Riesenmaschine

29.09.2006 | 20:01 | Anderswo | Essen und Essenzielles

Kein trockenes Auge um Auge


Mach meinen Tag nass, Punk
(Foto von Yaniv Golan) (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Mit zunehmender Menschendichte steigt die Anzahl der gesellschaftlich sanktionierten Regeln und Gesetze, um ihr Zusammenleben zu ermöglichen; die persönliche Freiheit des Einzelnen, ebenso wie der physikalische Raum, der ihm zur Verfügung steht, um seinen Fussabdruck reinzumachen, nimmt stetig ab. Der offensichtliche Ausweg, die vielen Menschen wegzumachen, ist aus guten Gründen verboten, und findet daher in der Regel nur in Kunst und Spiel statt, durch Abschaffung der Anderen oder Isolation des Einzelnen. Die Beispiele dafür sind Legion; eins der jüngeren ist StreetWars, gegründet vor zwei Jahren, seitdem in sieben Städten gespielt und soeben in New York zum achten Mal gestartet, bei dem die Mitspieler mit der Wasserpistole Jagd auf ein Opfer machen, während ihnen ihr eigener Spritzkiller im Nacken sitzt. Jeder Spieler bekommt Heim- und Arbeitsanschrift und ein Foto des zu Mordenden, und zahlreiche der Mitspieler verfallen während der Spielwochen in den Komplettsimulationsmodus, treiben sich stundenlang auf Dächern in Ninjakostümen herum und steigen in ihre eigene Wohnung nur noch durchs Badezimmerfenster des Nachbarn ein. Erfolgreiche Killer erledigen als nächstes das Ziel ihres Opfers, bis es am Ende wie im Eliminationsfilm Highlander nur noch einen gibt, weil alle anderen nass sind.


28.09.2006 | 19:39 | Was fehlt | Essen und Essenzielles

Die Rosinenlobby


Bier mit Obst, aber noch ohne Rosinen (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Eine moderne Plage der Menschheit sind Lebensmittelzusätze. Nicht nur die kleinen pulvrigen oder unsichtbaren, die die Herstellung erleichtern sollen oder die Haltbarkeit verlängern, sondern auch die dicken, klebrigen, süssen. Rosinen zum Beispiel. Warum werden Rosinen in grossen Mengen in ursprünglich geniessbare Lebensmittel gegeben? Warum kann man eigentlich kaum ein Müsli ohne Rosinen kaufen? 80 Prozent aller im Handel erhältlichen Müsli-Mischungen sind aufgefüllt mit ca. 40 Prozent Rosinen. Warum? Gibt es wirklich Menschen, die Rosinen mögen?

Früher, in dunklen Zeiten, als Menschen ohne Perücken weder Salz, noch Kaffee, noch Zucker besassen, waren Rosinen neben Karotten vielleicht das einzig Süsse, was diese Menschen jemals zwischen die Zähne bekommen haben. Dass die ausgehungerten, ausgebombten und blockierten Berliner sich über Rosinen-Bomber freuten, versteht man auch noch. Aber der moderne Mensch, der pro Tag sowieso schon 3 Kilo Zucker oder Zuckerersatzstoffe zu sich nimmt, kann der sich noch über Rosinen, über ausgetrocknete Trauben ernsthaft freuen?

Der haferverarbeitende Betrieb Kölln aus Elmshorn scheint die Marktlücke eines Fertigmüslis ohne Rosinen erkannt zu haben, als er unlängst ein "Heidelbeer Müsli mit Milchcreme-Chips" auf den Markt brachte. Korrekterweise hätte es "Heidelbeerfruchtgranulat-Müsli mit weissen, süssen Stückchen aus teilweise gehärtetem Fett mit Magermilchpulver" heissen müssen, aber einem Unternehmen, das sich traut, Müsli ohne Rosinen auf den Markt zu bringen, sollte man alles verzeihen, notfalls auch die Verwendung von Genhafer, Generika oder auch den sausackblöden Werbespruch "Eine beerige Verführung am Morgen".


27.09.2006 | 21:36 | Essen und Essenzielles

Haarweibchen


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Panzerbeeren sind sie alle. Also Gurken, Melonen und Kürbisse, eine Familie. Und wenn man sie immer kleiner und kompakter züchtet, gleichen sich auch ihre Geschmäcker immer mehr an und werden ununterscheidbar, so als ob das Konzentrat alle diversifizierenden Geschmäcker auslagert, um sich auf die genetischen Wurzeln, das Wesentliche zu konzentrieren.
Die jetzt verstärkt überall (ausser in Berlin) auf den Märkten auftauchende Melothria, auch Haarweibchen genannt, hat die Grösse einer Erbse, sieht aus wie eine Melone, schmeckt aber wie eine Gurke. Und wenn man sich ganz besonders anstrengt oder eine Sumpfmeise bzw. Sandbiene ist, kann man sogar den Geschmack des Abtreibungsmittels Zaunrübe erkennen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wer hat Angst vor der schwarzen Möhre?

