11.06.2007 | 04:56 | Anderswo | Was fehlt
 Live aus dem Kühlgehäuse: Galileo Tucci (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Vor knapp 400 Jahren gab es in Rom einen Mordskrach zwischen einem Physiker und der Kirche: Die Kirche versuchte vor Gericht einem altersstarren Naturforscher namens Galileo Galilei die höchst moderne Idee zu vermitteln, dass alle wissenschaftlichen Theorien nur als falsifizierbare Hypothesen vertretbar seien, kurz: dass seine Forschungen möglicherweise auch kompletter Humbug sein könnten. Für Galilei ein inakzeptabler Affront. Wofür er auch Hausarrest bekam. Die Kirche war beleidigt und die Lorbeeren für ihre bahnbrechende Idee der prinzipiellen Falsifizierbarkeit erntete im 20. Jahrhundert dann der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper.
Rom, 400 Jahre später: Galilei ist rehabilitiert, doch es herrscht schon wieder Krach vor Gericht zwischen Physikern und Kirche. Die Sendemasten von Radio Vatikan funken so stark, dass es in Rom aus Kühlschränken erklingt. Ein inakzeptabler Affront, finden sachverständige Physiker. Wofür der zuständige Kardinal Roberto Tucci auch zehn Tage Knast bekam. Doch jetzt wurde Tucci rehabilitiert. Es muss sich noch zeigen, ob seine bahnbrechende Idee Schule macht: Religion aus dem Kühlschrank. Vielleicht ernten auch wieder andere die Lorbeeren, die missionierenden Mormonen zum Beispiel, die nicht mehr mühsam an der Haustüre klingeln müssen, wenn sie die Leute direkt an der Kühlschranktüre erreichen können. Aber dann aufpassen, sagt Popper: Vielleicht alles nur haltloser Quatsch, was Ihnen Ihr Kühlschrank erzählt.
26.05.2007 | 12:59 | Was fehlt | Sachen anziehen
 Dank Mithril: In Zukunft weniger Staatsmasse. (Bild: Wikimedia, Lizenz) Für G-8-Gegner ein Reizsymbol, für den Staat keine Zier: Die klobigen beschusshemmenden Westen, die Polizisten in kniffligen Situationen tragen müssen. Bis zu 30 kg Schlagschutzkleidung schleppt der Amtmann bisweilen am Oberkörper mit sich herum – bei den sommerlichen Temperaturen in Heiligendamm sicher keine Freude, und nicht jeder kann sich eine kugelsichere Weste in Form eines klimatisierten Papamobils leisten oder lässt wie der ugandische Diktator Idi Amin Bomben an seinem Brustkorb abprallen. Noch unfairer: Für Staatsoberhäupter ist das Risiko, vom aufmüpfigen Pöbel eins abzubekommen, ohnehin wesentlich geringer als bisher vermutet: Die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags beträgt lediglich 0,3 Prozent. Also wäre doch eigentlich alles easy, Herr Schäuble, warum dann dieses Aufgebot? Jedoch, die Leichtigkeit, mit der Staatsleute durchs Leben flanieren, könnte nun auch dem Schutzpersonal zuteil werden, denn jetzt stehen leichtgewichtige Nanotube-Textilien in den Startlöchern des technischen Fortschritts, so leicht wie eine Feder und so hart wie ein Drachenpanzer. Um Humanität zu demonstrieren also sofort vorbestellen, Innenministerium!
17.05.2007 | 09:11 | Alles wird besser | Alles wird schlechter | Vermutungen über die Welt
 Andere Welten, andere Leute. (Bild: ricardo.martin) Der Optimist Leibniz sagte, diese Welt sei die beste aller möglichen Welten, der Pessimist Schopenhauer hielt entgegen: Diese Welt ist die schlechteste aller möglichen Welten, so scheisse, dass sie beim kleinsten Defekt gar nicht mehr existieren könne. Beide setzen voraus: Andere Welten sind möglich. Die Antike sah das noch wesentlich rigoroser: Möglich ist nur diese Welt, so wie sie uns eben unversöhnlich anspringt – Platons Demiurg schafft die Welt aus bereits vorhandener Urmaterie, nach der festen Schablone der ewigen Ideen. Mit dem Judentum ändert sich diese Weltsicht, der jüdische Gott ist allmächtig, er lässt sich nicht zum Büttel vorgegebener Strukturen machen und schafft Welten voraussetzungslos aus Nichts heraus. Zwischen Gott und die tatsächliche Welt schiebt sich jetzt eine Fülle möglicher Universen, und das Mittelalter diskutierte heftig über die Beschaffenheit solcher Welten und was in ihnen alles vorkommen könne: Etwa auch solch sinnlose Dinge wie viereckige Kreise, geflügelte Einhörner, Schlümpfe, Tokio Hotel? Wenigstens logisch widerspruchsfrei und ethisch vertretbar sollten die Dinge dann schon noch sein, kam man überein. Doch in der Neuzeit explodiert der Markt an Möglichkeiten: Andere Welten, neue Realisierbarkeiten, mögliche vieldimensionale Räume und vielwertige Logiken, mögliche postmoderne Pluralitäten, eine Unendlichkeit möglicher Paralleluniversen! Aber langsam. Alles geht nun doch nicht durch, wie man jetzt weiss, nicht alle erdenklichen Universen sind "creatable". Gewisse physikalische Mindeststandards müssen sie schon erfüllen, um möglich zu sein. Das hindert jedoch Welten wie unsere nicht daran, allerlei unmögliche Leute und Zustände zuzulassen. Der Streit zwischen Leibniz und Schopenhauer bleibt also weiterhin offen.
