Riesenmaschine

09.11.2005 | 16:10 | Anderswo | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Begrabt mein Herz an der Biegung der Autobahn

Noch mehr Seltsamkeiten aus dem seltsamen Land Südkorea. So stirbt der Koreaner beispielsweise gleich zwei Mal. Zurückzuführen ist das auf die ganz spezielle Art der hiesigen Bestattung. Die Koreaner lassen sich nämlich nicht einfach so in einem Grab verscharren, sondern ziehen es vor, unter einem rund einsfuffzich Meter hohen, kreisrunden Hügel zu verwesen. Erst wenn dieser Hügel nach rund 100 Jahren in sich zusammengesunken ist und das Grab damit nicht mehr erkennbar, sei der koreanische Mensch, so heisst es, auch wirklich ganz hinüber. Früher liess man sich in Korea vorzugsweise auf einem Berg im Wald begraben. Heute wird, wie dieses Bild von der Autobahn Jinju – Kwangju zeigt, eine erhöhte Position am Rand der Autobahn bevorzugt. Warum, das ist bis heute nicht geklärt. Eventuell lieben es die koreanischen Zombies, sich in den hundert Jahren ihres zweiten Sterbens an den Verkehrstoten zu delektieren, die auf den Schnellstrassen anfallen.

Fest steht jedenfalls, dass man in dem kleinen, beinstumpfförmigen Land ein eher relaxtes Verhältnis zum Tod hat, selbst wenn er unerwartet und massenweise eintritt. Nicht zuletzt beweist das dieser Klopapierspender, den die Riesenmaschine in einer Toilettenkabine auf einer Raststätte vorfand, die ebenfalls an genannter Autobahn liegt. Was das nun wieder bedeuten soll? Die allzu nahe liegende Antwort geben sie sich bitte selber. Minder assoziationsbegabte Zeitgenossen klicken hier.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Asien Spezial: Korea & Vietnam

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


02.11.2005 | 14:36 | Anderswo | Essen und Essenzielles

Lila Launeeis

Noch ein kleiner Nachtrag zum Ostasien-Special, sowie zur kontraintuitiven Farbigkeit von Lebensmitteln: Wohl dem Erbe der französischen Kolonialgeschichte geschuldet ist das Speiseeis in Vietnam extrem überdurchschnittlich gut. Im Fanny's in Hanoi bekommt man verargumentierbar das beste dunkle Schokoladeneis der Welt, dem eine überirdische Mousse-Note und -Textur eignet. Aber auch das Industrieeis der staatlichen Firma Thuy Ta, die auf ihrer beachtlichen Website neben der Eisproduktion auch noch "Importing the line and the synchronous equipment, The products wholesale and retail dealer, documentation about the photo and The print colour photo service." als Bereich ihrer Geschäftstätigkeit angibt und sich dem Credo "The consummer is all." verschrieben hat, ist von überraschender Güte. Die Basisvariante am Stil, Dua Khoaimon, kommt in unterschiedlichen natürlichen Aromen, zu denen unter anderem Erbse zählt, wie wir nach einigem Rätseln anhand der natürlichen "Frucht"-Stücke ermitteln konnten. Der jeweilige Fruchteiskörper wird von gefrorener gesüsster Kondensmilch überzogen, was einen interessanten kontrapunktischen Akkord setzt. Bei der hier abgebildeten Variante handelt es sich um Kokusnuss, genauer um "Taro Coconut", das in unserer Gesamtwertung am besten abschnitt. Um es von der Kondensmilch abzusetzen, wurde als Farbton ein blasses Lila gewählt, was in Verbindung mit Kokusnuss sicher als arbiträre Setzung gelten muss, ästhetisch aber vollumfänglich zu überzeugen vermag.

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26.10.2005 | 17:46 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Der Fuehrer-Hof in Busan

Der Korrespondent der Riesenmaschine hatte zwar bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, doch so recht wollte es dann doch mal wieder keiner glauben. Deshalb hier alles noch einmal, erstmals jedoch mit noch nie publizierten Fotos (Farbe), noch brauneren Details und einer brandneuen Überschrift: Er ist wieder da, der Hitler-Hof in Busan (Pusan), Südkorea.
Allerdings tanzt man den Adolf Hitler nicht mehr über dem "SevenEleven" irgendwo in der Innenstadt (es gibt etwa vier Dutzend 7/11-Filialen in der koreanischen Millionenmetropole), sondern eher versteckt im entlegenen Stadtteil Bukgu in einer Strasse namens Deogcheon.
Auch auf die Romanisierung des einprägsamen Kneipennamens wird mittlerweile verzichtet. Trotzdem bleibt der "Hof" (deutsch-koreanisch für "Kneipe") selbst für Menschen, die des Hangeul, des hiesigen Alphabets, nicht mächtig sind, eindeutig identifizierbar. Voraussetzung sind allerdings gute Augen und ein Riesenmaschinenriecher, denn die Führer-Fotos an den zwei Fronten des Etablissements sind nunmehr auf halbe Bettlakengrösse geschrumpft. Dafür haut der Gruppenleiter Kneipenbesitzer im Treppenhaus umso kräftiger auf die Nazipauke. Hier schwingt das Maskottchen der Live-Musik-Schwemme auf einem echten Nazi-Poster nicht bloss die Fahne mit dem Hakenkreuz. Auf einem Aushang blickt er auch noch recht düster auf ein frisch gezapftes Bier, als sei es ihm nicht blond genug.
Wie es im Inneren des Sturmlokals aussieht, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. An dem Nachmittag, als diese Fotos entstanden, war es leider noch geschlossen. Weiter gefordert bleiben also Korrespondenten der Riesenmaschine, die zufälligerweise in und um Südkorea herum weilen.

