Riesenmaschine

06.03.2007 | 12:36 | Anderswo

250 Autos


Foto: Thorsten Bachner, Lizenz
Schmerzlich bewusst wurde einem kürzlich, dass auch Städte Gefühle haben, und zwar im Zuge der grössten Plakataktion Deutschlands für einen Toyota-Kleinwagen (wir berichteten). Die wurde "umgesetzt in 82 Städten, darunter auch Dortmund", wie die Ruhr Nachrichten erleichtert feststellen, so als sei so etwas gar nicht selbstverständlich, dass auch Dortmund eins der 200.000 Plakate abbekommt. Was versprechen sich nun die Autohäuser der "Westfalen-
Metropole" von der Aktion? 250 Autos wollen sie dieses Jahr absetzen, was gegenüber dem Vorgängermodell Corolla ein Umsatzplus von 20% wäre, der demnach weit bescheidener beworben worden sein muss.

Im Zoo entwickelt Walter, der Orang-Utan, inzwischen langsam seine Wangenwülste. Am Samstag kam auch noch "Wetten, dass ...?" aus Dortmund, etwas, was eine Stadt automatisch in den Adelsstand erhebt, und Dortmund besitzt deutschlandweit den einzigen, denkmalgeschützten Buchstaben. Also, Dortmund, du hast doch alles, niemand übergeht dich, und nun freu dich an den Plakaten.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Gleichschaltung

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


06.03.2007 | 03:27 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Wasser kennt nur 5,6 Freunde

Der Mensch besteht zum überwiegenden Teil aus überzogenen Erwartungen und Wasser. Als sich einst Grossrechenanlagen zum Lösen all der Gleichungen für die Quantenchemie feilboten, dachten wir, bald alle chemischen und physikalischen Eigenschaften von Molekülen berechnen zu können, um daraus die Geschicke von Zellen, Organismen oder Grösserem zu prognostizieren; Nur ein paar Petaflops, und das Ganze würde fluppen.


1MFlop (Foto: jurvetson) (Lizenz)
Was für das Wasserstoffmolekül (H2) und andere Gase vernünftige Ergebnisse ergab, wurde bereits bei anderen einfachen Molekülen aufwändiger als erwartet und kam den experimentell ermittelten Daten nicht nahe. Man schraubte seine Ansprüche herunter und wandte sich verschämt pragmatischen Lösungen in hohen Stiefeln zu, um dieses oder jenes zu approximieren, indem die experimentell gewonnenen Daten miteinbezogen wurden.

In einem schmutzigen Fenster wurde nun ein Widerschein eines Silberschimmer am Horizont der Berechenbarkeit der Welt gesichtet: Die Berechnung wichtiger physikalischer Grössen des Wassers aus den first principles. So kamen Robert Bukowski und seine Mitstreiter zu einer Inneren Energie von -10,89 kcal/mol, einem Selbstdiffusionskoeffizienten von 2.4 x 10-5 cm2/s und der Koordinationszahl von 5,6, alles ganz in der Nähe der gemessenen Werte. Die Fortschritte in der Störungstheorie, die hier zum Erfolg führten, lassen sich bald vielleicht auf grössere Probleme anwenden, frohlockte man in Science verhalten. Bis dahin lässt sich die Zukunft begrüssenswerterweise noch nicht an einer Hand auf der Tastatur abzählen.


05.03.2007 | 21:17 | Fakten und Figuren

Archbishops of Klapphornvers

Vor sehr kurzer Zeit war hier die Rede von sehr langen Spannen der Absenz Musikschaffender und ihrem unverhofften Comeback. Nun taucht plötzlich eine Band nach 23 Jahren wieder auf, mit der man absolut nicht rechnen konnte, die Zimmermänner mit der Platte Fortpflanzungssupermarkt , das ist deswegen so unerwartet, weil die Band nicht gerade kultisch verehrt wurde, weil sie so visionär und gut war, sondern so doof in einem üblen Knittelvers- und Knallgasfahrwasser dümpelte, Ulrich Roski ("alles nich so verbissen sehn"), Hanns Dieter Hüsch, der grässliche Leo Kottke ("Gänsefürze an einem schwülen Tag") und den schauerlichen Klapphornversen von Schobert & Black verpflichtet.

