Riesenmaschine

26.09.2005 | 12:58 | Fakten und Figuren

Bäckerhefen sehen dich an

Als Anfang September in den Zeitschriften "Science" und "Nature" irgendwas Unverständliches über das anscheinend mittlerweile komplett sequenzierte Schimpansengenom erschien, ging die Meldung ihren üblichen Weg und wurde in der üblichen Reihenfolge von den üblichen Magazinen mehr oder weniger ordentlich abgeschrieben: Das menschliche Genom sei mit dem des Schimpansen zu 96% oder zu 98,7% oder 98,8% oder bis zu 99%, also jedenfalls zu ganz schön vielen Prozenten identisch, die Frage "was uns zu Menschen macht" aber nach wie vor ungeklärt. Wenn man bedenkt, dass das Genom von Mensch und Maus auch schon zu 98% und das von Mensch und Reis immerhin noch zu 50% übereinstimmt, dann sinkt der Nachrichtenwert dieser Meldung in etwa auf das Niveau derer, in China sei ein Sack Reisgenom umgefallen. Natürlich ist der Originalartikel (Link siehe oben) von keinem normalen Leser, sei er Mensch, Maus oder Bäckerhefe (15% Übereinstimmung), zu verstehen. Aber darf man in solchen Fällen einfach irgendwelchen Quark (3,5%) in sein Wissenschaftsfeuilleton schreiben? Schon im eigenen Interesse meinen wir von ganzem Herzen: Ja!


26.09.2005 | 02:16 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Zellularautomaten komponieren Klingeltöne

Wie wir kürzlich berichteten, gibt es ziemlich viele Menschen, die Musik produzieren, in der sich alles um Mathematik dreht. Das ist schön und lobenswert, aber leider zu kurz gedacht, denn Mathematik ist bereits Musik, allerdings selten besonders gute. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an den fraktalen Tonbrei, den der Commodore C64 in Kooperation mit einem Mandelbrotprogramm zu erzeugen in der Lage war. Stephen Wolfram, von Beruf Genie, beglückt die Welt nun mit einer neuen Generation Mathematikmusik, basierend auf dem Zellularautomaten, einem äußerst vielseitigen Ding, das anderswo dafür verwendet wird, Autobahnen, Nahrungsketten oder auch das Ende der Welt zu simulieren. Wir verstehen natürlich haargenau, wie WolframTones funktioniert, können hier aber nicht im Detail darauf eingehen; die Grafik unten verdeutlicht das grobe Prinzip. Viel wichtiger: Der Online-Musikgenerator hat unzählige Regler und Buttons, man kann endlos herumspielen, es ist herrlich und hört praktisch nie auf. Die Musik der zellulären Automaten klingt zudem eindeutig besser als das Zeug, mit dem man immer in Supermärkten und Aufzügen beschallt wird, und uns sind nicht viele Radiosender bekannt, die Rhythm'n'Blues auf lydischer Tonskala mit 157 BPM spielen. Natürlich kann man das alles dann auch noch als Klingelton abspeichern. Die Mathematik, treuer Diener der Spaßgesellschaft.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


25.09.2005 | 17:41 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Spiele mit Flasche leer

Anfang der 60er Jahre beauftragte der Bierbrauer Alfred Heineken, entsetzt über die Wohnbedingungen in der Karibik sowie über die große Anzahl leerer Heineken-Flaschen ebendort, den holländischen Architekten John Habraken mit dem Entwurf der legosteinartigen "World Bottle" (Abbildung oben). Der Bauplan für ein einfaches WOBO-Haus sollte auf einem Aufkleber auf jeder Flasche stehen. Angeblich wurden um die 50.000 World Bottles hergestellt, aus denen Heineken selbst sich ein Gartenhaus bei seiner Amsterdamer Villa errichtete. In der Karibik kam die Idee weniger gut an; das Projekt wurde wieder fallen gelassen.
Eventuell wird dem bei OhGizmo! gesehenen Bong Vodka größerer Erfolg beschieden sein. Nach dem Austrinken der einen Droge lässt sich die Flasche – so deuten es zumindest Name wie Abbildung an – zum Konsum anderer Drogen weiterverwenden: "The distinctive character of Bong Vodka serves to unite those of various lifestyles together in spirit ..." Neben der intelligenten Verpackung gibt es hier also einen Versuch der kulturellen Verschmelzung des bislang eher Unverschmelzbaren zu kaufen. Allerdings ist es nach wie vor preiswerter, andere Getränkeverpackungen wie Plastikkanister, Dosen und überhaupt fast alles per schlanker Just-in-Time-Produktion (vereinfachte Lagerhaltung und Beschaffungslogistik!) zur Wasserpfeife umzufunktionieren. Das sieht man vermutlich in der Karibik genauso.


