Riesenmaschine

05.04.2009 | 13:52 | Berlin | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

¡Ya Raucher!


"Ya" ist ausserdem das
aserbaidschanische Wort für "oder".
Der Streit um das Rauchverbot in Berliner Gaststätten nimmt zunehmend erratische Züge an. Als neues Agitationsgimmick der aktuell laufenden Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren hängen seit kurzem in den Fenstern diverser Eckkneipen LED-Schilder mit der Aufschrift "Ya Raucher". Was mag das nun bedeuten? "Ya" ist spanisch für "schon/sofort/jetzt" – ist "Ya Raucher" also ein Appell, sich spontan eine anzustecken und so den Protest auf die Strasse zu bringen? Referiert das Schild gar auf die Redewendung "¡Ya Basta!" ("Es reicht!"/"Enough is enough!")? die seit Jahren das zentrale Motto im Befreiungskampf der Rebellenbewegung EZLN im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas ist? Hat sich hier heimlich eine Allianz zwischen Zapatisten und Freirauchern gebildet? Und kann es Zufall sein, dass in Chiapas Tabak angebaut wird? Oder ist es doch bloss die nächste Vereinnahmung linken Symboltums, nachdem bereits das Palituch zum Modeaccessoire verkommen ist und die Junge Union Reinickendorf Werbung mit Che Guevara gemacht hat?


03.03.2009 | 21:35 | Nachtleuchtendes

Google Maps Balkonangst


Blisters and pain auf den Ringen bei Einschlag der Hiroshima-Bombe in den Kölner Dom (Screenshot)
Albtraumängste lassen sich in drei Kategorien einteilen: Mikroängste, Mesoängste und Makroängste. Letztere tauchen in der Form von Riesenmonstern, grossflächigen Waffen, Kometeneinschlägen oder Nebeln des Grauens auf und gelten als die sophisticated angsts unter den Albtraumängsten. Wer noch nie rauchend auf dem Balkon stand und sich vorgestellt hat, wie am Horizont ein Atompilz auftaucht, um anschliessend zu überlegen, wer anzurufen sei und wie, angesichts von Windrichtung und Lage der Ausfallstrassen, zu fliehen wäre, hat wohl kein Herz.

Für das Multiangsttool Google Maps gibt es jetzt eine tolle Applikation, die einem bei den Balkonüberlegungen mit einer hilfreichen Übersichtskarte zur Seite steht: Ground Zero (via twitter.com/daniel_erk). Zur Auswahl stehen mehrere Atom- und Wasserstoffbomben sowie ein Asteroideneinschlag und jedes beliebige Ziel der Welt. Nach Klicken auf "Nuke it!" wird eine Karte mit verschieden eingefärbten Auswirkungszonen angezeigt, von "Sunburn like discomfort, skin redness" bis "Most people will die within 24 hours". Danach geht man zurück auf den Balkon mit einem Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwimmen, und wartet ab, ob irgendwann etwas passiert.


25.12.2008 | 18:06 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

Der grösste Weihnachtsbaum der Welt


Weihnachten, Ostern und Pfingsten in einem
Pünktlich zum Fest eröffnete der Hongkonger Kasino-Mogul Stanley Ho Hung-sun vor einer Woche sein neues Fünf-Sterne-Hotel Lisboa Grand in der chinesischen Spezialverwaltungsregion Macao. Das Gebäude, das auch das bereits im letzten Jahr eröffnete neue
Lisboa Grand-Spielkasino
beherbergt, soll der Form einer Lotusblume nachempfunden sein, geht aber auch gut und gerne als umgekehrter Weihnachtsbaum durch, vor allem, wenn es nachts illuminiert ist. Der Baum steht auf einem riesigen Ei von 56 Meter Höhe und 189 Meter Durchmesser, womit Ho auch das grösste Osterei der Welt in den Komplex integriert hat.

Das Lisboa-Kasino ist zwar nicht das grösste Kasino der Welt; das ist das nur ein paar Kilometer entfernt stehende The Venetian des amerikanischen Kasino-Königs Sheldon Adelson, dem Herren über das Kasino-Imperium "Las Vegas Sands". Doch das Lisboa hat die besseren Gimmicks. So ist das Riesenei von einem fast 11.000 Quadratmeter grossen LED-Teppich bedeckt, der aus über 59.000 Pro-Pixel-Leuchtelementen besteht. Jedes dieser Elemente enthält 20 LEDs und ist individuell steuerbar, so dass Stanley Ho auf dem Ei Texte, Grafiken, Videos, chinesische Schriftzeichen und sogar Umlaute zeigen kann, wenn ihm gerade danach ist. Angeblich soll das Trumm in der Lage sein, mehr als 4,3 Billionen Farben darzustellen. Das allerdings gibt Anlass zur Sorge, denn würde so etwas tatsächlich versucht, dürften wohl mit einem Schlag sämtliche Farbvorräte der Welt erschöpft sein. Für das nächste Weihnachtsfest hiesse es sodann, dass wir nur noch durch graue Fussgängerzonen wandeln, dito Ostern. Ob das aber wirklich wünschenswert ist oder nicht, darüber könnte jeder Riesenmaschinenleser zwischen den Jahren mal nachdenken. Stanley Ho tut es gewiss nicht.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


