Riesenmaschine

07.04.2010 | 12:51 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Hartwurstenergie

Die offizielle Markteinführung war schon zu Jahresbeginn, seit kurzem hängen auch die Citylight-Plakate der neuen Bifi Energy (offenbar vom gleichen Designer wie die Congstar-Kampagne), und ein, nunja, ungewöhnlicher Werbefilm liegt ebenfalls vor. Dabei zeitigte ein der Riesenmaschine zugeschicktes Testmuster mit drei Bifi Energys den gewünschten Effekt in mindestens zwei Fällen. Der bifitypische Geschmack wird weder vom Guarana noch von den Überraschungszutaten Blutorange und Chili beeinflusst, lediglich die Öligkeit scheint leicht über dem Bifi-Durchschnitt zu liegen.

Ob Bifi Energy am Markt bestehen wird oder das Schicksal der weitestgehend vergessenen Bifi-Line-Extensions Bifi Wiener und Bifi Roll Korn erleidet, lässt sich noch nicht absehen. So oder so könnte sie aber der Ausgangspunkt von zwei kommenden Grosstrends werden: 1. das Ende der Dominanz der Flüssignahrung im deutschen Energy-Lebensmittelsektor. Und 2. die Verlagerung von Wachmacherzutaten aus rein anlassbezogenen Speziallebensmitteln in Alltagsprodukte, die man eh konsumiert.

Wobei Bifi für 2. nur ein Zwischenschritt sein kann, denn wer isst schon gerne den ganzen Tag Bifi? Erst mit Energy-Keksen, Energy-Pizza, Energy-Brot und Energy-Milch wäre wirklich ein neues Nebenbeiheits-Level im Wachmachsegment erreicht. Danach dann bitte Shampoos, bei denen Koffein nicht ausschliesslich der Haarwurzelstärkung dient, ein Energy-Waschmittel, mit dessen Hilfe man Modafinil direkt über die Haut aus der Kleidung aufnehmen kann und natürlich: Koffein-Kondome. Obwohl, die gibt es ja schon.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Raffinierte Getränke


03.04.2010 | 16:54 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Der Repariertee


Weidenzweige brechen nicht unter dem Schnee
Der neue Öko-Lebensstil unterscheide sich vom alten, heisst es, durch seine Abkehr vom "Jutesack und Asche"-Asketismus und seine Hinwendung zu Hedonismus und Stilbewusstsein bei gleichbleibend gutem Gewissen. Dennoch wohnte auch dem LOHAS nach unserem Gefühl noch immer eine gehörige Portion Protestantismus inne, indem er die düsteren Seiten und Abgründe eines jeden durch schlichtes Leugnen zu negieren suchte. Indem wir uns zu Gutmenschentum und gesunder Lebensweise bekennen, gelingt es uns auch, so zu leben. Weil die Realität bekanntlich anders aussieht, mieden wir realiter auch die neuen Bioläden – als Horte einer Kirche, der wir leider niemals angehören können. Jetzt aber zeichnen sich erste Risse im puritanistischen Purismus ab, die sich zum Wurmloch für unsereinen weiten könnten. In der Reihe der hübsch designten und selbst für Bioläden hochpreisigen "Hausfreunde"-Kräutertees von Herbaria (4,85 €) gibt es neben den Geschmacksrichtungen Hals, Balance, Nase, Bauch und Nerven seit jüngstem auch Kater: ein Repariertee als echte Alternative zum Stützbier und wie gemacht für uns LOPAS (Lifestyle of Punk and Sustainability).


02.03.2010 | 23:47 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Joe's Revolution

Trader Joe's ist eine Supermarktkette aus Kalifornien, die sich vor kurzem mit dem Aldi-Imperium verbündet hat, und bald den Rest der Welt übernehmen wird. Sobald das geschieht, ist endlich Schluss mit der Mars-Hölle auf dem Schokoriegelsektor, denn Trader's Joe hat das Genre neu definiert.

Trader Joe's verkauft seine Riegel in einer Doppelverpackung: Erst werden sie in silberne Folie eingeschweisst, dann in rechteckige Mini-Kartons verladen, die entfernt an Zahnpastaverpackungen erinnern. Die Riegel selbst erinnern zum Glück überhaupt nicht an Zahnpasta.

Der "PB&J bar" von Trader Joe's hat gerade zum fünften Mal in Folge den Internationalen Snickerkongress gewonnen. Vor allem begeistert er durch seine Konsistenz: massiv, solide, lippenfest, aber weich und warm im Inneren. Er riecht wie ein Wildschwein zehn Meter gegen den Wind, allerdings nicht nach Wildschwein, sondern nach Erdnussbutter und dunkler Schokolade. Geologisch besteht er aus einer dünnen Lage schwarzer Marmelade, dann eine Schokoladencreme und schlieslich im unteren Drittel die gründliche Erdnusspaste. Es heisst, der Riegel sei bei ersten internen Tests zu perfekt gewesen, weshalb man das leicht nervige Fruchtgelee noch obendrauf geklatscht hat. Aber die Konsistenz, die einmalige Konsistenz blieb ihm erhalten.