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Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


20.10.2005 | 14:34 | Anderswo | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Kaffeeautomania

Über die Jahrtausende war Korea nahezu ausschliesslich ein Land der Teetrinker. Aus einem nicht ganz ergoogelbaren Grund (Weltkaffeeverschwörung? Hollywood? X-Files?) änderte sich das vor zehn Jahren praktisch über Nacht. Heute können sich die meisten Koreaner ein Leben ohne ihre tägliche Dosis Kaffee nicht vorstellen. Wie erfolgreich sich das ursprünglich afrikanische Getränk in Südkorea durchgesetzt hat, mag man am Siegeszug der amerikanischen Mischmaschkaffee-Kette Starbucks ablesen. Erst 1999 wurde die erste Filiale im Land eröffnet, mittlerweile soll es schon über 200 Outlets geben.

Auf ihrem Siegeszug hatte die Kette allerdings auch Rückschläge zu verzeichnen. Im Mai dieses Jahres musste die grösste Starbucksfiliale Asiens in der Seouler Innenstadt wieder schliessen, weil man die hohe Miete von 100 Millionen Won (100.000 USD) nicht mehr bezahlen konnte. Die eigentlichen Profiteure des Kaffee-Booms sind jedoch die Instantkaffeeproduzenten. Der Informationsdienst "Euromonitor International" meldet für 2003 einen Verbrauch von 28.000 Tonnen Instant-Kaffee-Mix für Südkorea, das sind unglaubliche 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Wie diese enormen Steigerungsraten zu Stande kommen, erfuhren wir in dem kleinen, beinstumpfförmigen Land am eigenen Leibe. Wer nämlich in einem koreanischen Restaurant die Frage: "Und jetzt vielleicht noch einen Kaffee?" mit einem leichtfertigen "Ja!" beantwortet, wird sofort und umstandslos auf die Strasse geleitet. Dort steht dann ganz sicher ein Instant-Kaffee-Automat, an dem man sich zu bedienen hat. So wird selbst in den besseren Restaurants verfahren, von denen es in Korea nicht wenige gibt, denn gekocht wird hier ganz ausgezeichnet.

Kaffee-Automaten stehen überall im Land, in grossen Metropolen, im kleinsten Dorf, bisweilen sogar mitten in den schönen Wäldern. Auch am Rand von grossen Parkplätzen sind sie selbstverständlich, so wie in Gyeongju (Foto), wo der Riesenmaschinenkorrespondent nach einem Restaurantbesuch diesem Damenkränzchen beim nicht ganz so gemütlichen Kaffeeschlürfen Gesellschaft leisten durfte.

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Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


20.10.2005 | 12:39 | Anderswo | Fakten und Figuren

Vietnam V: Bonsaimonobloc

Was auf der von Jens Thiel initierten und verwalteten Website functionalfate.org zur Erforschung des Monobloc-Sessels noch nicht hinreichend gewürdigt wurde, ist die Miniaturisierung dieses "besten Möbels der Welt" im Land der untergehenden roten Sonne. Dem westlichen Reisenden fällt dies jedoch sofort ins Auge, da sie im Ensemble mit etwa kniehohen Tischen das Stadtbild prägen wie in kaum einem anderen Land. Kommen sie im Süden noch vermehrt in der ursprünglichen Form, nur etwa auf die Hälfte geschrumpft, vor, sind sie im nördlichen Raum um Hanoi, wo die Strassen und Gassen noch enger sind, auf das Mass von knöchelhohen Schemeln geschrumpft. Hier dienen die etwas höheren Schemel, die auch auf Busfahrten benutzt werden, um den Mittelgang auszunutzen, dann als Tische. In noch ärmeren Landesteilen sind sie so klein, dass sie bereits ganz verschwunden sind. Dort hockt der Vietnamese einfach auf dem Boden.

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