigt das unfreiwillige Ergebnis eines Testdurchlaufs (auf dem Einkaufszettel standen lediglich zwei Tüten Milch und eine Melone).
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
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29.03.2006 | 13:03 | Anderswo | Alles wird besser | Zeichen und Wunder
 Die richtige Verteilung des Nichts ist entscheidend (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)"Wie Sie sehen, sehen Sie nichts." Wer ist nicht damals von seinem schlechtrasierten Physiklehrer mit diesem unterirdischen Spruch gelangweilt worden? Diesmal ist es aber tatsächlich nichts, das wir hier sehen, und zwar umrandet von Schmutz. Zur Werbekampagne "Ballack +10" hatte die verantwortliche Agentur namens 180 am Radisson SAS Hotel in Hamburg zwei Riesenriesenplakate aufhängen lassen, mit den Motiven "Podolski +10" und "Schweinsteiger +10". Gross allein reicht nicht mehr heutzutage, es muss auch cool sein, und so dachte man sich Guerilla-Kommunikation aus. Offiziell spielt Guerilla-Kommunikation mit semiotischen Überraschungsmustern (vergl. Umberto Eco, "semiotische Guerilla-Kriegsführung"), inoffziell wird in Werbeagenturen alles so genannt, was nicht so recht messbar, aber trotzdem dem Kunden gut zu verkaufen ist, weil es "irgendwie rockt" oder schon mal auf MTV zu sehen war. Oft genug sind auch, sagen wir, teillegale Aktivitäten darunter, wie eine Flut von Aufklebern über die Stadt zu verteilen oder per Schablone Botschaften überall hinzusprühen.
Doof nur, dass die Kommunikation einer Marke einen Absender braucht, der kein 17jähriger anonymer Sprüher ist, sondern eine leicht zu findende Firma mit 17 Milliarden Euro Umsatz. Der man entsprechend 17 Milliarden Mal weniger verzeiht, Wände besprüht zu haben. Sehr, sehr, ich wiederhole nochmal: sehr smart ist da die Idee, seine Guerilla-Kommunikate nicht aufzusprühen, sondern sie aufzusäubern. Das Beispiel auf dem Foto oben ist nichts weiter als die an den richtigen Stellen gesäuberte, schmutzige Mauer rund um das Hotel Radisson SAS.
Das bedeutet nichts weniger, als dass ein neues Graffiti-Zeitalter hereinbricht. Putzgruppen werden in der Stadt umherziehen und ihre Schriftzüge mit Schablonen in die schmutzigen Fassaden putzen, Putzgruppe oder besser Putzguerilla wird man sie nennen, vielleicht, und die Polizei wird machtlos danebenstehen müssen, während die Jugend mit Chlorix und Meister Propper Antimoos ihren gefühlten Outlawtätigkeiten nachgeht! Es wird so toll!
29.03.2006 | 03:32 | Anderswo | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Schwer ist es in Zeiten, in denen es selbst Kinderpostillen (Bravo ist jetzt übrigens im erklärenden Untertitel "Das Teen People Magazin") gelingt, mit dem Papst als Popstar eine Auflagensteigerung zu erzielen, noch zu versuchen, eine neue heidnische Bekenntnisgemeinschaft ins Leben zu rufen. Und das auch noch in Österreich und nicht, wie man annehmen könnte, in Muspelheim oder Niflheim.
Anlässlich des Vorschlags des konservativen österreichischen Politikers und selbsternannten Verteidigers der "metaphysischen Menschenrechte Europas" Andreas Khol, Gott in die Verfassung aufzunehmen, ist nun aber genau das passiert: Der Heidnische Salon wurde gegründet, weil man schlechtes Leben mehr fürchtet als den Tod. Mit Entschiedenheit stellt die Gruppierung fest: "dass das, was uns heilig ist, keineswegs weniger heilig ist, nur weil wir es witzig finden. Gerade weil uns heilig ist, was niemand glaubt, sind wir weit entfernt von jedem schwachsinnigen Mystizismus." Gemeint wird wohl das Dogma sein, das die Teen-People-Kirche ausgibt.
In Island ist man bereits einen Schritt weiter. Als 1056 der christliche Glaube mehr oder weniger friedlich per Abstimmung eingeführt wurde, verzichtete man darauf, das Heidentum gänzlich zu verbieten. Seit 1972 existiert es sogar als staatlich anerkannte Religion und hat zwar erst 320 Mitglieder, das sind aber immerhin mehr als 0,1% aller Isländer, in Deutschland entspräche das ca. 85.000 Mitgliedern. Ausserdem kann das Heidentum jedes Jahr einen Zuwachs von 25% verzeichnen, während die Kirche an Mitgliederausdörrung leidet. Wenn das so weitergeht, kann der christliche Glaube dann pünktlich zum 1000-jährigen Jubiläum in 50 Jahren friedlich per Abstimmung wieder abgeschafft werden.
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Ekel als Angebot
- Wrangel-Eck (bei Inge & Rolf)
- kritische Grundhaltung
- Moebiusband quer zerschneiden
SO NICHT:
- von Telefonnummern angerufen werden, die es nicht gibt
- gebeten werden, die Tätowierung auszuziehen
- Schreibmaschinen in der Kunst
- Hifly-Syndrom im Gastrobereich
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Eisenfresser", Shaheen Dill-Riaz (2008)
Plus: 3, 28, 37, 42, 45, 49, 74 Minus: Gesamt: 7 Punkte
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