Riesenmaschine

28.07.2006 | 03:56 | Berlin

xplore06

Diverse Landschneckenarten finden nichts dabei, einander beim Geschlechtsakt einen Kalkpfeil einfach irgendwo in den Körper zu rammen, ohne lange nach Körperöffnungen zu suchen (die bei Schnecken eh nicht so zahlreich im Angebot sind). Stachelschweine bepinkeln ihre Weibchen vor dem Akt erst mal von oben bis unten, und Riesenkraken beissen einander beim Sex versehentlich Körperteile ab. Aber so hat es die Natur eben eingerichtet, Schnecke, Schwein und Krake hatten dabei kein Mitspracherecht.

Für den Menschen hingegen gibt es kein vorkonfiguriertes Sexualleben mehr; er muss seine unnatürlichen Praktiken aus einer grossen Vielfalt auswählen und zum Teil mühsam erlernen. Ort und Zeit seines Daseins spielen dabei eine erhebliche Rolle, siehe das Aussterben des Zopfabschneider- und des Tintenspritzfetischs. Wer sich in den unnatürlichen Praktiken der Gegenwart fortbilden möchte, in Berlin lebt und in der Lage ist, gnädig über die auch dieses Jahr wieder grauenerregende Website der Veranstaltung hinwegzusehen, sollte vom 28. bis zum 30. Juli die xplore06 besuchen. Alle anderen können sich ja mal mit hochgeklapptem Kragen in dieses Internet schleichen.


27.07.2006 | 23:58 | Fakten und Figuren

45 dreht sich schneller


Am langsamsten jedoch vergeht die Zeit
beim Betrachten von Gürteltieren
Neben der gefühlten Temperatur gibt es natürlich auch eine gefühlte Zeit. Acht Stunden Fliessbandarbeit sind daher etwa zehn Stunden länger als acht Stunden Schlaf, wenn Raucher aufhören zu rauchen, vergeht für sie die Zeit bis zu 50% langsamer, und bindet man Freiwillige an ein Bungeeseil und wirft sie von einer Brücke, können sie plötzlich Zahlen von einem LED-Display an ihrem Handgelenk ablesen, die sonst nur Geflimmer wären. Rückwege hingegen erscheinen grundsätzlich kürzer als Hinwege. Das sollte man sich merken, denn es gibt im Alltag vielerlei nützliche Einsatzzwecke für solches Wissen: Wenn die Zeit knapp ist, schläft man am besten am Bungeeseil (vorher das Rauchen einstellen), Fliessbandarbeit sollte auf dem Rückweg erledigt werden.

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27.07.2006 | 22:23 | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Zeitgemässe Sprache


Zeit (objektiv)
Wenn man Zeit und Philosophen zusammenführt, ergibt sich zumeist ein recht apartes Gemisch. Ein häufiges Reaktionsprodukt in solchen philosophischen Petri-Schalen ist die Behauptung, Zeit sei lediglich eine dem menschlichen Gemüte beiwohnende subjektive Vorstellung, ansonsten aber null und nichtig. Die Konsequenzen daraus werden aber selten gezogen. Als zum Beispiel John McTaggart die Irrealität der Zeit postulierte, warfen ihm seine Studenten zu Recht vor, im Widerstreit dazu dann doch an Prüfungsterminen festzuhalten.

Viel stringenter war da schon der Harvard-Professor Willard van Orman Quine. Für den Gottkaiser der modernen analytischen Philosophie sind die Weltendinge gemäss Relativitätstheorie nicht einfach in bestimmten Jetztpunkten existierende Entitäten, sondern vierdimensionale Raumzeitwürmer, die sich wurststückartig über ganze Raumzeitbereiche erstrecken. Insgesamt sind auch nicht nur alle Orte gleichberechtigt, sondern auch alle Zeitpunkte objektiv gleich real. D.h. aus unserer subjektiven Perspektive gesehen ist Raymond Burr tot, aber objektiv betrachtet lebt er noch. Quine folgert, dass man für eine der objekiven Realität gerechten Sprache alle Beugungen und Tempora in den Zeitwörtern streichen müsse. Sehr gut, sagen die Studenten, dann vereinfachen sich die Hausarbeiten. Eine weitere, zwingende Konsequenz aus seiner Theorie ist, dass es in der objektiv-zeitlich einförmigen Wirklichkeit keine Bewegung geben kann – wo kein Zeitfluss, dort keine Veränderung. Also hinfort mit allen Verben, hinfort mit Akkusativ und Dativ. Sprache jedenfalls ist für quineianische Studenten kein Problem mehr, die Graduierung erfolgt sofort. Nur blöd, dass Quine schon tot ist, bzw. vielleicht war das auch nur ein Trick.

