Riesenmaschine

14.11.2005 | 15:56 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Konsequenz auf Rädern

Mit der traurig reimlosen deutschen Meals-on-Wheels-Übersetzung Essen auf Rädern fing alles an, und nicht nur machte der ADFC Essen daraus das vorhersehbare und ein wenig an Flann O'Brien gemahnende "In Essen auf Rädern", sondern es folgten Pillen auf Rädern, Tierärzte auf Rädern, Dieter Hildebrandts Gedächtnis auf Rädern, Rauschgift auf Rädern, Sinn auf Rädern, Reime auf Rädern (laut Steputat übrigens nur "Bädern") und der Schwäbische Kofferfisch auf Rädern. Nur in Kanada hat man, wie so oft, das Rad schon wieder eine ganze Umdrehung weiter gedreht und Nägel mit Köpfen auf Rädern gemacht:

(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)


14.11.2005 | 11:15 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Totalitarismusrebranding


Foto: benpaarman
Diktatoren und Branding, verschwisterte Welten sind's, lange schon. Im Regelfall lässt der Autokrat sich auf Briefmarken drucken, auf Münzen prägen, benennt einige Städte nach sich, Strassen und Flughäfen sowieso, vielleicht auch ein Gewässer, besser noch einen Berg. Manche gehen weiter und veranstalten ein Rebranding von Monatsnamen, siehe Juli und August, wobei dieses Beispiel, das lange in Vergessenheit geraten war, nun wieder Schule zu machen scheint. Der Herrscher Turkmenistans nämlich, Saparmyrat Nyýazow, auch bekannt als Turkmenbashi ("Führer aller Turkmenen"), liess den Januar umbenennen in – genau – Turkmenbashi. Der April dafür bekam den Namen seiner Mutter.

Und mit der Mutter hat er's. Da Nyýazows Bild und Name im Lande inzwischen allgegenwärtig sind, kam er auf eine neuartige Idee. 2002 änderte er das Wort für "Brot" (chorek) um in, wiederum, den Namen seiner Mutter. Brot heisst in Turkmenistan seither Gurbansoltan edzhe. Im übrigen gilt: Nenne Brot nie "chorek", sonst wächst dir dort, wo der Kopf sitzt, vielleicht bald keiner mehr. Ob Turkmenbashi auch nach seinem Vater etwas benannt hat, wissen wir nicht. Anbieten würde sich das Elektrokabel, könnte man dann doch, das lange schon langweilende ödipale Muster variierend, den Vater löten und anschliessend die Mutter dick mit Butter beschmieren.

Martin Bartholmy | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


13.11.2005 | 13:56 | Anderswo | Supertiere

Fiese Biester


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wer in Mittelchile, dem so genannten Kleinen Süden, unterwegs ist, wird sich wundern, warum die Hitchhiker dort flach auf der Strasse liegen, und nur ab und zu, wenn sich mal ein Auto nähert, matt den Daumen heben. Sind sie zu faul oder nur so unendlich müde?
Den Grund erfährt man dann nicht sofort, man muss ihn sich ein wenig erarbeiten. Steigt man aus dem Bus in die wunderschöne Landschaft hinein, ist man plötzlich von einer Wolke tief brummender ca vier cm fetter Pferdebremsen umgeben, Tabano genannt, hier für unsere japanischen Freunde als Faltbremse. Man rennt in ein schützendes Haus, denn in das trauen sie sich offenbar unangemeldet nicht.
Es gibt allerlei Tipps, wie man sie sich vom Leib hält, einige sagen, nichts Buntes anziehen, andere wiederum nichts Helles, dritte warnen vor Dunklem. Auch reagieren sie wie die Wespen nicht auf Geruch, sondern nur auf Bewegung. Ganz falsch ist also dem ersten Impuls nachgeben und rennen und wild fuchteln. Einfach wie in Zeitlupe gehen, sich auch mal für ein Viertelstündchen an einen Baum lehnen, oder eben wie die Autostopper auf die Strasse legen, beste Fortbewegungsmethode: sich rollend auf dem Boden bewegen.
Auch sind sie gar nicht so schlimm, wie sie tun. Weil ihnen das blutgerinnende Sekret fehlt, mit dem z.B. unsere Mücken ihren Stich nach der Nahrungsaufnahme ordnungsgemäss verschliessen, der dann den Juckreiz auslöst, lassen ihre chilenischen Kollegen die Wunde einfach offen, aus der dann ein dünnes Blutrinnsal rieselt. Peinigender Juckreiz entfällt also. Und das beste an der ganzen Geschichte ist, dass sie nur exakt einen Monat aktiv sind, sie tauchen wie von Zauberhand jedes Jahr am 19.12. auf, und verschwinden wie sie gekommen sind am 19.1., keine Ahnung, was sie den Rest des Jahres so treiben, bzw. wie sie sich ernähren. Vielleicht stechen sie ja Bäume im Wald, und saugen das Harz der Zimtbäume. Jedenfalls zündet der Chilene dann die Knallbremse.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Politik ohne Ziel

