Riesenmaschine

24.06.2007 | 23:54 | Fakten und Figuren | Sachen kaufen | Papierrascheln

Interview mit H. v. Schwindt


Heiko von Schwindt (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Heiko von Schwindt (32) studierte Germanistik und Betriebswirtschaft in Göttingen und London, habilitierte sich dort 2002 mit einer Arbeit über den Getreidehandel in Thomas Manns Buddenbrooks und war kurze Zeit Redakteur der Financial Times. Heute arbeitet er als freier Mitarbeiter für das Börsenblatt des deutschen Buchhandels und präsentiert zusammen mit Walter Feinbeiss die tägliche Börsensendung "Bears 'n' Bulls" auf n-tv. Von ihm stammt die Idee, in der Riesenmaschine eine Klagenfurt-Aktienbörse einzurichten.

RM: Herr von Schwindt, Sie haben diesen Markt für uns organisiert und nun auch lange beobachtet. Wie würden Sie die Lage nach 6 Tagen beschreiben?
Schwindt: "Lage" ist noch milde ausgedrückt. Der Markt ist tot.
RM: Was ist Ihre Prognose, wird das so bleiben?
Schwindt: Das kann nicht in unserem Interesse sein und auch nicht im Interesse der Anleger. Wir brechen das jetzt mit dem Contenthammer auf.
RM: Was heisst?
Schwindt: Was heisst, dass ja bisher praktisch blind in die Werte reingegangen wurde und blind wieder raus. Nichts gegen Ihre Leser, aber die können doch die Scheuermann nicht von dem Zwicky unterscheiden. Die "Toptrader" konsolidieren den Markt, indem sie die Kurse halten, wo sie sind, und keiner weiss, warum. Neuankömmlinge werden abgezogen, alles drückt zur Mitte hin.
RM: Und wie genau wollen Sie das jetzt ändern?
Schwindt: Kennen Sie das Sprichwort, ein rollender Stein setzt kein Moos an?
RM: Nein.
Schwindt: Das ist Börsensprache und bedeutet: Die Lawine stürzt ab, die Karawane zieht weiter.
RM: Und konkret jetzt?
Schwindt: Autorentexte. Wir werden Leseproben veröffentlichen. Damit die Anleger einfach mal sehen, auf was sie sich da eigentlich eingelassen haben.
RM: Was wird das Ergebnis dieser Veröffentlichung sein?
Schwindt: Schweissausbrüche, Panik, Flucht in den Alkohol. Autorentexte, das ist schlimmer als eine Brezel im Hals des amerikanischen Präsidenten. Da crasht die Börse, da fliegt der Bär. Ich kann nur raten, oben schon mal alles wegzushorten.
RM: Und wann und wo wollen Sie das veröffentlichen?
Schwindt: Montag, Punkt 14 Uhr, in den Kommentaren zu diesem Beitrag. Wobei Veröffentlichung natürlich das falsche Wort ist. Weil, das ist ja alles öffentlich. Hätt sich ja jeder angucken können, was die Herren und Damen so schreiben. Aber ein Blick auf den Markt, und Sie wissen: Hat keiner gemacht.
RM: Die meisten unserer Leser haben -
Schwindt: Leser! Patati, patata.
RM: Manche hängen seit 72 Stunden auf der F5-Taste und haben viel Arbeit in ihr Portfolio investiert.
Schwindt: Sie nennen es Arbeit, ich nenne es Unfug.
RM: Ihr Schlusswort?
Schwindt: Mit Literatur hat das alles nichts zu tun.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Klagenfurt-Totalisator


23.06.2007 | 20:23 | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Betrachtungen über den Klecks


