Riesenmaschine

25.08.2006 | 15:44 | Nachtleuchtendes

Mahlzeit, Hunde

Es ist noch nichtmal wenige Wochen her, da forderte man an dieser Stelle eine möglichst komplizierte und überhaupt Wischiwaschi-Definition für das faszinierende Wort Planet. Und schon ist es passiert: Ein Planet muss a) die Sonne umkreisen, b) aufgrund seiner eigenen Schwerkraft rund sein, und c) seine Bahn von anderen Körpern gereinigt haben. Weltweit kratzen sich die meisten Astronomen den Kopf, was das jetzt bedeuten mag. Angeblich gibt es damit acht Planeten (Pluto bleibt auf der Strecke, weil er von Unmengen Schutt umgeben ist), aber was ist mit den extrasolaren Pla- ups, Himmelskörpern, die irgendeinen anderen Stern umkreisen? Was ist mit Jupiter, der auf seiner Bahn von zig Kleinkörpern begleitet wird? Genauso wie die Erde übrigens? Zugegeben, das Wort "Planet" definieren zu müssen, ist ähnlich schwierig wie festzulegen, was genau ein "Hundekuchen" ist, aber muss man deswegen gleich bestimmen, dass ein Hundekuchen ein Katzenschwein ist? Andererseits natürlich ein Geniestreich, niemand wird die Frage nochmal stellen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Klarheit ist nicht wünschenswert


25.08.2006 | 04:46 | Berlin | Alles wird besser

Her mit dem Radialsystem

Radialsystem, so einen schönen Namen für ein Kulturzentrum müsste man sich erst mal ausdenken. Bzw. musste man gar nicht: Radialsysteme hiessen die Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Relaisstationen im Berliner Abwassersystem, die das Abwasser sternförmig ins Umland pumpten. Im fünften und letzten noch existierenden Radialsystem eröffnet am 9. September ein Kulturzentrum der neuen Art. Es soll ohne Subventionen auskommen und einem kruden Crossover von Tanztheater, mittelalterlicher und moderner Musik, Kinderertüchtigung und Erwachsenenbelustigung Heimstatt bieten. Mit dieser Mischung aus Kunst und Kommerz soll das vom Architekten Gerhard Spangenberg umgebaute und mit einem luftigen Tetriselement aus Glas- und Stahl ergänzte Gebäude mehr oder weniger rund um die Uhr bespielt werden. Der von Riesenmaschine überaus geschätzte Allein-Entertainer Friedrich Liechtenstein wird dabei ebenso dabeisein, wie die Riesenmaschine selbst, bzw. der Bühnenformat-Zweig der ZIA. Näheres steht noch nicht fest, nur dass zur Eröffnung wohl der Riesenmaschine-Altar zu besichtigen sein wird, der gerade noch auf einer Teststrecke im fränkischen Erlangen unter Extrembedingungen probegefahren wird.


24.08.2006 | 15:35 | Anderswo | Alles wird besser | Zeichen und Wunder | In eigener Sache

Altar des Alltags

Die meisten handelsüblichen Religionen sind entweder vor Jahrtausenden entstanden oder wurden kürzlich von geldgierigen Sektenführern gegründet. In beiden Fällen richten sich Heilsversprechen und Tagesgeschäfte nach vollkommen anderen Massstäben als der lebensnahen praktischen Alltagshilfe, sondern dienen anderen, merkwürdigen Zielen, die hier unbesprochen bleiben sollen. Ganz anders der Riesenmaschine Altar des Alltags, der zum Poetenfest in Erlangen (Donnerstag bis Sonntag) aufgebaut wurde. Auf ihm tummeln sich allerlei Götter, deren Wirken und Schaffen direkt auf die eigenen Alltagsprobleme Einfluss nimmt – wenn man mit der geeigneten Begründung betet. Zum Einsatz kommt dabei unter anderen der Gott der Kontrolle über die eigenen Haare, der Gott der einfachen Lösungen für komplexe Probleme, der Gott der vergessenen Passwörter und der gnädigen Amnesie und nicht zuletzt auch der Schutzpatron aller Blogger, der Gott der unterhaltsamen Ereignislosigkeit, der bei Anbetung dafür sorgt, dass man noch in einem schwarzen Raum ohne Fenster mit zuen Augen Bloggenswertes erlebt oder die Leere zumindest packend schildern kann. Nur durch Zufall sieht dieser Gott aus wie ein umgefallener und wieder aufgerichteter Sack Reis. All diese Götter lassen sich unter altar.riesenmaschine.de betrachten und aktiv anbeten. Vor dem jeweiligen Gott geht dann für eine Minute eine Lampe an, was wiederum auf der Altar-Webcam live beobachtet werden kann. Die – für die Besucher in Erlangen sichtbaren – Wünsche und Gebete werden in der Regel innerhalb kürzester Zeit erhört. Ausser man betet zum Gott der unterlassenen Hilfeleistung, dann nicht.


