Die Briten sind die Könige des Fertigessens, was vielleicht, wie ihr ungebrochener Hang, für Sternenkunde viel Geld auszugeben, etwas mit Insellage und daraus folgender Seefahrt zu tun hat, wie sich ja überhaupt fast alles mit Geographie erklären lässt. Es verwundert daher kaum, dass ausgerechnet in England die Tube und in ihrem Innern die Paste weiterhin ein hohes Ansehen geniesst. So bietet Kavli seit einigen Jahren diverse Käsevarianten, unter anderem "Cheese and Ham" und "Cheese and Prawns" in Tubenform an. Tubenkäse spart nicht nur das verschmierte Messer, sondern auch notfalls das Brot, beides im Käsekonsum ansonsten unerlässliche Hilfsutensilien. Zudem erlaubt nur die Tube die Käsezufuhr auch unter Wasser und bei halbseitiger Lähmung, und ist auf diese Weise sowohl der Scheibe als auch dem Quader deutlich überlegen. Das Käsebeispiel zeigt die unerreichbare Praktikabilität der Tuben-Pasten-Kombo. Komplett unverständlich, wie es geschehen konnte, dass die Technik ansonsten lediglich bei der Zahnreinigung und in der Raumfahrt populär ist. Frei zitiert nach John Lennon: You give me a fucking tube, I'll get you something out of it.
(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Was die Liste der circa 100 ausstellenden Künstler angeht, hüllt sich der künstlerische Leiter der documenta 12, Roger M. Bürgel, in fortgesetztes Schweigen. Als Zugeständnis ans Publikum liess er sich vor geraumer Zeit die Namen der beiden ersten und der beiden letzten im Alphabet entlocken, und diesem Umstand ist es zu verdanken, dass wir, nicht zuletzt dank der Riesenmaschine, wissen, dass Molekularkoch Ferran Adrià dazuzählt, während zumindest die im Künstlerlexikon gelisteten bildenden Künstler zwischen Magdalena Abakanowicz und Jankel Adler traurige Gewissheit haben, dies nicht zu tun, vielleicht.
Das Innovative an Adriàs Molekularküche ist, dass sie physikalische und chemische Prozesse bei der Zubereitung von Speisen und Getränken verwendet, die irgendwie am Aggregatzustand einzelner Produkte drehen. Adrià selbst unterteilt seine Experimente in drei Klassen: sferificación, gelificación und emulsificación. Das bleibt natürlich nicht unkopiert, und selbst in den entlegensten Provinzkoch- und Volkshochschulen halten Molekularkochkurse inzwischen Einzug.
(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Am bekanntesten ist wohl der sphärifizierte Melonenkaviar, bei dem der mit einem speziellen Pülverchen vermischte Melonensaft mittels spezieller Spritze ins mit einem anderem speziellen Pülverchen versetzte Kochwasser geträufelt wird, worauf die Oberfläche sofort abbindet und kaviarähnliche, innen noch flüssige Kügelchen entstehen. Will man das als Privatperson nachmachen, kann man entweder für teuer Geld Adriàs Original-texturas und -Werkzeuge bestellen, oder man geht in die Apotheke und besorgt sich für sehr viel weniger Geld Calciumchlorid-Dihydrat, eine Einwegspritze und eine Packung Protefix Haftpulver für die Dritten, das zu 100% aus dem beim Maitre "ALGIN" genannten Natriumalginat besteht.
(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Neue, frische Produktnamen sollten immer mit Bedacht gewählt werden und beredt sein, Glassex z.B. als Fensterreiniger, nur wenn man ein echtes Interesse am Platejob hat. Jeder in den siebziger Jahren Sozialisierte erinnert sich an ein karamellisiertes Popcorn namens Baff. Die nach einem von einem Hund durchgekauten Pantoffel schmeckenden Nuggets mussten verschwinden, die Beruflich Aktiven Frauen in Franken machten Titelschutz geltend. Und schon wieder wird etwas karamellisiert, Keksmulti Bahlsen wirft Beppo auf den Markt, fettigglasierte Erdnussflips. Was damit assoziiert werden soll, ist unklar, ist es der bayrische Brachialkomiker Beppo Brem, oder die nach faulen Eiern riechende japanische Rentnerstadt Beppu? Zumindest ist die Zielgruppe dadurch schonmal eingekreist.