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Ruben Schneider | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


27.07.2006 | 20:24 | Vermutungen über die Welt

Be sure to wear some Zeitschleifen in your hair

Die Sucht nach Abwechslung im Alltag ist eine der grössten Geisseln der Menschheit. Der Grossteil des selbständig beweglichen Kohlenstoffs, der den Planeten bevölkert, ist damit beschäftigt, selbständig beweglicher Kohlenstoff zu bleiben. (Reporter: Und was machen Sie so den ganzen Tag? – Milbe: Eine Milbe tut, was eine Milbe tun muss. – Hammerhai: Seh ich auch so.) Nur die Krone der Schöpfung entblödet sich nicht, tagaus, tagein Handlungen vorzunehmen, die das Ziel haben, sich von Handlungen von gestern und vorgestern zu unterscheiden, die gestern und vorgestern aber auch schon genau diesen Zweck verfolgten. Der Urlaub vom Alltag wird so irgendwann zum Urlaub in das innere Krisengebiet.

Das muss alles nicht so sein. Denn der angeblich so erbarmungslose starre Zeitpfeil lässt sich wie ein Spaghetto abkochen und zu lustigen Schleifen drehen. Kluge Menschen haben das erkannt, wie z.B. Ludwig Wittgenstein, der meinte: "Mir ist egal was ich esse, solange es immer nur das gleiche ist." In Hinblick auf künftige ökologische Krisen wird man sich irgendwann an diesen Satz erinnern müssen, vielleicht als passende Parole für das Konzept Nährschlamm.

Einen radikaleren Weg der Vermeidung von irritierender Abwechlung geht Roman Opalka. Getarnt als gross angelegtes Kunstprojekt, auf das bisher noch jedes Museum moderner Kunst hereingefallen ist, verfolgt dieser mit der Weisheit der Milbe gesegnete Mensch seit 1965 ein einziges Ziel: Alle Zahlen aufschreiben, die es überhaupt gibt. Nun kann man sagen: Ja aber die sind doch alle bekannt. Opalka: Das wollen wir erst mal sehen.

Man sieht, es ist gar nicht schwer. Streichen Sie das nächste Wochenende in Tropical Island. Meiden Sie überhaupt Angebote, die Ihnen ein Baumelnlassen der Seele versprechen. Wenn Freunde Ihnen vorschlagen, doch mal in diesen neuen Club zu gehen, antworten Sie: Wieso, da war ich doch noch nie. Kaufen Sie sich statt sechshundert Paar Schuhen sechshundert Westerntöpfe, schauen Sie nur noch 9live ... Ja bitte, Herr Guru Dschi da hinten in der letzten Reihe? – Ich möchte auch noch was dazu sagen, aber Sie nehmen mich ja nie dran!

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Christoph Albers | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


27.07.2006 | 16:10 | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Zeitlich verreisen


Schon 600 Mio. Jahre Nichtstun
Bei allem Respekt für die vielfältigen Prozesse, mit denen das menschliche Gehirn den Zeitablauf manipulieren kann: Wesentlich geschickter stellt sich immer noch die Relativitätstheorie in dieser Angelegenheit an. Mit einem einfachen, vollkommen willkürlichen Handgriff erklärt sie die Geschwindigkeit des Lichts für konstant (man muss froh sein, es hätte auch die Geschwindigkeit des Postboten sein können), woraus sofort folgt, dass man nur in den Spiegel sehen muss, um sich selbst zu sehen, und zwar vor wenigen Nanosekunden. Ausgehend von dieser Tatsache bauen imaginative, wenn auch imaginierte Geister wie der irische Wissenschaftler de Selby komplexe Anlagen, die durch Mehrfachreflexionen und sukzessive Anhäufung von Lichtwegen letztlich Bilder des eigenen Kindergesichts zu erzeugen in der Lage sind. Und obwohl nicht klar ist, ob die Relativitätstheorie so einen Quatsch im Sinn hatte, als sie so früh am Morgen aufstand, beruht ihr Meisterstück, die intergalaktische Zeitreise, doch ganz genau auf demselben Prinzip: Der Stern am anderen Ende der Galaxie ist, wie jeder weiss, in unserem Bild 100.000 Jahre jünger als in echt. Das entspannte Theoriewerk erlaubt somit auch ganz ohne de Selby eine phantastische Reise zurück in eine exotische Zeit, als man noch keine Wasserspartasten auf WCs hatte. Was natürlich gar nichts heisst, denn in 100.000 Jahren macht so ein Durchschnittsstern, die faule Sau, fast genau gar nichts, also etwa so viel wie unser Gesicht in einigen Nanosekunden. Das muss auch mal klargestellt werden.

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