24.08.2006 | 14:18 | Anderswo | Alles wird besser

Endlich: Amerika erfindet das Kampfübersetzen

Kriege als Quelle von Innovationen, eine lange und ruhmreiche Geschichte. Wer erinnert sich nicht an die grauen Kampfmaschinen des Hannibal, die Erfindung der Konservendose durch die Kreuzritter oder die Entdeckung des fettfreien Quarks in den Schützengräben von Verdun. Jetzt berichten unsere Brüder im Geiste, die Enthusiasten vom MIT, über ein neues Erfolgskapitel in der Kriegsmarktführung: Den automatischen Simultanübersetzer. Erfunden vom Laboratorium STAR der Firma SRI, hört sich die Software an, was man so sagt, übersetzt es in die fremde Sprache und ruft das Ganze dann auch gleich dem Gegenüber ins Gesicht – das alles mit einem handelsüblichen Laptop, den man einfach unter dem Kampfanzug mit sich herumtragen kann. Aus offensichtlichen Gründen gibt es das System zunächst mal nur für Englisch-Arabisch (und es heisst daher IraqComm), was für Europäer eher wenig praktisch ist. Aber man soll nicht undankbar sein, schliesslich gab es den Quark anfangs auch nur ohne Fruchtzusatz. Für nächste Saison wünschen wir uns dasselbe Ding in ganz anderen Kriegen, sagen wir Deutschland gegen Österreich, damit man sich endlich im Urlaub vernünftig unterhalten kann.


24.08.2006 | 04:10 | Supertiere | Alles wird schlechter

Der Vogel, die Vögel, das Ungeziefer


So, how long have you been into birding?
(Foto: jason044)
Auch wenn wir glauben, die Geschichte der letzten dreissig Jahre wäre die Geschichte von irgendwas ganz anderem, so ist es doch in Wahrheit die Geschichte des Double-Crested Cormorants, Phalacrocorax auritus, für den es nichtmal einen deutschen Namen gibt. 1973 gab es von diesem schwarzen Kormoran, was übrigens auf deutsch Vielfrass heisst, ganze 125 Paare an den kanadischen Küsten der Grossen Seen. Sie waren praktisch dort, wo das Riesenfaultier schon lange ist, und zwar weil wir sie gründlich mit DDT eingeseift hatten. Kaum stellten wir das ein und sie unter Naturschutz, schlugen sie zurück. Heute sind sie überall, ungefähr rekordverdächtige 38000 Paare sitzen in Häfen und auf Molen herum und spreizen die Flügel, um "das Gefieder zu trocknen", wie sie sagen (read: betteln und hausieren). In Toronto gibt es mittlerweile mehr Kormorane als Deutsche. Das liegt vor allem auch daran, dass man ihnen eine eigene Schutthalbinsel namens Leslie Street Spit mitten in den See gekippt hat und so natürliche Feinde (Strassen, Waschbären) fernhält. Extrapoliert man gründlich in die Zukunft (wohin auch sonst), kann man, ach, das soll sich jeder selbst ausrechnen.

Leider ist der Kormoran zu überhaupt gar nichts nütze. Er verbringt seine Zeit damit, auf die Bäume zu scheissen, auf denen er wohnt, damit sie für sonst niemanden mehr brauchbar sind. Das Resultat: Zivilisierte Vögel wie Reiher reissen angewidert aus und die Kormoranhalbinsel sieht aus wie Tschernobyl. Zudem frisst der Kormoran natürlich den gesamten Fisch auf (manche sagen, es sei nur der unnütze Fisch, was auch ins Konzept passt – you are what you eat). Warum leben diese sinnlosen Vögel eigentlich monogam? Sie könnten doch eigentlich, wie sie wollten, sehen doch eh alle gleich aus. Nichtmal essen kann man ihn, sagen selbst die Leute in Chinatown, die ansonsten alles essen. Das einzige, was der Kormoran kann, ist sich fortpflanzen, herumsitzen, das Gefieder spreizen, dabei nutzlos herumstarren, Fisch essen und sich danach wieder fortpflanzen. Dann fliegt er ungerührt zum nächsten Spreizort. Die einzigen, die noch mit ihnen reden, sind die Möwen und die Leute von earthroots.org, mit denen wiederum sonst niemand redet. Vermutlich wird man bald nicht anders können, als ihnen zu erklären, was wir damals mit den Dinosauriern gemacht haben. Geht aber nicht, ist doch nur ein armer Vogel.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Neunauge Can't Jump


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