06.05.2007 | 14:25 | Zeichen und Wunder
 Quaeram te, domine, ich will dich suchen, o Herr: Kleinanzeigen in Deggendorf. (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Schlimmer als alle Atheisten und Häretiker sind für den Christenmenschen jene Glaubensgenossen, die sich für frömmer halten und anderen Leuten ihre Frömmigkeit madig machen wollen. Ikonoklasten beispielsweise sind Vertreter dieser lästigen Spezies: Bloss keine Bilder von Gott, denn das ist unfromm, das ist verweichlichter Monotheismus und Idolatrie! Das Konzil von Trient formulierte dagegen in dieser Streitfrage abschliessend, dass Gott schliesslich in Jesus Christus Mensch und somit als Person anschau- und abbildbar geworden sei – ergo: man male, bastle, schnitze und schraube sich seinen Herrgott und alles ist gut, sofern die Ikonizität nicht völlig danebengreift. Darum sind auf dem bayerischen Land sämtliche Wege und Strassen mit religiösem Anschauungsmaterial gesäumt, sogenannten Marterln. Doch das reicht nicht. In die Welt hinabzusteigen und sich in irdische Zustände zu begeben, heisst nicht nur, dass man nicht durchweg unsichtbar sein soll. Man ist auch automatisch eingewoben in das Geflecht von Markt und Handel. Das Göttliche hat sich also auch vermarktbar gemacht – was einem aus Frömmigkeitsgründen dann bekanntlich die Ablassgegner versaut haben. Wacker hält sich auch hier das katholische Niederbayern: Nebst Ablassutensilien kann man auch den Herrgott kaufen und verkaufen. Sogar gebraucht und restaurierungsbedürftig. Als Kruzifixcorpus halt. Vielgötterei ist schliesslich etwas für Messies, man wird seine gebrauchten Götter dann doch lieber wieder los – und anstatt abgenutzte Corpora ins Osterfeuer zu werfen, sollte man heute im Zeitalter von Kleinanzeigen und Ebay doch eher barmherzig an jene denken, die eines Herrgotts bedürfen.
Dieser Beitrag ist ein Update zu: Lumen de lumine
04.05.2007 | 03:00 | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt
 Klassische Völkerverständigung (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Die Türkei steckt dieser Tage in einer schweren Staatskrise, in der es um nichts Geringeres geht als den Fortbestand ihres laizistischen Staatsprinzips. Islamistische Kräfte nutzen schon lange den Windschatten der EU-Beitrittsverhandlungen, um im Sinne Europas mehr Religionsfreiheit gegenüber dem türkischen Staat anzumahnen. Dies mutet paradox an: Islamismus durch EU-Beitritt? Radikalisierung mittels Völkerverständigung? Zoff durch Verstehen? Nun, so abwegig ist das nicht. Schon der Völkerverständigungspromotor und Sprachlehrbuchproduzent Langenscheidt hat dies erkannt und lehrt – damit wir uns auch alle recht verstehen – in seiner Einführung ins Türkische: "Im Türkischen häufig vorkommende Form: döverim! = Ich verprügle dich!" (Praktisches Lehrbuch Türkisch, S. 194) – Und die Antwort kommt im Lehrbuch Neugriechisch durch die Blume, mit der anachronistischen Lernvokabel "H' 'Aγια Σοφια με τις χρυσες καμπανες" = "Die Hagia Sophia mit den goldenen Glocken" – womit nur jene legendären goldenen Glocken gemeint sein können, die 1453 in Konstantinopel gegen die Türken Sturm läuteten.
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Heuschreckenverbot
- immer zwei Kilopackungen Datteln besitzen
- Lebende Holzkohle
- automatisches Schreiben
SO NICHT:
- Schwanger sein - mit einem Kirschkern
- Schnapsdiät
- gestieltes Lipom
- Wipperfürth an sich
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Inside Man", Spike Lee (2006)
Plus: 5, 37, 42, 80 Minus: 119 Gesamt: 3 Punkte
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