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link


26.09.2006 | 01:34 | Berlin | Essen und Essenzielles

Die besoffene Stadt


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

Was würden Sie tun mit einer Arbeitslosenquote von deutlich über 170 Promille? (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
In den Siebzigern nannte man es mit Rupert Sheldrake morphisches Feld, seit den Neunzigern mit Richard Dawkins auf einmal Mem, wenn eine Idee sich eigenmächtig fortpflanzt und überraschende Koinzidenz- bzw. Resonanzmuster entstehen. Das Mem, das Berlin gerade im Griff hat, ist das Besoffensein, bzw. das zu viel Saufen, bzw. das den Hals nicht voll kriegen können. "Hart an der Grenze! Wie viel Alkohol verträgt die Stadt?" lautet der Titel des aktuellen Tip (jetzt mit Berlinmaschine), der auch mittels Citylight-Werbung an den Bushaltestellen beworben wird. Eben dort, wo seit kurzen auch die Plakate der eigens für Berlin angefertigten, hart grenzwertigen Absolut-Kampagne ("Absolut Berliner Schnauze") anzutreffen sind. Allein dass jemand auf die Idee kommt, dem typischen Berliner könne tatsächlich das Lumen handelsüblicher Vodkaflaschenhälse zu gering bemessen sein und ihn dadurch beim Exen und Exzess stören und behindern, lässt tief ins Glas blicken und vermuten, dass entweder die Titelfrage des Tip mehr als begründet ist – oder aber jedenfalls und zumindest die Werber im Berliner Einzugs- und Verbreitungsgebiet ihr Berufsklischee plansollübererfüllen.


24.09.2006 | 21:58 | Essen und Essenzielles

Der Doktor und das liebe Kind


Medizin muss nicht bitter sein (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Wie fern liegt die Zeit, als man ein Wirtschaftsimperium begründen konnte, mit nichts als der Idee, Backpulver in praktisch portionierten Tütchen anzubieten? Anscheinend hatte die Konkurrenz seit Jahrhunderten geschlafen. "Das ist so praktisch", war das höchste Lob, das man als Kind für eine familiäre Neuerwerbung aussprach, z.B. Geräte mit Saugnäpfen am Boden, oder Verschlüsse, die gleichzeitig als Griff dienten. Grob gesagt, hatte alles, was wir aus dem Westen bekamen, praktische Seiten, z.B. Teppichmesser, deren Klinge man durch Abbrechen erneuerte (wozu man praktischerweise das abnehmbare, geschlitzte Ende vom Griff nutzen konnte) oder Lenorflaschen mit Griff (der nicht etwa umständlich angebracht, sondern Teil der Flasche war.) Praktische Ideen zu haben kostete nichts, der Osten hatte eigentlich keine Ausrede.

Der Bereich, in dem man praktische Ausrüstung braucht, war neben Militär und Tourismus, die ja beide fliessend ineinander übergehen, stets die Küche. Irgendwie träumt man ja immer noch von einem Haushalt, den man vollständig durch das Ziehen an einer Schnur bedienen kann, das wäre praktisch. Im Westen war zumindest Kochen schon ein Kinderspiel, weil sich durch das lustvolle Zusammenschütten der wundervoll praktischen Zutaten immer etwas feines ergab, oft genug etwas besseres, als man vorgehabt hatte. Und Dr. Oetkers Produkte waren nicht nur praktisch, sondern flössten einem tiefes Vertrauen ein. Denn wer könnte es besser mit einem meinen als ein Doktor? Das Logo mit dem Profil einer Hausfrau, die meiner Oma glich, wie wahrscheinlich der jedes anderen auch, tat sein übriges. Hier war die klassische Arbeitsteilung der menschlichen Gesellschaft Symbol geworden: seit es Küchen gibt, haben Männer ihre Frauen darin schuften sehen, und ihr schlechtes Gewissen mit Tüfteleien beruhigt, die den Frauen die Arbeit erleichtern sollten. Die Frau kocht, und der Mann räumt ihr mit seinem Ingenium die Steine aus dem Weg. Und wenn dieser Mann auch noch ein Doktor ist, rückt die Utopie, dass eines Tages aus Nahrung Medizin wird, in greifbare Nähe.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Kackpulver


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