(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Dass Snickers ein Produkt der Firma Mars ist, daran werden sich die Älteren unter uns (erste Zähne vor 1930) noch erinnern. Spätestens seit dem 2. Weltkrieg ist Snickers sowas wie das Stock-Aitken-Waterman der Schokoriegelwelt und dominiert unangefochten die Hitparaden. Aus noch unerforschten Gründen lag genau derselbe Riegel in Irland und Grossbritannien lange als "Marathon" im Laden, bevor man sich 1990 entschloss, dass alle Snickers dieser Welt gleich heissen sollten, so geschehen im Rahmen eines weltweiten Umbenennungstrends, bei dem ausserdem aus der DDR fünf neue Bundesländer und aus Raider Twix wurde. Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal der Snickers-Nemesis Starbar, in den 70er Jahren von der Dunklen Macht Cadbury unters Volk geworfen, um endlich den Snickers-Bann zu brechen, bereits weitestgehend erledigt. Starbar tingelte unter wechselnden Bezeichnungen durch die Regale von Hamburg, Zürich und Rom, aber das Snickers-Imperium hielt. Heute gibt es Starbar entweder als Moro Peanut exklusiv in Spezialläden in Irland, oder als Starbar in Originaloutfit mit Peanut Boost weniger exklusiv, aber ebenfalls in Irland, oder aber als Cadbury Wunderbar an allen Tankstellen der Welt. Es muss abschliessend festgestellt werden, dass moderne Snickers nach altem DDR-Waschmittel schmecken, während alle Starbar-Derivate köstlich im Mund die Schätze des Orients ausbreiten (Schokolade, Karamel, Erdnuss).
Das ist das Etikett der weltberühmten deutschen Biermarke Blue Girl. Alles ist deutsch darauf: Die Bezeichnung "Pilsener Lager Bier", die Aufschrift "Schutzmarke", die lächelnde Germania, die eine dieser neumodischen elektrischen Lampen mit der Aufschrift "Excelsior" in der rechten Hand hält. Aber halt, "Blue Girl" ist doch gar kein deutscher Name? In Hongkong schon, wo dieses Bier das bekannteste und am meisten verbreitete "deutsche" Bier überhaupt ist. Ein typischer chinesischer Fake also, so wie Bayerische Gesundheitsideologie?
Keineswegs, auch wenn Blue Girl tatsächlich einer Hongkonger Firma gehört, die wiederum dänische Besitzer hat: Jebsen & Co. Die Vorfahren dieser Besitzer aber waren einst Deutsche, die Jacob Jebsen und Heinrich Jessen hiessen. Sie gründeten 1895 eine Handelsfirma in Hongkong, die 1906 dann Blue Girl erwarb; ein Bier, das angeblich bereits seit dem 18. Jahrhundert in Bremen gebraut wurde und an dem sich die deutschen Kolonialtruppen im chinesischen Qingdao gerne labten. Erst 1909 eröffnete Jebsen & Co. auch eine Niederlassung in Hamburg. Die Kaufleute selbst aber stammten ursprünglich aus dem nordschleswigschen Apenrade, und das war letztlich ihr Glück. Als im ersten Weltkrieg sämtliche deutsche Auslandsvermögen beschlagnahmt wurden, deren die Mitglieder der Entente habhaft werden konnten, betraf das natürlich auch Jebsen & Co. Nach dem Krieg aber waren die beiden Eigentümer plötzlich Dänen, und zwar weil 1921 Nordschleswig nach einer Volksabstimmung an Dänemark fiel. Auch ihre Firma war über Nacht dänisch geworden, so dass Jessen und Jebsen, anders als die deutschen Unternehmen im britischen Hongkong, unbehelligt weiter wirtschaften konnten.
Das Bier aber blieb deutsch. Das Etikett der Flasche jedenfalls sieht heute immer noch so aus, wie Etiketten im deutschen Kaiserreich aussehen mussten. Wie allerdings der Originalmarkenname gelautet hat, ist nirgends in Erfahrung zu bringen. Wirklich "Blaues Mädchen"? Wenn ja, könnte nicht einer diesen schönen Biernamen aus Hongkong reimportieren? Besser als Beck's Gold, Beck's Chilled Orange, Beck's Level 42 oder, ächz, würg, Beck's Fünftagebart ist er allemal.
