Riesenmaschine

18.09.2006 | 16:19 | Berlin | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Vor Ihrem geizigen Auge

Als vor zehn Jahren die ersten Verbraucher mit der S-Klasse zu Aldi fuhren und sich dort soziodemografisch wie die Axt im Walde aufführten, war das Geschrei vom "multioptionalen Verbraucher" noch gross. Heute kommt man dem elitären Discount-Besucher entgegen und greift seinen vermuteten bildungsbürgerlichen Background auf, um Apfelsaft zu verkaufen. Zumindest macht das die Grosskelterei Tymbark. Auf dem bei Norma angebotenen Apfelsaft "Tymbark Antonowka Apfel" empfiehlt der Hersteller: "Denken Sie einen Augenblick an Chopins Mazurka. Masurische Landschaften tauchen vor ihrem geistigen Auge auf. Das ist die Heimat unseres Antonowka-Apfels ...".

Denken Sie nun einen Augenblick an die abstossendste und erfolgreichste deutsche Werbekampagne der letzten Jahre. Der Elektromarkt Saturn taucht vor Ihrem geistigen Auge auf. Das ist die Heimat eines anderen besonderen Angebots. Denn auch Saturn hat den Crazy-Hybrid-Kunden erkannt und bietet daher gegenwärtig einen monströsen Plasmafernseher für 59.900 Euro an. Hinter der Preisangabe vermisst man freilich ein Mörike-Gedicht.


18.09.2006 | 09:13 | Supertiere | Alles wird besser

pfiffigR




18.09.2006 | 02:26 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Alles wird schlechter

Versteh einer Bahnhof


Bunt verliert
Zuerst die superschlechte Nachricht: Der Fotomat ist weg. Sie haben den äonenalten Schwarzweiss-
Fotoautomaten vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt, der auf kontrastreichem Barytpapier aus Zeiten Andy Warhols für unfassbare zwei Franken die besten Fotos der Welt machte. Seinen Platz hat eine computertechnisch aufgebrezelte Plastikmaschine eingenommen, die für zwei Franken allenfalls noch drei "Spassbilder" als flaue Digiprints in absurdem Hochkantformat ausdruckt, dafür aber mit der keck-aufgeweckten Quengelstimme eines Navisystems nervt.

Als kleinen Trost und Beschwichtigung für den solchermassen in Rage getriebenen und echauffierten Zürich-Reisenden haben sie im Bahnhof selbst nun ein 3,3 Tonnen schweres und weltweit erstes dreidimensionales und bivalentes (was immer das heissen mag) Farbdisplay namens Nova angeschraubt. Die 25.000 Lichtkugeln, in herabhängenden Schnüren ähnlich wie anal beads angeordnet, können in mehr als 16 Millionen Farben aufleuchten und brauchen mehrere starke Ventilatoren zur Kühlung und ein eigenes Wasserkraftwerk für den Strombedarf. Theoretisch können damit sogar Filme dreidimensional wiedergegeben werden. Praktisch kackt das Ding ziemlich ab gegen die obszön und monströs hässliche Nana von Niki de Saint Phalle, die am anderen Hallenende baumelt. Und vom praktischen Nutzwert her kann Nova es eh nicht mit dem schmucklosen, aber funktionalen Fotomaten aufnehmen, der mehr als 16 Millionen Farben darstellen konnte, solange sie entweder Schwarz oder Weiss waren.


17.09.2006 | 21:26 | Berlin | Vermutungen über die Welt

Schuss ins Wasser

Mit der abgebildeten – von keiner Hilfestellung auf der Rückseite abgemilderten – Frage wurden heute die Berliner Wähler in der Wahlkabine überrumpelt (PDF). Dem marktforschungs- und psychotestgestählten Bürger ist klar, dass die Frage in dieser Form kaum ernst gemeint sein kann. Abgefragt wird hier vermutlich etwas ganz anderes, nämlich: Wie viele Berliner sind bereit, zu einem frei erfundenen Thema überhaupt eine Stimme abzugeben? Und wie viele davon werden sich für das progressive "Ändern! Ändern ist immer gut!", wie viele für das konservative "Ich weiss zwar nicht, was es ist, aber ich will, dass es genau so bleibt" entscheiden? Als treuer Staatsbürger macht man also sein Kreuzchen an einer geratenen Stelle und wartet ab. Wie beim Schiffeversenken passiert wahrscheinlich gar nichts. Aber wenn dann demnächst die Erde gesprengt wird, um einer intergalaktischen Umgehungsstrasse Platz zu machen, will es wieder keiner gewesen sein.


17.09.2006 | 19:44 | Alles wird besser | Was fehlt

Innovationsdruck Kleinstadt


Vorrichtung zur Heidelbergflucht (Ausschnittsvergrösserung)
Heidelberg, die schwitzende Kleinstadt in der Kuhle, zieht ja Menschen aller Nationalitäten in Scharen an, verpackt sie in T-Shirts mit verlorenem Herzaufdruck und stösst sie dann mit Schmackes wieder von sich, sodass sie wild um sich fotografierend über die Autobahnen spritzen. Dem liegen sicherlich physikalische Kräfte noch nicht beschriebener Provenienz zugrunde, und wer hier Einblick gewänne, dem winkte sofort Oslo, oder doch wohl jedenfalls ein Tourist aus Oslo vor dem Riesenfass im Schlosskeller. Klick, takk.

Denen, die nicht von dieser Urkraft aus der Stadt getrieben werden, bleibt nichts übrig, als die Forschung in andere Richtungen zu treiben. Qiang Zhang zum Beispiel, der an der Universität Heidelberg forschen muss, hat jetzt mit einigen Kollegen einen funktionierenden Teleporter entwickelt, um sich jederzeit aus dem ausgelagerten Kuckucksuhrherzen des Schwarzwaldes irgendwo anders hin verpflanzen zu können, nach Tübingen zum Beispiel. Seit der Entwicklung des Konzepts 1993, und der ersten geglückten Teleportation eines einzelnen Quantenbits 1998 sind wir weit gekommen, denn Zhang kann jetzt schon zwei komplette Q-Bits in einem Experiment verschicken, das nur wenige Tage dauert. Wenn der Fortschritt weiterhin mit solchen Riesenmauken daherlatscht, dann können wir schon circa 2050 das Wort "Teleportation" selbst teleportieren, in 7-qubit ASCII. Klingt wie Science Fiction, ist aber die Wirklichkeit von morgen.


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