25.09.2005 | 04:16 | Supertiere | Vermutungen über die Welt

Teuflische Ameisen

Grundsätzlich gibt es zwei Sorten von Lebewesen (siehe Friebe & Passig 2005): Die einen, nennen wir sie die Biberartigen, kann man hinbringen wo man will, sie werden sofort anfangen, alles umzubauen – Vorgärten anlegen, Flüsse begradigen, den Weihnachtsbaum schmücken, Gardinen aufhängen, Tiere domestizieren. Nur in einer selbstgefertigten Umgebung fühlen sie sich wohl. Den anderen, vielleicht am ehesten als Rattenartige zu beschreiben, ist es völlig egal, in welchem Dreckloch sie wohnen, denn für sie gibt es nur vier wichtige Dinge im Leben: Essen, Fortpflanzung, Essen und Fortpflanzung. Bei der Bewertung dieser grundverschiedenen Überlebensstrategien wurde bisher oft argumentiert, dass Ratten im Gegensatz zu Bibern noch nie und nirgendwo vom Aussterben bedroht waren, was vielleicht irgendwas zu bedeuten hat.

In der aktuellen Ausgabe von Nature wird dieses Argument nun widerlegt, und zwar von Ameisen, die man wohl kaum als Survival-Schwächlinge bezeichnen kann. Im amazonischen Regenwald gibt es Regionen, sogenannte Teufelsgärten (siehe Bild), in denen nur eine einzige Sorte Baum wächst, natürlich wegen irgendwelcher Dschungeldämonen (im Bild leider nicht gut erkennbar). Wie die Ameisenspezialisten vom Gordon Lab jetzt herausfanden, hören die Dämonen auf den eindrucksvollen Namen "Myrmelachista schumanni", eine Ameisenart, die kurzerhand mit einem hauseigenen Herbizid alle anderen Pflanzen vergiftet, bis nur noch die Bäume übrig sind, in denen sie wohnen wollen. Das ist eine ziemlich brutale Variante der Weltveränderung, in ihrer Unverfrorenheit eigentlich nur vergleichbar mit der kommunistischen Weltrevolution oder dem "British Empire". Weltveränderung muss also nicht zwangsläufig die Arterhaltung bedrohen.

Um den Überblick zu behalten, unterteilen wir hiermit die Biberartigen in ameisenartige und nicht-ameisenartige Biberartige. Beide sind wesensverwandt und verfolgen letztlich ähnliche Ziele, aber während die nicht-ameisenartigen ruhig und unermüdlich ihren Schrebergarten umgraben und Rassekaninchen züchten, gehen die ameisenartigen Biberartigen für ihr Hobby über Leichen. Es ist nicht unsere Aufgabe, moralisch über irgendeine Lebensweise zu richten, denn wer noch nie eine Ameise zertreten hat, weil sie das Lebensgefühl störte, der werfe den ersten Stein. Vorsichtig.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


25.09.2005 | 00:59 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Kinderfinder

Vor gerade mal fünf Wochen beklagten wir das Fehlen eines Mutterhuhn-Gerätes, das unsere Schlüssel und Portemonnaies hütet und bei deren unerlaubter Entfernung laut gackert. Und schon hat sich jemand nicht direkt unseres, aber doch zumindest eines ähnlich gelagerten Problems angenommen: Wie OhGizmo! berichtet, gibt es seit gerade eben das Kinderüberwachungsgerät ionKids (Achtung, Wortspiel!) zu kaufen. As in zu kaufen! Kein Prototyp, keine alberne Designstudie! ionKids erfüllt genau die oben beschriebene Aufgabe, d.h. es piept, wenn ein Kind sich aus dem einstellbaren Einzugsbereich entfernt und weist den Eltern auf Knopfdruck die Richtung zu bis zu vier verlorenen Kindern. Das Gerät kostet um die 200 US$ und lässt sich leider derzeit nur unter Verrenkungen anstatt zur Kinderüberwachung zur Gegenständeüberwachung abstellen. Was seltsam ist, denn schliesslich werden Handys und Portemonnaies unverhältnismässig viel öfter als Kinder gestohlen oder an der Bushaltestelle vergessen. Aber wir sind jetzt etwas zuversichtlicher und rechnen innerhalb der nächsten fünf Wochen mit dem ausgereiften Mutterhuhngerät für alles. Hurra!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Auf der Suche nach dem RFID-Mutterhuhn


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