Die für Outsider harmlos daherkommenden Corn Flakes sind in Wirklichkeit weltweit Massstäbe setzende Werbeexperten, und das schon seit gut einhundert Jahren. Im harten Konkurrenzkampf kam man 1906 im Maisflockenhaus auf die Idee, auf jede Packung zu schreiben Beware of imitations. None genuine without this signature. W.K. Kellogg. Der Markterfolg blieb nicht aus; wer mochte damals schon als unaufgeklärter Konsument gefälschte Cornflakes essen? Unvergessen die Anzeige For thirty days, stop eating toasted Corn Flakes, mit der man angeblich nur die Lieferengpässe in den Griff bekommen wollte, den Umsatz aber massiv steigerte.
1906 forderte man das Publikum per Anzeige mit Erfolg auf, unbeflakte Händler mit dem Ziel der Flockenbestellung unter Druck zu setzen. 1907 erfand man bei Maisflockens das Sampling: in einer Anzeige ohne Absender wurde die Bevölkerung für den nächsten Mittwoch in die Lebensmittelgeschäfte einbestellt, wo am nämlichen Tag überraschend Gratispackungen verteilt wurden. Allein in New York konnte der Absatz verfünfzehnfacht werden. 1909 entwickelte man das Give Away, bei dem ab zwei Packungen Corn Flakes ein Comicbüchlein dreingegeben wurde. In den 90er Jahren erfand man das deutsche Wort Cerealien, um nicht nur eine Frühstückszutat zu sein, sondern gleich eine ganze Lebensmittelkategorie zu beherrschen.
Goebbels könnte es auch nicht besser. (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Auch heute noch wollen die Flocken vorne mit dabei sein, was ungewöhnliche Kommunikation angeht: 1% Fett, so steht es gross und signalfarbig auf der Packung. Und das ist natürlich toll, dass Cornflakes nur so wenig Fett enthalten. Wenn es auch vollkommen egal ist, denn wenn Cornflakes ein Problem haben, ist es zu viel Zucker – das sah übrigens auch der Bruder des Erfinders so, der wegen der Zuckerbeigabe bis zu seinem Tod kein Wort mehr mit dem Bruder sprach. Als Marketingtrick ist es natürlich trotzdem famosest; wir Werber arbeiten dementsprechend bereits daran, cholesterinfreies Benzin anzupreisen und kalorienarme Tapete.
In Frédéric Beigbeders 39,90 wird ein Werbespot beschrieben, in dem sich ein Model lasziv Joghurt in den Mund und übers Gesicht rinnen lässt, um anschliessend in die Kamera zu hauchen: "I love it when it comes in my mouth" (Gedächtnisprotokoll). Damit wollte der Autor vermutlich spotartig auf ein in der Branche weit verbreitete Binse anspielen, wonach Geschlechtlich-Anzügliches den Abverkaufszahlen förderlich sei. Allerdings hat die Realität längst gleichgezogen, indem nämlich inzwischen nicht nur Diät-Margarine mit hochglanzmagaziniger Softerotik beworben wird, sondern neuerdings auch Hustenbonbons. "Jetzt wird's feucht im Mund" lautet allen Ernstes die neue Headline zur Kampagne für Wick-Halsbonbons, die auch ästhetisch in die Fussstapfen von Lätta et al. steigt. Der kleine Schönheitsfehler, dass es dort zuvor auch schon feucht war, wird mehr oder weniger wirksam gekontert mit der Behauptung, dass durch eine zugesetzte Chemikalie zusätzlicher Speichel im Mund freigesetzt wird und es also dort noch feuchter als vorher wird. In Wahrheit wurde der gesamte produktseitige Irrsinn allerdings nur unternommen, um endlich mal eine richtig versaute Werbung für eines der bis dato unsexyesten aller Produkte machen zu können – hinter Margarine.