Riesenmaschine

29.12.2009 | 15:12 | Anderswo | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Silver Prosumer

Die Angst vor einer Hungersnot ist eine Kollektiveigenschaft der Über-80-Jährigen. Die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit haben ihnen eingeimpft, dass man niemals genug hamstern kann, und deswegen werden im Altenheim die überzähligen Butterpakete vom Frühstück auch nicht weggeschmissen, sondern zu Dutzenden im Kühlschrank gesammelt, und wird den Kindern und Enkeln bei der Abfahrt noch reichlich Essen mitgegeben, nur für den Fall, "du hast doch sicher wieder nichts im Haus". Wenn wir in 50 Jahren selbst im Altenheim sind, wird es sicher nicht anders sein: Aufgewachsen in Zeiten grösster Not, werden wir den Kindern stets ungefragt ein paar Exaabyte-USB-Sticks einpacken, falls sie zuhause nicht mehr genug Speicherplatz haben.

Das Osnabrücker Diakonie-Wohnstift am Westerberg, bekannt für seine kreative Kuchenwerbung, nutzt dieses Generationentrauma nun schamlos aus, um sich von seinen Insassen unbezahlt bei den Vorbereitungen zum Neujahrsempfang helfen zu lassen. Waffelbacken, klar, wer weiss, ob es 2010 noch genug zu essen geben wird. Und so wird ganz nebenbei das Prinzip des Prosumenten endlich auch im Altersheim eingeführt. Gearbeitet wird mit den üblichen Euphemismen der Branche, denn Ort des Waffelbackgeschehens ist der, schon klar, "Kreativraum". Wenn demnächst als Seniorengymnastik der Zimmernachbar umgebettet wird, sollten wir unsere Pflegeversicherungsbeiträge zurückverlangen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die Rache der Prosumenten


21.11.2009 | 01:35 | Essen und Essenzielles

Garantiert-Cremig-Wochen


Zweifel an der Cremigkeit werden im Keim erstickt
Handelsmarken sind den "echten" Konsumgüter-Markenartiklern dicht auf den Fersen, wie das Marktforschungsinstitut Seissmo bereits 2005 herausgefunden hat, indem es gelbe Säcke aufgeschnitten und im Müll von Privathaushalten herumgewühlt hat (PPT-Download).
Auch ins Segment der Blauschimmelkäse hagelt es mächtig rein, seitdem die Haus- und Handelsmarken sich den Markenartiklern in Produktsensorik und Verpackungsdesign immer weiter anverwandeln. Eine echten Befreiungsschlag hat deshalb jetzt der Altsasse und Platzhirsch Castello unternommen und die "Garantiert-Cremig-Wochen" ausgerufen, die noch bis zum Dezember andauern. "Sollten sie mit der Cremigkeit nicht zufrieden sein, schicken Sie einfach die geleerte Packung zusammen mit dem Originalkaufbeleg und einer kurzen Begründung ausreichend frankiert an die unten stehende Adresse," heisst es in der Verpackung. Zwar ist über den Erfolg der Aktion, der sich ja wohl in geringer Beteiligung niederschlüge, bislang nichts verlautet. Wir gehen aber von einem summasummarum positiven Verlauf aus, denn ganz ehrlich hatte ja im Vorfeld auch niemand jemals die Cremigkeit des Castello wirklich in Zweifel gezogen. Als wahrscheinlich darf ferner gelten, dass das Beispiel Nachahmer finden wird. Wir freuen uns auf die "Garantiert-Fettig-Wochen" bei Rama und die "Garantiert-Salzig-Wochen" bei Bad Reichenhaller.


17.11.2009 | 16:25 | Berlin | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Ausweitung der Brunchzone

Das Freie Neukölln hat vor kurzem seinen Kneipenbetrieb um eine Frühstücks- und Mittagsoption erweitert. Was auf den ersten Blick wie ein ganz normales Gentrifizierungssymptom anmutet, ist genauer betrachtet eine Pionierleistung. Denn während der Mittagstisch nur bis 17 Uhr bestellbar ist, gilt die Frühstückskarte bis 18 Uhr, also eine Stunde länger. Wir sind uns noch nicht ganz sicher, welche historische Entwicklung im Mahlzeitensektor sich hier gerade vor unseren Augen vollzieht: Die Wanderung des Frühstücks in eine spätere Tagesregion, möglicherweise sogar ein Platztausch von Frühstück und Mittagessen, oder die Erweiterung der Frühstückszeit auf 24 Stunden/Tag. Aber egal was es ist, es ist toll.