Noch extremer ist nur Trader Joe's "Lumpy Bumpy Bar", der wohl demnächst gesetzlich verboten wird. Zu perfekt sei dieser Schokoriegel, zu offensichtlich seine übernatürliche Herkunft, der Wettbewerb darum illegitim verzerrt, so wird die (schwache) Begründung lauten. Taxonomisch ist Lumpy Bumpy ein Snickers mit dunkler Schokolade, wobei die Erdnüsse sowohl in der seltsam weissen Nougatcreme als auch ganz oben angebracht sind. Lumpy Bumpy ist was Schokoriegel angeht das Ende der Fahnenstange, evt. auch, was Dinge überhaupt angeht. Lumpy Bumpy FTW!!! Yes!!!!!! An dieser Stelle endet der Testbericht.


01.03.2010 | 14:14 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles

Milky Mars


Foto: Junkfood-Betty
Nur ein Beispiel für die Bildungskatastrophe in Deutschland: Im Rahmen der Umstrukturierung zu Bachelorstudiengängen soll die Schokoriegelforschung neuerdings nur noch als Teilgebiet der Astronomie gelehrt werden, die wiederum nur als Teilgebiet der Physik gelehrt wird. Und alles nur, weil Frank C. Mars, der Schokoladenheld der Neuzeit aus Minnesota, im Jahr 1923 den Riegel Milky Way auf den Markt brachte, ein schlichtes Konglomerat aus Nougat, Karamel und Schokolade. Milky Way war angeblich eine Idee von Franks Sohn Forrest, der ein paar Jahre später nach England ging, um praktisch denselben Scheiss als "Mars" quer durch Europa zu werfen. In Europa wird stattdessen ein Milky Way ohne Karamel verkauft, eine Rezeptur, die in Amerika wiederum "3 Musketeers" heisst. Diese Ambiguitäten muss man aushalten, wenn man in der Astronomie was werden will.*

Aber es kommt noch schlimmer. Die ökologische Nische des Marsriegels war in Amerika eine Weile von einer Kreatur besetzt, die wir heute als Snickers Almond kennen, also das original Milky Way mit Mandeln. Das Proto-Erdnuss-Snickers, muss man wissen, ist ebenfalls eine Erfindung von Frank Mars. Und die Globalisierung versetzt dem bunten Treiben den Gnadenstoss, was technisch überhaupt nur als Metapher möglich ist, wenn überhaupt, indem sie das europäische Mars neuerdings auch auf dem amerikanischen Markt feilbietet. Astronomisch eine Sensation: In Amerika sind Mars und Milky Way identisch.

Schliesslich noch dieses: Irgendein Klugscheisser ist vor kurzem auf die Idee gekommen, in Amerika ein Milky Way ohne Nougat zu verkaufen, also wie das europäische Milky Way, nur mit Karamel. Kein Scherz, alles einwandfrei recherchiert. Das muss man sich mal vorstellen. Da dreht jemand an der Schokoriegelevolutionsschraube und erfindet ein inverses Anti-Mars. Schon bald wird das Universum kollabieren, so der gegenwärtige Konsens in der Literatur. Frank Mars jedenfalls ging später nach Tennessee und machte in Pferdezucht.

* Wikipedia: "In the Republic of Ireland the milky bar has always been white and Anne Mc Mahon is incorrect in saying that it was brown." Anne McMahon ist entweder vor kurzem gestorben oder aber Bibliothekarin in Limerick.


09.02.2010 | 13:52 | Essen und Essenzielles

Strom ohne Elektronen


"Authentische Funktionalitäten brauchen explizit ein gewisses Mass an Kohlehydraten für ihre jeweilige Wirkung."

Immer noch klafft einen riesige, gigantische, megagrosse Lücke zwischen Softdrink und Wasser. Ein Grand Canyon der Versorgungsmittelindustrie, achwas, ein Grosser Roter Fleck der Schande, und gleichzeitig ein Grosser Attraktor für Werbephantasten. Eine wundervolle Hohlraumstrahlung, in irgendeiner gewissen Weise.* Und ausserdem irgendwie das Geschäftsmodell von Energy Brands, die seit 1996, 1998 und 2000 Smartwater, Fruitwater und Vitaminwater verkaufen. Komisch, kommt einem wie neulich erst vor. Das Geschäftsmodell von Venga – Functional Infusions lautet, alles wie Energy Brands zu machen, nur zehn Jahre später und weniger lustig. Darüber kann man jetzt gern lachen, aber erst mal was Besseres ausdenken. Nagut, oder halt erst mal darüber lachen.

Oder vielleicht verstehen wir das alles auch falsch. Vielleicht ist die Fastwasserbranche ein Ironielabor und immer schon einen Schritt weiter als unsere im Gehirn fest angeschraubten Ironiedetektoren. Während die Commercials für Vitaminwater mit holzhammer-, ach was, atombombenhaften Dosen an Ironie versetzt wurden, spielt man bei Venga eventuell schon in einer anderen, noch nicht messbaren Liga.** Schon in wenigen Jahrzehnten werden wir es für die Höhe an subtilem Humor halten, wenn schwindsüchtige Kinder als Beispiel für körperliche Stärke herhalten müssen, nur eine der enigmatischen Werbebotschaften des neuen Ironiemonopolisten.

Oder wenn die Werbung für Venga behauptet, es gäbe ohne Strom kein Licht. Vielleicht gibt es in ein paar Jahren ohne Strom wirklich kein Licht mehr. Die Zukunft ist ein grosses Rätsel.***

* Wissenschaftsmetaphorik war früher besser.
** Aber welche Liga ist schon messbar? Fragt man sich.
*** Eine Lektion, die man seltsamerweise aus der Vergangenheit lernt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Are we crazy? Maybe!


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