Riesenmaschine

23.03.2007 | 19:02 | Anderswo | Supertiere | Papierrascheln

Flavoured with Dragon

Die längste Küstenlinie, die ältesten Chili-Schote oder die besten Autobahnen: jeder Einwohner kann auf irgendein Alleinstellungsmerkmal seiner Heimat stolz sein.
Die Nationen können derweil ungestört niedliche Tiere ausrotten, souveräne Staaten unsouverän angehen oder Gitarrenmusik verbieten.


Zu revidierende Darstellung des chinesischen Drachen ohne Flügel (Foto: splitbrain) (Lizenz)
China konnte es wirklich nicht dabei belassen, dass die Tiere, die Drachen am nächsten kommen, bisher eher im Land der Sekundärtugend ausgegraben wurden. Die Anstrengungen wurden kürzlich mit dem Fossil einer kleinen, gleitenden Echse beglückt, welches flugs ins Liaoning Museum getragen wurde. Perfektioniert wurde der PR-Coup in dem der geglückte Fund in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America der Nation mit dem überdetailierten Banner unter die Nase gehalten wurde.

Der Fund kommt einem Drachen übrigens in vielen Dingen recht nahe: Die Schwingen werden nicht auf Fledermaus- oder Vogelmanier an die vorderen Extremitäten getackert, sondern bestehen aus verlängerten Rippen. Ausserdem lassen sich unschwer fünf Krallen an den Pranken ausmachen, die zeigen, dass die Echse keine verirrter Import aus Korea oder Vietnam ist. Unbestätigten Berichten zufolge haben verschiedene westliche Staaten Sonderforschungsmittel für die Suche nach niedlicheren Pandas bereitgestellt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Saurier - Tiere ohne Perspektive

Roland Krause | Dauerhafter Link


16.03.2007 | 22:49 | Was fehlt | Papierrascheln

Klagepapier


Dieses Schreiben muss selbst sehen, wo es bleibt. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Technischer Fortschritt ist eine feine Sache, aber warum wird er immer in die falschen Produkte zuerst eingebaut? Warum haben wir Geburtstagskarten, die "Happy Birthday" spielen und Kästchen mit Plastikfröschen, die beim Öffnen quaken, aber der Brief mit den Wichtigen Informationen schweigt, wenn er unter einem Stapel anderer Papiere begraben wird? Wenn selbst Kleinkinder akustisch darauf hinweisen können, dass Handlungsbedarf besteht, darf man ja wohl von Geschäftsschreiben, deren Bedeutung für die Arterhaltung manchmal gleich null ist, erst recht ein bisschen Mitarbeit erwarten. Elektronik im Gegenwert von einem Cent könnte dafür sorgen, dass solche Schreiben protestieren, wenn man sie von der Lichtzufuhr abschneidet. Abgestimmt auf die Dringlichkeit des Inhalts wären sanftes Wehklagen, energisches Keifen und – nach einer gewissen Vernachlässigungsdauer – batterieschonender Übergang zu leisem Murren denkbar. Angenehmer Nebeneffekt: Briefzusteller hätten endlich ein Interesse daran, die vielstimmig zeternde Post auch tatsächlich zuzustellen und nicht sieben Werktage herumliegen zu lassen. Welt, wir verlangen hier nichts Unvernünftiges. Und wir werden so lange ungehalten herumrascheln, bis man sich unseres Anliegens annimmt.


10.03.2007 | 10:35 | Berlin | Papierrascheln

die neue linie


Das Blatt für den Menschen mit Geschmack (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wir werden nicht müde, das Schöne und das Neue auf der Welt zu loben und wenn es an einem kargen Tag wie dem heutigen ausnahmsweise nichts schönes Neues in der Gegenwart gibt, dann loben wir halt etwas aus der Vergangenheit. Wie zum Beispiel die neue linie, die schon 1929 klarmachte, wie ein Lifestylemagazin auszusehen hat, nämlich schlicht und modern, und inhaltlich als eine "Mischung aus Frauenzeitschrift, Schöner Wohnen und Reisemagazin", die "Trends bei Reise, Technik und Architektur" thematisiert (Berliner Zeitung), also im Prinzip das Gleiche wie das, was wir hier versuchen, bloss konsequenter.

