Riesenmaschine

28.05.2006 | 06:25 | Anderswo | Alles wird besser

Jetzt auch kundenfreundlich: Streiks


Ausserdem: Einzige Subway mit Buttons
Tarifstreiks im öffentlichen Dienst sind eine Plage der Neuzeit. Jedes Mal, wenn die Mülltonnen überlaufen oder wenn man verblutend in der Notaufnahme liegt, fragt man sich, ob es keinen anderen Weg gibt, den uralten Kampf zwischen Sklaven und Herren auszutragen, als auf dem Rücken unschuldiger Bürger. De facto gibt es solche Wege: Der öffentliche Personennahverkehr in Toronto zum Beispiel erfindet gerade den kundenfreundlichen Tarifkampf. Anstelle eines Streiks werden die Bediensteten der TTC (Toronto Transit Commission) von der Gewerkschaft angewiesen, in U-Bahnen, Strassenbahnen und Bussen kein Fahrgeld mehr zu verlangen. In der Folge entsteht ein praktisches und überzeugendes Nahverkehrskonzept, das auf freiwilligen Zahlungen beruht. Wie Tests zeigen, funktioniert es durchaus zufriedenstellend, die meisten Kunden zahlen weiterhin, aber wer keine Lust hat, geht einfach durch. Alle sind glücklich und zufrieden, jedenfalls solange der Streit andauert. Innovationen sind, wie dieses Beispiel zeigt, manchmal ziemlich gut versteckt.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


27.05.2006 | 19:25 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Dudel ohne Sack

Kein fühlender Mensch wird ableugnen können, dass der Dudelsack der König unter den Musikinstrumenten ist. Dass er in einer Gegend entwickelt wurde, in der auf jedem Quadratkilometer ein halbes Schaf und null Menschen leben, kann nur daran liegen, dass Dudelsackisten den lieblichen Klang ihres Instruments ganz für sich behalten wollen. Der letzte, konsequente Schritt in diese Richtung ist mit dem bei OhGizmo! gesehenen sacklosen Dudel vPipes jetzt getan: vPipes kann man in dichtbesiedelten Gebieten nach Mitternacht kopfhörertragend betätigen, in menschenleeren Einöden aber natürlich auch an einen Verstärker anschliessen. Leider scheint es sich um einen Prototypen zu handeln, der endgültige Preis soll wohl, wie anderswo im Web berichtet wird, knapp 1.000 Euro betragen. Hark hear the pipes not calling!

Allgemein geschätzt würde es nebenbei, wenn derselbe Hersteller sich nach Vollendung der vPipes der Produktion einer lautlosen Blockflöte widmen würde, die nicht mehr als 50 Euro kosten dürfte. Die Entwicklungskosten werden eventuell anteilig von Eltern und Anrainern von Grundschulkindern übernommen.


27.05.2006 | 15:35 | Fakten und Figuren | Listen | In eigener Sache

Automatische WM-Kritik


Argentinien (-1 Punkt)
Plus: 4, 30, 65, 66
Minus: 2, 6, 38, 41, 44
(Foto: seeding-chaos)
So etwa zum Jahreswechsel forderten wir, dass die Arbeit am idealen Land endlich ernsthafter betrieben werden müsse. Zwar gab es seitdem gewisse positive Entwicklungen, Mexiko hat etwa den Besitz ziemlich vieler Drogen legalisiert, Nutrias gibt es jetzt auch in Seattle und Bären wieder in Bayern, aber so richtig voran geht es trotzdem noch nicht.

Alles, was einem in der Zwischenzeit zum Zeitvertreib bleibt, ist daher das Vergleichen und Beurteilen der aktuell bereits vorhandenen Länder. Und weil es sich gerade irgendwie anbietet, haben wir uns dafür die 32 Teilnehmerländer der Fussball-WM ausgesucht. Das Ergebnis nennt sich Automatische WM-Kritik und findet sich ab sofort in der rechten Spalte unter dem Ratgeber. Die unterpunkteten Zahlen sind dabei mit der wunderbaren Mouseoverdings-Funktion belegt. Wer also mit dem Mauszeiger kurz auf ihnen verweilt, erfährt aufschlussreiche weitergehende Informationen bzw. was sich hinter den Nummern verbirgt: "Nimmermüdes Blasorchester ist fester Bestandteil des Fanblocks", "Das ganze Land ist gekachelt" oder "Wässriges Weisskraut gilt als Salatbeilage".