Warmes Bauchgefühl schön und gut, aber muss man das denn auch noch unterstützen? (Foto: loneconspirator) (Lizenz)
Es ist billig, der Kernspintomographie an sich, und speziell ihrem klingelnden Gebrauch in der sogenannten Neuroökonomie eine Narrenkappe aufzusetzen. Bunte Flecken im Gehirn, Zentren für dies und jenes, für Geld, Gold und Glück, es ist eine zirkusgleiche Bedeutungshuberindustrie, die da um die selbst löbliche und lustig komplizierte Technologie gewachsen ist (für die es völlig zu Recht letztes Jahr den Nobelpreis gab, für die galoppierenden Interpretationen kann der Kernspin ja nix). Und weil das Billige meist ja auch recht ist, gehts jetzt los. In einer aktuellen Studie zum Dauermodethema Altruismus, publiziert in Science, fanden Forscher heraus, dass das Belohnungszentrum im menschlichen Gehirn aktiv wird, wenn man seine Besitzerinnen zwingt, vom Geld, das man ihnen vorher geschenkt hat, einen Teil für einen guten Zweck weiterzuspenden, und dass es aber noch viel aktiver wird, wenn man sie die Spende freiwillig machen lässt. Ganz begeistert schliesslich sind die Forscher davon, dass die Aktivität dieser Gehirnteile beim Geldempfang ihnen auch grobe Vorhersagen erlaubt, wer wieviel Geld wieder herschenken wird. Das klingt alles ein bisschen wie Zauberei und Gedankenlesen, und man möchte schon ergriffen zur Börse greifen und die Forschung selbstlos weiterfinanzieren. Aber sehen wir nur ruhig ein wenig genauer hin. Was haben wir wirklich erfahren? Wir haben erfahren, dass die, die sich über was Geschenktes mehr freuen, es weniger gern wieder hergeben. Und wir haben erfahren, dass Menschen möglicherweise uneigennützig spenden, weil sie sich dabei gut fühlen. Die Studie spricht vom warm glow, und meint dabei wohl nicht den roten Klecks auf dem Gehirn, sondern das gute Gefühl im Bauch, das man beim Klecksbetrachten bekommt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ansichten aus dem Nonneninnen


22.06.2007 | 20:32 | Fakten und Figuren

Petters erster Brief an die Amerikaner: Über die Erstgeborenen

So schrieben Petter und Tor den Amerikanern: "Der HErr hat den Erstgeborenen ausgestattet mit Rechten, dem Erbe an Haus und Hof. Weise Männer befanden seine Klugheit der der Nachgeborenen überlegen und gestatteten ihm also, über sie zu herrschen, wie es ihm gefiel. Doch neideten Zweit- und Fernergeborene seit Anbeginn der Zeiten das Geburtsrecht.


Wert vor der Euro-Umstellung:
Ein Erstgeborenenrecht
(Foto: blair) (Lizenz)
Zweihunderttausende und auch fünfzigtausende von Norwegern haben wir nun untersucht. Und sehet, der Zweitgeborene, dessen Erstgeborener nicht mehr auf Erden weilt, ist klüger als der Zweitgeborene, dessen Bruder noch über ihm thront. Schuld ist somit der soziale Einfluss, nicht aber irgendwelche Moleküle im Mutterleib, wie sie die Heiden vorschoben.

Gehet nun hin in Frieden und bedenket, dass wir auch befanden, dass der Verlust von Geschwistern gleichwohl mit Verfall der Klugheit einhergeht und sehet, dass Geschwistermord der Lösungen schlechteste ist, um Weisheit zu erlangen."

Traditionelle Exegese mit Abendmahl von Paulus.


19.06.2007 | 10:45 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Are we rudy fer the bake shah?


Plase ramabar, averyune: tines es a vary rimuntec scene thit ends en trudgady (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Gerade orthodoxen David-Lynch-Fans sind zwei Aspekte im Oeuvre dieses singulären Meisters vollkommen unbekannt, einerseits, dass er ungeheuer komisch ist, eine Komik, die in allen seinen Filmen immer wieder herausblitzt (Der Cowboy in "Mulholland Drive", die Enten in der Zeichentrickserie "Dumbland"), sie scheint aber offenbar unwillkommen, man hat sich eingerichtet mit der Exegese, er sei düster, unheimlich und böse, und in dieser Schublade ist Klamauk und Klamotte nun mal kontraproduktiv. Darunter hatte schon Kafka zu leiden, der während Lesungen im privaten Kreis vor Lachen schon mal unter den Tisch gerutscht ist, während Freund und Nachlassverwalter Max Brod selber gern unter den Tisch gerutscht wäre, allerdings vor Scham.

