Riesenmaschine

04.01.2011 | 00:58 | Berlin | Alles wird schlechter | Zeichen und Wunder | Effekte und Syndrome

Textcontainer


Aber hier leben, nein danke
Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht, das ist festzustellen. Hier ist etwas ganz und gar aus den Fugen geraten, hier wurde zusammengefügt, was nicht zusammengehört und ein bösartiges Mash-up geschaffen, nämlich ein echter Kohlenstoffwelt-SEO-Text-Altkleidercontainer. Der zentrale und zugleich auch ekelhafteste Grundpfeiler der Suchmaschinenoptimierung (Search Engine Optimization, kurz SEO) ist ja die Keywordanreicherung von Internetseiten. Da wird zentnerweise völlig wertloser "Content" auf die Seiten geschaufelt, auf dass der allmächtige Googlegott bzw. -bot eine Internetpräsenz als wertvoll einstufe und sie fürderhin hoch "ranke", wie das SEO-Verbrecherkartell wünscht. Was passiert, wenn SEO-Texter arbeitslos werden und in der Old Economy anheuern, ist auf diesem Bild zu sehen. Dieser Altkleidercontainer steht – für jeden Menschen zu besichtigen – in 12161 Berlin, Schmiljanstrasse 15. Und je länger man ihn betrachtet, desto mehr Rätsel gibt er auf. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Container der einzige seiner Art ist, ansonsten waren die Bemühungen des Texters vergebens.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Telefonbuch-SEO-Schnellkurs


20.12.2010 | 08:08 | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt | Effekte und Syndrome

Sex im Essen


Ein unmoralisches Angebot
Kindern kann man alles andrehen, zur Not streut man einfach Smarties drauf, bei Männern funktioniert das ähnlich, nur mit Brüsten. Das Erfurter Gasthaus "Feuerkugel", dessen Eigentümer Willy Anders laut Speisekarte 1930 von der Polizei das Hüten von Schweinen im Hof verboten worden ist, wirkt aber viel zu seriös für solche Hintergedanken. Die Versautheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Es ist eher wahrscheinlich, dass es sich hier um ein Beispiel für den bei Servicekräften häufig zu beobachtenden Drang handelt, als Mensch mit Gefühlen wahrgenommen zu werden und nicht als Maschine. Der Suez-Kanal war vielleicht nur der stumme Hilfeschrei eines an einer Harnröhrenstriktur leidenden preussischen Beamten. Kultur ist sublimierte Libido, bei manchen kommen Bücher raus, aber, wenn wir ehrlich sind, haben wir bei Köchen doch mehr davon.


08.04.2010 | 23:07 | Anderswo | Supertiere | Effekte und Syndrome

Sushiwinde


Japanische Därme stellt man sich anders vor.
Viel wurde schon geforscht über die Unterschiede zwischen den Nationen. Wo die eine Nation aufhört und die nächste beginnt, oder wer in ihnen leben dürfe, waren in vergangenen Jahrhunderten wichtige Themen zahlreicher internationaler Kongresse. Auch Humorneigung der Bewohner, örtliche Toxoplasmose-Durchseuchung, sowie durchschnittliche Längen sämtlicher messbarer Körperteile wurden längst sorgfältig protokolliert. Vor diesem Hintergrund ist erstaunlich, dass erst zu dieser späten Stunde Licht auf den grossen weissen Fleck der internationalen Differenzenforschung fällt, oder vielmehr auf den grossen braunen Fleck, auf den Dünndarm der Völker.

In ihm leben bekanntlich Bakterien in solcherner Anzahl, dass das Gerücht die Runde macht, es seien mehr Bakterien als Körperzellen im Menschen drin, bislang ein verstörender Gedanke, wenn man gerne verstört ist, aber wie die robusteren Naturen wissen, sind diese Bakterien unsere Freunde. Wir füttern sie mit probiotischem Joghurt und sie erzeugen Darmwind – Symbiose nennt's die Biologie. Ein praktisches Nebenprodukt der Darmwindproduktion ist die Verdauung von für den Menschen sonst unverdaulichen Substanzen, von Eternit vielleicht, oder Lakritz oder tausendjährigen Eiern.