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link


13.11.2005 | 11:20 | Anderswo | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Highspeed Performance

Das seltsame stummelförmige Land Südkorea macht weiter von sich reden: Am letzten Donnerstag wurden in der Seouler U-Bahn eine Mutter nebst Kind und Kinderwagen dreissig Meter mitgeschleift, schon heute gehen die Bilder dieses irren Unfalls Nichtereignisses um die Welt. Am Ende kamen weder Mutter noch Kind zu Schaden, was nicht verwundert, handelt es sich doch, wie wir bereits an anderer Stelle bemerkten, bei den südkoreanischen U-Bahnen um die sichersten der Welt. Sie zählen gewiss auch zu den besten, was Streckennetz, Benutzerfreundlichkeit und Internetauftritt angeht. Zudem sind es die reinsten Musentempel, womit hier weniger die weltweit üblichen Auftritte von musikalisch anders begabten Gitarrespielern gemeint sind. In den brandneuen U-Bahnstationen von Gwangju beispielsweise überrascht man die Pendler mit einer Ausstellung von zum Teil sehr gelungenen Kinderzeichnungen, in den Seouler Metrolabyrinthen treten ganze Chöre auf. Selbst die Streckenpläne sind hier grafische Meisterleistungen. Besonders bemerkenswert: Diese kleine, nur von den üblichen Videokameras überwachte Bibliothek, die die Riesenmaschine in der Seouler U-Bahn-Station Jogno Sam Ga entdeckte. Zieht man diese Fakten in Betracht, stellt sich allerdings die Frage, ob es sich bei dem Mutter-Kind-Zwischenfall vom Donnerstag tatsächlich um einen Unfall handelte, oder nicht eher um eine hochkünstlerische Performance, die uns irgendetwas sagen soll. Wahrscheinlich irgendwas über Südkorea.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Asien Spezial: Korea & Vietnam

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link


13.11.2005 | 11:15 | Anderswo

Politik ohne Ziel


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Auf einer Liste der seltsamsten Länder läge Chile ganz sicher sehr weit vorn. Es ist nicht nur das längste Land der Welt, sondern auch der einzige Gegenstand im Universum, der zehnmal so lang wie breit ist. Es hat die trockenste Wüste (Atacama), den höchsten Vulkan* und besitzt zudem die Osterinseln und das Eiland, auf dem angeblich Robinson Crusoe strandete. Eigentlich schon Grund genug, um in helle Begeisterung auszubrechen, aber zudem leistet sich das Land auch noch ein verkehrtes Politiksystem. Vermutlich wurde hier 1970 zum ersten und letzten Mal ein Marxist ordnungsgemäss und demokratisch zum Präsidenten gewählt. Tyrann Pinochet andererseits, der seltsamerweise 1973 einen Putsch zur Machtergreifung brauchte, wurde man 1988 wieder los, indem man einfach eine Volksbefragung durchführte, ein genialer Trick, über den man anderswo mal nachdenken sollte. Nun ist Chile keinesfalls besonders fortschrittlich oder modern, sondern nur durcheinander: Zum einen verfügt das Land über die höchste Dichte an Internetcafes nördlich der Antarktis, zum anderen verbietet es so exotische Dinge wie Ehescheidungen (jedenfalls bis 2004). Bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im Dezember 2005 scheint es nicht besser zu werden, denn im männerdominierten und streng katholischen Chile führt eine alleinstehende Frau mit unehelichen Kindern, Michelle Bachelet, alle Umfragen an. Keiner weiss, was das zu bedeuten hat.

Vermutlich ist es nur eine Reaktion auf die konsequente und offensichtliche Konfusion des Landes, wenn im Vorfeld der Wahl niemand die Bevölkerung mit politischen Inhalten konfrontiert. Das Land erstickt zwar im Verkehrschaos, weil die Strassen mit Wahlplakaten vollgestellt sind, aber sie zeigen lediglich die Gesichter der Kandidaten, dazu ihre Namen ("Lavin", "Hirsch") und vielleicht noch "Presidente", damit man nicht ganz ahnungslos im Gesichtermeer steht. Zudem findet man die Namen an Häusern, Felsen, Schneefeldern, Denkmälern usw., obwohl Graffiti in Chile selbstverständlich komplett verboten sind. Die Riesenmaschine wird die absurde Lage weiterhin beobachten und aus irgendeinem Anlass berichten. Im Bild übrigens eine oberhessische Seenlandschaft mit Vulkan Fujiyama im Süden Chiles.

* Ojos del Salado, 6930 Meter. Andere hingegen behaupten, der Kilimandscharo (5895 Meter), der Mauna Kea (Hawaii, 4205 Meter), der Chimborazo (6310 Meter) oder gar der berühmte Llullay-Yacu (Argentinien, 6920 Meter) wären noch höher.


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