Riesenmaschine

07.03.2007 | 23:37 | Nachtleuchtendes | Vermutungen über die Welt

Durch den Lichtwolf gedreht


Der Lichtwolf ist ein Wolf, der sich selber läuft und nicht weh tut.
Der Lichtwolf ist ein Lieber. (Foto von Timeline/Lizenz)
Als William Crookes 1873 beim Wiegen von Kleinkram in einem Teilvakuum entdeckte, dass man die Waage durch Draufleuchten verstellen konnte, war er entzückt. Der örtliche Metzger war es gleichfalls und hielt noch Jahre später im Scherz eine Kerze übers Rindfleisch, um sie dann in gespielter Verachtung beiseitezulegen und "I am not a Crookes" auszurufen, zur milden Erheiterung der Laufkundschaft. Aber zurück zur Lichtmühle, deren Funktion zwar auf Crookes' Entdeckung beruht, aber nicht auf seiner Erklärung – Crookes machte den Lichtdruck der einfallenden Strahlung und die unterschiedliche Absorption der Photonen durch die dunklen und hellen Seiten der Flügel verantwortlich –, sondern darauf, dass die verschiedenfarbigen Seiten der Flügel verschiedene Temperaturen annehmen, und dann mit dem Restgas in der Glaskugel unterschiedlich doll Billard spielen. Heutzutage stellt man sich das Ding unverstanden als Prokrastinationshilfe aufs Fensterbrett neben den Zen-Garten. Auch nicht verkehrt.

Asteroiden, andererseits, sind keine halbleeren Glaskugeln mit Flügelchen drin, und ticken deshalb anders. Der Asteroid "1862 Apollo" zum Beispiel klingt einerseits wie eine Fussballmannschaft, taumelt aber andererseits wie ein schiefes Ei durch die Nacht, und wird dabei von Sonnenstrahlen geschubst. 1862 Apollo ist unsymmetrisch, strahlt deshalb nicht in alle Richtungen gleichermassen Wärme ab, und dieser Unterschied in der Abstrahlung hat die Eigenrotation des Asteroiden in den letzten 40 Jahren um eine Umdrehung pro Sonnenumlauf erhöht. Das mag uns Menschen nicht viel erscheinen und ein bisschen langweilig, aber einem Gott mit Schöpfblockade kann so ein rotierender Asteroid den Sonntagnachmittag retten. Und wenn Gott sich dann sattgesehen hat, kann er mit 1862 Apollo ja immer noch die Saturnringe einschmeissen, oder ihn auf Jupiters Atmosphäre ditschen lassen. Obwohl sich Scheibenwelten dafür natürlich besser eignen.


07.03.2007 | 18:18 | Alles wird besser | Papierrascheln

Liebliche Systeme

Für Musik gibt es last.fm und Pandora und vielleicht eines Tages auch mal iLike, für Bücher gibt es nur die Amazon-Empfehlungen, die in den neun Jahren ihrer Existenz nur wenig klüger geworden sind. Nichttechnisch generierte Menschenempfehlungen fallen wegen ihrer grossen Amplituden weg, denn noch unterschiedlicher als der Fingerabdruck ist wohl nur der Bücherregalabdruck zweier Menschen. Lovelybooks soll seit Ende 2006 mit Hilfe der Weisheit der Massen schaffen, was bisher nicht gelungen ist, nämlich brauchbare Buchempfehlungen auf der Basis des bisher Gelesenen zu geben. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob die bis Ende April zu verlosenden 50 Buchpakete wohl erstmals in der Geschichte des Preisausschreibens auf die Vorlieben des Gewinners abgestimmt sein werden.

Optisch setzt Lovelybooks bisher stark auf die amazontypische Idee aus dem vorigen Jahrhundert: "Was viele gut finden, müssen alle gut finden", während man den Hauptvorteil von last.fm, die individuellen Empfehlungen von Geschmacksnachbarn, länger suchen muss. Aber es handelt sich ja auch noch um die Betaversion, nach deren Abschluss vielleicht auch das Suchen und Hinzufügen eines Buchs nicht mehr länger dauern wird als dessen Lektüre.

Ausnahmsweise braucht man übrigens keine Angst vor der üblichen "Sympathisches kleines Startup wird von bösem Konzern aufgekauft, alles wird schlechter"-Entwicklung zu haben, denn das unter anderem von last.fm-Mitgründer Michael Breidenbrücker von Lovely Systems entwickelte Lovelybooks gehört von Anfang an der Holtzbrinck-Gruppe. Ich hoffe, den Germanistikprofessoren der FU Berlin, die ich 1994 als Betreuer für die Entwicklung eines solchen Systems als Abschlussarbeit zu gewinnen versuchte und die mich auslachten, tut es heute leid und sie liegen nachts wach und weinen.