Die andere unbekannte Tatsache Lynchs, und sie schliesst nahtlos an den ersten Aspekt an, ist eine Fernsehserie namens On the Air. Sie wurde erstmals 1992 ausgestrahlt und ist gnadenlos gefloppt, laut Lynch, weil sie im Sommer, am Samstag und in der Nacht lief, drei tödliche Komponenten, kein Mensch sitzt da vorm Fernseher, kein Mensch kennt sie demzufolge, und weiss deshalb, dass sie fraglos zu dem Lustigsten gehört, was je für den Film- und Fernsehsektor produziert wurde. Der eigentliche Grund wird aber vermutlich sein, dass OTA ganz knapp nach Twin Peaks lief, teilweise parallel zu Twin Peaks gedreht wurde, die Leute waren konditioniert auf den Grusellynch, und wollten oder konnten einen alle und alles mit Slapstick der billigen Art zerstörenden Lynch nicht akzeptieren.

Das Thema der siebenteiligen OTA-Serie ist der regelmässige Versuch 1957 sowas wie das erste Livefernsehen mit der "Lester Guy Show" zu installieren, etwas, was dann aber regelmässig gewaltig in die Hose geht. Das beste an dieser Serie ist das haarsträubend unkompatible Personal, unter diesen Bedingungen kann natürlich nichts gedeihen, ausser Chaos. Lester Guy (Ian Buchanan), bekannt aus Twin Peaks, als Lucy den Kopf verdrehender Warenhausbesitzer, ist ein abgehalfterter, eitler Schauspieler, der unter der Leitung des heillos überforderten Regisseurs Vladja Gochktch einerseits versucht, das Zentrum des Geschehens zu sein und sein Gesicht zu wahren, und andererseits, Intrigen zu spinnen. Hier weiss niemand was der andere macht bzw. vorhat, es gibt kein Zentrum, keine Orientierung, deswegen muss alles scheitern. Der einzige Kitt des Zusammenhalts ist der schreiend komische Dialekt Vladja Gochktchs (eine auffallende Analogie zu den rückwärts sprechenden Zwergen in Twin Peaks): "Sha cun wutch ot un talavosion en yir un hime" ("She can watch it on television in your own home").

Leider kann man es eben nicht im Fernsehen zuhause anschauen, es existieren weltweit nur eine Handvoll mürber Videos, DVDs überhaupt nicht, deshalb die Serie als bulgarische Filmspulen am 22. Juni, 21 Uhr in der Möbel- und Getränkehandlung Phil, Gumpendorferstrasse 10, 1060 Wien, und, um es noch verwirrender zu machen, mit japanischen Untertiteln.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


18.06.2007 | 00:27 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Brutstätten des Bösen


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Vor zwei Wochen zeigte sich Erddrache Google Earth gnädig und spuckte eine neue Reihe von Intimaufnahmen mit sensationell übertriebener Auflösung von 50cm pro Pixel aus, die mittlerweile auch beim Drachenputzerfisch Google Maps angekommen sind. Unter den seltsam willkürlich ausgewählten Orten, für die das Update erhältlich ist: Toronto, die sympathische Kleinstadt nördlich des Reichs der Schatten. Im oberen Bild vom Flughafen Pearson International kann man gut erkennen, dass grosse Dinge jetzt nicht mehr klein aussehen, nur weil man sie von weitem betrachtet, sondern eben gross, wie es sich gehört. Interessanter jedoch das untere Bild von einer Stadtgegend am Humber River. Es zeigt natürlich nicht, wie Blog TO vermutet, Brutstätten für Aliens (Aliens werden kaum auf der Erde ausgebrütet, sonst wären es ja keine Aliens). Sondern nämlich eine gigantische Zeitmanufaktur, in der die weltweit ständig verlorengehende Zeit mit Hilfe von Uhrenrückkopplung und Vollintegralgetriebe durch brandneue, unbespielte Zeit ersetzt wird. Auch von Greifswald gibt es neue Superdetailbilder. Wo mag dort das Zeitkraftwerk stehen?


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