(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Als Christoph Schlingensief, der grosse, ideenarme Absorbator, letztes Jahr seinen Animatograph genannten grossen Müllhaufen für die Subventionstheater entwickelte, mit dem er seitdem, mit üppig Staatsknete ausgestattet, um den Globus eiert (in einem Monat, Werner Herzog lässt grüssen, in Manaus), hat er sich ja nicht nur fröhlich bei Dieter Roth, Paul McCarthy, Ilya Kabakov, Matthew Barney, Hermann Nitsch und Joseph Beuys bedient, sondern auch das Ei entdeckt. Denn nicht aus Asche kommen und zu Asche werden wir, sondern aus einem Ei, das immer am Kochen gehalten werden muss. Schlingensiefs Ei ist ein Dauerei ("Das ist das Hauptrezept, das ist die Forschungsanlage der Zukunft, das 24-Stunden-Ei. Das müssen wir irgendwo plazieren, vielleicht auch an mehreren Orten"), und auch das kommt selbstverständlich von woanders her gekullert.
Als 1982 zur Documenta 7 Georg Jiri Dokoupil das gewaltige Gemälde "Gott, zeig mir deine Eier" schuf, war das neben der Persiflage auf die martialischen Julian-Schnabel-Bilder, auch eine kleiner Seitenhieb gegen Beuys´ schamanistische, damals leicht ranzige Aufforderung "Zeig mir deine Wunden". Und in Martin Kippenbergers letzten Jahren im burgenländischen Jennersdorf fuhr dieser, laut AC/DC spielend, mit einem riesigen Gipsei auf der Ladefläche eines Motordreirads über die Dörfer und plante für das Dorf ein Hubschrauberlandeplatz in Form eines Spiegeleis, während Schlingensief nochmal 10 Jahre später die wenig originelle Parole ausgab: "Gott, zeig mit Deine Bremsspur".
Der grössere Oologe momentan ist aber Toni, ein österreichischer Eierentrepreneur, der nicht nur seine Hühner mit Essig, Oregano und kleinen Steinen füttert, sondern auch grüne Eier produzieren lässt, von einem uralten südamerikanischen Hühnervolk namens Babette. Und neuerdings im Rahmen der Bewegung "Neue Bescheidenheit" verkauft er auch "kleine Eier" (Bild). Schlingensief mit seinen dicken Eiern frisst vermutlich der Neid.
Hier passiert nichts. Ehrlich.Ist es nicht beruhigend zu wissen, dass in all dem Wiedergekauten, was uns täglich als Nachrichten vorgesetzt wird, doch immer auch ein kleines bisschen niedliche Neuigkeit stecken könnte? Mit unserem wohl aufbereiteten Detailwissen können wir nicht nur Dinnerparties und Taufen aufwerten, sondern auch Chats mit der Liebsten.
Wer möchte denn nicht wissen, was die durchschnittlich 38 Larven der sarkophagischen, parasitoiden Fliege Emblemasoma auditrix so machen, wenn ihnen langweilig ist, es aber zu lange zur Geburt ist, weil keine Zikade zur Hand ist? Oder muss nicht alles weitergegeben werden, was der Scientific American für erwähnenswert hält?
Kohl und koli (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Es ist gar nicht mehr so leicht, irgendetwas ohne Mehrwert drin zu kaufen. Früher, also dasjenige Früher, als nur die Älteren von uns geboren waren, konnte man noch den schieren, blossen Apfel erwerben, der nicht mehr als gepflückt und transportiert worden war, heute vernachlässigbare, kaum mehr wahrgenommene Mehrwerte. Heute besteht die Konsumgesellschaft aus einer riesigen, unablässig von allen verfolgten Show "Pimp my Product", und der schönste, weil zykluserhaltende Mehrwert ist das Neue. Gerade auch in der Lebensmittelindustrie müssen ständig Neuigkeiten her, sie gehören zu den sogenannten Fast Moving Consumer Goods, mit hoher Drehzahl und damit hohem Gewöhnungseffekt.
Für kurze Zeit schien die Genmanipulation der schillernde Ausweg aus dieser Falle – leider wurde dieses in alle möglichen Richtungen dehnbare Feature mit nur mittlerer Begeisterung beim Verbraucher aufgenommen. Weil sich nun Gemüse noch nicht mit ein donnernden Gigahertzcrescendo verkaufen lässt, hat man im Extra-Markt zu einem ebenso sympathischen wie althergebrachten Werbertrick gegriffen: Wer nichts Neues zu verkaufen hat, kombiniere Altes und benenne es neu. So kommt eine Packung zu Stande, die die vielen hundert Jahre alten Kulturgemüse Blumenkohl und Brokkoli enthält, aber glitzy neuneuneu als Blukoli daherstolziert. Vom Extra-Markt lernen heisst sienen.