Riesenmaschine

01.02.2007 | 18:00 | Fakten und Figuren | Zeichen und Wunder

Die Wahrscheinlichkeit der Formel

Wenn es mit ernsthaften Problemen in der Wissenschaft, z.B. der Suche nach der Weltformel, mal nicht vorwärts geht, kann man sich mit kurzweiligeren Problemen auseinandersetzen, z.B. der Suche nach der Weltformel, die sich in der Tageszeitung unterbringen lässt. Für jedes Problem lässt sich ein Wissenschaftler auftreiben, dessen Prokrastinationsneigung gerade gross genug ist, um eine Theorie zu einer Beliebigkeit aufzustellen, die weder Statistik oder Algebra jenseits der 10. Klasse erfordert, unabhängig von der Komplexität des Problems.


They are scientists. (Foto: jurvetson) (Lizenz)
Nachrichten der geheimen Formel für den gewinnmaximierten Hollywood-Film geisterten gerade durch die Medien, für Horrorfilme ist die Wahrheit bereits ans Licht gedrungen. Über derartige Profanitäten werden ernsthaft bummelnde Forscher aber nur müde hinwegklicken, kann man sich doch um Liebe, Eheglück, bzw. das allgemeine Glück kümmern. Trotz der Durchsichtigkeit des Schemas hat es aber eine ganze Weile gedauert, bis endlich eine Theorie zur Prokrastination erschien.

Die Erscheinungswahrscheinlichkeit einer Formel E lässt sich übrigens gut aus der Gemeinplatzigkeit des Begriffs G, dem Prokrastinationpotential in der Wissenschaft P und der allgemeinen Nachrichtenlage im Wissenschaftsteil N mit E = G *P/N approximieren, wie jemandem, der einen US-Mathematiker kennt, heute unter der Dusche eingefallen ist.


29.01.2007 | 21:32 | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Cornfakes

Die für Outsider harmlos daherkommenden Corn Flakes sind in Wirklichkeit weltweit Massstäbe setzende Werbeexperten, und das schon seit gut einhundert Jahren. Im harten Konkurrenzkampf kam man 1906 im Maisflockenhaus auf die Idee, auf jede Packung zu schreiben Beware of imitations. None genuine without this signature. W.K. Kellogg. Der Markterfolg blieb nicht aus; wer mochte damals schon als unaufgeklärter Konsument gefälschte Cornflakes essen? Unvergessen die Anzeige For thirty days, stop eating toasted Corn Flakes, mit der man angeblich nur die Lieferengpässe in den Griff bekommen wollte, den Umsatz aber massiv steigerte.

1906 forderte man das Publikum per Anzeige mit Erfolg auf, unbeflakte Händler mit dem Ziel der Flockenbestellung unter Druck zu setzen. 1907 erfand man bei Maisflockens das Sampling: in einer Anzeige ohne Absender wurde die Bevölkerung für den nächsten Mittwoch in die Lebensmittelgeschäfte einbestellt, wo am nämlichen Tag überraschend Gratispackungen verteilt wurden. Allein in New York konnte der Absatz verfünfzehnfacht werden. 1909 entwickelte man das Give Away, bei dem ab zwei Packungen Corn Flakes ein Comicbüchlein dreingegeben wurde. In den 90er Jahren erfand man das deutsche Wort Cerealien, um nicht nur eine Frühstückszutat zu sein, sondern gleich eine ganze Lebensmittelkategorie zu beherrschen.


Goebbels könnte es auch nicht besser. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Auch heute noch wollen die Flocken vorne mit dabei sein, was ungewöhnliche Kommunikation angeht: 1% Fett, so steht es gross und signalfarbig auf der Packung. Und das ist natürlich toll, dass Cornflakes nur so wenig Fett enthalten. Wenn es auch vollkommen egal ist, denn wenn Cornflakes ein Problem haben, ist es zu viel Zucker – das sah übrigens auch der Bruder des Erfinders so, der wegen der Zuckerbeigabe bis zu seinem Tod kein Wort mehr mit dem Bruder sprach. Als Marketingtrick ist es natürlich trotzdem famosest; wir Werber arbeiten dementsprechend bereits daran, cholesterinfreies Benzin anzupreisen und kalorienarme Tapete.


29.01.2007 | 02:18 | Was fehlt | Fakten und Figuren

Slowenien war die neue Schweiz


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die noch recht junge Disziplin der Trendforschung ist auf dem Zeitstrahl ziemlich einseitig ausgerichtet. Immer geht es bloss um Zukunft, Zukunft, Zukunft – dabei weiss man doch nicht mal, ob es überhaupt eine Zukunft geben wird, vielleicht schaltet morgen jemand die Schwerkraft ab und alles ist ganz schnell vorbei. Um eine wirklich ernstzunehmende Wissenschaft zu werden, muss sich die Trendforschung jedenfalls auch der Dokumentation und Typologisierung früherer Trends annehmen.