Und auch wenn ihr Hamburger Musikerkollege Felix Kubin ihre Musik als "unerträgliche Popjazzmischung" beschreibt, muss man dazu sagen, dass Kubin damals bei seiner Beurteilung noch ein Kind von 13 Jahren war, und man sich dennoch kaum den Texten entziehen kann, in denen sich Al Quaida auf Romy Schneider reimt und der dänische Astronom Tycho Brahe vorkommt, "Wenn du schon mit mir/ bis zum Basislager gehst/ Warum steigen wir nicht auf den Berg?/ Wenn du schon mit mir über Brahe diskutierst/ Warum schmust du nie mit meinem Gehirn?" Ein Blumfeldfan schrieb kürzlich im Intro-Forum "Blumfeld sind fort, aber die Zimmermänner helfen mir, die Tränen zu trocknen". Und Blumfeld reformieren sich sicher auch noch eines schönen Tages wieder, liebe Brillenfreunde und Gehirnschmuser.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Manchmal braucht es eben ein bisschen länger

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


05.03.2007 | 15:28 | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

La Terra Trema


Trema in Neon-Pink (Foto: Maya McKechneay)
Es soll ja Leute geben, die haben es noch nie bewusst zur Kenntnis genommen. Die deutsche Rechtschreibreform behauptet sogar, dass sie es nicht mehr kennt.
Die Rede ist vom Trema, jenen zwei Pünktchen über einem Vokal, die signalisieren, dass dieser Individualist ist, und sich mit seinem Nachbarn nicht – nein, sicher nicht! – zum Diphthong verbünden mag. Gar nicht neiv eben, sondern naïv.

Der italienische Regisseur Luchino Visconti hat dem Sonderzeichen vor 60 Jahren seinen Tribut gezollt: La Terra Trema ("Die Welt, ein Trema", 1948, in Deutschland auch unter dem missverständlichen Titel: "Die Erde bebt" in Umlauf) erzählt von Abgrenzung, Lücken und Kluften, vor allem aber davon, dass harte Arbeit Erfolg alles andere als bedingt.

Nach jahrhundertelangem Dienst soll also das Trema ausgedient haben und findet Zuflucht allein im Fremdwort, Citroën oder – Aïda. Bei letzterer handelt es sich im österreichischen Sprachgebrauch um eine Kaffeehauskette, deren Internationalisierung seit Jahrzehnten auf sich warten lässt, während ihr Design nach ebenso langer Renovierungsträgheit dieser Tage wieder topschick ist. 1912 von einer gewissen Frau Rosa gegründet, präsentieren sich die zwei Dutzend Wiener Filialen auch heute in dieser Farbe. Und mit dem schönsten Pink-Trema, das man online findet, seit kurzem auch im Netz.


05.03.2007 | 03:10 | Anderswo | Alles wird besser

Billigflug der Fantasie

Welcher Reisende hat sich nicht schon über die bürokratisch penible Schrulle der Realität geärgert, Flüge nach, sagen wir, Amsterdam, mit ermüdender Zwangsläufigkeit auch tatsächlich in Amsterdam landen zu lassen, anstatt in interessanten Orten wie Aktyubinsk? Für Freunde des experimentellen Reisens war beim Flugverkehr bislang nichts zu holen.

Geändert hat das nun ausgerechnet die kleine, listige Slowakei. Die dort ansässige Fluglinie Skyeurope hat flugs das Konzept Sneak Preview mit dem Konzept Billig-Airline fusioniert und bietet zweimal am Tag Flüge nach Mystery City an. Welch weltmännischer Thrill, erst beim Hinunterhüpfen von der Gangway zu erfahren, ob man in Mumbai, Moyale oder im sagenumwobenen Mu gelandet ist, mit lediglich Bikini und Baströckchen im Gepäck in Murmansk oder mit Mantel und Muff in Maui.

Die Flugzeit beträgt sowohl von Bratislava als auch von Prag kurzweilige 60 Minuten, mit nonchalanter Triangulierung ergibt sich daraus, dass Mystery City entweder auf einem Acker östlich von Łódź oder auf einer Südtiroler Almwiese liegen muss. Zumindest, wenn die Flugroute parallel zur Erdkruste verläuft, andernfalls landet man im tantenhaft benannten, gleichwohl mystischen Agartha.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Folgen Sie dem unsichtbaren Pfeil


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