12.12.2008 | 12:06 | Berlin | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

Ein schöner Tag bei den Berliner Verkehrsbetrieben

"Machen Sie den Kunden die schiere Überfülle unserer Haltestellen irgendwie grafisch anschaulich!", hatte Klapheck gefordert, "7.432 Haltestellen, da muss man sich doch nicht verstecken, das kann sich doch sehen lassen!" Aber als es darum ging, wo sich diese vielen Haltestellen eigentlich befanden, hatte Wisseling natürlich aus keiner Abteilung der BVG Antwort auf seine Mail erhalten. Wahrscheinlich wusste man es nirgends so genau, 7.432 Haltestellen, das waren ja auch verdammt viele, wer sollte da den Überblick behalten. Na, es würde schon nicht so drauf ankommen. Erst mal Spree, Dahme und Havel aus dem Gedächtnis eingezeichnet. Dort hielten sicher keine Busse, und auch im Müggelsee nicht. Aber auf den Flugfeldern in Tegel und Tempelhof? Fuhren da nicht andauernd Busse herum? Und wo Busse waren, gab es sicher auch Haltestellen, viele Haltestellen. Die Busse der BVG hielten auch in Häusern, und in Parks, wie sollten alte und gebrechliche Bürger sonst ins Grüne gelangen? Jetzt noch die lückenlose Versorgung des Teltow- und Landwehrkanals mit Schiffshaltestellen herausstreichen. So, schon fertig. Waren es auch genau 7.432 Punkte geworden? Ach, das sollte der Praktikant übers Wochenende nachzählen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ein schöner Bloomstag in der Güldenkron Fruchtsaft GmbH, D-57647 Nistertal


10.12.2008 | 13:45 | Nachtleuchtendes | Essen und Essenzielles

Germany's Next Alcopops


Erfindet doch lieber auch mal einen Korn!
Gross war die Vorfreude, als wir gefragt wurden, ob wir als Blog interessiert seien, Walross-Alkohol zu testen. Noch grösser die Spannung, als eine vom Schweizer Zoll ordentlich abgefertigte Papprolle eintraf mit dem Warnhinweis: "Walross-Alkohol – Achtung: auf keinen Fall schlucken!" Noch grösser allerdings war die Ernüchterung darüber, in der Papprolle keine toxisch-tranige Substanz vorzufinden, sondern drei Dosen eines handelsüblichen Energydrinks, der nur mittels Aufdruck zu "Plouby Walross-Alkohol 3000" umgewidmet wurde. Wir haben die Plörre dann den Pinguinen gegeben. Selbst haben wir uns dem etwas reiferen und erwachseneren "Das Korn" des Künstlers Theo Ligthart zugewandt: echter deutscher Doppelkorn aus der Traditionsbrennerei Sellendorf in Brandenburg, eigens entwickelt für den Kunstmarkt. "Gefüllt in Flaschen, die ästhetisch an eine Mischung aus Flachmann und Parfumflakon erinnern, schafft 'das Korn' eine Verbindung zwischen Kunst und Objekt", heisst es auf der Website. (Und seitdem wir wissen, dass es sich bei dem ganzen um eine "soziale Plastik" handelt, sehen wir auch das Pennerensemble vorm Supermarkt mit anderen Augen.) Der "Das Korn"-Korn trinkt sich süffig wie edelster Wodka, und hinterlässt kaum Spätschäden am nächsten Tag. Binnen einer Woche war die halbe Flasche leer. Indem er uns ermöglicht, Alkoholismus als Kunstform auszudeuten, könnte "Das Korn" glatt zu unsem neuen Near-Water-Alltagsgetränk avancieren. Am morgigen Donnerstag wird die glückliche Erfindung eines Korns übrigens mit einer Vernissage in der Bar Tausend gebührend gefeiert.


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"Doomsday", Neil Marshall (2008)

Plus: 1, 14, 35, 64, 68, 80, 94, 96, 104
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Gesamt: 3 Punkte


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