Oder zum Beispiel von Sushi. Japanische Dünndärme, das haben Forscher jetzt herausgefunden, enthalten Bakterien mit einem speziellen Gen, das ihnen die Verdauung von Algen erleichtert. Nordamerikanische Dünndarmbewohner haben dieses Gen nicht. Die japanischen Dünndarmbewohner werden sich das Gen wohl aus Bakterien im Essen geholt haben, folgern die Autoren, und dass vermutlich all die darmwindverursachenden Bakteriengene da her kommen. Esst also mehr Bakterien! Es ist gut für die Darmwinde.


08.10.2009 | 11:11 | Nachtleuchtendes | Effekte und Syndrome

Alles in H0

Es ist äusserst selten, dass auf dem Feld der Kultur jemandem eine wirklich genresprengende Basisinnovation gelingt – wie Brechts "V-Effekt" oder Michael Jacksons "Moonwalk". Dass auf dem jahrhundertelang ausgeforschten Feld der Fotografie noch einmal eine neue – noch dazu analoge – Technik unsere Wahrnehmung puzzelt und unsere Synapsen knirschend neu verdrahtet, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Kein Wunder von daher, dass der Finne Miklos Gaal mit seiner verblüffend simplen Methode, Szenerien wie Modellbaulandschaften aussehen zu lassen, binnen kurzem zum internationalen Star der Fotokunst aufgestiegen ist. (Nicht zu verwecheln mit dem Street-Artist Slinkachu.) Schon vor über zwei Jahren wiesen wir darauf hin, dass die "Tilt-Shift" genannte Methode auch im Amateursegment starken Zuspruch erfährt, spätestens, seit sie alternativ zur teuren Hardware auch mittels eines simplen Photoshop-Filters zu haben ist. Entsprechend durchwachsen sind allerdings auch oft die Resultate.

Nun ist der Effekt endgültig im Mainstream, genauer gesagt: bei der Deutschen Telekom angekommen, die ihn für ihre Kampagne "Millionen fangen an" in Spots und Anzeigenmotiven benutzt – um nicht zu sagen: ausschlachtet. Bis wir uns endgültig an belebten H0-Landschaften, Mini-Fussballstadien und Liliput-Strassenszenen sattgesehen haben, schnell noch ein paar andere Tilt-Shift-Videos.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Sex in H0


24.09.2009 | 11:11 | Vermutungen über die Welt | Effekte und Syndrome

Freiheit aushalten


Das Regime der Freiheit zu Gast an der Staatsoper in Berlin
Für eine erweiterte Interpretation des Regierens bzw. der Regierungskunst, die auf den Mikrostrukturen der Macht aufbaut, hat Michel Foucault in seinen Vorlesungen Ende der 1970er am Collège de France den Begriff Gouvernmentalität geprägt. Gemeint sind damit weniger physische und institutionelle Machtmittel, sondern die psychische Kondition – buchstäblich: die Mentalität –, die das Regieren zur Angelegenheit der Regierten macht. Wie das allgemeine Einverstandensein so ist auch die Forderung nach Selbstregierung in Eigenregie heute triviale Realität einer gleichermassen deregulierten und permissiven Gesellschaft. Das Paradoxon des antiautoritären Kinderladens ("Tante, müssen wir heute wieder machen, was wir wollen?") ist uns so sehr zur zweiten Natur geworden, dass es uns selten bewusst wird. Dabei bezieht sich der Zwang zur Freiheit keineswegs nur auf das Erwerbssubjekt, sondern zuvorderst natürlich auf den als mündig und autonom vorgestellten Konsumenten. Dass der Kunde König sei, ist eine Binse. Dass der vermeintliche Souverän aber selbst keineswegs souverän ist, sondern seinerseits in multiple Zwänge verstrickt, die foucaultsche Pointe bei der Angelegenheit. Uns auf offener Strasse in kondensierter Form und unsubtilen Lettern die Zweischneidigkeit und Abgründigkeit des Imperativs zum Selbstregime im entfalteten Konsumkapitalismus vor Augen zu führen – das hinwiederum ist der kollaterale Verdienst einer neuen Bionade-Aussenwerbung, die an sich einfach nur auf die kommende Wahlen eincashen wollte.


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