Wichtige Vorarbeiten im diesem Bereich wurden nun in diesem Diagramm (Ausschnitt links, via 30gms) geleistet: Bekanntermassen war die – eventuell 2001 durch das Debütalbum der Kings of Convenience und die daraus konstruierte Mikromusikbewegung Quiet is the New Loud ins Rampenlicht gerückte – "X is the new Y"-Konstruktion in den vergangenen Jahren eine klassische Formulierungstrendblase, der auch wir ab und zu auf den Leim gegangen sind. Das Diagramm versammelt nun alle gefundenen Verwendungen im Jahr 2005 (möglicherweise der Höhepunkt des Trends, wer weiss das ohne Trendhistorie schon so genau). Das ist gut und wichtig, denn man hatte schon wieder vergessen, dass Karl Lagerfeld der neue Steve Jobs war, Yoga das neue Jazzercise oder Kanada das neue Estland. Oder die vielen Mutmassungen, was denn nun das neue Schwarz sei (silver, pink, depopulation, anal sex, white, cruelty, vegan, red, brown, beta, mobile search, mini, awkward, simplicity etc. – 2006 wusste man dann, dass matt die richtige Lösung war). Und weil uns praktisch zeitgleich eine Übersicht über die zehn wichtigsten Logotrends 2006 erreicht, verkünden wir für 2007 vorauseilend den Metatrend Trendhistorie.


27.01.2007 | 15:53 | Alles wird besser | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Taiga im Tank


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Ein Kilo Gas tanken hört sich an wie ein Meter Pommes in der Flasche (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Erdgasbetriebene Fahrzeuge explodieren auf deutschen Strassen, und zwar in der Anzahl. Ob der Russe mit dem Gasrubel in Zukunft ähnlich verantwortungsvoll umgeht wie der Araber mit dem Öldollar, wird man abwarten müssen. Bis dahin kann man sein geopolitisches Gewissen mit den gesparten Steuern beruhigen, und ein bisschen umweltiger sind Erdgasautos auch. Vielen Menschen ist allerdings unbekannt, dass man mit einem solchen Wagen in Kilo tankt, was einem hübsch den Geist öffnet zum fröhlichen Durcheinanderwirbeln der Alltagsmasseinheiten:
Warum nicht endlich mal zwei Stunden Bratkartoffeln bestellen? Eine 300 Kubikmeter grosse Wohnung anmieten? Urlaub im Umkreis von 250 Euro machen? Oder von 38° bis 32° lang baden? So weit kann einen ein Erdgasgefährt bereits beim Auftanken bringen, allein dafür hat sich die Sache gelohnt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Masseinheiten für Gefühle


25.01.2007 | 05:21 | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Getretener Pentaquark


Süsse Teilchenphysik: Aprikonen in einer Pentaquarkmatrix.
(Foto: kochtopf)
Man darf der Physik nicht böse sein. Zwar hat ihre Ausübung über die Jahrhunderte Atombomben und Handys ermöglicht, aber auch das Internet und Wasserpistolen, und im Ganzen gleichen sich die Vor- und Nachteile aus, und die Wissenschaft von den Sachen und ihren Erlebnissen ist nutzneutral. Ganz genauso verhält es sich zufällig mit Materie und Antimaterie im Universum, Prozesse, die die eine erzeugen, erzeugen in den allermeisten Fällen auch die andere, und selbst wo das nicht so ist, weil mutwillig eine Symmetriebrechung verübt wird, gibt es keine Präferenz für die gute oder die böse Materie in den Modellen der Physik. Warum also gibt es mehr von der einen, und weniger von der anderen da draussen?

Diese Frage ist der Kern einer bislang unspaltbar harten Nuss, aber jetzt gibt es endlich eine Antwort. Einige Physiker folgten Eisenhowers Tipp, unlösbare Probleme einfach zu vergrössern, und bauten sich eine Theorie, die nicht nur das Fehlen der Antimaterie entschuldigt, sondern auch gleich noch erklärt, wo die ebenfalls sehr rätselhafte und noch nirgendwo direkt beobachtete dunkle Materie herkommen könnte. Die Antwort ist natürlich unbegreiflich und enthält so herrliche Dinge wie Baryogenese, Pentaquarks und Sphaleronen, was so grossartig klingt, dass sie eigentlich nur falsch sein kann. Und also, dem Bohr-Prinzip zufolge, wahr sein muss. Sphaleronen und Pentaquarks! Wer hätte das gedacht.


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