Riesenmaschine

22.12.2007 | 15:28 | Berlin | Alles wird besser | Was fehlt | Listen

Wunschzettel 2008: Berlin Edition


Für die litauische Kleinstadt Mosėdis gut genug, das muss aber auch reichen.
Berlin ist eigentlich ganz gut eingerichtet: Der Boden ist halbwegs gerade, Dinge fallen in die Richtung, die man erwartet, und es gibt vieles, auf das man anderswo neidisch ist, wie etwa einen Bierlieferservice in Parks, Call-a-Bikes an fast jeder Ecke und seit neuestem 24h-Supermärkte (naja, zumindest theoretisch). Doch da eine der drei grossen Aufgaben der Riesenmaschine die Weltverbesserung ist, dürfen wir uns damit nicht zufrieden geben.

In den folgenden Tagen werden wir daher unsere Berlin-Forderungen für das Jahr 2008 vorstellen und beginnen heute mit der Wappentierproblematik. Der Bär ist nämlich ein denkbar einfallslos gewähltes Wappentier, in der Langweiligkeitsskala kommt er gleich nach dem Adler, dem Löwen und dem Pferd. Möchte Berlin etwa auf eine Stufe mit St. Gallen, Esens, Madrid, Tuchtelfingen, Sachsen-Anhalt, Kalifornien und Bern stehen? Hm? Eben. Wer im Metropolenwettstreit des 21. Jahrhunderts bestehen will, braucht auch auf dem Heraldiksektor ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal. Da Seepferdchen, Hummer und Biber schon vergeben sind, raten wir zu Opossum, Schnabeligel oder Nandu.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wunschzettel 2007


05.12.2007 | 09:04 | Was fehlt | Zeichen und Wunder

Aus der Mitte entspringt Verdruss


Exzentrisch geht anders. (Bild: CDU)
Nach Das Auto. nun also Die Mitte.. Es war ein langer Weg von der Neuen Mitte via Oberhausen, Jena, Kleve und Passau bis zur einfach nur Mitte. Ökomisch bereits totgesagt erlebte sie auf einmal ein Revival. Harold Hotelling erklärt, warum es Eisverkäufer wie Politiker stets zu ihr hinzieht. Dabei wäre nach Richard Herzinger doch allmählich mal die Zeit reif für eine Republik ohne Mitte. Eine Vision, der wir uns vorbehaltlos anschliessen können. Das Symbol der noch zu gründenden Volkspartei könnte der Doughnut sein.


28.11.2007 | 14:19 | Was fehlt | Papierrascheln

Binnenmajuskel. Wieder. Da.

Anscheinend wird das Metier der Werbetexter derzeit von einem überraschenden Trend zur Schlichtheit ergriffen. Slogans, Head- und Taglines wie "Im Falle eines Falles, klebt Uhu wirklich alles", "Das ist schon einen Asbach Uralt wert" oder "Hilft dem Vater auf das Fahrrad" wirken nur noch anachronistisch umständlich, wo die Zeichen auf Ein-Wort-Gestammel ("More", Pepsi) und das Abstecken generischer Claims ("Das Auto", VW) stehen. Der atemlose Stil, Resultat von Platzmangel in der Domäne der Aufmerksamkeitsökonomie, bringt es mit sich, dass auch die Binnenmajuskel ein Revival feiert. Um möglichst viel Bedeutung sinnfällig in möglichst wenig Wort unterzubringen, wird ein Kürzel, idealerweise das des Absenders, semantisch mit der Botschaft verschweisst. Was sich in der AIDS-Hilfe noch organisch fügte ("PositHIV") und bei der Gebühreneinzugzentrale ("Schon GEZahlt?") schon ein wenig holperte, wirkt bei der Financial Times Deutschland ("TriebkraFTD") nur noch angestrengt hingebastelt. Zugegeben: Wir selbst haben auch schon mit dieser Mechanik herumexperimentiert ("IniZIAtive") und sollten uns deshalb hüten, einen Stein danach zu werfen. Aber so oft es auch versucht wird – das Original dieser Idee aus dem Jahre 1970 ("SchreIBMaschinen") wird doch wohl auf ewig unübertroffen bleiben.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Lonely old Slogan