Übrigens müssen Filmfreunde, die die sonst an dieser Stelle stehende Automatische Kulturkritik vermissen, nicht verzagen: Ab 10. Juli ist wieder alles normal. Wir würden ihnen raten, bis dahin stattdessen ins Freiluftkino zu gehen, aber das hat dummerweise wegen der WM ebenfalls geschlossen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Länderwahlomat


27.05.2006 | 11:11 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Mehl im Winter, Warzen im Sommer

Auf dem Foto sieht man die letzten frohen Minuten eines Warzenschweins, bevor es im Kochtopf landet. Wir wissen nicht, wie so ein Tier schmeckt, weil es durch seine namensgebenden Merkmale stigmatisiert ist und sich daher ein Import wohl nicht lohnen würde. Das Kulturphänomen Warze wird erst dann interessant, wenn ein an sich wertvoller Gegenstand durch sie scheinbar entwertet wird, dadurch aber ein paar Fetischisten auf sie aufmerksam werden, wie das Beispiel der Münzwarzen demonstriert. Denselben Mechanismus versucht jetzt offenbar das österreichische Werbefernsehen auszunutzen, indem es seinen Fokus stark auf Warzen ausrichtet. Schon immer eine leicht durchschaubare zyklische Angelegenheit, bewirbt man kurz vor Weihnachten Mehl und eine monströse Teigknetmaschine namens Kenwood Chef, im Frühling dann die Gartenkralle, und jetzt, wenn der Sommer kommt, den Warzenvereisungsstift der Firma Wartner. Warzen im Winter? Entweder gibt es sie nicht, oder man schweigt sie tot. Andererseits, wen erreicht schon Eiswerbung im Winter?

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link


26.05.2006 | 17:26 | Anderswo | Fakten und Figuren | Papierrascheln

Ziviler Ungehorsam in allen Bereichen

Menschen, die mit extremer Akribie einem grossen Ideal folgen, sind selten Durchschnitt, sondern entweder geistesgestört (Stichwort Tennisrasen) oder bewundernswert. "Ninjalicious" aus Toronto, verstorben im August 2005, gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie. Er nennt sich "Urban Explorer", und ist in dieser Funktion Weltexperte für die Erkundung von verbotenen Bereichen aller Art: Verlassene Fabrikgebäude, U-Bahn-Tunnel, Baustellen, geheime Industrieanlagen, Abwässerkanäle. In seinem Magazin "Infiltration", auf seiner Website und seit letztem Jahr auch in seinem Kompendium Access All Areas legt er in übermächtiger, schonungsloser Detailversessenheit und Offenheit sein Expertenwissen dar. Das Buch enthält extrem nützliche Anleitungen zum Umgang mit Frachtaufzügen, Bewegungsmeldern, Stacheldraht, Polizisten, Taschenlampen, Obdachlosen, Giftmüll, Alarmanlagen, sogar ein ganzes Kapitel zum Thema "Lächeln" (im Umgang mit Sicherheitspersonal). Und er ist sich nichtmal zu schade, das Offensichtliche festzustellen, was man so oft vergisst ("External doors are probably the most common method of ingress."). Mehr muss kein Mensch im Stadtleben wissen.

Und abgesehen davon liefert "Access All Areas" in subtiler, beinahe subluminaler, ja, gar subkutaner Art und Weise eine Subsidiaritätsphilosophie für den Alltag, die irgendwann in der Lage sein dürfte, alle wichtigen Probleme zu lösen: Gesetze, schreibt euch das hinter die Ohren, sind nur für die zuständig, die sie dringend brauchen, und nicht für andere, die ihr Tun und Lassen selbst im Griff haben. (Der Staat kann das natürlich öffentlich nicht zugeben, merkt ja sonst jeder den Betrug, aber wer die richtigen Bücher liest, sollte oft daran erinnert werden.)


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[Rec], Jaume Balagueró, Paco Plaza (2007)

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