13.11.2009 | 17:05 | Berlin | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Hybrid Marketing


Die Zielgruppe da abholen, wo sie eh schon ist? Oder sich in neuen Kontexten präsentieren und proaktiv das eigene Kundenpotenzial erweitern? Wie erreicht man das wachsende Marktpotenzial der hybriden Konsumenten? Welche Rolle spielt der Point of Sale? Und wie schafft man es, dass die eigene Marke bei solchen Aktionen nicht verwässert? Fragen über Fragen, auf die man in der Werbeabteilung vom Handelsblatt auch keine Antworten weiss. Aber am Ende zählt: Wer sich und seine Kunden auch mal überraschen kann, hat am Markt alle Trümpfe in der Hand.


06.10.2009 | 11:05 | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Dark side of the Brand


Wellness-Werbung für die Testosteron-Zielgruppe
In seinem Buch "Microtrends" weist Mark J. Penn auf die verkannte Zielgruppe der "Neglected Dads" hin, vulgo: der ganz normalen Familienväter, die aus ihrem angestammten Terrain der stupiden und gesundheitsschädlichen Freizeitaktivitäten herausgedrängt wurden, um Platz zu schaffen für die neuen aufgeklärten, körper- und umweltbewussten LOHAS-Zielgruppen. Insbesondere die Fast-Food-Industrie habe laut Penn hier im Zuge ihrer Saulus-Paulus-Neuerfindung das adipöse Kind mit dem Bade ausgeschüttet, indem sie ihre gesamten Marketing-Aktivitäten ausschliesslich auf Frauen und Mütter abgestellt hat, damit diese nicht mehr vor der Einfahrt zum Drive-in die Handbremse ziehen.

Jedoch zeigen sich erste Anzeichen einer Rückbesinnung. Während McDonald's noch immer ganz auf helles Fleisch, Pflücksalate und Latte macchiato setzt, spielt Burger King schon seit einiger Zeit wieder aggressiv die Machismo-Karte. Mit den derzeit laufenden "Angry Weeks" und den Specials "Angry Whopper", "Angry Onions" und "Angry Chicken" adressiert der ewige Zweite im Burger-Segment nun sogar explizit die Low-Prestige-Zielgruppe der zornigen jungen Männer, die es scharf und fettig brauchen und nicht nur mit ihren Ernährungsgewohnheiten gesellschaftlich anecken.

Vielleicht schlummert hinter dieser Rehabilitation der testosteronstrotzenden Unvernunft und Asozialität aber sogar mehr als ein kluger Marketing-Schachzug. Vielleicht bricht sich hier schleichend das Bewusstsein Bahn, dass Marken, die nur mit positiven Werten hausieren und ausschliesslich auf der Sonnenseite des Lebens siedeln, den Kontakt zur Realität verloren haben und nicht mehr mit den Lebensumständen ihrer krisengebeutelten Klientel im sich verschärfenden atomistischen Bürgerkrieg korrespondieren.

Heile Markenwelten, die bislang noch immer als "aspirational" galten, verlieren an Relevanz. An ihre Stelle tritt ein neues Markenkonzept, das bewusst und offensiv auch die Schattenseiten und Abgründe im Konsumkapitalismus thematisiert – mithin etwas, das die Wiener Kollegen von Ubermorgen.com schon seit gut einer Dekade als Shock Marketing propagieren. Wir stellen uns jedenfalls schon jetzt freudig ein auf die "Depressive Pepsi", den "iPod Schizo" und die "Debilen-Tarife" von Debitel.


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"The Way Back", Peter Weir (2010)

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Gesamt: -2 Punkte


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