16.11.2007 | 00:27 | Was fehlt | Zeichen und Wunder

Spiele ohne Reue

Qualitätsjournalisten haben in weisser, papierner Vorzeit einst den Mühlstein der Recherche vor das aufklärerische Schreiben gewuchtet. Dort sitzt er nun, glotzt einen an und ist gespickt mit Wurmzeitlöchern, die in wenigen Minuten vielen Stunden kostbarster Premiumproduktivität vernichten. Wenn man einen Beitrag über etwa produktivitätssteigernde Browsergames schreibt, wird einem nicht gedankt, ja nicht einmal zur Kenntnis genommen, dass beispielsweise 21 Stunden mit Vergleichen zu World of Warcraft und seinen Erweiterungen zugebracht wurden, bevor man merkte, dass es sich dabei ja gar nicht um ein Browsergame handelt. Auch die daran anschliessenden Leistungen in Crazy Flasher 4 (4 Std.), Ambivalence (15 Std., ohne Ergebnis), Via Sol 2 (9 Std.) und verschiedenen anderen von Flash Gamez durchgereichten Titeln (1 WE, 3 Nächte à 12 Std.) werden nicht honoriert.


Da klicken für mehr Qi!
Dabei muss man diese vermeintlichen Zeitvertreibe doch erstmal kennen gelernt haben, um sie von den anderen, den edleren Browsergames abgrenzen zu können: Von den Self Esteem Games, die von Psychologen an der McGill-Unversität zur Verbesserung von Qi und Selbstwertgefühl eingesetzt werden.

Nun ist Self Esteem Games angeblich schon seit 2004 im Internet zu finden und der Artikel des New Scientist über eine neue Veröffentlichung der Arbeitsgruppe vielleicht kaum nennenswert. Bevor man sich aber darüber echauffiert, spiele man zuerst ein paar Runden Wham! und erforsche selbst, ob das beworbene Self-Esteem Conditioning auch ohne Meinungsäusserung erfolgen kann. Alternativ kann man statt des eigenen Namens und Geburtsdatums neben "Horst, February 2" oder "Versager, April 20" auch andere Kombinationen angeben und das gefühlte Ergebnis irgendwoanders hinschreiben (6 Std.).

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Schlechter Stress und ganz schlechter Stress (und Stress)


11.11.2007 | 20:43 | Was fehlt | Zeichen und Wunder

Ein weiterer Tag in der Firma

Letztlich war er selbst – Berzel dachte über sich stets in der dritten Person nach – der einzige, der ihn selbst wirklich verstand, dachte Berzel bei sich. Es war an der Zeit, seine eigenen Ratschläge aus "Berzel's Original Karrierephasenstrategie" zu beherzigen und von "Der Pilz – Berzel's Original Einbeinphase©" auf "Der Mensch – Berzel's Original Zweibeinphase©" umzustellen und sich ein strategisches zweites Standbein innerhalb des Konzerns aufzubauen. Als Assoziiertes Mitglied der Vizeleitung PC-Dienstleistungen war er schon dicht dran. Aber erst als Vorstand PC-Dienstleistungen würde er die Kompetenz bekommen, in der Firma den neuen Bereich aufzubauen, den er schon so lange plante – und jetzt wollte Beusecke weg: ein Angebot über zwovierzig plus Bonus, Dienstsänfte, Südbüro, zwei Sekretärinnen mit Sekretärin und volle Entscheidungsgewalt über Abteilung FFF.

Über den neuen Bereich hatte Berzel noch kein Wort verloren, vor niemandem, aber er arbeitete bereits fieberhaft an der Präsentation. Er wollte dem Vorstand, seinen zukünftigen Kollegen, zeigen, wo es strategisch hingehen müsse, auch von der Motivation her. Er hatte schon so lange die Gesichter der Kollegen beobachtet, alle schienen es zu wollen, das konnte er in ihren Augen sehen. Und dann friss oder stirb, dachte Berzel, wenn sie nicht wollen, macht er sich eben damit selbstständig.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ein schöner Tag in H0


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