Autoren wie Walter Gropius und Aldous Huxley schrieben für die neue linie, Gestalter wie Herbert Bayer und László Moholy-Nagy gestalteten. Als unpolitisches Feigenblatt konnte die neue linie trotz ihres modernen Auftretens auch während der Nazizeit einigermassen unbehelligt weiterarbeiten, entging gegen Ende allerdings nicht gänzlich einer Vereinnahmung durch die Nazis. Eine umfassende Ausstellung über Gestaltung und Geschichte des Magazins ist noch bis zum 16. April im Berliner Bauhaus-Archiv zu sehen.

Leider muste die Zeitschrift, 32 Jahre vor der Erfindung des papierlosen Büros, 1943 wegen Papiermangels eingestellt werden. Inzwischen ist "die neue Linie" der Name einer Partyreihe in Leinefelde und eines Pokalherstellers aus Burgthann-Ezelsdorf. Wir wollen lieber nicht wissen, was sich 2083 alles so als "Riesenmaschine" bezeichnet.


08.03.2007 | 10:19 | Berlin | Sachen kaufen | Papierrascheln

Herrndorfs Häkelarbeiten


Der Autor demonstriert den sachgerechten Gebrauch einer Metapher. (Foto: Natascha Podgornik, Nachbearbeitung: Wolfgang Herrndorf)
Die meisten Riesenmaschinenautoren schreiben neben ihrem schweren Hauptberuf auch noch Bücher, drehen Filme, malen Bilder oder häkeln Handytäschchen. Am Donnerstag, also heute um 20:00 liest Wolfgang Herrndorf im nbi unter der Aufsicht von Ijoma Mangold aus seiner neuen Kurzgeschichtensammlung "Diesseits des Van-Allen-Gürtels". Es handelt sich nicht um Literatur, man kann daher vielleicht hingehen, aber auch einfach "hinterher zum Biertrinken kommen und sagen, dass das letzte Buch besser war" (Herrndorf). Und, so der Künstler weiter: "Ich wäre auch froh, wenn dieses ekelhafte Foto ersetzt werden könnte. Es kommt dort nicht zum Ausdruck, dass ich 'grosse schöne weiche Augen' (Die Welt) habe und 'sanft asketisch, gesellig und freundlich' (dradio) bin." Aber davon kann sich ja heute abend jeder selbst überzeugen.


07.03.2007 | 18:18 | Alles wird besser | Papierrascheln

Liebliche Systeme


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Für Musik gibt es last.fm und Pandora und vielleicht eines Tages auch mal iLike, für Bücher gibt es nur die Amazon-Empfehlungen, die in den neun Jahren ihrer Existenz nur wenig klüger geworden sind. Nichttechnisch generierte Menschenempfehlungen fallen wegen ihrer grossen Amplituden weg, denn noch unterschiedlicher als der Fingerabdruck ist wohl nur der Bücherregalabdruck zweier Menschen. Lovelybooks soll seit Ende 2006 mit Hilfe der Weisheit der Massen schaffen, was bisher nicht gelungen ist, nämlich brauchbare Buchempfehlungen auf der Basis des bisher Gelesenen zu geben. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob die bis Ende April zu verlosenden 50 Buchpakete wohl erstmals in der Geschichte des Preisausschreibens auf die Vorlieben des Gewinners abgestimmt sein werden.

Optisch setzt Lovelybooks bisher stark auf die amazontypische Idee aus dem vorigen Jahrhundert: "Was viele gut finden, müssen alle gut finden", während man den Hauptvorteil von last.fm, die individuellen Empfehlungen von Geschmacksnachbarn, länger suchen muss. Aber es handelt sich ja auch noch um die Betaversion, nach deren Abschluss vielleicht auch das Suchen und Hinzufügen eines Buchs nicht mehr länger dauern wird als dessen Lektüre.

Ausnahmsweise braucht man übrigens keine Angst vor der üblichen "Sympathisches kleines Startup wird von bösem Konzern aufgekauft, alles wird schlechter"-Entwicklung zu haben, denn das unter anderem von last.fm-Mitgründer Michael Breidenbrücker von Lovely Systems entwickelte Lovelybooks gehört von Anfang an der Holtzbrinck-Gruppe. Ich hoffe, den Germanistikprofessoren der FU Berlin, die ich 1994 als Betreuer für die Entwicklung eines solchen Systems als Abschlussarbeit zu gewinnen versuchte und die mich auslachten, tut es heute leid und sie liegen nachts wach und weinen.


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