07.03.2007 | 11:48 | Berlin | Zeichen und Wunder

Deutsche Rechtszeichnung


Nazi werden ist nicht schwer, Nazidesign dagegen sehr.
Der korrekte Umgang mit Nazis wäre bedeutend einfacher, wenn sie nicht ständig zwischen behandlungswürdiger Vollidiotie und kaltblütigem Massenmördertum hin- und hertaumeln würden. Aber es ist, wie es ist, und so muss die Gesellschaft zunächst herausfinden, ob jemand Nazi ist aus Dummheit heraus und also Therapiechancen bestehen, die genutzt gehören – oder ob bösartigste Menschenverachtung Kern der Gesinnung ist und Ächtung mit Strafe verbunden werden sollte, etwa ein lebenslanger NPD-Parteitag in Form einer verschlossenen Veranstaltung oder einer freiwilligen Oneway-Wallfahrt direkt in Hess' Grab hinein.

Nur wie findet man das heraus? Zumal Grausamkeit und Dämlichkeit oft Hand in Hand durch die Hirnwindungen der Betroffenen tänzeln. Es ist so simpel, wie es einfach ist – man lasse die Person ihr Heiligstes zeichnen, die Swastika. Graphologie mag Scharlatanerie sein, aber hier erkennt das geschulte Auge, was zu erkennen ist. Denn sagen wir mal so: an diesem Event-Plakat am Potsdamer Platz in Sichtweite zum Holocaust-Mahnmal in Berlin ist nicht unbedingt Hitler persönlich vorbeigegangen.


07.03.2007 | 01:46 | Nachtleuchtendes | Supertiere | Fakten und Figuren

WBR! WBR! WBR!


Running with Text-Bild-Schere (Foto: chikawatanabe) (Lizenz)
"Mensch" bzw. "human" klingt doch eigentlich ganz gut. Man kann sich über den Vielfrass beugen und ihn belächeln, im Englischen sind nach ihm Death-Metal-Platten und Superhelden benannt, im Deutschen kichert es auf dem Schulhof, wenn sein Name fällt.

Aber welcher Witzbold hat eigentlich die dosenhaften Meeresbewohner Botrylloides leachi im Deutschen "Seescheide" und im Englischen "sea squirt" getauft? Für die ertragene Malaise und die Aussicht, wegen des Namens nicht einmal in "Searchmashing Nemo" (deutscher Verleihtitel "Findet Nemo 6 – Im Ozean hört dich niemand schreien") zu erscheinen, kann es doch keine Entschädigung geben. Ausser vielleicht dem Schicksal, sich aus seinen Kleinteilen regenerieren zu können, wie in gerade in Plos Biology zu lesen steht. Whole Body Regeneration, bald in der Headerzeile Ihrer Spammail.

Natürlich kann sich keiner der Berichterstatter verkneifen, die phylogenetische Nähe zwischen dem Wabbel aus der See und dem edlen Menschen hervorzukehren. Schliesslich sind beide Chordaten, die Seescheide also praktisch ein Mensch; bestimmt kann sie Augustiner von Oettinger unterscheiden. Im Menschen wird fortan die Hoffnung genährt, auch aus jedem Teil des Körpers, der Blutgefässe enthält, in eigenen Kopien wiederaufzuerstehen. Falls es doch gelingt, der Seescheide ihr Geheimnis zu entreissen, sollte sich die Menschheit zum Ausgleich wenigstens in "Blödsack" und "Scumbag" umbennen.


06.03.2007 | 19:33 | Berlin | Alles wird besser

Neues vom neuen Trend zur Höflichkeit


Foto: Kathrin Passig
Berlin (hier: Schlesisches Tor) ist eine vorbildliche Stadt, von der der Rest der Welt viel lernen kann. Tagging wird mit öffentlichen Geldern gefördert, und das schöne "Vorsicht, frisch gestrichen"-Schild gibt es beim Kauf jeder Spraydose gratis dazu. Bevor wir hier in Berlin eine Bushaltestelle kaputttreten, spannen wir Absperrband rundherum, und danach hängen wir ein "Vorübergehend ausser Betrieb"-Schild auf. Unsere Dealer versteuern ihre Erträge, für Schwarzfahrer gibt es eine spezielle Monatskarte, und wer in Hauseingänge pinkelt, wäscht sich danach die Hände. Ja, so schön ist Berlin!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Neue Höflichkeit auf Erfolgskurs


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Gesamt: 5 Punkte


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